Gerettet im Leben von Spaltung
Kaum ein Thema hat die Christenheit so sehr geprägt wie Trennungen, Lagerbildungen und unterschiedliche Gruppen, obwohl doch alle an denselben Herrn Jesus glauben. Hinter äußeren Meinungsverschiedenheiten steckt oft ein unsichtbares Problem im Inneren unseres Herzens: ein tief sitzendes, trennendes Element. Die gute Nachricht des Römerbriefs ist, dass Christus uns nicht nur von Sünde und Verdammnis erlöst, sondern uns in seinem Leben auch von dieser inneren Spaltung rettet.
Die verborgene Wurzel der Spaltung in unserem Inneren
Spaltung beginnt selten an der Oberfläche. Sie hat eine Wurzel, die sich tief in unser natürliches Wesen hineinzieht. Bevor Christus uns fand, kannten wir sie meist nicht beim Namen. Wir wussten vielleicht, dass wir eigenwillig sind, dass wir uns gern zurückziehen oder unser eigenes Urteil hochschätzen. Doch im Licht des Evangeliums wird sichtbar, dass in unserem alten Menschen eine verborgene Tendenz liegt, nicht nur für sich zu bleiben, sondern das eigene Maß zum Maßstab für andere zu machen und darüber Gemeinschaft zu zerbrechen. Individualismus sagt: „Lasst mich in Ruhe.“ Spaltung geht weiter und formt Lager, sucht Verbündete, stellt sich und die eigene Sicht ins Zentrum. Diese innere Bewegung ist so ernst, weil sie die Einheit des Leibes Christi antastet, der nach Gottes ewigem Vorsatz als ein neuer Mensch gedacht ist.
In unserem natürlichen Wesen gibt es ein Element der Spaltung. Bevor wir errettet wurden, haben wir wahrscheinlich nicht erkannt, dass ein solches Element in unserem Inneren vorhanden ist, dass es in unserem natürlichen Leben die Tendenz zur Spaltung gibt. Spaltung ist schlimmer als Natürlichkeit oder Individualismus. Wenn jemand individualistisch ist, zieht er es vor, in Ruhe gelassen zu werden. Er möchte nicht, dass andere ihn stören oder sich in ihn einmischen. Er möchte einfach das sein, was er ist. Spalterisch zu sein bedeutet jedoch, aktiv Spaltung hervorzubringen. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft dreiundvierzig, S. 483)
Der Römerbrief verbindet unsere Rechtfertigung mit einem weiteren, tieferen Werk Gottes. In Römer 5:10 heißt es: „Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, um wie viel mehr werden wir, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden!“ Der Tod Christi hat uns ein für alle Mal aus der Verdammnis herausgenommen. Aber sein Leben in uns ist unterwegs, uns aus den verborgenen Verstrickungen unseres alten Wesens herauszuführen – auch aus Spaltung. Je mehr Christus in uns Raum gewinnt, desto klarer sehen wir, wie tief dieser Hang zur Trennung in unserem Denken, Fühlen und Beurteilen steckt. Römer 12 beschreibt, wie Gott unseren Sinn erneuert und uns in einen neuen Wirklichkeitsbereich hineinnimmt: weg vom „Ich und die anderen“ hin zu einem Leib, in dem viele Glieder „einer des anderen Glieder“ sind. Unter dieser inneren Umwandlung verliert der spalterische Impuls seine Kraft. Schritt für Schritt lernen wir, unser altes Muster des Vergleichens, Einteilens und Parteibildens loszulassen und uns von der einen Wirklichkeit tragen zu lassen: Christus lebt in uns allen. Diese Einsicht demütigt, aber sie tröstet auch. Sie macht frei, Brüder und Schwestern nicht mehr als Konkurrenz oder Bedrohung zu sehen, sondern als Geschenk, durch das Christus selbst vielfältig zur Sprache kommt.
Gerade hier liegt eine leise Ermutigung: Wo du die Schärfe in deinem Inneren spürst, den Drang, dich abzugrenzen oder zu sammeln, was „so denkt wie du“, ist das nicht das Ende der Geschichte. Es ist der Punkt, an dem der Herr sein rettendes Leben tiefer in dein Inneres legen will. Er entlarvt nicht, um zu verurteilen, sondern um zu heilen. Die Wurzel der Spaltung wird nicht durch Willensanstrengung ausgerissen, sondern dadurch, dass sein Leben wächst. Und dieses Wachstum macht aus einem Herzen, das trennt, ein Herz, das trägt.
Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, um wie viel mehr werden wir, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden! (Römer 5:10)
so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, einzeln aber einer des anderen Glieder. (Römer 12:5)
Wenn das Leben Christi unseren inneren Blick erneuert, beginnen wir, Spaltung nicht mehr nur als ein äußeres Problem „da draußen“ zu sehen, sondern als eine verborgene Neigung in uns selbst, die Gott liebevoll ans Licht bringt. Diese Erkenntnis ist nicht dazu da, uns niederzudrücken, sondern uns in eine tiefere Abhängigkeit von seinem rettenden Leben zu führen. Wer merkt, wie stark der Wunsch ist, sich mit Gleichgesinnten abzusondern und andere innerlich abzuschreiben, steht an einer wichtigen Schwelle: Hier kann Christus sein leises Werk der Umwandlung tun, das uns vom Recht-haben-Müssen zu einem Sein im Leib führt. Mit jedem Schritt, den sein Leben gewinnt, verliert die versteckte Wurzel der Spaltung an Macht, und es wächst in uns die Fähigkeit, andersgesinnte Gläubige als eine Bereicherung und nicht als Zumutung zu sehen.
Christus als einzige Grundlage für das Annehmen der Glaubenden
Wenn Christus uns von Spaltung rettet, stellt er nicht einfach nur den Frieden zwischen zerstrittenen Parteien wieder her. Er führt uns auf einen neuen Boden, auf dem wir einander begegnen. Dieser Boden ist nicht ein bestimmter Lehrstand, nicht ein gemeinsamer Stil und auch nicht dieselbe geistliche Prägung, sondern die Person und das vollbrachte Werk des Herrn Jesus selbst. Römer 14 zeichnet ein nüchternes Bild: In ein und derselben Gemeinde gibt es Gläubige, die alles essen, und solche, die aus Gewissensgründen nur Gemüse zu sich nehmen; manche achten bestimmte Tage, andere machen keinen Unterschied. Und doch heißt es: „Nehmt den an, der im Glauben schwach ist“ (Römer 14:1), und weiter: „Wer bist du, dass du den Hausknecht eines anderen richtest?“ (Römer 14:4). Der Geist Gottes lenkt den Blick weg von den äußeren Unterschieden hin zu dem einen Herrn, vor dessen Angesicht jeder steht.
Wir müssen alle aufnehmen, die den Glauben an Christus haben. Wenn jemand glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der Fleisch wurde, um ein Mensch zu sein, dass Er am Kreuz für unsere Sünden gestorben ist, dass Er leiblich und geistlich auferstanden ist und dass Er sich jetzt zur Rechten Gottes befindet, dann müssen wir ihn aufnehmen. Eigentlich sollten wir die Haltung haben, dass wir ihn bereits aufgenommen haben. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft dreiundvierzig, S. 484)
Diese Perspektive wird noch klarer, wenn wir bedenken, was den Kern unseres Glaubens ausmacht. Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, dass er Mensch wurde, „für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften“ und „dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften“ (1. Korinther 15:3–4), wer bekennt, dass er jetzt zur Rechten Gottes erhöht ist, hat denselben Christus wie wir. Kolosser 2 beschreibt alle religiösen Ordnungen, Speisegebote und Festtage als „Schatten der zukünftigen Dinge“, deren „Körper“ Christus ist (Kolosser 2:17). Schon in 1. Mose 2 begegnet uns dieses Prinzip bildhaft: Neben dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen steht der Baum des Lebens. Es ist bemerkenswert, dass Gott den Menschen gerade nicht auffordert, zwischen zahllosen Abstufungen von „gut“ und „böse“ zu unterscheiden, sondern ihn einlädt, von dem Baum des Lebens zu essen. Im Licht des Evangeliums wird deutlich, was das bedeutet: Nicht die feine Differenzierung äußerer Praxis entscheidet darüber, ob jemand „zu uns gehört“, sondern die Teilhabe an Christus selbst als unserem Leben.
Wer so lernt zu sehen, wird innerlich freier. Fremdes, Ungewohntes, theologisch Unfertiges verliert etwas von seiner Bedrohlichkeit. Die Frage verschiebt sich: nicht mehr „Ist dieser Bruder in allen Punkten auf meiner Linie?“, sondern „Gehört er demselben Herrn, der mich erkauft hat?“ Diese Blickveränderung ist nicht naiv; sie rechtfertigt nicht jede Lehre und jede Praxis. Aber sie setzt die Gewichte neu. Inmitten aller Unterschiede ist Christus selbst die tragende Grundlage. Dort, wo dieser Boden uns trägt, entsteht eine andere Art von Weite: eine Bereitschaft, Glaubende aufzunehmen, weil der Herr sie aufgenommen hat. Und in dieser Weite macht die Erfahrung Mut, dass Christus selbst fähig ist, seine eigenen Schafe in die Wahrheit zu führen – nicht auf der Grundlage unseres Drucks, sondern auf der Grundlage seines Lebens in ihnen.
Den Schwachen im Glauben aber nehmt an, doch nicht zur Beurteilung der Meinungen. (Römer 14:1)
die doch nur ein Schatten der zukünftigen Dinge sind, der Körper selbst aber ist Christus. (Kolosser 2:17)
Wenn Christus der gemeinsame Boden wird, tritt vieles, was uns bisher überlebenswichtig schien, in den Hintergrund. Nicht, weil es bedeutungslos wäre, sondern weil es nicht mehr das Fundament unserer Gemeinschaft trägt. In der Begegnung mit anders geprägten Gläubigen wächst dann ein stilles Vertrauen: Der Herr, der mich trägt, trägt auch sie; der Christus, der in mir wirkt, wohnt auch in ihnen. Diese innere Entspannung nimmt der Spaltung den Atem. Sie weitet den Raum im Herzen, in dem Brüder und Schwestern Platz finden, die anders beten, anders feiern, anders gewichtet denken – und doch den gleichen Herrn bekennen. So wird unsere Annahme nicht zur Preisgabe der Wahrheit, sondern zu einem Zeugnis dafür, dass Christus selbst größer ist als all unsere Unterschiede.
Wachstum im Leben statt Streit um Lehren
Wer einen Blick in die Geschichte der Christenheit wirft, erkennt, wie leicht Lehrfragen und äußere Formen zu Trennlinien werden. Unterschiedliche Auffassungen über Taufe, Gaben, Endzeit oder liturgische Gestalt haben immer wieder zu Abgrenzungen, manchmal zu bitteren Brüchen geführt. Paulus ist sich dieser Realität bewusst. Im Römerbrief rechnet er nicht damit, dass alle Gläubigen in diesem Zeitalter in jeder Frage zur gleichen Einsicht gelangen. Stattdessen lenkt er die Aufmerksamkeit auf etwas Tiefersitzendes: auf die Tendenz, die eigene Erkenntnis zum Maßstab für alle zu machen. „Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich selbst unrein ist“, sagt er, und fügt zugleich hinzu: „Doch für den, der etwas für unrein hält, für den ist es unrein“ (Römer 14:14). Damit entlarvt er den spalterischen Geist, der sich hinter einem vermeintlich reinen Eifer für die Wahrheit verbergen kann.
Wir sollten nicht erwarten, dass alle Christen in ihrem Verständnis über alle Dinge in der Bibel übereinstimmen. Vielleicht werden wir erst im Neuen Jerusalem in jeder Hinsicht gleich sein. In uns allen gibt es die starke natürliche Tendenz, darauf zu bestehen, dass alle Gläubigen so sein sollen wie wir. Ein solches Beharren tut weit mehr, als nur unseren Mangel an Weisheit bloßzustellen; es legt das eigentliche Element der Spaltung bloß, das tief in unserem natürlichen Sein verwurzelt ist. (Witness Lee, Life-Study of Romans, Botschaft dreiundvierzig, S. 487)
Der Weg, den das Neue Testament weist, ist deshalb kein Kampf um vollständige Gleichschaltung, sondern Wachstum im Leben Christus. Je mehr sein Leben in uns heranreift, desto weniger drängt es uns, andere an sekundären Punkten zu messen. Stattdessen wächst in uns die Fähigkeit, das Maß Christi in jedem Bruder und jeder Schwester wahrzunehmen. In Galater 4:19 heißt es: „Meine Kinder, um die ich noch einmal Geburtswehen habe, bis Christus in euch Gestalt gewinnt.“ Diese Gestaltwerdung Christi ist der eigentliche Maßstab, auch wenn sie sich in unterschiedlichen Formen äußert. Der Reifere lernt, den Schwächeren zu tragen, ohne ihn geringzuschätzen; der Schwächere lernt, den Freieren nicht zu verurteilen, weil er erkennt, dass beide vor demselben Herrn stehen. Auf diese Weise rettet uns Christus in seinem Leben aus einem Geist des Streitens hinein in eine gelebte Einheit, in der Christus selbst unsere Stellung und unser Maßstab bleibt.
Das macht den Alltag im Gemeindeleben nicht konfliktfrei, aber es verändert seine Qualität. Spannungen werden nicht mehr zum Anlass, Gräben zu ziehen, sondern zu Gelegenheiten, tiefer in Christus hineinzuwachsen. Wo sein Leben Raum gewinnt, verlieren Debatten darum, wer recht hat, an Faszination. An ihre Stelle tritt die stille Freude, wenn Christus in einem anderen sichtbar wird – selbst dort, wo man manches anders sieht. Diese Haltung ist kein Produkt menschlicher Großzügigkeit, sondern eine Frucht der Umwandlung: der Geist Gottes erneuert unseren Sinn, verwandelt unsere Maßstäbe und führt uns Schritt für Schritt aus dem engen Raum des eigenen Standpunkts in die Weite seines Leibes.
Ich weiß und bin überzeugt in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich selbst unrein ist; nur für den, der etwas für unrein hält, für den ist es unrein. (Römer 14:14)
Meine Kinder, um die ich noch einmal Geburtswehen habe, bis Christus in euch Gestalt gewinnt. (Galater 4:19)
Wachstum im Leben bis zur Reife bedeutet nicht, immer feinere Unterscheidungen in Lehrfragen zu treffen, sondern innerlich von Christus her geprägt zu werden. Wer so wächst, verliert nach und nach die Lust, sich an Nebenthemen abzuarbeiten und andere auf seine Linie zu bringen. Stattdessen entsteht ein innerer Freiraum, in dem Unterschiedliches bestehen darf, weil Christus selbst der gemeinsame Mittelpunkt bleibt. Gerade dort, wo Meinungsverschiedenheiten spürbar werden, darf diese Reife sichtbar werden: im geduldigen Zuhören, im bewahrten Herzen, im Vertrauen, dass der Herr selbst seine Kinder leitet. So wird das Gemeindeleben nicht ein Ort des Drucks und der stillen Fronten, sondern ein Raum, in dem Christus in vielen Farben Gestalt gewinnt – und genau darin die Spaltung ihre Kraft verliert.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Romans, Chapter 43