Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Ausbreitung in Jerusalem, Judäa und Samaria durch den Dienst der Gruppe um Petrus (5)

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Mitten in einer festlichen Menschenmenge, verwirrt von einem unerklärlichen Brausen und einer furchtlosen Jüngerschar, erhebt sich Petrus und beginnt zu reden. Was vorher wie ein religiöses Randphänomen erschien, wird plötzlich als Dreh- und Angelpunkt von Gottes Handeln in der Geschichte sichtbar. Seine Botschaft über Jesus von Nazareth ist nicht nur eine Rückschau auf Vergangenes, sondern eine Erklärung dafür, wie Gott durch Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt dieses einen Menschen sein Reich in Jerusalem, Judäa und Samaria ausbreitet – und was das für jeden bedeutet, der heute an ihn glaubt.

Der von Gott bestätigte Mensch Jesus

Petrus beginnt seine Pfingstpredigt nicht mit einer Idee und auch nicht mit einem System, sondern mit einem Menschen, den seine Zuhörer kannten und doch verkannten: „Jesus, den Nazoräer, einen Mann, der von Gott euch gegenüber erwiesen worden ist durch Machttaten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte tat“ (Apg. 2:22). Gott hat Jesus nicht im Verborgenen bestätigt, sondern mitten im Alltag Israels. In den Dörfern Galiläas, in den Gassen Jerusalems, an Krankenbetten und an Tischen der Zöllner trat dieser Mensch in Erscheinung – und in all dem stellte Gott ihn gleichsam vor die Menschen hin: Seht, auf diesen lege ich mein Siegel. Seine Barmherzigkeit, seine Vollmacht über Dämonen, seine Worte, die Herzen lesen und heilen, sind nicht bloß religiöse Phänomene, sondern Gottes eigene Beglaubigung dieser Person.

Dies zeigt, dass das Werk des Herrn Gottes Darstellung von Ihm war, Sein Ausstellen von Ihm. Während Christus lebte und diente, war alles, was Er tat, ein Ausdruck der Tatsache, dass Sein Werk von Gott getan wurde. In den vier Evangelien haben wir die Darstellung einer wunderbaren Person, des Gott-Menschen. Die Evangelien zeigen diesen Gott-Menschen als den, der vollständig geprüft, erprobt und anerkannt wurde. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft zehn, S. 77)

Die Evangelien zeichnen deshalb mehr als eine Lebensgeschichte. Sie sind die sorgfältige Darstellung eines Gott-Menschen, der in jeder Lage geprüft, angefochten und durch Gott bestätigt wurde. In Versuchungen, in Konflikten mit den religiösen Autoritäten, in der Nähe von Leid und Tod zeigt sich: Hier handelt einer, dessen Werk in Gott gegründet ist. Es ist bemerkenswert, dass Petrus gerade diesen Jesus verkündigt, der kurz zuvor von denselben Menschen abgelehnt und ans Kreuz gebracht worden war. Damit stellt er die radikale Spannung bloß: Der Verworfene ist der von Gott anerkannte Retter. Für das Evangelium bedeutet das: Es ruht nicht auf Stimmungen, nicht auf inneren Eingebungen, sondern auf Gottes öffentlicher Bestätigung in der Geschichte. Wo dieses Zeugnis in uns Raum gewinnt, wird der Blick auf Jesus ruhiger und zugleich gewisser. Vertrauen entsteht nicht aus Druck, sondern aus dem leisen Staunen, dass Gott selbst uns diesen Menschen vor Augen gestellt hat.

Gerade darin liegt eine tiefe Ermutigung für das Glaubensleben: Wenn Gott Jesus so gründlich geprüft und bestätigt hat, dann trägt unser Vertrauen auf ihn ein Fundament, das schwerer wiegt als unsere wechselnden Gefühle. Wer sich in den Evangelien immer wieder diesem gezeigten Christus aussetzt, entdeckt nach und nach: Sein Herz ist verlässlich, seine Wege sind durchsichtig, seine Macht ist nicht willkürlich. Das nimmt Angst aus dem Glauben und führt in eine nüchterne, freudige Gewissheit. Jesus ist nicht nur der, der uns zum Glauben ruft, er ist zugleich Gottes Antwort auf alle Fragen nach Wahrheit und Verlässlichkeit. In seiner Person bündelt sich Gottes Ja zum Menschen – ein Ja, das auch dann trägt, wenn unsere Sicht verschwimmt und vieles unklar bleibt.

Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, einen Mann, der von Gott euch gegenüber erwiesen worden ist durch Machttaten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte tat (Apg. 2:22)

Weil Gott Jesus öffentlich als seinen verordneten Retter bestätigt hat, darf der Glaube nüchtern und zugleich zuversichtlich sein: Er stützt sich nicht auf eigene Empfindungen, sondern auf den in den Evangelien gezeichneten Gott-Menschen, der von Gott geprüft, bewährt und uns als verlässliche Mitte des Lebens vor Augen gestellt ist.

Der Kreuzestod im Licht des ewigen Ratschlusses Gottes

Vor der Menge in Jerusalem scheut Petrus weder die Schuld der Menschen noch die Größe des göttlichen Planes: „Diesen Mann, der durch den festgesetzten Ratschluss und die Vorkenntnis Gottes ausgeliefert wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getötet“ (Apg. 2:23). In einem Satz stehen menschliche Verantwortung und göttlicher Ratschluss nebeneinander. Religiöse Führer, römische Macht, die Stimmung der Masse – all das ist wirklich, all das ist schuldig. Und doch liegt hinter dem Lärm der Prozesse und der hitzigen Rufe „Kreuzige ihn!“ ein anderes, leises Geschehen: der festgesetzte Ratschluss des Dreieinen Gottes, gefasst „vor Grundlegung der Welt“ (1.Petr. 1:20). Lange bevor ein Hoherpriester sein Kleid zerriss, hatte Gott in sich beschlossen, dass der Sohn als Lamm den Weg des Kreuzes gehen würde.

Dieser festgesetzte Ratschluss muss ein Ratschluss sein, den die Dreieinigkeit vor Grundlegung der Welt gefasst hat (1.Petr. 1:20; Offb. 13:8). Dies zeigt, dass die Kreuzigung des Herrn kein Zufall in der Geschichte der Menschheit war, sondern die zielgerichtete Erfüllung des göttlichen, vom Dreieinen Gott festgesetzten Ratschlusses. Der Tod Christi geschah auch gemäß der Vorkenntnis Gottes. Christus war von Gott vorherbestimmt und vorbereitet, Sein erlösendes Lamm zu sein (Joh. 1:29) für Seine Auserwählten gemäß Seiner Vorkenntnis vor Grundlegung der Welt (1.Petr. 1:20). (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft zehn, S. 77)

Dadurch wird das Kreuz in ein neues Licht gestellt. Es ist nicht der tragische Absturz einer gescheiterten Bewegung, auch nicht ein göttliches Improvisieren angesichts menschlichen Versagens. In Offenbarung 13:8 heißt es von dem „geschlachteten Lamm von Grundlegung der Welt an“. Gottes Vorsatz geht so weit, dass das Lamm gewissermaßen im Herzen Gottes schon geschlachtet ist, bevor die Geschichte beginnt. Wenn dann Johannes Jesus kommen sieht, heißt es: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ (Johannes 1:29). Der Weg nach Golgatha ist darum nicht zufällige Verkettung, sondern Vollzug einer Liebe, die sich lange vorher festgelegt hat, die Schuld nicht von außen zu richten, sondern von innen her zu tragen. Selbst die Art des Todes – nicht Steinigung, sondern Kreuz – dient diesem Ratschluss, damit Christus als der wird, der „für uns zum Fluch“ wird und den ganzen Fluch der Sünde an sich nimmt.

Wer so auf das Kreuz blickt, wird weder zynisch noch fatalistisch. Die Tiefe der menschlichen Verlorenheit tritt deutlicher hervor: Wenn der Sohn Gottes verworfen wird, zeigt sich, wie sehr das Herz des Menschen sich von seinem Schöpfer entfremdet hat. Zugleich wird die Gnade größer, nicht kleiner: Gerade in der Stunde der größten Bosheit setzt Gott seinen Plan der Rettung um. Nichts entgleitet seiner Hand, auch nicht das, was aus menschlicher Sicht wie der Verlust aller Hoffnung aussieht. Das kann das eigene Leben leise verändern: Vergangene Schuld verliert ihren letzten Schrecken, weil sie von einem Kreuz her beleuchtet wird, das tiefer ist als jede Verirrung. Und die Gegenwart wird weniger von Angst regiert, denn hinter den undurchsichtigen Wegen steht derselbe ewige Ratschluss, in dem das Lamm schon längst für uns bereit war.

So wird die Botschaft des Kreuzes zu einer stillen Quelle der Zuversicht. Wenn Gott den dunkelsten Punkt der Geschichte in den Mittelpunkt seines ewigen Vorsatzes stellt, ist auch das Dunkel unserer Tage nicht endgültig. Das Kreuz entlarvt, wie ernst Gott Sünde nimmt, und offenbart zugleich, wie unwiderruflich er sich für uns entschieden hat. Aus dieser Spannung wächst eine Haltung, die nicht verharmlost und nicht verzweifelt, sondern lernt, in der eigenen Geschichte die Spuren dieses Lammes zu erkennen. Dort, wo Menschen auf den Gekreuzigten als den Erfüllungspunkt von Gottes Ratschluss schauen, bekommt das Wort Gnade Gewicht und Tiefe – und das Herz findet einen Ort, an dem Schuld benannt und zugleich von einem größeren Ja Gottes umfangen ist.

diesen Mann, der durch den festgesetzten Ratschluss und die Vorkenntnis Gottes ausgeliefert wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getötet; (Apg. 2:23)

der zwar vor Grundlegung der Welt vorher erkannt, aber in der letzten der Zeiten offenbart worden ist um euretwillen, (1.Petr. 1:20)

Weil der Tod Jesu Teil von Gottes ewigem Ratschluss ist und nicht ein Unfall der Geschichte, kann Schuld ehrlich benannt werden, ohne dass Verzweiflung das letzte Wort hat: Das Kreuz zeigt zugleich die Tiefe der Verlorenheit und die Unwiderruflichkeit von Gottes rettender Zuwendung und schenkt so eine stille, tragfähige Zuversicht für den eigenen Weg.

Auferstehung und Himmelfahrt – Gottes endgültige Bestätigung des Christus

Auf das ernste Wort vom Kreuz folgt bei Petrus unmittelbar der triumphierende Satz: „den hat Gott auferweckt, nachdem Er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, da es nicht möglich war, dass Er von ihm festgehalten wurde“ (Apg. 2:24). Das Grab erweist sich nicht als Endpunkt, sondern als Grenze, die Christus durchschreitet. Nicht, weil der Tod zu schwach wäre, sondern weil dieser Gekreuzigte der ist, der sich selbst als „die Auferstehung und das Leben“ bezeichnet (Johannes 11:25). In ihm begegnet uns ein Leben, das der Tod nicht umschließen kann. Petrus greift dafür Psalm 16 auf und zeigt, dass David prophetisch von einem Größeren sprach: von einem, dessen Seele nicht im Hades blieb und dessen Fleisch keine Verwesung sah. So wird die Auferstehung zum öffentlichen Siegel Gottes auf die Person und das Werk Jesu: Sein Opfer ist angenommen, seine Identität als Christus bestätigt.

In Apostelgeschichte 2:24 heißt es, dass es nicht möglich war, dass der Herr vom Tod festgehalten wurde. Der Herr ist sowohl Gott als auch die Auferstehung (Joh. 1:1; 11:25) und besitzt das unauflösliche Leben (Hebr. 7:16). Weil Er ein solcher ewig Lebender ist, ist der Tod nicht imstande, Ihn festzuhalten. Er überlieferte Sich Selbst dem Tod, aber der Tod hatte keine Möglichkeit, Ihn festzuhalten; vielmehr wurde der Tod von Ihm besiegt, und Er stand aus ihm auf. (Witness Lee, Life-Study of Acts, Botschaft zehn, S. 79)

Doch Gottes Weg mit Jesus endet nicht am Ostermorgen. Petrus führt weiter: „Nachdem Er nun zur Rechten Gottes erhöht worden ist und die Verheißung des Heiligen Geistes vom Vater empfangen hat, hat Er dies ausgegossen, was ihr sowohl seht als auch hört“ (Apg. 2:33). Die Himmelfahrt ist nicht bloß ein Abschied, sondern der Eintritt des Menschensohnes in die Sphäre der Herrschaft. Von dort aus gießt er den Heiligen Geist aus – das, was die Menge am Pfingsttag sieht und hört, ist der sichtbare Ausdruck seiner unsichtbaren Inthronisation. Und so kulminiert die Predigt in dem machtvollen Satz: „Das ganze Haus Israel wisse darum mit Gewissheit, dass Gott Ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“ (Apg. 2:36). Der Gekreuzigte ist der Erhöhte; der Verworfene ist der Herr der Geschichte.

Für das Leben der Gemeinde ist das mehr als ein dogmatischer Lehrsatz. Wenn Christus als der Auferstandene und Erhöhte lebt, dann ist Gemeindeleben nicht der Versuch, einen abwesenden Jesus durch Erinnerungsarbeit präsent zu halten. Es ist Teilnahme an der Gegenwart eines Herrschers, der durch den Geist in seiner Gemeinde wirkt, leitet, tröstet und korrigiert. Die ersten Christen erfuhren diese Wirklichkeit sehr konkret: „Und sie blieben beharrlich in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg. 2:42). Dahinter stand kein Organisationsgenie, sondern die stille Wirksamkeit des erhöhten Herrn, der durch den Geist Herzen zusammenführte, freimachte und ausrichtete.

Wo diese Sicht des auferstandenen und erhöhten Christus das Denken prägt, verändert sich der Ton des Glaubens. Resignation verliert an Raum, weil keine Situation endgültig ist, solange der Auferstandene handelt. Aktivismus verliert ebenfalls seine Macht, weil Gemeinde nicht aus eigener Kraft das Reich Gottes produzieren muss, sondern sich dem Wirken des gegenwärtigen Herrn öffnet. In dieser Spannung wächst ein gelassener Ernst: Das eigene Leben steht unter der Herrschaft eines, der den Tod überwunden hat. Darin liegt Trost für müde Herzen und zugleich leise Ermutigung, sich immer neu der Wirklichkeit dieses Christus zu stellen – nicht als Idee, sondern als lebendigem Herrn, der auferstanden, erhöht und durch den Geist ganz nah ist.

den hat Gott auferweckt, nachdem Er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, da es nicht möglich war, dass Er von ihm festgehalten wurde. (Apg. 2:24)

Jesus sprach zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; (Joh. 11:25)

Weil Jesus auferstanden und zur Rechten Gottes erhöht ist, ist der Glaube kein Rückblick auf einen abwesenden Lehrer, sondern Antwort auf einen gegenwärtigen Herrn, der durch den Geist in seiner Gemeinde wirkt und ihr Leben trägt – das schenkt Hoffnung über den Tod hinaus und bewahrt vor Resignation wie vor überforderndem Aktivismus.


Herr Jesus Christus, Du von Gott bestätigter Mensch und verherrlichter Herr, wir beten Dich an für Deinen Gehorsam bis zum Kreuz und Deine Überwindung des Todes in der Auferstehung. Danke, dass Dein Tod kein Zufall war, sondern Ausdruck des ewigen Ratschlusses des Dreieinen Gottes, uns zu erlösen und in die Gemeinschaft mit Dir zurückzuführen. Stärke unseren Glauben, damit wir mitten in den Spannungen und Unsicherheiten dieser Welt auf Dich schauen, der zur Rechten Gottes sitzt und alle Macht im Himmel und auf Erden hat. Erfülle uns neu mit Deinem Heiligen Geist, damit unser persönliches Leben und unser Gemeindeleben aus Deiner Auferstehungskraft heraus gestaltet werden und ein lebendiges Zeugnis Deines Namens sind. Lass die Gewissheit, dass Du der von Gott gemachte Herr und Christus bist, unsere Herzen trösten, unsere Hoffnung erneuern und unsere Liebe zu Dir vertiefen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Acts, Chapter 10