Das Wort des Lebens
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Das Leben in der Auferstehung (4)

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Manchmal merken Christen erst in ihren tiefsten Niederlagen, wie sehr sie sich bisher auf die eigene Stärke verlassen haben. Ausgerechnet dann, wenn Versagen, Rückzug oder innere Müdigkeit ans Licht kommen, beginnt der Herr, auf eine tiefere Weise mit uns umzugehen. Die Begegnung des auferstandenen Jesus mit Petrus zeigt eindrücklich, wie Jesus unsere Selbstsicherheit zerbricht, unsere Liebe zu ihm erneuert und uns mitten in Alltagssorgen, Beruf und Gemeindeauftrag an seiner unsichtbaren Gegenwart beteiligt.

Vom gebrochenen Selbstvertrauen zur erneuerten Liebe

Die letzten Kapitel des Johannesevangeliums zeichnen Petrus nicht als Helden, sondern als einen Menschen, der an sich selbst zerbricht. Kurz vor der Kreuzigung klingt in seinen Worten noch der Ton selbstbewusster Loyalität: „Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich lassen.“ (Johannes 13:37). Er liebte den Herrn aufrichtig, aber seine Liebe war mit einem starken Vertrauen auf die eigene Entschlossenheit vermischt. Was wie brennende Hingabe aussah, trug den Keim des Zusammenbruchs in sich, weil sie sich auf das „Ich kann“ stützte. Als die Stunde der Prüfung kam, als Drohung und Angst greifbar wurden, zeigte sich, wie wenig tragfähig dieses Selbstvertrauen war. Die dreifache Verleugnung war kein Ausrutscher, sondern die Offenlegung der Quelle, aus der Petrus bis dahin gelebt hatte.

Wie ging der Herr mit der natürlichen Stärke von Petrus um? Indem Er vorübergehend Seine Hand von ihm abzog. In 10:28 sagte der Herr, dass niemand die Gläubigen aus Seiner Hand rauben kann. Als Petrus den Herrn verriet und Ihn dreimal vor Seinem Angesicht verleugnete, bedeutete das, dass der Herr für eine Zeit Seine Hand von ihm genommen hatte. Es war, als ob der Herr sagte: „Petrus, du vertraust zu sehr auf dich selbst. Du weißt nicht, dass dein Stehen davon abhängt, dass Ich dich in Meiner Hand halte. Wenn Ich dich nicht halte, kannst du nicht stehen. Lass Mich Meine Hand einmal für eine Weile wegnehmen, dann wirst du sehen, ob du imstande bist zu stehen.“ (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft neunundvierzig, S. 587)

Der auferstandene Herr begegnet diesem Versagen nicht mit Distanz, sondern mit einer heilenden, aber scharfen Zuwendung. Er ruft ihn mit seinem alten Namen „Simon, Sohn des Johannes“ und fragt nicht: „Warum hast du mich verleugnet?“, sondern: „Liebst du mich?“ Damit legt Jesus die Hand nicht auf die Symptome, sondern auf das Zentrum des Jüngers: sein Herz, seine Liebe, seine innere Ausrichtung. Zugleich nimmt er Petrus die Möglichkeit, sich wieder auf sich selbst zu stützen. Der, der früher gesagt hatte: „Ich werde mich niemals ärgern“, wagt nun kaum mehr eine starke Behauptung. Er verweist auf den Herrn selbst: Du weißt, dass ich dich lieb habe. Aus dem „Ich werde“ wird ein „Du weißt“. In diesem Wechsel liegt der eigentliche Bruch: Das Vertrauen verschiebt sich von der eigenen Standfestigkeit hin zu der Erkenntnis, dass der Herr das Herz kennt und hält.

Dieses Zerbrechen ist kein grausamer pädagogischer Akt, sondern eine tiefe Befreiung. Solange ein Mensch sich auf die eigene Kraft stützt, bleibt die Beziehung zu Christus unausgeglichen: Wir versuchen, für ihn zu stehen, statt aus seinem Stehen zu leben. Der Herr lässt Petrus erfahren, dass schon ein kurzer Moment ohne seine haltende Hand genügt, um ihn fallen zu sehen. Doch gerade dadurch lernt der Jünger, dass seine Sicherheit nicht in der Stärke seiner Gefühle und Versprechen liegt, sondern in der Treue dessen, der ihn in seiner Hand trägt. Der Gott des Friedens, heißt es, „der unseren Herrn Jesus, den großen Hirten der Schafe in dem Blut eines ewigen Bundes von den Toten heraufgeführt hat“ (Hebr. 13:20), ist derselbe, der auch den stürzenden Jünger wieder aufrichtet. Die Auferstehung des Hirten wird zur Quelle einer stillen, beharrlichen Liebe, die nicht mehr von sich aus glänzen will, sondern sich auf seine unerschütterliche Treue stützt.

Wo unser Selbstvertrauen bricht, öffnet sich Raum für eine gereifte Liebe. Sie ist weniger laut, weniger beeindruckend, aber tiefer verwurzelt. Sie hat gelernt, dass unsere Treue schwankt, seine Hand aber nicht. In dieser Erfahrung entsteht eine Weise des Liebens, die auch durch Leiden und Scham nicht zerstört wird, sondern gerade dort verankert wird, wo Christus uns neu begegnet. Das Leben in der Auferstehung zeigt sich hier nicht als heroisches Dauerhoch, sondern als ein Weg, auf dem der Herr unsere natürlichen Stärken entmachtet, um unser Herz in seine Bewahrung zu legen. So wird selbst unser Scheitern in seine Schule verwandelt: Wir kommen heraus mit weniger Vertrauen auf uns, aber mit einer Liebe, die leiser, ehrlicher und beständiger an ihm hängt.

Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich lassen. (Joh. 13:37)

Der Gott des Friedens nun, der unseren Herrn Jesus, den großen Hirten der Schafe in dem Blut eines ewigen Bundes von den Toten heraufgeführt hat, (Hebr. 13:20)

Wer im Licht der Geschichte des Petrus auf sein eigenes Leben schaut, entdeckt vielleicht mehr von diesem selbstsicheren „Ich kann“, als ihm lieb ist. Die Begegnung des auferstandenen Herrn mit seinem Jünger lädt dazu ein, das Vertrauen von der eigenen Standfestigkeit auf die tragende Hand Christi zu verlagern. Wo frühere Versprechen, fromme Vorsätze oder geistliche Stärke zerbrochen sind, muss nicht das Ende der Beziehung zu Jesus stehen, sondern der Beginn einer tieferen, gereiften Liebe. In einer solchen Liebe ruht der Mensch nicht mehr in seiner Entschlossenheit, sondern in der Gewissheit: Er kennt mein Herz, er lässt nicht los. Diese Einsicht bewahrt vor Überheblichkeit wie vor Verzweiflung und macht frei, den Weg mit ihm auch dann weiterzugehen, wenn die eigene Geschichte Brüche hat.

Hirtenherz und Gemeindeaufbau

Im Gespräch des auferstandenen Herrn mit Petrus fällt auf, dass auf jedes Bekenntnis der Liebe sofort ein Auftrag folgt. Auf „Du weißt, dass ich dich lieb habe“ antwortet Jesus nicht mit einem Lob, sondern mit einer Wendung hin zu anderen: „Weide meine Lämmer“, „Hüte meine Schafe“, „Weide meine Schafe“. Liebe zu Christus zieht sich nicht ins Private zurück, sondern öffnet sich in einem Hirtenherz für jene, die ihm gehören. Die Zuwendung zu den Lämmern und Schafen ist keine Zusatzaufgabe für besonders Begabte, sondern der natürliche Ausdruck einer Liebe, die sich am Herzen des Herrn orientiert. Wer ihn liebt, bekommt Anteil an dem, was ihn bewegt: an seiner Sorge um die Herde, die er durch sein Blut erworben hat.

Nachdem der Herr Jesus die Liebe des Petrus zu Ihm wiederhergestellt hatte, beauftragte Er ihn mit den Worten: „Weide Meine Lämmer“, „Hüte Meine Schafe“ und „Weide Meine Schafe“. Die ersten zwanzig Kapitel des Evangeliums nach Johannes betonen den Glauben an den Sohn, damit wir Leben haben (3:15). In diesem Kapitel jedoch geht es nicht um Glauben, sondern um Lieben. Das Fruchttragen in Kapitel fünfzehn ist der Ausfluss des Reichtums des inneren Lebens. Hier ist das Weiden der Lämmer das Nähren mit den Reichtümern des inneren Lebens. Um andere zu weiden, müssen wir die Reichtümer des göttlichen Lebens des Herrn genießen. Dazu ist es nötig, dass wir Ihn lieben. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft neunundvierzig, S. 589)

In der Apostelgeschichte wird diese Verbindung deutlich ausgesprochen: „Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter die euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu weiden, die Er Sich durch Sein eigenes Blut erworben hat.“ (Apostelgeschichte 20:28). Die Herde gehört nicht den Hirten, sondern dem, der sie mit seinem Leben erkauft hat. Er ist der gute, der große und der Oberhirte, wir bleiben immer nur Mit-Hirten unter seiner Autorität. Lämmer weiden heißt, junge Glaubende mit der Lebensversorgung Christi zu nähren, ihnen einfache, aber wirkliche Speise zu geben, die ihrem Maß entspricht. Schafe hüten bedeutet, reifere Glaubende zu begleiten, zu schützen, zu ermutigen und auch einmal zu warnen, ohne sie zu beherrschen. In allem bleibt der Maßstab: Was dient dazu, dass sie den Herrn selbst besser erkennen und aus seinem Leben leben?

Dieses Nähren und Hüten steht eng mit dem Aufbau der Gemeinde als geistlichem Haus in Verbindung. Petrus beschreibt später, wie Glaubende „als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut“ werden (1. Petrus 2:5). Weiden ist mehr als emotionales Beistehen; es ist ein Dienen an der inneren Wachstumslinie der anderen. Wo Christus selbst die Milch und Speise ist, wird jeder, der von ihm genährt ist, zu einem Kanal seiner Lebensversorgung für andere. So baut der auferstandene Herr seine Gemeinde: indem er vielen schwachen, aber liebenden Menschen sein Hirtenherz anvertraut. Ihr unscheinbarer Dienst – ein Wort zur rechten Zeit, ein geteiltes Schriftwort, ein stilles Mittragen – wird zum Material, mit dem der Herr sein Haus aufrichtet.

Darum ist die Frage „Liebst du mich?“ zugleich eine Anfrage an unser Verhältnis zur Gemeinde. Liebe zu Christus, die sich nicht in Sorge um seine Schafe übersetzt, bleibt abstrakt. Wo der Herr unser Herz erneuert, schenkt er auch eine neue Bereitschaft, sich in die Unvollkommenheiten, die Bedürfnisse, die Fragen anderer hineinnehmen zu lassen. Diese Bewegung ist nicht immer spektakulär und äußert sich selten in großen Gesten. Sie zeigt sich vielmehr in einer stillen Treue, die Menschen nicht sich selbst überlässt, sondern sie mit dem nährenden Reichtum von Christus in Berührung bringt. In einer Zeit, in der vieles zersplittert und Beziehungen brüchig sind, wird eine solche geerdete Hirtenliebe zu einem starken Zeugnis: Der auferstandene Herr ist inmitten seiner Herde gegenwärtig, indem er durch die Hände und Worte derer wirkt, die ihn lieben.

Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter die euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu weiden, die Er Sich durch Sein eigenes Blut erworben hat. (Apg. 20:28)

werdet auch ihr als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut, um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus. (1.Petr. 2:5)

Das Ineinander von Liebe zu Christus und Dienst an seiner Herde stellt eine stille, aber tiefgehende Korrektur vieler Vorstellungen von Spiritualität dar. Es lenkt den Blick weg von isolierter Innerlichkeit und hin zu einem Glaubensleben, das sich im sorgsamen Umgang mit anderen zeigt. Wer die Frage des Herrn „Liebst du mich?“ hört, kann darin auch den Ruf erkennen, seine Lämmer und Schafe nicht nur als Aufgabe, sondern als Schatz zu sehen, der ihm gehört. In den unscheinbaren Formen des Weidens – ein offenes Ohr, ein geteiltes Bibelwort, beständige Fürbitte – wird der Reichtum des auferstandenen Christus konkret. So wird die eigene Liebe zu ihm vertieft, weil sie sich in Gestalt und Richtung seines Hirtenherzens formt und die Gemeinde Stück um Stück aufgebaut wird.

Folgen in seiner unsichtbaren Gegenwart

Am Ende des Johannesevangeliums fasst Jesus den Weg eines Jüngers in zwei Worte: „Folge mir nach!“ Diese Worte erhält Petrus nicht am Anfang seiner Berufung, sondern nach seiner Wiederherstellung, nachdem ihm auch sein zukünftiger Tod angedeutet worden ist. Die Nachfolge wird damit ausdrücklich auf das Leben in der Auferstehung bezogen: Der Herr ruft nicht mehr als sichtbarer Rabbi am See, sondern als der auferstandene, bald unsichtbare Herr, dessen Weg den Jünger bis in Leiden und schließlich in den Tod führen kann. Nachfolge ist hier nicht der romantische Aufbruch eines Enthusiasten, sondern die nüchterne, aber von Liebe getragene Bereitschaft, dem Herrn in seinen Führungen zuzustimmen – auch dort, wo sie durch Schwachheit, Einschränkung oder Anfechtung gehen.

Nachdem der Herr den Märtyrertod des Petrus vorhergesagt hatte, sagte Er zu ihm: „Folge Mir nach!“ Wir alle müssen dem Herrn als dem Innewohnenden folgen. Das „Mir“, dem wir nachfolgen sollen, ist in uns. Wie Vers 18 zeigt, dürfen wir dem Herrn nicht nach unserem eigenen Willen folgen, sondern gemäß Seiner Führung. Dass wir Ihm sogar bis in den Tod nachfolgen, ist dazu, Gott zu verherrlichen (V. 19). Außerdem müssen wir Ihm folgen, ohne auf andere zu schauen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft neunundvierzig, S. 591)

Die Spannung dieses Rufes liegt darin, dass der, dem wir folgen sollen, einerseits verborgen, andererseits näher ist als jemals zuvor. Der auferstandene Christus steht nicht mehr vor den Jüngern, aber er wohnt in ihnen. Deshalb kann gesagt werden, dass das „Mir“, dem wir nachfolgen, in uns ist. Unsere Schritte sind äußerlich sichtbar, sein Gehen bleibt oft unsichtbar, und doch ist er es, der in der verborgenen Tiefe des Herzens leitet, korrigiert, tröstet und stärkt. Der Bericht der Apostelgeschichte beschreibt ihn so: Er „stellte sich … als lebendig dar“ und sprach mit den Jüngern „über das Königreich Gottes“ (Apostelgeschichte 1:3). Diese unsichtbare Gegenwart bleibt auch nach seiner Himmelfahrt wirksam, durch den Geist, der in den Glaubenden Wohnung nimmt.

Zugleich korrigiert Jesus die Tendenz, die eigene Nachfolge an der Geschichte anderer zu messen. Petrus will wissen, wie es mit Johannes stehen wird, und erhält die knappe Antwort, dass dies in der Hand des Herrn bleibt – für ihn selbst bleibt der Ruf: „Du, folge mir nach.“ Es gehört zum Wesen des Lebens in der Auferstehung, dass jeder Jünger auf einem einzigartigen Weg geführt wird, ohne dass dieser Weg sich aus menschlicher Perspektive vergleichen lässt. Die unsichtbare Gegenwart Christi schafft eine unmittelbare Beziehung: Er führt persönlich, auch wenn er durch andere bestätigt, ermutigt oder korrigiert. Was für den einen offenbart wird, bleibt für den anderen vielleicht verschlossen; was dem einen erspart bleibt, ist dem anderen aufgegeben. Die Konstante ist allein der Ruf des Herrn.

In dieser Spannung von unsichtbarer Nähe und ausstehender sichtbarer Wiederkunft gewinnt Nachfolge einen leisen, aber tiefen Charakter. Der auferstandene Herr verlangt keine spektakulären Taten, sondern ein wachsendes Vertrauen, dass seine verborgene Führung auch dann zuverlässig ist, wenn wir sie nur im Rückblick erkennen. Wenn der Weg undurchsichtig wird, bleibt die Zusage seiner Nähe als Halt. Wo er uns sendet, wo er uns beschränkt, wo er uns durch Prüfungen führt – in allem bleibt der Zuspruch: Er geht nicht nur vor uns her, er ist in uns. Diese Gewissheit bewahrt davor, die eigene Geschichte mit der anderer zu vergleichen, und schenkt Mut, den ganz konkreten Weg, auf den er uns stellt, ruhig und treu zu gehen.

Relevante Schriftstellen: Joh. 21:18-23, 2.Pet. 1:14, Apg. 1:3-4, Joh. 20:22, Joh. 10:28.

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 49