Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das verarbeitete Leben zur Vermehrung (3)

12 Min. Lesezeit

Viele Menschen sehen im Tod das Ende, einen endgültigen Punkt hinter der Geschichte eines Lebens. Die Bibel zeichnet jedoch ein ganz anderes Bild: Der Tod Jesu ist nicht Abschluss, sondern Durchgang – eine Tür in die Auferstehung. Gerade das Johannesevangelium zeigt, wie Christus als „Weizenkorn“ in die Erde fällt, stirbt und in der Auferstehung zu vielen Körnern vermehrt wird. So entsteht in seiner Auferstehung eine neue Generation, ein neues Zeitalter und eine neue Schöpfung, in die wir hineingenommen werden.

Auferstehung – der Beginn einer neuen Schöpfung

Wenn Johannes betont, dass Jesus „am ersten Tag der Woche“ aus dem Grab hervorging, lenkt er den Blick auf mehr als einen Kalendereintrag. Vor diesem Tag spannt sich die große Woche der ersten Schöpfung: sechs Tage göttlichen Wirkens, ein Tag der Ruhe, die Ordnung Adams mit ihrer Schönheit, aber auch mit ihrer Verletzbarkeit, ihrer Sünde und Sterblichkeit. Durch sein Sterben ist Christus in diese Ordnung bis in die Tiefe hinabgestiegen und hat sie an ihrem innersten Nerv berührt – dort, wo die Macht des Todes die alte Schöpfung gefangen hielt. In seiner Auferstehung beginnt keine bloße Fortsetzung, sondern etwas grundsätzlich Neues. Darum ist dieser erste Tag der Woche wie ein Morgen, an dem Gott eine neue Geschichte mit der Menschheit aufschlägt.

Der Herr ist „am ersten Tag der Woche“ auferstanden (20:1). Die Auferstehung des Herrn war ein neuer Anfang, der den Weg zu einer neuen Generation und einem neuen Zeitalter eröffnete. Deshalb ist der Herr „am ersten Tag der Woche“ auferstanden. Dieser Tag ist der größte Tag in der Bibel. Dass er „der erste Tag der Woche“ genannt wird, bedeutet, dass er einen neuen Anfang darstellt. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierundvierzig, S. 533)

Die Bilder des Alten Testaments beleuchten diesen Neubeginn. In 3. Mose wird die Garbe der Erstlingsfrucht „am Morgen nach dem Sabbat“ als Schwingopfer vor Jehovah bewegt – ein lebendiges Zeichen dafür, dass mitten in der alten Ernte schon etwas von der kommenden Fülle vor Ihm steht. Der Apostel fasst dies auf und sagt von Christus: „Jetzt aber ist Christus von den Toten auferweckt worden, die Erstlingsfrucht derer, die entschlafen sind“ (1. Kor. 15:20). In Ihm steht Gott sozusagen mit einer neuen Schöpfung vor sich selbst. In ähnlicher Weise weist die Beschneidung am achten Tag auf ein Abgeschnittenwerden des Alten und den Beginn eines Lebens in einer anderen Kraft hin. Wenn die Schrift vom „achten Tag“ spricht, klingt der Gedanke einer Woche an, die über die erste hinausgeht. Die Auferstehung Christi ist dieser „achte Tag“ in Person – der Übergang von Adam zu Christus, von der alten zur neuen Schöpfung. Wer sein Vertrauen auf den Auferstandenen setzt, steht nicht mehr nur unter der Logik der ersten Schöpfung, sondern wird hineingenommen in eine Wirklichkeit, in der neues Leben möglich ist, wo früher nur Wiederholung und Ermüdung waren. Das kann leise und unscheinbar beginnen, wie ein Morgen, der aufgeht, aber es trägt die ganze Kraft jener göttlichen Woche, die nie mehr endet.

Dass Christus so als Anfang der neuen Schöpfung vor uns steht, bewahrt davor, das Evangelium auf eine punktuelle Vergebung der Schuld zu verengen. Es geht um mehr als einen gereinigten Status; es geht um eine neue Existenz. „Denn gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1. Kor. 15:22). Zwischen Adam und Christus stehen zwei Ordnungen des Daseins. In der einen herrscht der Tod, in der anderen das Auferstehungsleben. Die Auferstehung Jesu ist deshalb der tragende Boden dafür, dass in einem Menschen, der sich als alt und festgefahren erlebt, tatsächlich etwas Neues wachsen kann, das nicht von seiner Vergangenheit diktiert ist. Wer den Auferstandenen im Glauben anschaut, nimmt Anteil an diesem ersten Tag der neuen Woche.

So wird die Auferstehung zu einer Quelle stiller Ermutigung. Das neue Zeitalter, das Gott in Christus eröffnet hat, ist nicht fern und abstrakt, sondern berührt die konkreten Linien unseres Lebens: Gewohnheiten, die unverschiebbar erscheinen, Geschichten, die wie abgeschlossen wirken, Beziehungen, in denen nur noch Müdigkeit spürbar ist. Wenn der Sohn Gottes aus der alten Schöpfung heraus zur Erstlingsfrucht einer neuen Schöpfung geworden ist, dann gibt es bei Gott Räume, in denen wir nicht von Gestern bestimmt werden. Inmitten einer Welt, die nach der Logik des Siebten-Tage-Kreislaufs funktioniert, darf das Herz lernen, dem ersten Tag zu trauen – jenem Tag, an dem Gott durch den Auferstandenen immer wieder neu anfängt.

Jetzt aber ist Christus von den Toten auferweckt worden, die Erstlingsfrucht derer, die entschlafen sind. (1.Kor 15:20)

Denn gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden. (1.Kor 15:22)

Wer das eigene Leben immer nur im Kreis laufen sieht, darf der schlichten Tatsache Raum geben, dass Gott in Christus eine neue Woche begonnen hat. Es entlastet, nicht alles aus eigener Kraft ändern zu müssen, sondern sich innerlich auf den Auferstandenen zu stützen, der bereits den Schritt aus der alten Ordnung hinaus getan hat. Wo seine Auferstehung Grund unter den Füßen wird, wächst leise die Erwartung: Hier bin ich nicht auf mich selbst zurückgeworfen, sondern Teil einer neuen Schöpfung, die Gott in Geduld, aber mit unerschütterlicher Treue vollendet.

Vom einziggeborenen zum erstgeborenen Sohn

Vor dem Kreuz zeichnet das Johannesevangelium Christus als den einziggeborenen Sohn Gottes – einzigartig, unvergleichlich, ganz bei Gott und doch in der Welt. In diesem Sohn ist die ganze Fülle der Gottheit gegenwärtig. Und doch trägt schon seine Menschwerdung eine Bewegung in sich: Der Sohn lässt sich in die Begrenztheit eines menschlichen Lebens hinein, um sich mitzuteilen. In seinem Herzen liegt keine eifersüchtige Bewahrung eines exklusiven Status, sondern der Wille zur Vermehrung. Er selbst spricht davon, wenn Er vom Weizenkorn reden: Solange es allein bleibt, ist es fruchtlos; erst indem es in die Erde fällt und stirbt, bringt es viele Körner hervor. Darin zeigt sich das Verlangen des Vaters, nicht nur einen Sohn zu haben, sondern viele Söhne, die in das Bild dieses Sohnes hineingezogen werden.

Der Zweck der Menschwerdung des Herrn war, dass Er Sich Selbst vielen Menschen mitteilen und viele Söhne Gottes hervorbringen konnte. Er war der einziggeborene Sohn Gottes, aber Gott benötigte die Reproduktion und Vervielfältigung Seines einziggeborenen Sohnes. Der einzige Weg, auf dem der einziggeborene Sohn Gottes reproduziert und vervielfältigt werden konnte, war durch Tod und Auferstehung. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierundvierzig, S. 532)

Die Auferstehung ist der Moment, in dem diese verborgene Dynamik sichtbar wird. Der Sohn, der von Ewigkeit her bei dem Vater ist, tritt nun als der erstgeborene Sohn aus den Toten hervor. „Weil Er die, die Er vorher erkannt hat, auch vorherbestimmt hat, dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei“ (Röm. 8:29). Nicht, dass Er vorher weniger Sohn gewesen wäre, aber jetzt steht Er als Haupt einer neuen Familie da. Die Auferstehung macht aus dem einziggeborenen Sohn Gottes den Erstgeborenen einer Vielzahl von Brüdern und Schwestern. Das göttliche Leben, das bisher in Ihm allein konzentriert war, wird durch Kreuz und Auferstehung kommunizierbar: Es kann in Menschen Wohnung nehmen, die aus Adam stammen, und sie zu Gliedern einer neuen Menschheit formen.

Mit der Neugeburt beginnt dieses Werk in uns. Sie ist mehr als eine moralische Wende oder eine religiöse Entscheidung. In ihr erreicht uns dieselbe Auferstehungskraft, in der der Sohn aus dem Grab hervorging. Der Hebräerbrief greift das Wort aus dem Psalm auf, das auf die Auferstehung Christi gedeutet wird: „Du bist Mein Sohn, an diesem Tag habe Ich Dich gezeugt“ (Hebr. 1:5; vgl. Apg. 13:33). Dieses „Heute“ der göttlichen Zeugung in der Auferstehung wird zur Quelle einer neuen Zeugung in allen, die sich dem Auferstandenen öffnen. So entsteht eine Gemeinde, die mehr ist als eine Versammlung Gleichgesinnter – sie ist der Leib Christi, die vermehrte Ausdrucksform des Sohnes in vielen Menschen.

In dieser Perspektive bekommt das persönliche Glaubensleben einen weiten Horizont. Es kreist nicht um individuelle Vervollkommnung, sondern um Teilhabe an einer großen Verwandlung: Menschen, die aus Adam stammen, werden durch das Leben des Erstgeborenen in eine neue Familie eingefügt. Gerade dort, wo eigene Schwachheit oder Unzulänglichkeit schmerzlich bewusst wird, darf der Blick auf den Erstgeborenen ruhen, der seine Brüder nicht schamhaft verbirgt, sondern sich mit ihnen identifiziert. Sein Weg vom einziggeborenen zum erstgeborenen Sohn ermutigt, die eigene Geschichte als Teil einer viel größeren Bewegung Gottes zu sehen – einer Bewegung hin zu vielen Söhnen, die in der Freiheit und Würde des Sohnes leben.

Weil Er die, die Er vorher erkannt hat, auch vorherbestimmt hat, dem Bild Seines Sohnes gleichgestaltet zu sein, damit Er der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei; (Röm. 8:29)

dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt.“ (Apg. 13:33)

Die Einsicht, dass Christus als Erstgeborener unter vielen Brüdern an der Spitze einer neuen Familie steht, löst den Druck, sich selbst zum geistlichen Einzelkämpfer machen zu müssen. Es schenkt Freiheit, das eigene Leben als einen Faden in einem größeren Gewebe zu verstehen, das der Vater in Christus knüpft. Im Licht des Erstgeborenen darf wachsen, was oft schwerfällt: geschwisterliche Verbundenheit, gegenseitige Geduld und die stille Freude, dass Gott tatsächlich viele Söhne hervorbringt – und dass man selbst einer von ihnen ist.

Das alte Leben im Grab lassen

Die Schilderung des leeren Grabes im Johannesevangelium ist von einer auffallenden Ruhe. Kein Durcheinander, keine aufgebrochene Gruft, sondern Leinentücher, die liegenbleiben, ein Schweißtuch, das zusammengelegt an einem besonderen Platz ruht. Diese Einzelheiten sind mehr als ein historisches Detail; sie zeigen eine innere Ordnung: Der Auferstandene tritt nicht fluchtartig aus dem Tod heraus, sondern lässt bewusst alles zurück, was zu seiner Gestalt in der alten Schöpfung gehörte. Die Leinenbinden, die Ihn im Tod umgaben, bleiben im Grab – wie die Hülle einer Existenz, die Er getragen, aber in der Auferstehung hinter sich gelassen hat.

Alles, was von dem auferstandenen Leib des Herrn abgestreift und in Seinem Grab zurückgelassen wurde, bezeichnet die alte Schöpfung, die Er ins Grab hineintrug. Er wurde mit der alten Schöpfung gekreuzigt und mit ihr begraben. Aber Er ist aus ihrem Inneren heraus auferstanden, hat sie im Grab zurückgelassen und ist zur Erstlingsfrucht der neuen Schöpfung geworden. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft vierundvierzig, S. 536)

Im Hintergrund steht ein Vergleich, den das Evangelium selbst anbietet: Als Lazarus aus dem Grab herauskommt, ist er zwar lebendig, aber noch gefesselt. Er muss von anderen losgebunden werden, um frei gehen zu können. Jesus hingegen verlässt das Grab ohne fremde Hilfe und ohne Binden. Er ist nicht nur der Auferweckte, sondern der Auferwecker. Damit wird ein geistlicher Sachverhalt greifbar: Christus ist mit unserer ganzen alten Menschheit in den Tod hinabgestiegen, Er hat unseren alten Menschen mit sich tragen lassen, aber in der Auferstehung steht Er als neuer Mensch auf und lässt die Fesseln dieser alten Ordnung zurück. Was von Ihm abgestreift im Grab bleibt, bezeichnet jene alte Schöpfung, die im Gericht des Kreuzes ihre Grenze gefunden hat.

Die Briefe greifen diesen Gedanken auf, wenn sie sagen, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt und wir mit Ihm begraben worden sind. Das ist keine fromme Sprache für leichte Veränderungen, sondern ein Wort über eine abgeschlossene Tatsache vor Gott. In Christus ist die Geschichte des alten Menschen an ihr Ende gekommen. Gleichzeitig beginnt mit der Auferstehung eine neue Wirklichkeit, die Paulus so beschreibt: „und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme“ (Kol. 1:18). Unser Leben ist – so formuliert er an anderer Stelle – „mit Christus verborgen in Gott“; es nimmt seinen Ausgang nicht mehr im Grab der alten Gewohnheiten, sondern im Auferstandenen selbst.

Im Alltag wirkt die alte Schöpfung dennoch nach: alte Muster drängen sich auf, alte Schuld meldet sich, alte Bindungen scheinen die Gegenwart festzuhalten. Die Szene der zurückgelassenen Leinentücher stellt dem eine andere Wirklichkeit gegenüber. Vor Gott ist das, was uns an das Gestern fesseln will, bereits an Christus gebunden worden und mit Ihm im Grab zurückgeblieben. Die Aufgabe des Glaubens besteht nicht darin, diese Fesseln aus eigener Kraft zu zerschneiden, sondern sich von der Tatsache tragen zu lassen, dass sie in der Auferstehung ihre endgültige Gültigkeit verloren haben. Wo das Herz sich an diesen stillen Sieg im Grab erinnert, gewinnt es Raum, das eigene Heute nicht von den Leinen des Gestern bestimmen zu lassen.

und Er ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde; Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit Er Selbst in allen Dingen den ersten Platz einnehme; (Kol. 1:18)

Das Bild des Auferstandenen, der seine Tücher im Grab ordnet und zurücklässt, kann zu einem inneren Gegenbild werden, wenn die Vergangenheit sich aufdrängt. Es hilft, zwischen dem zu unterscheiden, was vor Gott bereits abgelegt ist, und dem, was im eigenen Empfinden noch schwer wiegt. In dieser Differenz wächst Vertrauen: Mein altes Leben ist nicht mehr der Maßstab, nach dem Gott mich ansieht. In seinem Licht darf das Herz sich immer wieder neu daran gewöhnen, frei zu sein – nicht, weil nichts mehr geschehen wäre, sondern weil der, der alles getragen hat, es im Grab zurückgelassen hat und mich in seine Auferstehung mit hineinnimmt.


Herr Jesus Christus, du Erstling der Auferstehung, danke, dass dein Tod nicht Niederlage, sondern der Weg in eine neue Schöpfung ist. Danke, dass du als einziggeborener Sohn in der Auferstehung zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern geworden bist und uns in dein Auferstehungsleben hineingenommen hast. Vor dir bekenne ich, dass mein alter Mensch mit dir gekreuzigt, begraben und im Grab zurückgelassen ist und dass mein wahres Leben jetzt in dir verborgen ist. Stärke in mir den Glauben an deine vollbrachte Tat, damit deine neue Schöpfungswirklichkeit meine Gedanken, meine Entscheidungen und meine Beziehungen durchdringt. Lass mich mehr von deiner österlichen Freude, deiner Freiheit und deiner himmlischen Ruhe erfahren, und erfülle mich mit der Hoffnung, dass deine Auferstehungskraft stärker ist als jede Finsternis. Der Gott des Friedens heilige dich durch und durch und bewahre dein Herz und deinen Sinn in Christus Jesus. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 44

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