Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Werk des Geistes zur Vermengung der Göttlichkeit mit der Menschlichkeit (1)

12 Min. Lesezeit

Viele Christen kennen die Worte Jesu aus Johannes 14–16 gut, und doch bleibt oft verborgen, wie tief Gottes Plan mit uns wirklich geht. Hinter Aussagen über den Tröster, über Bleiben und über das Wirken des Geistes steht ein gewaltiges Ziel: Der Dreieine Gott will nicht nur bei uns sein, sondern in uns wohnen und sich mit uns verbinden. Wer diesen Gedanken nur als Lehre hört, verpasst seine Sprengkraft für das eigene Leben – denn hier geht es darum, aus welcher Wirklichkeit wir tatsächlich leben: aus Adam oder aus Christus, aus menschlicher Anstrengung oder aus dem innewohnenden Geist.

Der Sohn geht, damit der Geist kommen und in uns wohnen kann

Wenn Jesus seinen Jüngern ankündigt, dass Er „geht“, öffnet Er ihnen keinen Abschiedshorizont, sondern den Weg zu einer tieferen Gegenwart. Sein Gehen umfasst Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt – es ist der Weg, auf dem der eingeborene Sohn aus dem Bereich des irdischen Zusammenseins in die Sphäre der inneren Wohnung eintritt. In den Tagen Seines Fleisches war der ewige Gott in Ihm als Mensch unter den Menschen, berührbar, hörbar, sichtbar – aber doch außerhalb von ihnen. Erst durch den Tod hindurch und in die Auferstehung hinein wird der „letzte Adam“ zu dem, was Paulus Leben gebenden Geist nennt: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Kor 15:45). Der gleiche Christus, der vorher vor den Jüngern stand, kann nun als Geist in denen wohnen, die an Ihn glauben. So wird Sein Gehen nicht zum Verlust, sondern zum Übergang in eine neue Weise Seiner Nähe.

Das erste Hauptprinzip ist, dass der Herr gehen musste, das heißt, dass Er sterben und auferstehen musste. Sein Gehen bedeutete nicht, dass Er die Jünger verließ. Sein Gehen war Sein Kommen. Er kam in einem weiteren Schritt. Indem Er ging, um zu sterben und aufzuerstehen, machte Er einen weiteren Schritt in Seinem Kommen. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sechsunddreißig, S. 429)

In dieser Perspektive ist der Weggang des Sohnes zugleich Sein weiteres Kommen. Er verlässt die Jünger als der eine, der neben ihnen steht, um als der andere Tröster in ihnen Wohnung zu nehmen. Was Er in Johannes 14–16 entfaltet, ist nicht in erster Linie Trost für Trauernde, sondern Einblick in Gottes ewige Absicht: Der Dreieine Gott will nicht nur über uns regieren oder unter uns wandeln, sondern in uns wohnen, damit Göttlichkeit und Menschlichkeit innerlich miteinander vermengt werden. „Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“ (1.Kor 1:9). Diese Berufung in die Gemeinschaft des Sohnes bedeutet, dass der Vater im Sohn als der Geist in uns wohnt und wir zugleich in Ihm geborgen sind. Wo dieser Blick sich öffnet, verliert das Evangelium seine bloß juristische Enge. Vergebung, Rechtfertigung, Versöhnung bleiben kostbar – aber sie zeigen auf etwas Größeres hin: den Gott, der sich selbst in unser Menschsein hineinverschenkt, um uns in Sein eigenes Leben hineinzuziehen. In dieser gegenseitigen Wohnung liegt eine stille, aber kräftige Ermutigung: Unser Christsein ruht nicht auf der Anstrengung, einen fernen Herrn zufriedenzustellen, sondern auf der Realität eines Herrn, der in uns lebt und Sein Leben mit uns teilt.

So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)

Gott ist treu, durch den ihr berufen worden seid hinein in die Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. (1.Kor 1:9)

Wer den Weggang Jesu im Licht von Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt sieht, beginnt sein eigenes Glaubensleben anders zu verstehen: nicht als Versuch, eine vergangene Gestalt Jesu nachzuahmen, sondern als Teilhabe an dem gegenwärtigen Leben des Lebens gebenden Geistes. Daraus wächst Ruhe – weil Er in uns wohnt – und zugleich Erwartung, weil dieser inwohnende Christus unser Menschsein nach und nach durchdringen und prägen will.

Der Geist der Wirklichkeit: Christus als Leben, Licht und Weg in uns

Wenn Jesus vom „Geist der Wirklichkeit“ spricht, stellt Er Ihn nicht als abstrakte Kraft vor, sondern als den, der alles, was Christus ist, in uns zu gelebter Realität macht. Aussagen wie „Christus ist das Leben“, „Christus ist das Licht“ oder „Christus ist der Weg“ können im Bereich unserer Begriffe verbleiben, korrekt, ehrfurchtsvoll – aber innerlich wirkungslos. Der Geist der Wirklichkeit sprengt diese Distanz. Er nimmt die Person des Sohnes, mit all ihrem Reichtum, und bringt sie in unser Inneres hinein, sodass Christus uns nicht nur beschrieben, sondern erfahren wird. Darum heißt es: „Uns aber hat Gott diese offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, sogar die Tiefen Gottes“ (1.Kor 2:10). Was in Gott ist, bleibt nicht im Verborgenen, sondern wird durch den Geist in den Raum unserer Erfahrung hineingeholt.

Das zweite Hauptprinzip ist, dass der Herr durch den Tod hindurchging, damit Er in der Auferstehung als der Geist der Wirklichkeit zurückkehren konnte. Alles, was der Herr ist, wird durch den Geist zur Wirklichkeit. Wenn wir nur die Lehren, die Doktrinen und die Buchstaben über den Herrn haben, aber nicht den Geist, dann haben wir nicht die Wirklichkeit. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sechsunddreißig, S. 430)

So wird Christus als Leben in uns spürbar, wenn wir in Schwachheit Kraft, in innerer Müdigkeit einen neuen Antrieb kennen lernen, der nicht aus uns stammt. Christus als Licht zeigt sich, wenn bisher entschuldigte oder verborgene Bereiche plötzlich klar vor uns stehen und zugleich der Weg aus der Finsternis sichtbar wird. Christus als Weg wird real, wenn Entscheidungen nicht nur nach äußeren Kriterien fallen, sondern von einem leisen, aber bestimmten inneren Zeugnis geleitet werden. All dies ist mehr als Folgerichtigkeit aus biblischer Lehre; es ist das Wirken des Geistes, der aus Buchstaben Wirklichkeit werden lässt. „Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes“ (1.Kor 2:11). Gerade weil nur der Geist Gottes weiß, was in Gott ist, kann nur Er uns in diese Wirklichkeit hineinführen. Das macht die Beziehung zu Ihm so kostbar: Wir sind nicht auf uns selbst gestellt, um Christus zu verstehen; wir sind eingeladen, uns vom Geist in ein Leben hineinführen zu lassen, in dem Christus selbst unser Denken, Wollen und Lieben durchdringt. Wer sich dieser leisen, treuen Führung anvertraut, entdeckt Schritt für Schritt: Gottes Wirklichkeit ist nicht fern, sie hat längst begonnen, unser Inneres zu erfüllen.

application_de”: “Zu wissen, dass der Geist der Wirklichkeit in uns wohnt, schenkt Freiheit von dem Druck, alles geistlich ‚richtig‘ erfassen zu müssen. Stattdessen wächst Vertrauen: Der Geist wird Christus in Situationen, Beziehungen und Entscheidungen konkret machen. So wird das Reden über Christus mehr und mehr vom Erleben Christi begleitet – und der Alltag eines Glaubenden wird zu einem Raum, in dem Gottes Wirklichkeit still, aber beständig Gestalt gewinnt.”

Uns aber hat Gott diese offenbart durch den Geist, denn der Geist erforscht alle Dinge, sogar die Tiefen Gottes. (1.Kor 2:10)

Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. (1.Kor 2:11)

Zu wissen, dass der Geist der Wirklichkeit in uns wohnt, schenkt Freiheit von dem Druck, alles geistlich „richtig“ erfassen zu müssen. Stattdessen wächst Vertrauen: Der Geist wird Christus in Situationen, Beziehungen und Entscheidungen konkret machen. So wird das Reden über Christus mehr und mehr vom Erleben Christi begleitet – und der Alltag eines Glaubenden wird zu einem Raum, in dem Gottes Wirklichkeit still, aber beständig Gestalt gewinnt.

Das Überführen des Geistes: aus Adam in Christus, weg vom Gericht Satans

Wenn Jesus ankündigt, dass der kommende Geist die Welt von Sünde, Gerechtigkeit und Gericht überführen wird (Joh. 16:8–11), führt Er diese drei Begriffe nicht als abstrakte Themen ein, sondern knüpft sie an drei Personen. Sünde steht in Verbindung mit Adam: Durch den einen Menschen ist Sünde in die Welt gekommen, und mit der Sünde der Tod. Paulus fasst dies so zusammen: „Darum, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben“ (Röm. 5:12). In Adam geboren zu werden bedeutet, in eine schon vergiftete Wirklichkeit hineingeboren zu werden. Hinter der Geschichte des ersten Menschen steht der Sündenfall der alten Schlange in 1. Mose 3; das Gift dieses Aufstands durchzieht seither das Menschengeschlecht. Darum ist Sünde nicht nur eine Summe einzelner Verfehlungen, sondern ein Zustand, ein Bereich, in dem der Mensch von Gott getrennt lebt.

Die Sünde steht in Beziehung zu Adam, denn durch Adam ist die Sünde in das Menschengeschlecht hineingekommen (Röm. 5:12). In Adam wurden wir in die Sünde hineingeboren. Wenn du in Adam geboren wurdest, bist du als Sünder geboren. Die Gerechtigkeit steht in Beziehung zu Christus, weil die Gerechtigkeit von Christus kommt und sogar der auferstandene Christus Selbst ist (V. 10; 1.Kor. 1:30). Adam ist Sünde, und Christus ist Gerechtigkeit. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft sechsunddreißig, S. 433)

Dem gegenüber steht die Gerechtigkeit, und sie ist mit Christus selbst verknüpft. Er hat in Seinem Leben und Sterben alle gerechten Forderungen Gottes erfüllt. Seine Auferstehung und die Tatsache, dass Er zum Vater gegangen ist, bezeugt, dass Gott vollkommen mit Ihm zufrieden ist. Diese Gerechtigkeit bleibt nicht außerhalb von uns, sondern wird denen, die an Ihn glauben, zugerechnet und geschenkt. „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1.Kor 1:30). In Christus versetzt zu werden bedeutet, aus dem Bereich Adams herausgenommen und in den Bereich einer neuen, auferstandenen Gerechtigkeit hineingestellt zu sein. Gericht schließlich richtet sich in seinem innersten Kern gegen Satan, die alte Schlange, den Verführer der ganzen Erde, dessen endgültiges Los das ewige Feuer ist, das „dem Teufel und seinen Engeln“ bereitet ist (Matthäus 25:41). Wer in Adam bleibt, bleibt in dem Bereich, der unter Satans Herrschaft steht und auf dasselbe Gericht zusteuert.

Der Dienst des Geistes besteht nun darin, den Menschen diese verborgene Wirklichkeit aufzuschließen. Er überführt von Sünde, „weil sie nicht an mich glauben“ (Joh. 16:9); Er legt offen, dass das eigentliche Verhängnis nicht einzelne Taten, sondern der Unglaube ist, der im alten Bereich Adams verharrt. Er überführt von Gerechtigkeit, „weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht“ (Joh. 16:10); Er macht deutlich, dass unser Maßstab nicht mehr menschliche Moral, sondern der auferstandene und erhöhte Christus ist, der uns zur Gerechtigkeit geworden ist. Und Er überführt von Gericht, „weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist“ (Joh. 16:11); Er zeigt, dass der Ausgang der großen Auseinandersetzung schon feststeht und dass das Gericht Satans zugleich die Befreiung derer bedeutet, die in Christus sind. In dieser Überführung liegt kein zerstörender Druck, sondern ein rettender Ruf: heraus aus Adam, hinein in Christus, weg aus dem Sog des Gerichts in die Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott. Wer sich diesem Ruf öffnet, erfährt, wie der Heilige Geist nicht nur Schuld bewusst macht, sondern zugleich die Tür zu einem neuen Stand aufstößt – in der Gerechtigkeit Christi, fern vom kommenden Gericht, geborgen in einem Leben, das von Gottes eigener Treue getragen wird.

Die Überführung des Geistes ist damit nicht nur ein schmerzhafter Spiegel, sondern ein Wegweiser: Sie zeigt, wo wir noch im alten Bereich Adams denken und leben, und öffnet zugleich die Sicht auf Christus als unsere Gerechtigkeit und auf die bereits entschiedene Niederlage Satans. Daraus kann ein nüchternes, aber tief getröstetes Herz entstehen, das die Ernsthaftigkeit des Gerichts kennt und doch in Frieden lebt, weil es weiß: In Christus bin ich aus der Gerichtsspur herausgenommen und in den Raum der göttlichen Gerechtigkeit versetzt worden.

Darum, wie durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod und so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben (Röm. 5:12)

Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung, (1.Kor 1:30)

Die Überführung des Geistes ist damit nicht nur ein schmerzhafter Spiegel, sondern ein Wegweiser: Sie zeigt, wo wir noch im alten Bereich Adams denken und leben, und öffnet zugleich die Sicht auf Christus als unsere Gerechtigkeit und auf die bereits entschiedene Niederlage Satans. Daraus kann ein nüchternes, aber tief getröstetes Herz entstehen, das die Ernsthaftigkeit des Gerichts kennt und doch in Frieden lebt, weil es weiß: In Christus bin ich aus der Gerichtsspur herausgenommen und in den Raum der göttlichen Gerechtigkeit versetzt worden.


Herr Jesus Christus, wir danken Dir, dass Dein Weg durch Kreuz und Auferstehung nicht Dein Entfernen von uns, sondern Dein tieferes Kommen zu uns ist. Du bist als Geist der Wirklichkeit in uns eingezogen, damit der Vater im Sohn als der Geist in uns wohnt und wir unsere wahre Wohnung in Dir finden. Vater, wir preisen Dich, dass Du in Deinem Sohn alle Deine gerechten Forderungen erfüllt hast und uns in Christus eine vollkommene Gerechtigkeit schenkst, die vor Dir Bestand hat. Heiliger Geist, wir bitten Dich, öffne unsere inneren Augen für die Wirklichkeit, aus Adam herausgenommen und in Christus hineingestellt zu sein, und durchdringe unsere Gedanken, unsere Gefühle und unseren Willen mit der Gegenwart des Dreieinen Gottes. Wo Angst vor dem Gericht, Schuld und Selbstverdammnis unser Herz beschweren, lass uns neu erkennen, dass das Urteil über den Fürsten dieser Welt gesprochen ist und dass in Christus kein Verdammungsurteil mehr über uns steht. Stärke in uns das stille, feste Vertrauen, dass Deine vermengende Gegenwart stärker ist als unsere Schwachheit und unser Versagen und dass Du Dein gutes Werk bis zur Vollendung tragen wirst. So bewahre uns in der Gewissheit, dass keine Macht der Finsternis uns aus Deiner Hand reißen kann, und fülle uns mit der Hoffnung, eines Tages in voller Klarheit zu sehen, was Du hier schon in uns begonnen hast. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 36