Eine Einführung in Leben und Bau (1)
Viele Christen verbinden das Johannesevangelium zuerst mit bekannten Geschichten und einfachen Worten. Doch hinter dieser scheinbaren Einfachheit steht eine gewaltige Wirklichkeit: Der ewige Gott tritt als das lebendige Wort in seine Schöpfung ein, um zerstörte Zusammenhänge zu heilen und einen neuen Anfang zu setzen. Gerade in einer Zeit voller theologischer Meinungen, kirchlicher Brüche und persönlicher Verunsicherung stellt sich die Frage, worauf unser Glaube sich eigentlich gründet: auf Lehren und Konzepte – oder auf das Leben, das Gott selbst in Christus schenkt.
Der ewige Anfang und das mending‑Werk Christi
Wenn Johannes schreibt: „Im Anfang war das Wort“ (Johannes 1:1), nimmt er denselben Türrahmen in den Mund, durch den schon 1. Mose 1:1. führt: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“ Doch während 1. Mose den Anfang der Zeit beschreibt, richtet Johannes den Blick noch weiter zurück – in die vergangene Ewigkeit vor jeder Sekunde, vor jeder Bewegung, vor jedem Geschöpf. Bevor „Himmel und Erde“ existierten, war das Wort schon da, bei Gott und selbst Gott. In dieser schlichten Formulierung liegt eine große Korrektur aller Vorstellungen, die Christus zu einem bloßen Kapitel der Geschichte, einem hochbegabten Lehrer oder gar einem späten Einfall Gottes machen. Johannes öffnet die Decke und zeigt: Der, der später in Bethlehem geboren wird und am Kreuz stirbt, ist kein nachträgliches Heilmittel, sondern der ewige Sohn, ohne Anfang der Tage und ohne Ende des Lebens. Er ist der Ursprung alles Wirklichen, der Sinn, in dem Gott sich selbst ausspricht.
21 Das Wort ist bei Gott. So haben wir einen weiteren Satzteil in 1,1, der uns sagt, dass das Wort bei Gott war. C. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zwei, S. 21)
Gerade aus dieser Ewigkeit heraus beginnt das heilende Werk Christi. Die Gemeinde ist nicht zum ersten Mal in einer Lage, in der falsche Vorstellungen, menschliche Philosophien und religiöse Traditionen das Bild Christi zerreißen wie Netze im Sturm. Johannes schreibt in eine Situation hinein, in der – äußerlich gesehen – vieles zerbrochen und verunsichert war. Seine Antwort besteht nicht in einem raffinierten System, sondern in der Rückführung zur Person: zum Wort, das bei Gott ist und Gott ist. Wo Christus auf diese Weise wieder als Anfang und Mitte geglaubt wird, fangen Risse an sich zu schließen. Das geschieht nicht spektakulär, sondern wie ein sorgfältiges Flicken: Knoten für Knoten, Gedanke für Gedanke, Beziehung für Beziehung. Wer sich innerlich von Spekulationen löst, die Christus verkleinern, und sich im Glauben auf ihn als den ewig bei Gott seienden Sohn stützt, erlebt, wie dieses mending‑Werk in seinem eigenen Glaubensleben greift. Aus verwirrter Vielstimmigkeit wird wieder ein ruhiger, tragfähiger Grundton: Christus selbst, das ewige Wort Gottes. In dieser Beziehung zu ihm beginnt ein Weg der Erneuerung, auf dem zerbrochene Überzeugungen, enttäuschte Erwartungen und verletzte Gemeinschaft nicht das letzte Wort behalten, sondern vom ewigen Wort her neu geordnet werden.
Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. (1.Mose 1:1)
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)
Die Rückkehr zum „Anfang“ bedeutet heute nicht eine Flucht in die Vergangenheit, sondern eine innere Ausrichtung auf Christus als den immer gegenwärtigen Ursprung. Wo das Herz lernt, ihm als dem ewig Gegenwärtigen zu vertrauen, verliert der eigene Lebensweg etwas von seiner Zerbrechlichkeit. Zwischen ungeklärter Vergangenheit und ungewisser Zukunft steht einer, der vor allem Anfang war und nach allem Ende bleibt. Wer sich auf ihn stützt, erfährt, dass die vielen kleinen und großen Risse des Glaubenslebens nicht vergessen werden müssen, um zu heilen; sie werden von seinem Wort berührt, neu zusammengeführt und gerade dadurch zu Stellen, an denen seine Treue sichtbar wird.
Das Wort als Schöpfer und Neuschöpfer
In 1. Mose 1.beginnt das Werk Gottes immer wieder mit demselben einfachen Satz: „Und Gott sprach …“ (1.Mose 1:3). Aus diesem Sprechen entsteht alles: Licht in der Finsternis, Ordnung im Chaos, Leben auf dem leeren Boden. Johannes fasst diese vielen Worte Gottes in einer Person zusammen, wenn er sagt, dass durch das Wort „alle Dinge“ ins Dasein kamen und dass „außerhalb von Ihm auch nicht eine Sache geworden ist, die geworden ist“ (Johannes 1:3). Gott erschafft nicht wie ein Handwerker, der mit vorhandenen Stoffen arbeitet; er ruft durch sein Wort das ins Sein, was nicht ist. Römischer 4:17 bringt diesen Zug Gottes auf den Punkt, wenn es heißt: „… Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ruft, als wäre es da.“ Die alte Schöpfung steht so von Anfang an unter der Signatur des Wortes: Sie ist Antwort auf ein göttliches Reden.
19 Das größte Loch im Netz der Gemeinde wurde durch einige sogenannte Christen verursacht, die in ihren philosophischen Vorstellungen nicht erkannten, dass Christus Gott war, der Fleisch wurde, um ein Mensch zu sein. Sie behaupteten, Christen zu sein, glaubten aber nicht, dass Christus, der Sohn Gottes, im Fleisch gekommen war. Diese wurden von Johannes Antichristen genannt (1. Joh. 2:18.22). (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zwei, S. 19)
Dieses schöpferische Reden stoppt nicht bei der ersten Schöpfung. Das Johannesevangelium zeigt, dass derselbe Christus, durch den alles geworden ist, nun als Wort in eine alte, ermüdete, von Sünde gezeichnete Welt tritt, um neu zu schaffen. Die neue Schöpfung ist kein vorsichtiges Restaurieren des Alten, sondern das Einsetzen desselben schöpferischen Prinzips in Menschenleben. Wenn ein Mensch den Namen des Herrn Jesus anruft und sich ihm öffnet, kommt keine Technik zur Anwendung, sondern eine Person tritt ein. In diesem Augenblick wiederholt sich im Verborgenen, was am Anfang geschah: Gott ruft, und etwas, das vorher nicht da war, fängt an zu existieren – ein neues Herz, eine neue Zugehörigkeit, eine neue Zukunft. Dass jemand „in Christus“ ist, bedeutet daher nicht zuerst eine Verbesserung seines Charakters, sondern die Tatsache, dass er in den Bereich dieses schöpferischen Wortes versetzt wurde. So wird deutlich, warum jede lebendige Erneuerung der Gemeinde immer an demselben Punkt beginnt: nicht bei Konzepten, Programmen oder Strukturen, sondern bei einer frischen Begegnung mit Christus als dem lebendigen Wort Gottes. Wo er gehört, aufgenommen und vertraut wird, beginnt Gottes Neuschöpfungskraft zu wirken – leise, aber unwiderruflich.
Die Unterscheidung zwischen alter und neuer Schöpfung bewahrt so auch vor einer Verwechslung des Evangeliums mit bloßer Moral. Die alte Schöpfung kann durch Erziehung und Kultur verfeinert werden, aber ihr inneres Gesetz bleibt Vergänglichkeit. Die neue Schöpfung dagegen trägt den Stempel des Wortes, das in Ewigkeit bei Gott war. Darum ist ein wiedergeborener Mensch nicht einfach ein „besserer Mensch“, sondern ein Neuanfang aus Gott. Dieser Neuanfang mag schwach erscheinen, angefochten, noch umgeben von viel Altem; und doch ist in ihm derselbe göttliche Ruf wirksam, der einst Licht in die Finsternis brachte. In dieser Spannung zu stehen – äußerlich noch Teil der alten Schöpfung, innerlich bereits Bürger der neuen – ist die normale Lage eines Christen. Sie wird erträglich, ja hoffnungsvoll, wenn der Blick nicht bei den eigenen Fortschritten stehenbleibt, sondern immer wieder zu dem zurückkehrt, der durch sein Wort schafft, trägt und vollendet.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde Licht. (1.Mose 1:3)
- wie geschrieben steht: «Ich habe dich zum Vater vieler Nationen gesetzt» (Röm. 4:17)
Wer sein Leben im Licht dieser Wirklichkeit anschaut, muss sich nicht länger über die Tiefe der eigenen Begrenztheit wundern, als wäre sie eine Überraschung für Gott. Die alte Schöpfung in uns bringt Finsternis und Widerstand hervor, die neue Schöpfung trägt das Gepräge des Wortes und wächst doch oft unscheinbar. Trost liegt darin, dass Gott in Christus nicht aufgehört hat zu sprechen. Sein Wort, das alles ins Sein rief, ist dasselbe Wort, das in verwirrten Gedanken, müden Herzen und zerbrochenen Geschichten neu ansetzt. Wo dieses Wort Raum findet, verliert das Alte seine letzte Autorität, und das Neue, das Gott ruft, gewinnt Schritt für Schritt Gestalt. So darf ein Christ nüchtern sehen, was in ihm noch alt ist, und zugleich zuversichtlich rechnen mit dem Gott, „der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ruft, als wäre es da“.
Leben und Licht – wie Gott seine Kinder hervorbringt
Johannes fasst das Kommen Christi in eine dichte Formulierung: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1:4). Er beschreibt damit nicht zwei voneinander getrennte Gaben, sondern eine Bewegung: Das Leben, das in Christus ist, bleibt nicht verborgen, sondern beginnt zu leuchten. Schon in der Schöpfung legt Gott eine Ordnung an, die auf dieses höhere Leben hinweist. Er schafft nicht nur Himmel und Erde, sondern bildet eine Umgebung, in der Leben entstehen und sich entfalten kann – bis hin zum Menschen, der als Träger eines Geistes geschaffen wird, um Gott selbst aufnehmen zu können. Und doch bleibt dieses geschaffene Leben, so reich es ausgestattet ist, begrenzt und sterblich. Es kann denken, fühlen, gestalten, aber es kann sich nicht selbst über seine Endlichkeit hinausheben.
17 (1) I. DAS WORT, DAS GOTT WAR, KOMMT ALS LEBEN UND LICHT, UM DIE KINDER GOTTES HERVORZUBRINGEN A. Am Anfang das Wort Die Sprache des Evangeliums nach Johannes ist einfach und kurz, aber dieses Buch ist tatsächlich das tiefste Buch in der Bibel. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft zwei, S. 17)
Erst in Christus tritt das ungeschaffene Leben Gottes auf den Plan, „die Auferstehung und das Leben“ (Johannes 11:25), „der Weg und die Wirklichkeit und das Leben“ (Johannes 14:6). Dieses Leben bleibt nicht abstrakt; es zeigt sein Gesicht im Licht. Wo ein Mensch dem Wort Christi begegnet, beginnt innerlich ein Leuchten, das zugleich aufdeckt und tröstet. Dass dieses Leben Licht ist, bedeutet, dass Gott Menschen nicht in einer freundlichen Unbestimmtheit lässt. Sein Leben bringt Klarheit: über Schuld und Verstrickung, aber auch über die Tiefe seiner Gnade. Dasselbe Licht, das die Finsternis sichtbar macht, öffnet auch den Raum, in dem Umkehr möglich wird, ohne dass der Mensch in Selbstverachtung versinkt. So wird das göttliche Leben zur inneren Autorität, die nicht von außen zwingt, sondern von innen her zieht.
Johannes sagt, dass all denen, die Christus aufnehmen, er „Vollmacht gab, Kinder Gottes zu werden“, nämlich denen, „die an seinen Namen glauben; die nicht aus dem Blut, noch aus dem Willen des Fleisches, noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Johannes 1:12–13). Neue Geburt ist daher mehr als eine geistliche Metapher; sie ist eine neue Herkunft. Wo das Leben Gottes eingepflanzt wird, entsteht eine neue familiäre Zugehörigkeit: Gott wird nicht nur Schöpfer, sondern Vater. Der eingeborene Sohn, von dem Johannes später bezeugt: „Niemand hat Gott je gesehen; der einziggeborene Sohn, der in der Brust des Vaters ist, Er hat Ihn kundgetan“ (Joh. 1:18), wird zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern. Aus vielen einzelnen Menschen formt sich eine Familie, die denselben Ursprung hat: aus Gott geboren.
Diese Familie ist kein unsichtbares Ideal, sondern ein wachsendes geistliches Bauwerk. Das Leben Gottes in seinen Kindern drängt nach Ausdruck, nach Gestalt, nach gegenseitiger Ergänzung. So verbindet sich das Motiv der neuen Geburt mit dem Motiv des Baus: Aus den vielen von Gott Geborenen entsteht ein Haus, in dem Gott wohnt und sichtbar wird. In diesem Haus ist jeder Stein unverwechselbar, und doch trägt keiner sich selbst. Die Geschichte jedes einzelnen – mit Licht und Schatten, mit Bruchlinien und Neuanfängen – wird Teil einer größeren Geschichte, in der Gottes Leben sich durchsetzt. Wer so auf sein eigenes Glaubensleben schaut, steht nicht mehr isoliert gegenüber seinen Grenzen, sondern weiß sich eingefügt in einen Zusammenhang, in dem Gottes Leben und Licht schon längst am Werk sind. Das gibt Raum für ehrliche Selbstwahrnehmung und zugleich für eine Hoffnung, die über das eigene Maß hinausreicht: dass Gott seine Kinder nicht nur hervorbringt, sondern sie auch fügt, trägt und vollendet.
In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh. 1:4)
Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer in Mich hineinglaubt, wird leben, auch wenn er stirbt; (Joh. 11:25)
Wer sich als Kind Gottes weiß, darf das eigene Leben weniger als Prüfstand und mehr als Wachstumsfeld verstehen. Das Licht, das Gottes Leben mit sich bringt, ist nicht dazu gesandt, um zu vernichten, sondern um zu klären, zu ordnen und zu heilen. Es mag Phasen geben, in denen dieses Licht schmerzlich hell scheint und Selbstbilder ins Wanken geraten. Doch gerade in solchen Zeiten bewährt sich die Wahrheit, dass das Leben, das leuchtet, von Gott ausgeht und darum nicht erlischt. Inmitten von Fragen und Spannungen darf ein leiser Dank wachsen: dass man nicht mehr auf sich selbst gestellt ist, sondern Teil einer Familie und eines Bauwerks, in dem Gottes Leben und Licht die tiefste Wirklichkeit bilden.
Herr Jesus Christus, ewiges Wort des Vaters, vor aller Zeit warst du bei Gott und bist Gott, und dennoch bist du zu uns gekommen als Leben und Licht. Danke, dass du inmitten aller Verwirrung und Verletzung in deinem Volk eine neue Anfangslinie ziehst, indem du uns zu dir selbst als dem wahren Leben zurückführst. Vater, wir preisen dich, dass du uns nicht in unserer alten, vergänglichen Existenz lässt, sondern uns durch dein Wort neu zeugst und als deine Kinder in deine große Familie hineinbringst. Wo Dunkelheit, Zweifel und falsche Bilder von dir unsere Herzen geprägt haben, lass das Licht des Lebens klar und sanft scheinen, bis jede Finsternis weicht. Stärke den inneren Menschen durch deinen Geist, damit dein schöpferisches Wort in uns wirksam bleibt und wir mehr und mehr zu einem lebendigen Ausdruck deiner Liebe und Heiligkeit werden. Unsere Hoffnung ruht nicht auf uns, sondern auf dir, der du begonnen hast und vollenden wirst, was du in uns geschaffen hast. Dir sei alle Ehre in deiner Gemeinde, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 2