Ein Vorwort
Viele Christinnen und Christen kennen einzelne Geschichten der Bibel sehr gut, haben aber Mühe, den roten Faden von 1. Mose bis zur Offenbarung zu sehen. Zwischen Schöpfung, Psalmen, Evangelien und dem Bild der heiligen Stadt am Ende scheint oft ein Bruch zu liegen. Das Johannesevangelium öffnet einen überraschenden Blick: Es verbindet Anfang und Ende der Schrift, indem es Christus als das Leben zeigt, das in Menschen hineingegossen wird, damit Gott sich in einem geistlichen Bau sichtbar macht.
Die Bibel als Buch von Leben und Bau
Wenn man die Bibel von 1. Mose bis zur Offenbarung liest, fällt auf, wie beharrlich zwei Motive immer wieder auftauchen: Leben und Bau. Am Anfang steht der Mensch im Garten Eden vor dem Baum des Lebens, mitten in einer von Gott bereiteten Umgebung, in der ein Strom fließt, der das Land fruchtbar macht. Es ist mehr als ein idyllisches Bild; es ist ein Hinweis darauf, dass Gott nicht nur Leben schenken, sondern dieses Leben auch in eine bestimmte Form bringen will. In 1. Mose 2:9 heißt es: „Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ Der Baum des Lebens steht im Zentrum. Gott stellt den Menschen mitten in ein Angebot göttlichen Lebens und macht damit deutlich: Der Weg zu Seinem Ziel führt nicht zuerst über Moral, Wissen oder Leistung, sondern über das Empfangen Seines Lebens.
Wenn man sie jedoch von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet, ist die Bibel ein Buch des Lebens und des Bauens. Christus ist das Leben, und die Gemeinde ist ein Bau. Wenn wir von Christus und der Gemeinde sprechen, müssen wir erkennen, dass Christus das Leben ist und dass die Gemeinde ein Bau ist. Wenn du nicht erkennst, dass Christus das Leben ist und dass die Gemeinde ein Bau ist, dann werden diese Worte, wenn du sie aussprichst, einfach lehrmäßige Begriffe sein. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft eins, S. 1)
Doch der Garten ist nicht das Ende. Schon in 1. Mose 2.beginnt der Baugedanke. Da ist ein Strom, der sich verzweigt und ein Land durchfließt, in dem „Gold ist“; und es wird hinzugefügt: „Und das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es das Bedolachharz und den Onyxstein.“ (1. Mose 2:12). Gold, Harz, Edelsteine – Materialien, die später im ganzen Alten und Neuen Testament mit Gottes Gegenwart und Seinem Haus verbunden sind. Noch deutlicher wird es, wenn aus der Seite Adams die Frau gebaut wird: „Und die Rippe, die Jehovah Gott vom Menschen genommen hatte, baute Er zu einer Frau“ (1. Mose 2:22). Hier wird nicht bloß geformt, hier wird gebaut. Der Mensch bekommt ein Gegenstück, das zugleich ein Bild dafür ist, dass Gott sich ein Gegenstück baut – eine Braut, ein Haus, eine Stadt. Schon am Anfang verdichten sich die Bilder: Leben, das in Beziehung mündet; Materialien, die auf einen kommenden Bau hindeuten.
Zwischen Eden und dem neuen Jerusalem spannt sich dann eine lange Geschichte, in der diese beiden Linien – Leben und Bau – fortwährend weitergeführt und vertieft werden. Bei Jakob erscheint Gott in einem Traum, und Jakob sieht eine Leiter, die Himmel und Erde verbindet. Am Ende dieses Traums ruft er aus: „Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und dies ist die Pforte des Himmels.“ (1. Mose 28:17). Wieder geht es um eine Stätte, an der Gott wohnt und an der Er mit der Erde verbunden ist. Später lässt Gott den beweglichen Bau des Zeltes der Zusammenkunft errichten, dann den Tempel in Jerusalem. Dazwischen stehen Altäre, auf denen Menschen sich Gott neu weihen. Überall taucht derselbe Gedanke auf: Gott sucht eine Wohnstätte inmitten der Menschen, einen Ort, an dem Sein Name, Seine Gegenwart, Sein Reden und Sein Dienst gebündelt sind.
Parallel dazu wächst im Laufe der Schrift eine dunkle Gegenlinie. Kain entfernt sich von der Gegenwart Gottes und baut eine Stadt; Nimrod begründet ein Reich, dessen Anfang Babel ist (1. Mose 10:10); später stehen Sodom und schließlich Babylon für menschliche Systeme, die ohne Gott, aber mit religiöser oder kultureller Fassade gebaut werden. Was in Babel als Turm beginnt, findet in „Babylon, der großen Stadt“ seinen Höhepunkt, die in der Offenbarung als religiös-politisches System gesehen wird, das Menschen bindet und vom lebendigen Gott wegzieht. So zeigt die Bibel zwei Bauten: einen göttlichen, der aus Leben hervorgeht, und einen satanischen, der das göttliche Leben nachahmt und doch verneint.
Und aus dem Erdboden ließ Jehovah Gott allerlei Bäume emporwachsen, die angenehm anzusehen und gut zur Speise waren, und auch den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. (1.Mose 2:9)
Und das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es das Bedolachharz und den Onyxstein. (1.Mose 2:12)
So wird die Bibel zu einem Spiegel, der zeigt, dass Gott auch heute Leben schenkt, um zu bauen. Wer sich von dieser Perspektive prägen lässt, beginnt alltägliche Erfahrungen – Freude wie Bruch – als Material in Gottes Hand zu sehen. Das neue Jerusalem ist kein ferner Traum, sondern die Zusage, dass das, was Gott in Eden begonnen hat, gewiss zu einem guten Ende kommt. In dieser Gewissheit kann das Herz ruhiger werden: Das eigene Leben ist eingebettet in einen großen, verlässlichen Bauplan Gottes, und nichts, was in Seinem Licht geschieht, ist vergeblich.
Das Johannesevangelium als Brücke und Schlüssel
Zwischen dem schlichten Garten Eden am Anfang und der leuchtenden Stadt am Ende scheint ein weiter Weg zu liegen. Das Johannesevangelium steht genau in dieser Spannweite und öffnet den Blick dafür, wie Anfang und Ende zusammengehören. Es beginnt mit Worten, die bewusst an den ersten Satz der Bibel anknüpfen: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ (Johannes 1:1). Hier geht der Blick hinter die Schöpfung zurück in die vergangene Ewigkeit und zeigt: Bevor irgendetwas geschaffen war, war da schon ein göttlicher, lebendiger Ausdruck – das Wort. Und über dieses Wort heißt es: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.“ Damit legt Johannes den Grund: Die ganze weitere Erzählung ist die Geschichte dieses Lebens, das in die Welt kommt, sichtbar, berührbar, erfahrbar wird.
Zwischen 1. Mose und Offenbarung, den beiden Enden der Bibel, gibt es eine weite Kluft, eine breite Spanne. Was überbrückt diese Kluft? Die Brücke ist das Evangelium nach Johannes. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft eins, S. 2)
Dieses Leben bleibt im Johannesevangelium nicht abstrakt. Gleich im ersten Kapitel begegnen wir dem Ruf Jesu an Simon, und der Herr gibt ihm einen neuen Namen: „Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du wirst Kephas heißen – was übersetzt wird: Stein.“ (Johannes 1:42). Dass der Herr den Jünger „Stein“ nennt, ist mehr als eine persönliche Charakterisierung. Es ist ein Hinweis: Das Leben, das in das Wort gehüllt in die Welt kommt, hat eine konkrete Absicht – Menschen so zu berühren, dass sie zu „Steinen“ eines göttlichen Baus werden. Was 1. Mose in Bildern von Gold und Edelsteinen aufblitzen lässt, findet hier eine persönliche, geschichtliche Gestalt. Christus ruft nicht nur zu einer neuen Lehre, sondern sammelt Menschen um sich, um aus ihnen etwas Dauerhaftes zu bauen.
Eine entscheidende Szene, in der Johannes diese Brückenfunktion entfaltet, steht ganz am Anfang. Jesus sagt zu Nathanael: „Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.“ (Johannes 1:51). Die Worte erinnern bewusst an Jakobs Traum in 1. Mose 28, wo Jakob eine Leiter sieht, deren Spitze den Himmel berührt, und wo er später sagt: „Dies ist nichts anderes als das Haus Gottes und dies ist die Pforte des Himmels.“ Johannes zeigt: Die wahre Leiter, die wirkliche Verbindung zwischen Himmel und Erde, ist eine Person – der Sohn des Menschen. In Ihm berühren sich die Bereiche, und in Ihm nimmt das Haus Gottes konkrete Gestalt an. Der alte Traum von Bethel bekommt in Jesus seine Erfüllung.
Im weiteren Verlauf des Johannesevangeliums werden die Bilder von Leben und Bau immer reicher. Jesus spricht mit der Frau am Jakobsbrunnen von einem Wasser, das den Durst ein für alle Mal stillt: „wer auch immer aber von dem Wasser trinkt, das Ich ihm geben werde, der wird auf keinen Fall Durst haben in Ewigkeit; sondern das Wasser, das Ich ihm geben werde, wird in ihm zu einer Quelle von Wasser werden, das in das ewige Leben sprudelt.“ (Johannes 4:14). Später stellt Er sich als „Brot des Lebens“ vor, als Nahrung, die nicht vergeht. Und kurz vor seinem Weg zum Kreuz sagt Er zu den Jüngern: „Im Haus Meines Vaters sind viele Wohnungen; … denn Ich gehe hin, um euch eine Stätte zu bereiten.“ (Johannes 14:2). Leben und Haus, Quelle und Wohnung – dieselben Linien, die am Anfang der Bibel in Bildern angedeutet sind, werden hier in Worte gefasst und im Umgang Jesu mit Menschen sichtbar.
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh. 1:1)
Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du wirst Kephas heißen – was übersetzt wird: Stein. (Joh. 1:42)
Das Johannesevangelium lädt dazu ein, Christus nicht nur als Lehrer oder Vorbild zu kennen, sondern als den, in dem Anfang und Ende zusammenfallen: das Wort, das Leben, die wahre Leiter, der Bräutigam, der Hausherr mit vielen Wohnungen. Wer sein eigenes Glaubensleben in dieser Perspektive liest, kann gelassener auf offene Fragen, Umwege und Brüche blicken. Die Geschichten Johannes’ zeigen, wie der Herr einzelnen Menschen begegnet und zugleich den großen Bau Gottes vor Augen hat – das kann Mut machen, dass auch im eigenen Weg unscheinbare Begegnungen mit Christus Teil eines viel größeren Bildes sind, das Gott in Treue vollenden wird.
Christus als Leben in uns und Gottes Bau aus uns
Wenn das Neue Testament sagt, dass Christus unser Leben ist, dann meint es damit weit mehr, als dass Er uns von außen her belehrt oder ein moralisches Beispiel gibt. Es spricht davon, dass der Dreieine Gott sich selbst in unser Inneres hineingibt. Kolosser 3:4 fasst es schlicht: „Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden.“ Christus ist nicht nur der, der Leben schenkt, sondern Er ist dieses Leben in Person. Schon in 1. Mose 2:7 begegnet uns dieses Geheimnis im Bild: „da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele.“ Gott bleibt nicht auf Distanz; Er haucht etwas von sich selbst in den Menschen hinein. Im Neuen Testament wird deutlich, dass in Christus dieser göttliche „Atem“ zu einem innerlich erfahrbaren Leben geworden ist, das in uns wohnt.
Wir müssen jedoch erkennen, dass das Leben Christus ist, wie Gott in unser Sein hineindispensiert wird. Viele Christen reden zwar davon, dass Christus das Leben ist, aber nicht alle haben die Erfahrung von Christus als Leben. Die wirkliche Erfahrung von Christus als Leben besteht darin zu erkennen, dass Christus Gott Selbst ist, der in unser Sein hineindispensiert wird. Das ist Leben. (Witness Lee, Life-Study of John, Botschaft eins, S. 4)
Johannes zeichnet dieses Leben in sinnlich starken Bildern. Jesus nennt sich das Brot des Lebens und spricht davon, dass der Mensch Ihn „essen“ soll; Er spricht vom lebendigen Wasser, das den Durst stillt. „Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, der Mich isst, um Meinetwillen leben.“ (Johannes 6:57). Damit ist nicht eine Äußerlichkeit gemeint, sondern die Realität, dass Christus, der Gott selbst ist, unser Inneres durchdringt, nährt, erfrischt und verwandelt. Wo dieses Leben Raum bekommt, entsteht eine neue Qualität: innere Ruhe mitten in Unruhe, ein leiser Trost, der nicht von Umständen abhängt, ein Wollen und Vollbringen, das nicht aus eigener Kraft stammt. Leben im biblischen Sinn ist nicht bloß Dauer, sondern göttliche Qualität des Daseins.
Dieses Leben bleibt jedoch nicht auf die Innerlichkeit beschränkt. Es strebt nach Gestalt, nach Ausdruck, nach Bau. Schon am Anfang der Bibel wird aus der Seite Adams ein Gegenstück gebaut: „Und die Rippe, die Jehovah Gott vom Menschen genommen hatte, baute Er zu einer Frau“ (1. Mose 2:22). Die Frau ist zugleich aus Adam und für Adam, ein Ausdruck und eine Erweiterung seiner Person. Im Licht des Neuen Testaments erkennt man darin ein tiefes Bild: Christus, der zweite Adam, lässt aus Seinem durchbohrten Seite eine Braut hervorgehen – Menschen, in die Er Sein Leben gegeben hat und die nun Sein Wesen widerspiegeln. Die Gemeinde ist nicht bloß eine Versammlung Gleichgesinnter, sondern der Bau, der aus der Vermehrung und Durchdringung dieses einen göttlichen Lebens hervorgeht.
Die Sprache vom Bau durchzieht deshalb das Neue Testament. Gläubige werden „lebendige Steine“ genannt, die zu einem geistlichen Haus aufgebaut werden. Dieser Bau hat eine konkrete Form in den örtlichen Gemeinden, in denen das Leben Christi sich gemeinschaftlich ausdrückt: im gemeinsamen Hören auf das Wort, im Tragen von Lasten, im Dienst, im Lobpreis, im stillen Ausharren. Wo Christus als Leben wirkt, bleibt es nicht beim privaten Glaubensgefühl; es entsteht ein Gefüge von Beziehungen, in denen Gottes Gegenwart spürbar wird. Am Ende der Bibel erscheint dieses Gefüge als Stadt: „Gesegnet sind die, die ihre Kleider waschen, damit sie ein Anrecht am Baum des Lebens haben und durch die Tore in die Stadt hineingehen können.“ (Offb. 22:14). Hier ist das Leben nicht mehr nur Quelle im Verborgenen, sondern sichtbar geworden in einem geordneten, leuchtenden Bau.
Wenn Christus, unser Leben, offenbar gemacht wird, dann werdet auch ihr zusammen mit Ihm in Herrlichkeit offenbar gemacht werden. (Kol. 3:4)
da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele. (1.Mose 2:7)
Christus als Leben zu kennen bedeutet, sich von Gott innerlich berühren, nähren und verwandeln zu lassen – und zugleich zu entdecken, dass diese unsichtbare Realität eine sichtbare Gestalt im Bau Gottes hat. Die Gemeinde, besonders die örtliche Gemeinde, ist Ausdruck dieser Wirklichkeit, nicht Ersatz für sie. Wo beides zusammenkommt – inneres Leben aus Christus und gemeinsames Bauen im Geist – dort entsteht ein Ort, an dem Gott sich gerne aufhält. Das Wissen, Teil dieses Baues zu sein, kann leise Freude schenken und einen tiefen Frieden: Das eigene, oft brüchige Leben ist hineingenommen in ein Werk, das Gott selbst trägt, formt und vollendet.
Herr Jesus Christus, du bist das wahre Leben, das vom Vater zu uns gekommen ist, und du baust dir aus vielen Menschen eine ewige Wohnstätte. Danke, dass du nicht fern bleibst, sondern dich selbst in uns hineingibst, um uns zu verwandeln und in deine göttliche Geschichte von Leben und Bau hineinzunehmen. Wo unsere Sicht auf die Bibel, auf dein Werk und auf die Gemeinde klein oder zersplittert ist, öffne unsere Augen für dein großes Ziel, damit wir dich als unser Leben tiefer erkennen und uns an deinem Werk des Bauens freuen. Lass dein lebendiges Wasser neu in uns fließen, unsere Müdigkeit wegspülen und deine Freude und Hoffnung in uns wachsen, bis dein guter Vorsatz in Herrlichkeit vollendet ist. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of John, Chapter 1