Das Wort des Lebens
lebensstudium

Jubeljahr (1)

10 Min. Lesezeit

Menschen aller Zeiten ringen um gerechte Verteilung, sicheren Lebensunterhalt und ein gelingendes Leben. Viele erhoffen sich Rettung von politischen Konzepten, wirtschaftlichen Modellen oder persönlichen Strategien – und bleiben doch innerlich leer oder gebunden. Die biblische Ordnung des Jubeljahres öffnet eine ganz andere Perspektive: Gott selbst sorgt für wahre Freiheit und Wiederherstellung, indem Er Menschen zu ihrem eigentlichen Erbteil zurückbringt – zu sich selbst.

Das Jubeljahr – der Klang von Gottes Erlösung

Das Jubeljahr beginnt nicht mit einem Beschluss am Schreibtisch, sondern mit einem Klang. Im Zentrum steht das Blasen eines silbernen Horns, eines Lärmhorns, das das ganze Land durchzieht. In 3. Mose 25:9 heißt es: „Und du sollst im siebten Monat, am Zehnten des Monats, ein Lärmhorn erschallen lassen; an dem Versöhnungstag sollt ihr ein Horn durch euer ganzes Land erschallen lassen.“ Dieses Horn ist aus Silber, und Silber steht in der Schrift immer wieder für Erlösung. So liegt in diesem Ton mehr als nur liturgische Tradition: Er ist hörbar gemachte Gnade, eine klingende Botschaft, dass Gott selbst einen neuen Anfang setzt. Das Jubeljahr ist darum weniger ein religiöser Programmpunkt, sondern eine öffentliche Proklamation: Gott hat gehandelt, Erlösung ist wirksam, ein anderes Regime beginnt.

Wir haben gesehen, dass yobel sich speziell auf das Blasen einer silbernen Trompete bezieht. In der Typologie bedeutet Silber Erlösung. Daher weist das Blasen einer silbernen Trompete auf das Ausrufen von Gottes Erlösung hin. Das hebräische Wort yobel, anglisiert jubilee, bezieht sich auf den Stoß eines Horns, auf das Instrument selbst und schließlich auf das Fest, das durch das Blasen einer silbernen Trompete eingeführt wurde. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft vierundsechzig, S. 546)

Im Alten Bund hatte dieser Ruf konkrete Folgen: Sklaven wurden freigelassen, verlorene Felder kehrten zu den ursprünglichen Besitzern zurück, Schuldenkonstellationen verloren ihre scheinbar endgültige Macht. 3. Mose 25:28 fasst es zusammen: „… im Jobel(jahr) soll es frei ausgehen, und er soll wieder zu seinem Eigentum kommen.“ Das Jubeljahr ist damit die laute Absage Gottes an alle Ketten, die Menschen dauerhaft festlegen. Im Licht des Evangeliums gewinnt dieser Klang seine tiefste Bedeutung. Wenn Jesus das „angenehme Jahr des Herrn“ ausruft, wird das alte Lärmhorn zur geistlichen Trompete des Evangeliums. Jedes Mal, wenn Christus verkündigt wird, ertönt dieser silberne Ton neu: Nicht als moralischer Appell, sich endlich zusammenzureißen, sondern als Zuspruch, dass die Erlösung schon vollbracht ist. Der Glaube ist dann nichts anderes, als auf diesen Klang zu antworten, sich von ihm treffen zu lassen und in eine Freiheit einzutreten, die man sich selbst nicht schaffen kann. Wer so hört, entdeckt: Gottes Jubeljahr ist nicht nur eine Vergangenheitserinnerung, sondern eine gegenwärtige Einladung, sich von der Macht der Schuld herausrufen zu lassen und unter den weiten Himmel seiner Gnade zu treten.

Und du sollst im siebten Monat, am Zehnten des Monats, ein Lärmhorn erschallen lassen; an dem Versöhnungstag sollt ihr ein Horn durch euer ganzes Land erschallen lassen. (3.Mose 25:9)

Und wenn seine Hand das Ausreichende nicht gefunden hat, um ihm zurückzuzahlen, dann soll das von ihm Verkaufte in der Hand dessen, der es kauft, bleiben bis zum Jobeljahr; und im Jobel(jahr) soll es frei ausgehen, und er soll wieder zu seinem Eigentum kommen. (3.Mose 25:28)

Im Jubeljahr spricht Gott nicht zuerst von unserer Leistung, sondern von seiner Erlösung. Sein Horn verkündet, dass er Schulden auf seine Rechnung nimmt und Gebundene loslässt. Unter diesem Klang kann das Herz aufatmen: Die Last, sich selbst freizukaufen, ist ihm abgenommen. Wer sich innerlich von dieser Proklamation berühren lässt, beginnt anders zu leben – nicht mehr aus Angst vor dem Mangel, sondern aus Vertrauen in den Gott, der Freiheit ruft und sie zugleich schenkt.

Verlust und Wiedergewinnung des Erbteils

Als Gott die Kinder Israels in das gute Land führte, gab er ihnen nicht nur einen Wohnort, sondern ein Erbteil. Jede Sippe erhielt eine Zuteilung, die nicht beliebig verschoben oder endgültig entzogen werden durfte. Bemerkenswert ist, wie dieses Land beschrieben wird: als „Land, das von Milch und Honig überfließt“ – ein Bild der Versorgung und des Genusses, nicht primär des Reichtums und der Macht. Das Erbteil war vor allem dazu bestimmt, das Volk zu nähren, seine Alltagsexistenz in der Gegenwart Gottes zu tragen. Wenn Menschen aus Not oder Unachtsamkeit ihr Feld verkauften und sich vielleicht sogar als Tagelöhner hingaben, riss das tiefe Furchen in die familiäre und geistliche Ordnung. Hinter jeder verlorenen Parzelle stand eine Geschichte von Versagen, Schuld oder erdrückender Not.

Gott verordnete, dass Sein Volk das gute Land Kanaan erhalten sollte. Dieses Land wurde den zwölf Stämmen Israels zugeteilt. Schließlich erhielt jede Familie ein Stück Land als Besitz. Das Land sollte nicht hauptsächlich für ihren Lebensunterhalt oder ihre Unterkunft sein; das Land war in erster Linie für ihre Nahrung. Das Bedürfnis nach Nahrung ist größer als das Bedürfnis nach Unterkunft. … Das gute Land wurde daher Gottes Volk zum Essen gegeben. Aus diesem Grund bezeichnet die Bibel dieses Land als „ein Land, das von Milch und Honig überfließt“. Das gute Land wurde nicht ein Land des Goldes genannt. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft vierundsechzig, S. 549)

Gerade hier setzt die Ordnung des Jubeljahrs an. In 3. Mose 25:10 heißt es: „Und ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt im Land Freilassung für all seine Bewohner ausrufen. Ein Jobel(jahr) soll es euch sein, und ihr werdet jeder wieder zu seinem Eigentum kommen und jeder zu seiner Sippe zurückkehren.“ Zugleich stellt Gott klar: „Und das Land soll nicht endgültig verkauft werden, denn mir gehört das Land; denn Fremde und Beisassen seid ihr bei mir“ (3. Mose 25:23). Kein Verlust sollte endgültig sein, weil der eigentliche Eigentümer Gott selbst ist. Geistlich wird darin sichtbar, was der Mensch von Anfang an empfangen hatte: Gott als sein wahres Erbteil. Nach 1. Mose wurde der Mensch geschaffen, um ein Gefäß für Gottes Gegenwart zu sein, um ihn zu besitzen und zu genießen. Durch den Fall aber hat der Mensch Gott als Besitz verloren und sich gleichsam „unter die Sünde verkauft“. Das Jubeljahr sagt hinein in dieses Drama: Es gibt bei Gott eine Ordnung, in der verlorener Besitz nicht nur rechtlich zugesprochen, sondern tatsächlich wiedergewonnen wird. In Christus öffnet sich der Weg zurück – zurück zu Gott als unserem Erbteil, zurück in die Familie, die wir durch die Sünde innerlich verlassen haben. Dieser Gedanke trägt, gerade wenn man sich selbst als jemand erlebt, der viel verspielt hat: Vor Gott gibt es kein endgültig verkauftes Land.

application_de”: “Der Blick auf das Jubeljahr hilft, eigene Verlusterfahrungen anders zu sehen. Was im Leben zerronnen scheint – Berufung, Nähe zu Gott, geistliche Frische –, ist vor ihm nicht für immer abgeschrieben. Weil er der wirkliche Eigentümer ist, behält er das Recht zur Wiederherstellung. Wer sich innerlich von dieser Perspektive prägen lässt, muss sich nicht mit einem Dasein als dauernder „Beisasse“ abfinden. Stattdessen wächst die stille Zuversicht, dass Gott Wege findet, uns schrittweise in den Genuss dessen zurückzuführen, wozu wir geschaffen wurden: ihn selbst als unser Erbteil zu haben und in seiner Familie aufgehoben zu sein.”

Und ihr sollt das Jahr des fünfzigsten Jahres heiligen und sollt im Land Freilassung für all seine Bewohner ausrufen. Ein Jobel(jahr) soll es euch sein, und ihr werdet jeder wieder zu seinem Eigentum kommen und jeder zu seiner Sippe zurückkehren. (3.Mose 25:10)

Und das Land soll nicht endgültig verkauft werden, denn mir gehört das Land; denn Fremde und Beisassen seid ihr bei mir. (3.Mose 25:23)

Der Blick auf das Jubeljahr hilft, eigene Verlusterfahrungen anders zu sehen. Was im Leben zerronnen scheint – Berufung, Nähe zu Gott, geistliche Frische –, ist vor ihm nicht für immer abgeschrieben. Weil er der wirkliche Eigentümer ist, behält er das Recht zur Wiederherstellung. Wer sich innerlich von dieser Perspektive prägen lässt, muss sich nicht mit einem Dasein als dauernder „Beisasse“ abfinden. Stattdessen wächst die stille Zuversicht, dass Gott Wege findet, uns schrittweise in den Genuss dessen zurückzuführen, wozu wir geschaffen wurden: ihn selbst als unser Erbteil zu haben und in seiner Familie aufgehoben zu sein.

Ein wunderbarer Freilassungsruf in Christus

Zur Zeit Jesu war Israel äußerlich ein religiös geprägtes Volk, innerlich aber vielfach entfremdet von dem Gott, der es erwählt hatte. Die römische Besatzung, religiöse Spannungen und persönliche Not prägten den Alltag. In diese Situation hinein betritt Jesus die Synagoge von Nazareth, liest die Verheißung aus Jesaja und erklärt dann schlicht: Heute ist dieses Wort erfüllt. Damit stellt er sich selbst als den vor, der das eigentliche Jubeljahr bringt. Die uralten Bestimmungen aus 3. Mose 25 erhalten ein neues Gesicht: Sie laufen auf eine Person zu. In seinem Dienst wird deutlich, was dieses „Jahr der Gnade des Herrn“ konkret bedeutet: Gefangene hören einen Freilassungsruf, Blinde bekommen Augenlicht, Zerschlagene werden aufgehoben und geheilt.

Als der Mensch geschaffen wurde, erhielt er einen Besitz. Der Besitz des Menschen durch Schöpfung war tatsächlich Gott selbst. Gott schuf den Menschen, um Sein Gefäß für Seinen Ausdruck zu sein. So beabsichtigte Gott, Sich selbst dem Menschen als seinen Besitz zu geben. Aber der Mensch wurde gefallen, und im Fall verlor der Mensch Gott als seinen Besitz. Durch den Fall verkaufte sich der Mensch auch selbst. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft vierundsechzig, S. 551)

Das Evangelium Jesu ist so der geistliche Klang des Jubeljahrs. Hinter jeder Heilung, jeder Befreiung von unreinen Geistern, jedem Zuspruch der Vergebung steht diese eine Bewegung Gottes: Menschen sollen nicht in der Sklaverei der Sünde bleiben, sondern heimkehren. 3. Mose 25:41 charakterisiert das Ziel des Jubeljahrs mit einfachen Worten: „Dann soll er frei von dir ausgehen, er und seine Kinder mit ihm, und zu seiner Sippe zurückkehren und wieder zum Eigentum seiner Väter kommen.“ Auf Christus bezogen bedeutet das: Die Freiheit, die er schenkt, ist keine Autonomie ohne Gott, sondern die Wiederaufnahme in das Haus des Vaters, in die Gemeinschaft der Erlösten und in den Genuss Gottes als unseres Erbteils. Wer ihm glaubt, tritt schon jetzt geistlich in dieses Jubeljahr ein – die Macht der Sünde verliert ihr Recht, die Trennung von Gott wird überbrückt, eine neue Zugehörigkeit entsteht. Zugleich bleibt eine Verheißung offen: Einmal wird dieses Jubeljahr in voller Fülle sichtbar, wenn Gott alles neu macht und seine Kinder vollkommen in den Besitz ihrer himmlischen Erbschaft eintreten. Diese Hoffnung trägt durch Spannungen und Brüche hindurch, weil sie sich an Christus festmacht, der den Freilassungsruf nicht nur ausspricht, sondern in seinem eigenen Leben, Sterben und Auferstehen unwiderruflich begründet hat.

Dann soll er frei von dir ausgehen, er und seine Kinder mit ihm, und zu seiner Sippe zurückkehren und wieder zum Eigentum seiner Väter kommen. (3.Mose 25:41)

Christus als Erfüllung des Jubeljahrs zu sehen, verändert die Sicht auf Freiheit grundlegend. Freiheit wird dann nicht länger mit Grenzenlosigkeit verwechselt, sondern mit Heimkehr zu Gott, mit Versöhnung und Zugehörigkeit. Wer sein Leben unter diesen Ruf stellt, entdeckt Schritt für Schritt: Manche Fesseln lösen sich nicht durch Anstrengung, sondern dadurch, dass sein Wort Gewicht gewinnt und Vertrauen weckt. Im Horizont dieses Jubeljahrs darf die Seele hoffen, auch dort, wo die eigene Geschichte kompliziert ist: Der, der das „angenehme Jahr des Herrn“ ausgerufen hat, wird sein Werk der Freilassung und Wiederherstellung nicht unvollendet lassen.


Herr Jesus Christus, Du bist gekommen, um das angenehme Jahr des Herrn auszurufen und den Klang der Freiheit über diese Welt zu legen. Danke, dass Du für uns die Knechtschaft der Sünde getragen hast, damit wir nicht länger Gefangene bleiben müssen, sondern zu Gott als unserem wahren Erbteil und in Seine Familie zurückkehren dürfen. Lass den Ruf Deiner Gnade in unseren Herzen immer klarer und stärker hörbar werden, wo Entmutigung, Schuld oder falsche Bindungen unsere Sicht trüben wollen. Erneuere unsere Freude darüber, dass Du selbst unser Anteil bist, der nicht verkauft, verloren oder geraubt werden kann, und erfülle uns mit der Hoffnung, dass Deine vollkommene Wiederherstellung alles Überhandnehmen wird. Bewahre uns in der Freiheit, zu der Du uns berufen hast, und lass Dein Jubeljahr in unserem Leben und in Deiner Gemeinde widerhallen, bis wir Dich von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 64