Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Dienst des Menschen-Erretters in Seinen menschlichen Tugenden mit Seinen göttlichen Eigenschaften von Galiläa nach Jerusalem (4)

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Man kann für den Herrn sehr beschäftigt sein und Ihn doch kaum kennen. Die Szene im Haus von Bethany stellt uns zwei Arten des Umgangs mit Jesus vor Augen: viel Dienst ohne inneres Hören und stilles Sitzen zu Seinen Füßen. Gerade dort, im scheinbar Untätigen, öffnet sich der Blick für das, was in Seinem Herzen ist – und damit auch für den Weg, wie unser Leben wirklich zu Seinem Willen passt.

Gerettet durch die barmherzige Liebe des Mensch-Erretters

Zwischen dem Weg des Mannes von Jerusalem nach Jericho und dem Weg Jesu nach Bethanien liegt ein stiller Bogen: zweimal begegnet uns der Mensch-Erretter derer, die nichts mehr in der Hand haben. Zunächst steht der Halbtote am Straßenrand vor uns, geschlagen, entkleidet, liegen gelassen – ein Mensch, dem nicht einmal mehr die Kraft bleibt, um Hilfe zu rufen. Über ihn heißt es: „Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auch auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halbtot liegen ließen“ (Lukas 10:30). Der Priester und der Levit sehen und gehen weiter. Der Fremde, der Samariter, lässt sich innerlich berühren, beugt sich herab, verbindet die Wunden, trägt die Kosten, organisiert die Pflege. Die ganze Bewegung geht von ihm aus, nicht vom Verwundeten. So zeichnet der Herr sich selbst als den, der mit barmherziger Liebe zu uns herabkommt, wenn wir am Ende sind – unfähig, uns zu retten, unfähig, uns zu verbessern, unfähig, uns überhaupt noch aufzurichten.

Heute sind viele damit beschäftigt, gerettet zu werden. Sie meinen, dass die Errettung von dem abhängt, was sie tun. Aber es ist nicht nötig, dass wir irgendetwas tun, um gerettet zu werden. Damit ein Mensch gerettet wird, muss er erkennen, dass er unfähig ist, sich selbst zu retten, denn er ist, wie der Mann im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, einer, der ausgeplündert, geschlagen und halbtot liegen gelassen worden ist. Dies zeigt an, dass wir alle einen Erretter brauchen, einen, der voller Mitleid und Liebe ist. Wenn wir das Mitleid und die Liebe des Erretters erkennen, werden wir Seine rettende Gnade genießen, die voller menschlicher Tugenden und göttlicher Eigenschaften ist. Das bedeutet es, gerettet zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundzwanzig, S. 221)

In Bethanien begegnet uns derselbe Mensch-Erretter in einem Haus, das sich Ihm öffnet. „…daß er in ein Dorf kam; und eine Frau mit Namen Martha nahm ihn in ihr Haus auf“ (Lukas 10:38). Was der Samariter draußen an einem Verwundeten tat, setzt der Herr hier innerlich fort: Er kommt, um zu retten, bevor Er etwas von uns erwartet. So wie der Halbtote nicht zuerst laufen, zahlen oder dienen muss, um angenommen zu werden, so wird auch Martha nicht eingeladen, weil sie tüchtig ist, sondern der Herr lässt sich von ihr aufnehmen, um ihr und ihrer Schwester ein Ort der Gnade zu werden. Unsere Geschichte mit Christus beginnt nicht damit, dass wir etwas für Ihn tun, sondern damit, dass Er alles für uns tut: Er findet uns in unserer inneren Verwundung, in unserer Schuld, in unserer Müdigkeit, nimmt sich unser an und trägt uns in die Herberge Seiner Gegenwart. Wo ein Mensch diesen Anfang erkennt, fällt die heimliche Anspannung, sich erst bewähren zu müssen. Der Blick wendet sich vom eigenen Tun zu Seiner Treue. Aus diesem Frieden wächst leise der Wunsch, Ihm zu gehören und Ihm zu dienen – nicht als Bedingung, sondern als Antwort. Wer sich von Seiner barmherzigen Liebe finden lässt, entdeckt: Der eigentliche Anfang jedes Dienstes sind die Hände des Retters, die uns aufheben und halten.

Jesus aber erwiderte und sprach: Ein Mensch ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel unter Räuber, die ihn auch auszogen und ihm Schläge versetzten und weggingen und ihn halbtot liegen ließen. (Lk. 10:30)

ES geschah aber, als sie ihres Weges zogen, daß er in ein Dorf kam; und eine Frau mit Namen Martha nahm ihn in ihr Haus auf. (Lk. 10:38)

Wer sich in der Gestalt des Halbtoten und in der empfänglichen Stille des Hauses in Bethanien wiedererkennt, darf neu aufatmen: Errettung ruht nicht auf der Last eigener Anstrengung, sondern auf der beständigen Zuwendung des Mensch-Erretters. Inmitten der Versuchung, durch Aktivität den eigenen Wert zu sichern, darf das Herz zur Ruhe kommen und bekennen: Er ist es, der mich sucht, trägt und versorgt. Aus dieser Gewissheit bekommt jeder Dienst einen anderen Klang – nicht mehr getrieben, sondern geerdet in der Gewissheit, geliebt und getragen zu sein, bevor je eine Aufgabe beginnt.

Dienen aus dem Hören: Marthas Geschäftigkeit und Marys guter Teil

Im Haus von Bethanien verdichtet sich, was Dienst vor Gott ist und was er leicht wird, wenn er aus dem natürlichen Leben gespeist bleibt. Von Martha wird gesagt: „Martha aber war sehr beschäftigt mit vielem Dienen“ (Lukas 10:40). Ihr Herz ist eigentlich nicht gegen den Herrn; sie möchte Ihm Ehre erweisen, für Ihn sorgen, Seinen Aufenthalt gut gestalten. Und doch wird sichtbar, wie ein gut gemeinter Dienst zur Quelle von Unruhe, innerem Groll und sogar Vorwürfen werden kann. Martha tritt zu Jesus und klagt über Maria. Ihr Tun, das sie als selbstverständlich und nötig ansieht, trennt sie innerlich von der Schwester und stellt sie unmerklich über sie. Der Herr antwortet nicht mit Tadel ihres guten Willens, sondern legt die Wurzel frei: „Martha, Martha! Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist not“ (Lukas 10:41–42). Die „vielen Dinge“ absorbieren sie; das „eine“ ist aus dem Blick geraten.

Hier sehen wir, dass der Herr es vorzieht, dass Seine Geretteten, die Ihn lieben, Ihm zuhören (V. 39), damit sie Sein Verlangen kennen, anstatt Dinge für Ihn zu tun, ohne Seinen Willen zu kennen (siehe 1. Sam 15:22; Pred 5:1). (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundzwanzig, S. 220)

Maria verkörpert dieses eine. Von ihr lesen wir: „…die sich auch zu den Füßen des Herrn niedersetzte und Seinem Wort zuhörte“ (Lukas 10:39). Ihr Dienst beginnt nicht in der Küche, sondern in der Nähe der Füße Jesu. Sie setzt sich nicht aus Trägheit, sondern aus Hunger nach Seinem Wort. In dieser hörenden Haltung öffnet sich ihr das Herz des Herrn, und Jahre später wird sie dieselbe Person sein, die Ihn in Bethanien vor Seinem Leiden salbt – ein Dienst, den der Herr als Vorbereitung auf Sein Begräbnis würdigt (Matthäus 26:12). Während Martha meint zu wissen, was Jesus nötig hat, lässt Maria sich zeigen, was auf Seinem Herzen liegt. So bestätigt das Wort Gottes, was Samuel einst aussprach: „Siehe, Gehorchen ist besser als Schlachtopfer, Aufmerken besser als das Fett der Widder“ (1. Samuel 15:22). Gottes Freude liegt nicht zuerst in der Fülle unserer Aktivitäten, sondern darin, dass unser Tun aus einem hörenden, gehorchenden Herzen hervorgeht. Wo das Ohr bei Ihm ist, wird der Dienst leicht, weil er von Seinem Willen, nicht von unseren Vorstellungen getragen ist. Und dort, wo Dienst aus dem Hören hervorgeht, wächst stille Freude: nicht alles tun zu müssen, sondern das Richtige, das von Ihm Gewollte, zur rechten Zeit.

Und sie hatte eine Schwester mit Namen Maria, die sich auch zu den Füßen des Herrn niedersetzte und Seinem Wort zuhörte. (Lk. 10:39)

Martha aber war sehr beschäftigt mit vielem Dienen; sie trat aber hinzu und sprach: Herr, kümmert es dich nicht, daß meine Schwester mich allein gelassen hat zu dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfe! (Lk. 10:40)

Der Kontrast zwischen Martha und Maria lädt dazu ein, den eigenen Dienst in einem neuen Licht zu sehen. Hinter mancher Geschäftigkeit steckt Sehnsucht, dem Herrn zu gefallen, und doch wächst dabei innere Müdigkeit, wenn das Hören auf Sein Wort zu kurz kommt. Wer sich von Jesu sanfter Anrede „Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist not“ treffen lässt, entdeckt in Maria nicht ein unerreichbares Ideal, sondern eine Einladung: Nähe zu Ihm geht dem Tun voraus. Dort, zu Seinen Füßen, klärt sich, was wirklich nötig ist, und der Dienst wird vom Druck zur Antwort verwandelt – getragen von dem Wissen, dass das „gute Teil“ nicht genommen werden kann.

Mit dem Kreuz im Blick: Anteil am Herzen des Mensch-Erretters

Bethanien liegt am Rand Jerusalems, und doch ist es in den Evangelien ein Ort, an dem das Innerste des Herrn aufscheint. Lukas berichtet: „Es geschah aber, als sich die Tage seiner Aufnahme erfüllten, da richtete er sein Angesicht fest darauf, nach Jerusalem zu gehen“ (Lukas 9:51). Während Er im Haus von Martha und Maria sitzt, ist Sein Herz nicht beim Mahl, sondern beim Kreuz. Er weiß, dass Er nach Jerusalem geht, um den Weg des Leidens zu vollenden und als Mensch-Erretter bis zum Äußersten zu gehen. In diesem Licht bekommt die Szene in Bethanien ein besonderes Gewicht: Der Herr möchte nicht nur Gäste bewirtet wissen, sondern Menschen an seiner Seite haben, die Sein inneres Anliegen teilen – Seinen Gehorsam bis zum Tod, Seine Hingabe an den Willen des Vaters.

Weißt du, was im Herzen des Herrn war, während Er im Haus der Martha in Bethanien saß? Das Herz des Herrn war auf Seinen Tod gerichtet. Er wusste, dass Er nach Jerusalem gehen würde, um zu sterben. Er wollte, dass Seine Nachfolger ihre Werke, ihr Tun, beiseite legen und mit Ihm gehen, um gekreuzigt zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft sechsundzwanzig, S. 223)

Maria wird gerade darin zu einer nahen Vertrauten Jesu. Durch ihr Sitzen zu seinen Füßen wird sie innerlich mit dem verbunden, was auf Seinem Herzen ist. Wenn dann in einem späteren Mahl in Bethanien über sie geschrieben steht: „Denn als sie dieses Salböl über meinen Leib goß, tat sie es zu meinem Begräbnis“ (Matthäus 26:12), wird deutlich: Sie hat verstanden, dass der Weg ihres Herrn zum Grab führt. Ihr Handeln ist kein spontaner Einfall, sondern Frucht eines langen Hörens und Mitgehens. Während andere sich an äußeren Fragen aufreiben oder mit eigenen Plänen beschäftigt sind, tritt sie mit einer Tat hervor, die den Herrn selbst tröstet – ein Dienst, der nicht von natürlichem Eifer, sondern vom Einssein mit dem Kreuz geprägt ist. So deutet der Herr an, was Er von denen wünscht, die Er durch Seine barmherzige Liebe gerettet hat: nicht, dass sie Ihn mit eigenen Werken beeindrucken, sondern dass sie bereit werden, mit Ihm zu gehen – hinein in das Sterben des eigenen natürlichen Lebens, hinein in das Loslassen von selbsterdachtem Dienst, hinein in eine Nachfolge, in der Seine göttlichen Eigenschaften durch unsere geheiligten menschlichen Tugenden aufscheinen.

Darum bekommt die Unterscheidung von natürlichem Eifer und gekreuzigtem Dienst ein sanftes, aber ernstes Gewicht. Das natürliche Leben drängt nach Aktivität, nach Sichtbarkeit, nach Ergebnissen. Doch in der Gegenwart des Gekreuzigten wird deutlich, dass echter Dienst mit einem „Mit-Christus-gekreuzigt-Sein“ beginnt, in dem das Ich, das alles kontrollieren und festhalten will, losgelassen wird. Maria ist dafür ein stilles Bild: Ihre Salbung ist verschwenderisch in den Augen der Berechnenden, aber kostbar in den Augen dessen, der das Kreuz vor sich sieht. So wendet der Mensch-Erretter auch unseren Blick: vom Zählen und Planen hin zu einem Leben, das in der Gemeinschaft mit Seinem Kreuz steht. Ein solcher Weg ist nicht leicht, aber er führt in eine tiefe Freiheit: Die Last, etwas sein oder leisten zu müssen, weicht der Freude, in Seinem Willen stehen zu dürfen – auch wenn dieser Weg durch Schwachheit, Unscheinbarkeit oder Verlust hindurchführt.

ES geschah aber, als sich die Tage seiner Aufnahme erfüllten, da richtete er sein Angesicht fest darauf, nach Jerusalem zu gehen. (Lk. 9:51)

Denn als sie dieses Salböl über meinen Leib goß, tat sie es zu meinem Begräbnis. (Mt. 26:12)

Im Licht von Bethanien und Jerusalem wird deutlich, dass unser Dienst vor Gott untrennbar mit dem Kreuz verbunden ist. Wer sich wie Maria zu den Füßen Jesu aufhält, wird nach und nach mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn innerlich eins: Eigene Pläne verlieren an Dringlichkeit, Sein Weg gewinnt an Schönheit – selbst dort, wo er durch Verzicht und verborgenes Sterben führt. Dieser Wandel geschieht nicht auf einen Schlag, sondern im stillen Umgang mit Ihm. Doch gerade dort wächst ein Dienst heran, der nicht von der Unruhe des natürlichen Lebens, sondern von der Sanftheit und Kraft der göttlichen Liebe geprägt ist. Inmitten der Spannungen des Alltags darf so der Mut wachsen, nicht dem Lauten und Drängenden zu folgen, sondern dem leisen Ruf des Mensch-Erretters, der auf dem Weg nach Jerusalem Herzen sucht, die Sein Anliegen mittragen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 26