Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Vorbereitung des Menschen-Erretters in Seiner Menschlichkeit mit Seiner Göttlichkeit (3)

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Wenn Gott in die Geschichte eingreift, tut Er es oft leise, verborgen und weit entfernt von religiösem Glanz. Die frühen Kapitel im Lukasevangelium beschreiben genau eine solche unscheinbare, aber gewaltige Vorbereitung: Ein Kind wird auf erstaunliche Weise geboren, ein Priestersohn wächst nicht im Tempel, sondern in der Wüste auf, und ein einfacher Priester beginnt, über einen Retter zu reden, der zugleich Mensch und Gott ist. Hinter all dem steht ein roter Faden: Gott bereitet den Menschen-Erretter vor, indem Er in ganz normalen Lebensumständen – Geburt, Namensgebung, Wachstum – Seine göttliche Wirklichkeit mit echter Menschlichkeit verbindet.

Der Vorläufer: ein menschlich vorbereitetes Werkzeug Gottes

Wenn Lukas von der Geburt des Johannes berichtet, lenkt er den Blick nicht zuerst auf den späteren Prediger in der Wüste, sondern auf ein altes Ehepaar, das über seine eigenen Möglichkeiten hinausgegangen ist. „Für Elisabeth aber erfüllte sich die Zeit, daß sie gebären sollte, und sie gebar einen Sohn“ (Lk. 1:57). In dieser nüchternen Formulierung steckt ein stilles Wunder: Gott greift in eine erschöpfte, überalterte Menschlichkeit hinein, ohne die Grenzen der Schöpfung zu überschreiten. Die Empfängnis Johannes ist kein zweites Weihnachtswunder, keine Inkarnation, sondern ein Zeichen dafür, dass Gott Sein Werk durch ganz menschliche Gefäße beginnt. Der Junge, der geboren wird, ist nicht Gott und Mensch in einer Person, sondern „ein Mensch, der mit dem Geist Gottes erfüllt ist“, einer, den die göttliche Kraft berührt, ohne dass er die göttliche Natur trägt.

Die Empfängnis Johannes’ war Gottes Wunder, vollbracht mit der überalterten menschlichen Wesenheit, einfach durch die göttliche Kraft, ohne dass die göttliche Wesenheit beteiligt war. Daher war das Ergebnis dieser Empfängnis einfach ein Mensch, einer, der mit dem Geist Gottes erfüllt war (1,15), der aber die Natur Gottes nicht hatte. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünf, S. 39)

Dass Johannes von Mutterleib an mit Heiligem Geist erfüllt sein wird (Lk. 1:15), macht ihn nicht übermenschlich, sondern durchlässig. Er bleibt Staub und doch vom Geist besetzt. So zeichnet Gott ein Bild von dem, was Er mit Menschen tun will, die Er für den Dienst an Christus vorbereitet: Er übergeht ihre Grenzen nicht, sondern nimmt sie ernst, berührt sie, erfüllt sie und gebraucht sie. Es ist tröstlich, daß die Vorbereitung des großen Vorläufers bei einem alten, müden Priesterpaar beginnt. An der Schwachheit dieses Hauses wird sichtbar, dass der Weg des Menschen-Erretters nicht von menschlicher Stärke, sondern von göttlicher Treue getragen ist. Wer sich in seiner eigenen Überalterung, Enttäuschung oder Begrenzung wiederfindet, darf sich in Zacharias und Elisabeth erkennen: Gottes vorbereitendes Wirken setzt gerade dort an, wo wir bei uns selbst nichts mehr erwarten.

Die Beschneidung des Kindes am achten Tag zeigt, wie ernst Gott die Ordnungen nimmt, die Er selbst gegeben hat: „Und am achten Tag soll das Fleisch seiner Vorhaut beschnitten werden“ (3.Mose 12:3). Die Szene, die Lukas beschreibt, wirkt beinahe alltäglich: Verwandte versammeln sich, das Gesetz wird erfüllt, man folgt den vertrauten Bräuchen. Und doch geschieht mitten in diesen geregelten Abläufen etwas Ungewöhnliches. Die Umstehenden wollen das Kind nach seinem Vater benennen, „Zacharias“, ganz im Sinne der Familientradition (Lk. 1:59). Aber der Himmel hat bereits einen anderen Namen bestimmt. Elisabeth widerspricht, Zacharias schreibt mit gelöster Zunge: „Johannes ist sein Name“ (Lk. 1:63).

In diesem Namen liegt ein neuer Ton. „Johannes“ bedeutet „Jahwe ist gnädig“. Nicht mehr die Erinnerung an den priesterlichen Vater bestimmt die Zukunft des Kindes, sondern die Zusage einer kommenden Gnade. Gott setzt Sein vorbereitendes Zeichen nicht dadurch, dass Er alle Formen sprengt, sondern indem Er innerhalb der gegebenen Form einen neuen Inhalt einträgt. Die Beschneidung bleibt, aber der Name wird neu. So bahnt sich Gottes Rettungswerk einen Weg, der weder blinde Traditionspflege noch radikaler Traditionsbruch ist. Es ist ein stilles, aber deutliches „Dazwischen“: Er respektiert, was Er selbst gegeben hat, und doch lässt Er darin etwas aufgehen, das über alle Gewohnheit hinausweist. Darin liegt Ermutigung für Zeiten, in denen alles festgefügt und vorgegeben scheint: Gott ist nicht an alte Namen gebunden; mitten im Vertrauten kann Er eine andere Wirklichkeit aussprechen.

FÜR Elisabeth aber erfüllte sich die Zeit, daß sie gebären sollte, und sie gebar einen Sohn. (Lk. 1:57)

Und er forderte ein Täfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und sie wunderten sich alle. (Lk. 1:63)

Der Weg Johannes des Täufers erzählt, wie Gott ein rein menschliches Leben so berührt, ordnet und absondert, dass es zum geisterfüllten Werkzeug für den Dienst an Christus wird – mitten in gesetzlicher Ordnung, gegen blinde Tradition und durch lange Wüstenzeiten hindurch.

Christus – Horn des Heils in der Menschheit, aufgehende Sonne in der Gottheit

Als Zacharias nach Monaten des Schweigens wieder reden kann, bricht aus ihm kein persönlicher Bericht aus, sondern ein Lobpreis, der den kommenden Christus in den Mittelpunkt stellt. „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, daß er sein Volk angesehen und (ihm) Erlösung geschafft hat. Er hat uns ein Horn des Heils aufgerichtet im Hause Davids, seines Knechtes“ (Lk. 1:68–69). Das Bild des Horns stammt aus der Welt des Heiligtums und der Herden: Hörner sind Zeichen von Kraft und Schutz, von durchsetzungsfähiger Stärke. Indem Zacharias Christus „Horn des Heils im Haus Davids“ nennt, bekennt er: Gottes Rettung bricht innerhalb einer menschlichen Linie durch. Der Retter ist nicht ein abstraktes Prinzip, sondern der Sohn Davids, ein wirklicher Mensch, eingezeichnet in die Geschichte Israels.

Gott handelte erlösend zur Errettung Seines Volkes, indem Er Christus als ein Horn des Heils im Haus Davids in Seiner Menschheit und als die aufgehende Sonne aus der Höhe in Seiner Gottheit erweckte durch Gottes reiche Barmherzigkeit gemäß Seinem heiligen Bund (V. 68-73, 76-79). (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünf, S. 41)

Das Horn verweist auf wirksame, kämpfende Rettung. Erlösung bleibt nicht Idee; sie stößt sich an Feinden, Widerstand, Hass. „Rettung von unseren Feinden und von der Hand aller, die uns hassen“ (Lk. 1:71) gehört untrennbar zu diesem Bild. In Christus nimmt Gott die Begrenzungen und Konflikte menschlicher Geschichte ernst, indem Er selbst in diese Geschichte eintritt. Der Gott Israels errichtet Sein Horn nicht im Himmel, sondern „im Hause Davids“. So wird die Menschlichkeit Jesu nicht zur Nebensache, sondern zum Ort, an dem Gottes rettende Macht sichtbar wird. Wenn der Menschen-Erretter als Horn des Heils erscheint, bedeutet das: Gott stellt inmitten von Schwäche und Bedrängnis eine unübersehbare Kraft auf, die nicht aus menschlicher Herkunft, sondern aus göttlicher Initiative stammt, aber gerade durch menschliche Herkunft sichtbar wird.

Daneben entfaltet Zacharias ein zweites Bild, das nicht mehr von unten, sondern von oben her leuchtet: „wegen der barmherzigen Erbarmungen unseres Gottes, in denen uns die aufgehende Sonne aus der Höhe besuchen wird, um denen zu leuchten, die in der Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu lenken“ (Lk. 1:78–79). Hier wird Christus nicht als Horn im Haus Davids, sondern als aufgehende Sonne aus der Höhe beschrieben. Die Sprache wechselt von Kraft zu Licht, von Kampf zu Besuch, von Haus Davids zu Höhe Gottes. Dass diese Sonne „aufgeht“, macht deutlich: Gottes Tag bricht an, nicht durch menschliche Erleuchtung, sondern durch ein neues Hereinbrechen Seiner Gegenwart.

Diejenigen, die diese Sonne besucht, „sitzen in der Finsternis und im Schatten des Todes“. Das ist mehr als politische Bedrängnis; es ist das tiefe Dunkel, das sich über das Herz legt, wenn Schuld, Angst und Entfremdung von Gott das Leben bestimmen. Der Menschen-Erretter als aufgehende Sonne ist die göttliche Antwort darauf. Er bringt nicht nur Orientierung, sondern Wärme und Lebenskraft. Und Er lenkt unsere Füße „auf den Weg des Friedens“ – einen Weg, auf dem Versöhnung mit Gott und mit Menschen miteinander verbunden werden. Als Jesus später sagt: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“ (Johannes 9:5), greift er diese frühe Prophetie auf: dieselbe Sonne, die im Lob des Zacharias aufgeht, steht nun mitten unter den Menschen.

Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, daß er sein Volk angesehen und (ihm) Erlösung geschafft hat. Er hat uns ein Horn des Heils aufgerichtet im Hause Davids, seines Knechtes, (Lk. 1:68-69)

Rettung von unseren Feinden und von der Hand aller, die uns hassen; (Lk. 1:71)

Das doppelte Bild vom „Horn des Heils im Hause Davids“ und von der „aufgehenden Sonne aus der Höhe“ öffnet den Blick für den Menschen-Erretter als zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott, der als kraftvolle Rettung in unsere Geschichte eintritt und als göttliches Licht unsere Finsternis durchbricht und unsere Schritte auf den Weg des Friedens lenkt.

Befreit zum priesterlichen Leben in Heiligkeit und Gerechtigkeit

Im Lobgesang des Zacharias ist bemerkenswert, dass die Rede von Rettung fast nahtlos in die Rede vom Dienst übergeht. Nachdem er die Erlösung und das Horn des Heils besungen hat, fasst er das Ziel Gottes in einem Satz zusammen: „daß wir, gerettet aus der Hand unserer Feinde, ohne Furcht ihm dienen sollen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle unsere Tage“ (Lk. 1:74–75). Rettung bleibt hier nicht bei der Befreiung aus fremder Hand stehen, sondern öffnet einen Raum vor Gott. Das Wort „dienen“ trägt den Sinn des priesterlichen Dienstes: Es geht um ein Leben, das wie der Dienst der Priester im Alten Bund ausgerichtet ist auf Gottes Gegenwart, auf Sein Haus, auf Sein Wohlgefallen.

„Uns zu geben, dass wir, aus der Hand unserer Feinde errettet, Ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor Ihm alle unsere Tage.“ Wörtlich bedeutet das Wort, das in Vers 74 mit „dienen“ wiedergegeben ist, „als Priester dienen“. Dieser Dienst geschieht in Heiligkeit und Gerechtigkeit. Heiligkeit bezieht sich vor allem auf Gott, Gerechtigkeit vor allem auf die Menschen. (Witness Lee, Life-Study of Luke, Botschaft fünf, S. 43)

Heiligkeit und Gerechtigkeit markieren dabei die beiden grundlegenden Richtungen dieses Lebens. Heiligkeit beschreibt die Ausrichtung zu Gott hin – ein Abgesondertsein, das nicht zuerst moralische Sonderstellung meint, sondern Zugehörigkeit. Ein heiliges Leben ist ein Leben, das zu Gott hin abgesondert und mit Gott durchsättigt ist. Gerechtigkeit dagegen beschreibt das Verhalten den Menschen gegenüber: zuverlässig, wahrhaftig, dem anderen nicht das Vorenthaltend, was ihm zusteht. In der Verbindung von Heiligkeit und Gerechtigkeit wird deutlich, dass Gottes vorbereitende Rettung den ganzen Menschen im Blick hat: seine verborgene Beziehung nach oben und sein sichtbares Handeln nach außen.

In diesem Licht wird auch der Auftrag des Vorläufers neu verständlich. Zacharias wendet sich seinem Kind zu und spricht: „Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten, um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden“ (Lk. 1:76–77). Wegbereitung geschieht nicht in erster Linie durch äußere Reformen, sondern indem Menschen „Erkenntnis des Heils“ gewinnen – einen klaren Blick darauf, worin Rettung besteht: in der Vergebung der Sünden und in einem neuen Leben vor Gott. Johannes soll nicht sich selbst groß machen, sondern Herzen aufbrechen, damit sie den kommenden Menschen-Erretter erkennen und Seinem Weg Raum geben.

So wird deutlich, wie eng Gottes vorbereitende Gnade und das praktische Leben Seines Volkes zusammengehören. Die Barmherzigkeit, von der Zacharias spricht – „wegen der barmherzigen Erbarmungen unseres Gottes“ (Lk. 1:78) – bleibt nicht ein Gefühl, das über Schuld hinwegsieht. Sie nimmt den Menschen hinein in einen neuen Alltag. Die aufgehende Sonne aus der Höhe leuchtet denen, die in Finsternis sitzen, nicht nur, um sie zu trösten, sondern „um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu lenken“. Frieden wird hier nicht als Stimmung beschrieben, sondern als Weg – ein gelebter, durch Gottes Licht gelenkter Kurs. Priesterliches Leben in Heiligkeit und Gerechtigkeit ist nichts Entrücktes; es geschieht mitten in der Welt, getragen von einer Rettung, die von der Wurzel der Sünde her erneuert.

daß wir, gerettet aus der Hand unserer Feinde, ohne Furcht ihm dienen sollen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor ihm alle unsere Tage. (Lk. 1:74-75)

Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden; denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, seine Wege zu bereiten, um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben in Vergebung ihrer Sünden, (Lk. 1:76-77)

Gottes vorbereitende Rettung zielt darauf, ein Volk hervorzubringen, das aus der Vergebung der Sünden heraus in einem priesterlichen Lebensstil steht – furchtlos vor Gott, in Heiligkeit zu Ihm hin und in Gerechtigkeit zu den Menschen hin, von der barmherzigen Sonne Christi erleuchtet und auf den Weg des Friedens gelenkt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Luke, Chapter 5