Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Leben ganz gemäß und für Gottes neutestamentliche Ökonomie (14)

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Viele Christinnen und Christen sehnen sich danach, Jesus nachzufolgen, und bleiben doch innerlich frustriert, weil ihr Leben nicht so aussieht, wie sie es sich vorstellen. Manchmal gleicht unser Inneres eher einem verwilderten Acker voller Bruchstellen und Widersprüche als einem fruchtbaren Feld für Gott. Das Markusevangelium zeichnet ein realistisches Bild: Gottes Volk ist von Gott als fruchtbarer Boden gedacht, aber tatsächlich krank, gelähmt, verunreinigt – und dennoch gibt Christus dieses „Erdreich“ nicht auf, sondern macht es durch sein Werk am Kreuz neu fähig, sein Leben in sich zu tragen.

Gottes auserwähltes Volk als Boden für den Samen des Reiches

Wenn Jesus im Markusevangelium auftritt, erscheint Er nicht zuerst als Gesetzgeber, der neue Verhaltensregeln fordert, sondern als der Sämann, der etwas von sich selbst austeilt. Er bringt nicht nur eine Botschaft, Er ist die Botschaft – der Same des Königreiches Gottes, der in Menschenherzen gelegt wird. „Das Königreich Gottes ist so: Wie wenn ein Mensch den Samen auf die Erde wirft“ (Mk. 4:26). In diesem schlichten Bild steckt eine ungeheure Tiefe: Gottes ewiger Vorsatz ist nicht, eine fromme Organisation aufzubauen, sondern eine lebendige Saat in vorbereiteten Boden zu senken, damit Sein eigenes Leben wachsen und Gestalt gewinnen kann. Schon in 1. Mose ist der Mensch aus Erde gebildet, damit er ein Gefäß und ein Acker für Gottes Leben sei. Israel wird später aus Ägypten herausgeführt, damit es im Land, das von Milch und Honig fließt, Gott selbst genießen und Ihn darstellen kann – ein ganzes Volk als „Ackerland“ für Gottes Herrschaft.

Dann säte Er in Seinem Dienst Sich selbst als den Samen des Reiches in Gottes auserwähltes Volk. Dieser Same entwickelt sich zum Reich Gottes. Einerseits ist das Reich Gottes für die Erfüllung von Gottes ewigem Vorsatz; andererseits ist das Reich Gottes zu unserer Freude. Lasst uns nun fortfahren zu sehen, wie Gottes auserwähltes Volk der „Boden“ ist, in den Christus als der Same des Reiches gesät wird, um sich zum Reich Gottes zu entwickeln. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft fünfundsechzig, S. 548)

Doch wie findet der Sohn Gottes diesen Boden vor, als Er nach Galiläa kommt? Markus verschweigt nicht, wie tief beschädigt dieser Boden ist. Menschen sind von unreinen Geistern geplagt, sie sind krank, gelähmt, verdorrt, blind, taub, stumm und innerlich ohne Kraft. Ihre äußere Religion und ihre Kultur wirken geordnet, aber der innere Boden ist verkrustet, vergiftet, überwuchert. „Die Zeit ist erfüllt und das Königreich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Mk. 1:15) – gerade diese Worte zeigen, wie nah das Reich ist und zugleich, wie ungeeignet der vorhandene Boden für dieses Reich geworden ist. Bevor Christus uns fand, waren auch wir nicht neutrale Menschen, die ein bisschen Hilfe brauchten, sondern Boden, der zwar von Gott erwählt, aber durch Sünde, religiöse Selbstsicherheit und kulturelle Prägung tief verwundet war.

Wie geht Jesus mit diesem Boden um? Er sucht nicht die besonders Begabten, die religiös Hochstehenden oder moralisch Vorbildlichen, sondern ruft einfache Fischer am See von Galiläa. „Und Jesus sprach zu ihnen: Kommt mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen; und sogleich verließen sie die Netze und folgten ihm nach“ (Mk. 1:17–18). Diese Männer sind kein gepflegtes Gartenland, sondern innerlich von denselben Schwächen gezeichnet wie die Menge um sie her. Petrus ist unbeständig, Jakobus und Johannes sind ehrgeizig, alle sind von Traditionen durchzogen. Doch gerade diesen „problematischen“ Boden nimmt Christus in Anspruch. Nachfolge bedeutet darum zuinnerst nicht, für Jesus Leistungen zu erbringen, sondern sich von Ihm sammeln zu lassen, damit Er sich selbst als Same in uns hineinlegt.

In diesem Licht wird Jüngerschaft zu etwas sehr Tröstlichem: Der Herr wartet nicht, bis der Boden gut genug ist, um zu säen. Er säet, weil wir erwählt sind, und nimmt den Zustand des Bodens auf sich. Er lässt uns spüren, wie wenig tragfähig unsere eigene Frömmigkeit, Moral oder Kultur sind – nicht um uns zu entmutigen, sondern damit wir erkennen, was Er in uns hineinlegen will. Wo ein Mensch sich von diesem Blick gewinnen lässt und innerlich sagt: „Herr, ich bin dieser Boden“, dort beginnt eine neue Geschichte. Dann ist unser Versagen nicht mehr das letzte Wort, sondern der dunkle Hintergrund, auf dem das zarte, aber unzerstörbare Leben des Reiches Gottes zu keimen beginnt. Das macht gelassen: wir müssen uns nicht selbst in einen Garten verwandeln; wir dürfen uns Christus als Boden zur Verfügung halten und erwarten, dass Sein Same stärker ist als die Schäden des Feldes.

Und Er sagte: Das Königreich Gottes ist so: Wie wenn ein Mensch den Samen auf die Erde wirft (Mk. 4:26)

und sagte: Die Zeit ist erfüllt und das Königreich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium! (Mk. 1:15)

Wer sich als Boden versteht, wird weniger beschäftigt sein, etwas für Gott zu „produzieren“, und stärker aufmerksam auf das, was Gott in ihm wachsen lassen möchte. In dieser Haltung verlieren unsere Unzulänglichkeiten etwas von ihrer Schwere: sie beschreiben nicht mehr, wer wir letztlich sind, sondern nur, wie der Acker aussah, als der Sämann kam. Hoffnung erwacht, wo ein Mensch beginnt, sein Leben unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten: Christus hat mich erwählt als Erdreich für Sein eigenes Reich.

Heilung des Bodens durch Tod und Auferstehung Christi

Dass Gottes auserwähltes Volk Boden für den Samen des Reiches ist, stellt ein Problem: Der Boden ist nicht nur schwach, sondern innerlich krank. Ein solcher Acker lässt zwar etwas wachsen, doch bringt er Dornen, Unkraut und bittere Frucht hervor. Der Herr könnte diesen Boden theoretisch verwerfen und einen besseren suchen – aber das widerspräche dem, was im Herzen Gottes seit der Grundlegung der Welt beschlossen ist. Seine Erwählung ist keine Laune, die man rückgängig machen könnte. Gerade deshalb wird im Markusevangelium deutlich, dass Jesus die Jünger nicht loswird, obwohl sie so unzuverlässig sind. Er hat sie nicht, weil sie brauchbar wären; sie werden brauchbar, weil Er sie erwählt hat. Nur: Erwählung allein ändert den Zustand des Bodens noch nicht.

Aber der Herr kann die nicht verwerfen, die von Gott auserwählt und vor Grundlegung der Welt vorherbestimmt wurden. In einem sehr realen Sinn hatte der Herr Jesus keine Wahl. Die Jünger waren gekennzeichnet, vorherbestimmt. Wie konnte Er sie ablehnen? Der Vater hatte sie vor Grundlegung der Welt auserwählt, und der Herr war gekommen, um den Willen Gottes, des Vaters, zu tun. Daher konnte Er die Jünger nicht beiseite setzen, obwohl sie als Boden in einem so erbärmlichen Zustand waren. Was konnte der Herr also in Bezug auf den Boden tun? Wie das Markus-Evangelium zeigt, war es für Ihn notwendig, diesen Boden zu heilen und ihn in guten Boden zu verwandeln. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft fünfundsechzig, S. 550)

Moralische Appelle, selbst die besten, vermögen diesen Boden nicht zu erneuern. Auch eine dichtere religiöse Praxis – mehr Gebet, mehr Leistung, mehr Disziplin – kann das innere Erdreich nicht heilen. Was nötig ist, ist eine radikale, tiefgreifende Behandlung, die an die Wurzel geht. Daher sehen wir im Dienst Jesu eine Fülle von Heilungen, Befreiungen und Wiederherstellungen. Diese Wunder sind mehr als spektakuläre Einzelereignisse; sie sind Zeichen einer umfassenden Bodenheilung. Wenn ein Gelähmter aufsteht, ein Aussätziger gereinigt und ein Besessener befreit wird, dann wird sichtbar, was Christus mit dem gesamten, von Gott auserwählten Volk vorhat: den Boden von seiner Krankheit zu lösen und ihn zu guter Erde zu machen. Dass Er dabei den Weg ans Kreuz wählt, zeigt die Tiefe dieses Problems – der Boden ist nicht nur verletzt, er ist durch Sünde tot.

In Seinem Tod nimmt Christus diesen todkranken Boden mit sich hinein. Der Apostel Paulus bezeugt, dass wir „mit Christus gekreuzigt“ sind und dass wir mit Ihm in ein neues Leben auferweckt worden sind (vgl. Röm. 6). Damit sagt Gott über unseren alten Zustand das endgültige Urteil: Er ist nicht zu reparieren, sondern muss mit Christus sterben. Zugleich lässt Er in der Auferstehung einen neuen Menschen entstehen, der aus derselben Kraft lebt, die Christus aus dem Grab herausgeführt hat. So wird der innere Boden nicht einfach nur umgepflügt, sondern gewandelt. „Denn die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart aus Glauben zum Glauben“ (Röm. 1:17) – dieses Evangelium ist nicht nur eine Rechtsverfügung im Himmel, sondern die Mitteilung eines Lebens, das den Boden wirklich verändert.

Die Apostelgeschichte zeigt, wie diese Heilung des Bodens praktisch wird. Dieselben Jünger, die im Garten Gethsemane fliehen, stehen wenige Wochen später vor der Menge und bezeugen furchtlos den auferstandenen Christus. Was hat sich verändert? Nicht ihr Temperament, nicht ihre kulturelle Prägung, sondern die innere Bewohnung durch den auferstandenen Herrn. Der ehemals harte, ängstliche Boden ist von der Kraft Seiner Auferstehung durchzogen. Aus diesem erneuerten Erdreich wachsen Worte, Haltungen und Entscheidungen, die nicht mehr aus der alten Natur stammen. In diesem Sinn ist jeder Schritt, in dem wir uns dem Kreuz und der Auferstehung Christi öffnen, ein weiterer Abschnitt dieser Bodenheilung.

Denn die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte aber soll durch Glauben Leben haben und leben.“ (Röm. 1:17)

Die Heilung des Bodens durch Tod und Auferstehung Christi schenkt einen neuen Umgang mit der eigenen Geschichte. Vergangenes Versagen verliert seinen absoluten Charakter, weil Gott es in das Kreuz hineingenommen hat. Zugleich wächst eine leise Erwartung, dass auch die festgefahrenen Zonen des Herzens nicht auf ewig so bleiben müssen. Die Kraft des auferstandenen Christus ist nicht fern; sie ist das Leben, das Gott uns geschenkt hat und das unseren Boden Schritt für Schritt in gute Erde verwandelt.

Das Reich Gottes als Person, die in uns wächst – und der Kampf mit den „Unkräutern“

Wenn Jesus vom Königreich Gottes spricht, meint Er nicht zuerst einen zukünftigen Ort mit festen Strukturen, sondern eine gegenwärtige Wirklichkeit, die mit Seiner Person untrennbar verbunden ist. Der König und das Reich lassen sich im Neuen Testament nicht voneinander trennen: Wo Christus als Leben in Menschen wohnt, dort ist das Reich als innere Herrschaft und als wachsendes Leben gegenwärtig. Die Gleichnisse in Markus 4 machen das deutlich. Der Sämann ist Christus, der Same ist Christus, und was wächst, ist Christus in Seinem Volk. „Und anderes fiel in die gute Erde und gab Frucht, indem es aufging und wuchs; und es trug bis zu dreißig- und sechzig- und hundert(fach)“ (Mk. 4:8). Das Reich Gottes ist darum nicht in erster Linie ein System von Forderungen, sondern eine Person, die in uns aufgehen und wachsen will.

Die Jünger wurden dann zu einer anderen Art von Boden, zum guten Boden, und sie begannen, Christus wachsen zu lassen. In den frühen Kapiteln der Apostelgeschichte sehen wir, dass die Jünger guter Boden waren, der Christus hervorbrachte. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft fünfundsechzig, S. 552)

Paulus fasst diese Wirklichkeit mit den Worten: „das Königreich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm. 14:17). Gerechtigkeit, Friede und Freude sind nicht lediglich Tugenden, die wir uns aneignen sollen, sondern Ausdruck dessen, dass Christus in uns Gestalt gewinnt. Wo Er in uns regiert, beginnen unsere Beziehungen von Seiner Gerechtigkeit geprägt zu werden, unsere innere Unruhe wird von Seinem Frieden durchdrungen, und statt schwerem Pflichtgefühl entsteht eine Freude, die tief in Gott verwurzelt ist. Dieses Wachstum ist meist leise; es geschieht im Verborgen, wie der Same in der Erde, den der Sämann „schläft und aufsteht, Nacht und Tag“ (vgl. Mk. 4:27), und der doch unaufhaltsam keimt und Frucht bringt.

Gleichzeitig kennt das Neue Testament die Realität der „Unkräuter“, die dieses Wachstum bedrängen. Nicht alles, was in unserem Inneren wächst, stammt aus dem Samen Christi. Da sind religiöse Prägungen, kulturelle Muster, Ehrgeiz, Angst, der Wunsch, geistlich etwas darzustellen – vieles davon ist nicht auf den ersten Blick böse, aber es beansprucht Raum und Nahrung auf dem Feld unseres Herzens. In der Geschichte des Petrus wird dies sichtbar. Obwohl er von Christus gefunden und geheilt worden ist, gerät er später unter den Druck religiöser und kultureller Erwartungen und zieht sich von den Heidenchristen zurück (vgl. Gal. 2). Hier wächst Unkraut mitten im guten Ackerboden: die alte Furcht vor Menschen, die Bindung an Tradition, das Bedürfnis nach Anerkennung.

Solche Unkräuter kennen auch wir: weichgespülte Formen des Evangeliums, die Christus durch Moralismus ersetzen; geistliche Leistungen, die an die Stelle des einfachen Vertrauens treten; kulturelle Selbstverständlichkeiten, die uns unbemerkt wichtiger werden als die Stimme des Herrn. Sie ersticken das feine Wachstum des wahren Samens, weil sie unsere Aufmerksamkeit und Energie absorbieren. Das Neue Testament ruft uns darum nicht dazu auf, das Reich Gottes als äußere Ordnung zu perfektionieren, sondern den Blick immer wieder auf Christus selbst zu richten. Wo Er im Mittelpunkt steht, werden Unkräuter sichtbar – nicht, um uns zu lähmen, sondern um sie dem Licht auszusetzen und dem wahren Leben Raum zu schaffen.

Und anderes fiel in die gute Erde und gab Frucht, indem es aufging und wuchs; und es trug bis zu dreißig- und sechzig- und hundert(fach). (Mk. 4:8)

denn das Königreich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. (Röm. 14:17)

Das Bewusstsein, dass das Reich Gottes in erster Linie die wachsende Gegenwart Christi in uns ist, schenkt Freiheit von äußerem Druck und öffnet für eine ehrliche Innenschau. Religiöse und kulturelle Unkräuter verlieren ihre Macht, wenn sie im Licht dieser Person erkannt werden. So wird der Alltag, mit all seinen Spannungen und Bruchlinien, zum Feld, auf dem der König Sein leises, aber machtvolles Wachstum fortsetzt – bis Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist nicht nur gelegentliche Erfahrungen, sondern der atmende Rhythmus unseres Lebens werden.


Herr Jesus Christus, danke, dass du dich selbst als den lebendigen Samen des Reiches Gottes in unser zerbrochenes und oftmals so widersprüchliches Inneres säst. Du gibst den Boden, den der Vater erwählt hat, nicht preis, sondern nimmst ihn mit an dein Kreuz und lässt ihn in deiner Auferstehung neu werden. Wo wir uns als krank, verdorrt oder überwuchert von Unkraut erleben, bist du nicht fern, sondern als der Sämann ganz nahe. Lass dein Leben in uns tiefer Wurzel fassen und das wachsen, was du von Ewigkeit her mit uns vorhast: dass du selbst in uns Gestalt gewinnst. Vergib, wo andere Dinge – Religion, Kultur, eigene Vorstellungen von Frömmigkeit – deinen Platz eingenommen haben, und schenke uns einen klaren Blick für deine neutestamentliche Ökonomie, damit dein Reich in Gerechtigkeit, Frieden und Freude im Heiligen Geist mitten in unserem Alltag aufleuchtet. Bewahre unsere Herzen in der Zuversicht, dass du das gute Werk, das du als Same in uns begonnen hast, auch vollenden wirst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 65