Das Wort des Lebens
lebensstudium

Ein Leben ganz gemäß und für Gottes neutestamentliche Ökonomie (2)

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Viele Christen sehnen sich nach einem gottseligen Leben und orientieren sich an praktischen Ratschlägen, geistlichen Vorbildern und bewährten Traditionen. Doch mitten in allem Eifer kann unbemerkt eine Mischung entstehen: ein Teil lebt aus Gottes Leben in Christus, ein anderer Teil aus religiösen Formen, Moral und kulturellen Prägungen. Die Bibel stellt zwei sehr unterschiedliche Arten zu leben nebeneinander – eine graue, gemischte Frömmigkeit und das klare, einheitliche Leben Jesu im Markusevangelium. Diese Gegenüberstellung hilft zu erkennen, worum es Gott in seiner neutestamentlichen Ökonomie wirklich geht: dass er sich selbst in sein auserwähltes Volk hineingibt, damit Christus einen Leib zu seiner Ausdruck hat.

Gottes neutestamentliche Ökonomie: Gott selbst als Leben in seinem Volk

Wenn das Neue Testament von Gottes Ökonomie spricht, öffnet sich kein verwickeltes Lehrsystem, sondern das Herz Gottes selbst. Er handelt nicht zuerst, um eine bessere Religion aufzurichten, sondern um sich selbst mitzuteilen. In seinem Heilsplan geht es darum, dass der Dreieine Gott in Christus und durch den Geist in Menschen Wohnung nimmt, die von sich aus fern und zerstreut sind. Paulus fasst dieses Geheimnis nicht in Definitionen, sondern in ein persönliches Bekenntnis: „Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2:20). Das ist die Sprache eines Menschen, dessen inneres Zentrum ausgetauscht wurde. Gnade bedeutet hier mehr als Vergebung; sie bedeutet, dass Gottes eigenes Leben in uns einzieht und unsere Quelle wird.

Gottes neutestamentliche Ökonomie besteht darin, Sich Selbst in Sein auserwähltes Volk hineinzuwirken, um es zu Gliedern Christi zu machen, damit Christus einen Leib für Seinen Ausdruck hat. In dieser Beschreibung von Gottes Ökonomie erkennen wir einige wichtige Punkte: dass Gott Sich Selbst in Sein auserwähltes Volk hineinarbeiten will; dass Gott Sein Volk zu Gliedern des Leibes Christi, der Gemeinde, machen will; und dass der Leib Christi für den Ausdruck Christi da ist. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft dreiundfünfzig, S. 456)

Von hier aus wird deutlich, warum Gottes neutestamentliche Ökonomie nicht mit Gesetz, Moral oder religiöser Ordnung verwechselt werden darf. All das kann den Menschen formen, aber es kann ihm kein neues Leben geben. Gott aber will sich selbst „in sein auserwähltes Volk hineinarbeiten“, damit aus einzelnen Glaubenden Glieder Christi werden, die gemeinsam seinen Leib bilden und ihn auf der Erde ausdrücken. Darum ist jede Verschiebung des Schwergewichts – hin zu Regeln, Traditionen oder menschlicher Vorbildlichkeit – eine Entleerung der Mitte. Es mag geordnet, ernsthaft, eindrucksvoll wirken, und doch bleibt es an der Oberfläche, wenn nicht Gott selbst in uns lebt und wirkt.

Die Schrift beschreibt diesen inneren Wechsel der Mitte nicht abstrakt, sondern als Lebensrichtung: „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe“ (Galater 2:19). Wer Gott lebt, handelt nicht gesetzlos, aber er handelt nicht mehr als Gefangener von Vorschriften. Er lebt aus einem Anderen. Wo dieses Leben Raum bekommt, entsteht etwas, das kein Mensch konstruieren kann: der Leib Christi, ein gemeinsames Leben aus vielen Personen, eine neue Menschenart, die durch Christus als gemeinsames Leben bestimmt ist. Hier verlieren Herkunft, Frömmigkeitsstil und kulturelle Prägung ihre trennende Macht. Nicht weil sie verschwinden, sondern weil sie relativ werden gegenüber der einen, göttlichen Quelle.

Ermutigend ist: Dieses Leben ist nicht wenigen besonders Berufenen vorbehalten. Es beginnt dort, wo ein Mensch sich von der Vorstellung löst, er müsse zuerst besser werden, um passend zu sein, und stattdessen Christus Raum gibt, in ihm zu wohnen und zu leben. Wo ein Herz sich so vor Gott öffnet, berührt es schon das Zentrum seiner Ökonomie. Schritt um Schritt lernt es, die eigene Kraft loszulassen und das Leben des Sohnes zuzulassen – ein unscheinbarer, aber tiefgreifender Weg, auf dem Christus Gestalt gewinnt und auf dem das eigene Leben Teil des Ausdrucks seines Leibes wird.

Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. (Gal. 2:19)

Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)

Wer Gottes neutestamentliche Ökonomie so versteht, hört auf, sich an der Oberfläche des Glaubens aufzuhalten und beginnt, auf das innere Leben zu achten: Was treibt mich? Was nährt mich? In allem, was gelingt oder misslingt, bleibt die eigentliche

Zwei Arten zu leben: graue Mischung oder klares Leben aus Christus

Im Neuen Testament stehen einander zwei geistliche Atmosphären gegenüber. In der einen herrscht eine Frömmigkeit, die sich stark an alttestamentlichen Vorbildern, Gesetzeslogik und moralischer Konsequenz orientiert. Sie kennt den Namen Jesu, bleibt aber innerlich noch von der alten Ordnung geprägt. In der anderen Atemluft begegnet uns das Leben Jesu selbst, wie es im Markusevangelium sichtbar wird: der Knecht-Erretter, der im Verborgenen betet, im Geist handelt, den Willen des Vaters sucht und Menschen dient, ohne sich durch Tradition oder Gruppendruck bestimmen zu lassen. Beide Lebensweisen können sich äußerlich sehr ähnlich zeigen; der Unterschied liegt darin, aus welcher Quelle sie schöpfen.

Wie bereits erwähnt, erkennen wir beim Vergleich des Jakobusbriefes mit dem Markus-Evangelium, dass diese Bücher zwei Arten von Leben darstellen. Im Jakobusbrief sehen wir etwas vom Leben des Jakobus, im Markus-Evangelium sehen wir das Leben des Herrn Jesus. Jedes dieser Bücher hilft uns, das andere zu verstehen. Erst wenn wir diese beiden Bücher miteinander vergleichen und die zwei Leben sehen, die in ihnen offenbart werden, erhalten wir ein richtiges Verständnis sowohl des Jakobusbriefes als auch des Markus-Evangeliums. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft dreiundfünfzig, S. 456)

Der Konflikt in Antiochia legt diesen Unterschied offen. Zunächst lebte Petrus mit den Gläubigen aus den Nationen eine unbefangene Gemeinschaft, die Christus als einziges Band ernst nahm. Dann trafen Brüder ein, die im Einflussbereich von Jakobus standen, und die alte Scheidelinie zwischen Juden und Nationen meldete sich zurück. „Denn bevor einige von Jakobus kamen, hatte er mit (denen aus) den Nationen gegessen; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, da er sich vor denen aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die übrigen Juden, so daß selbst Barnabas durch ihre Heuchelei mit fortgerissen wurde“ (Galater 2:12–13). Hier wirkt keine offene Verleugnung Christi, sondern eine graue Mischung: Christus plus religiöse Identität, Evangelium plus Rücksicht auf fromme Erwartungen.

Paulus sieht in dieser gemischten Frömmigkeit nicht eine bloße Schwäche, sondern einen Angriff auf das Herz des Evangeliums. Er sagt, es sei nicht mehr „der gerade Weg nach der Wahrheit des Evangeliums“ (Galater 2:14). Denn sobald Zugehörigkeit und Anerkennung wieder an äußere Merkmale geknüpft werden, rückt Christus als unser einziges Leben und unsere einzige Gerechtigkeit aus dem Zentrum. Das Leben Jesu im Markusevangelium ist dagegen durchgehend klar. Es kennt keine Kompromisse zwischen Gottes Willen und menschlicher Tradition. Jesus berührt Unreine, isst mit Zöllnern, durchkreuzt Sabbaterwartungen, weil er vom Vater her handelt und den Menschen Gottes Erbarmen bringt. Wenn es am Ende von einer Heilung heißt: „Niemals haben wir so etwas gesehen!“ (Markus 2:12), dann spürt man diese andere Qualität: Hier wirkt kein religiöses System, sondern das unmittelbare Leben Gottes.

Gerade deshalb ist der Vergleich beider Lebensweisen so heilsam. Er demütigt und tröstet zugleich. Er demütigt, weil er zeigt, wie leicht aus lebendigem Glauben eine graue Mischung werden kann, in der Jesus zwar bekannt wird, aber unter frommen Mustern verschwimmt. Er tröstet, weil er uns eine klare Alternative vor Augen stellt: das Leben des Sohnes, das nicht aus uns, sondern in uns gelebt werden will. Wer sich diesem Leben öffnet, muss sich nicht anstrengen, um „radikal“ zu wirken; er lernt vielmehr, sich still von Christus lösen und prägen zu lassen. So entsteht eine Klarheit, die ohne Härte auskommt, und ein Zeugnis, das nicht auf Kontraste zielt, sondern aus der Gegenwart des Herrn leuchtet.

Denn bevor einige von Jakobus kamen, hatte er mit (denen aus) den Nationen gegessen; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, da er sich vor denen aus der Beschneidung fürchtete. (Gal. 2:12)

Und mit ihm heuchelten auch die übrigen Juden, so daß selbst Barnabas durch ihre Heuchelei mit fortgerissen wurde. (Gal. 2:13)

Die Unterscheidung zwischen gemischter Frömmigkeit und klarem Leben aus Christus schärft den inneren Blick: Nicht wie korrekt oder beeindruckend eine Praxis ist, entscheidet, sondern ob sie aus der unmittelbaren Gemeinschaft mit dem Herrn erwächst. Wo Christus als Leben zur Quelle wird, hellt sich die Grauzone zwischen Gesetzlichkeit und Beliebigkeit auf, und es wächst eine schlichte, aber deutliche Christus-Spiritualität.

Christus lebt in uns: praktisch für den Leib Christi leben

Dass Christus in uns lebt, ist keine fromme Formel, sondern eine neue Weise, Mensch zu sein. Paulus beschreibt sie nüchtern: „Das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes“ (Galater 2:20). Er bleibt ein Mensch „im Fleisch“, mit Alltag, Konflikten und Grenzen, doch die innere Triebkraft hat sich verschoben. Nicht mehr das eigene Ich, nicht die Erwartungen anderer, nicht ein abstraktes Ideal bestimmen ihn, sondern eine lebendige Beziehung zum inwohnenden Christus. Glauben bedeutet hier nicht nur Zustimmen, sondern sich an diese innere Gegenwart anlehnen, sich von ihr korrigieren und tragen lassen.

Gottes Leben zu leben bedeutet schlicht, aus Gott zu leben und sogar Gott selbst zu leben. Daher ist die Ökonomie Gottes weder eine Frage des Haltens des jüdischen Gesetzes noch des Gutestuns nach menschlicher Philosophie, sondern eine Frage dessen, Gott als Leben zu haben und Ihn dann zu leben. Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass wir das alle sehen. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft dreiundfünfzig, S. 459)

Wo Christus so zur Quelle wird, verändert sich unweigerlich die Gestalt des Miteinanders. Die Gemeinde wird nicht durch gemeinsame Herkunft, geistliche Vorlieben oder Leitungsstile zusammengehalten, sondern durch das eine Leben, das in allen Gliedern pulsiert. Gottes Ökonomie zielt genau darauf: „Für den Aufbau des Leibes Christi müssen wir Leben darreichen; wir erfahren und genießen das Auferstehungsleben innerlich und reichen dann dieses Leben dar, indem wir ein Kanal sind, durch den dieses Leben in andere Glieder des Leibes hineinfließen kann.“ Das ist weit mehr als Mitarbeit oder Aktivität. Es bedeutet, im Verborgenen mit Christus verbunden zu bleiben, damit das, was er ist, durch unsere Worte, Gesten und Entscheidungen zu anderen gelangt.

Im Licht des Markusevangeliums gewinnt diese Sicht Kontur. Das Evangelium beginnt schlicht mit: „Anfang des Evangeliums Jesu Christi“ (Markus 1:1) und zeichnet dann das Leben des Herrn, der früh am Morgen einsam beim Vater ist, sich vom Geist führen lässt und Menschen dient, ohne sich selbst zu suchen. Dieses Leben geht seinen Weg bis ans Kreuz und aus der Auferstehung heraus in den Geist, der an Pfingsten auf die Jünger ausgegossen wird. Seitdem ist derselbe Christus nicht mehr nur unter uns, sondern in uns. Wenn sein Auferstehungsleben in unseren Herzen wirksam wird, entsteht eine neue Beweglichkeit: wir werden frei, uns selbst „aufs Äußerste abzuweisen“, wie es formuliert wurde, und „alles durch das Kreuz und mittels des Geistes“ zu tun, um Christus ineinander auszuteilen um des Leibes willen.

In dieser Perspektive verliert der Alltag an Beliebigkeit. Unspektakuläre Begegnungen, unsichere Entscheidungen, mühsame Spannungen im Leib Christi werden zu Orten, an denen Christus in uns leben möchte. Nicht jedes Problem löst sich dadurch schnell, aber die Blickrichtung ändert sich. An die Stelle des Bemühens, alles richtig zu machen, tritt die stille Frage: Wie kann der Herr in dieser Situation Leben mitteilen? Diese Frage öffnet den Raum, in dem sein Geist leitet, korrigiert und tröstet. Und während wir lernen, ihm darin zu vertrauen, wächst etwas, das größer ist als unsere Einzelgeschichten: der Leib Christi, in dem Christus sich selbst ausdrückt.

Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; und das Leben, das ich jetzt im Fleisch lebe, das lebe ich im Glauben, in dem Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und Sich Selbst für mich hingegeben hat. (Gal. 2:20)

ANFANG des Evangeliums Jesu Christi; (Mk. 1:1)

Praktisch aus Christus für den Leib zu leben heißt, den eigenen Alltag als Ort seiner Gegenwart zu verstehen: Beziehungen, Dienst, Konflikte und Entscheidungen werden Gelegenheiten, in denen nicht das Ich, sondern der in uns wohnende Herr zur Geltung kommt. So fließt sein Leben durch begrenzte Menschen hindurch und formt eine gemeinsame Wirklichkeit, in der der Leib Christi sichtbar wird.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 53