Die Vorbereitung des Sklaven‑Erlösers für Seinen erlösenden Dienst (11)
Manche Geschichten der Evangelien sind leicht nachzuvollziehen, etwa wenn ein geheilter Mann aus Dankbarkeit ein Fest für Jesus ausrichtet oder eine Frau den Herrn mit kostbarem Öl salbt. Doch dort, wo Jesus selbst eine einfache Mahlzeit mit Brot und Kelch deutet, öffnet sich ein Geheimnis, das weit über menschliches Verstehen hinausgeht. Gerade im schlichten Zeichen von Brot und Becher fasst der Herr Seine bevorstehende Kreuzigung, Seine Auferstehung und das ganze neue Testament zusammen und bereitet so Seine Jünger innerlich auf Seinen erlösenden Weg vor.
Brot und Kelch – der Dreieine Gott als Leben und Segen
Wenn der Herr im Obersaal das Brot nimmt, dankt, es bricht und sagt: „Nehmt; dies ist mein Leib“ (Mk. 14:22), fasst Er in einer schlichten Handlung zusammen, was Gott dem Menschen schenken will. In der Sprache der Schrift ist Brot nicht nur Nahrungsmittel, sondern ein Bild für Leben. Jesus sagt von sich: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, den wird auf keinen Fall hungern“ (Johannes 6:35). In diesem Licht ist das Brot auf dem Tisch des Herrn nicht bloß Hinweis auf den historischen Leib Jesu, der am Kreuz hing, sondern Zeichen dafür, dass Gott in Seinem Sohn selbst zu unserer Lebensversorgung geworden ist. Der Dreieine Gott – der Vater in dem Sohn durch den Geist – gibt sich nicht nur für uns hin, sondern gibt sich uns hinein: wie Brot, das gegessen, verdaut und in den Organismus aufgenommen wird, so will Christus in unser Innerstes aufgenommen werden, um unsere Lebenskraft, unsere innere Substanz, ja unsere Identität zu prägen.
Nach dem biblischen Sprachgebrauch steht Brot für das Leben. Der Herr Jesus sagte zu ihnen: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, den wird auf keinen Fall hungern; und wer in Mich hineinglaubt, der wird gewiss niemals Durst leiden“ (Joh. 6:35). Das zeigt, dass Brot in der Bibel eine Sache des Lebens ist. Ebenso bedeutet nach dem biblischen Sprachgebrauch ein Becher ein Anteil am Segen. Daher wird der Becher der Becher des Segens genannt. Das Brot ist vom Leben, und der Becher ist vom Segen. Dieses Leben ist gewiss das göttliche Leben, und dieser Segen ist der göttliche Segen. Tatsächlich sind sowohl das Leben als auch der Segen der Dreieine Gott, Gott Selbst in Christus durch den Geist. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft vierundvierzig, S. 383)
Neben dem Brot steht der Kelch. Markus berichtet: „Und er nahm einen Kelch, dankte und gab ihnen (den); und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Mk. 14:23-24). In der Schrift bezeichnet der Kelch oft das zugeteilte Teil, die persönliche Portion – so spricht Paulus vom „Kelch des Segens“ (1. Korinther 10:16). Wenn Jesus den Kelch mit Seinem Blut des Bundes verbindet, sagt er damit: Die Segnung des neuen Bundes ist nichts anderes als der Dreieine Gott selbst, der sich uns in Christus als unser Anteil schenkt. Leben (Brot) und Segen (Kelch) sind keine Gaben neben Gott, die Er von sich wegreichen würde; sie sind Er selbst, mit uns verbunden, in uns wohnend. Darin liegt eine stille, aber mächtige Ermutigung: Wer an diesem Tisch steht, ist nicht auf die eigene geistliche Kraft angewiesen, sondern lebt aus einer Quelle, die größer ist als jedes eigene Vermögen – Gott selbst ist unser Brot, unser Kelch, unser bleibender Vorrat. Indem wir Brot und Kelch empfangen, bekennen wir: Mein Leben, mein Trost, mein Segen liegen nicht in mir, sondern in Ihm, der sich mir auf so einfache Weise zuwendet.
Und während sie aßen, nahm Er Brot und segnete es, und Er brach es und gab es ihnen und sagte: Nehmt; dies ist Mein Leib. (Mk. 14:22)
Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu Mir kommt, den wird auf keinen Fall hungern; und wer in Mich hineinglaubt, der wird gewiss niemals Durst leiden. (Joh. 6:35)
Das vom Herrn eingesetzte Mahl öffnet den Blick für eine Wirklichkeit, die weit über jedes Ritual hinausgeht: Brot und Kelch zeigen, dass der Dreieine Gott sich selbst zum Inhalt unseres Lebens und zu unserer Segensportion macht. Wenn wir dieses Brot nehmen und aus diesem Kelch trinken, erinnern wir uns nicht nur an ein vergangenes Geschehen, sondern bejahen, dass Christus heute unser inneres Leben, unsere Stärke und unsere Hoffnung ist. So wächst Vertrauen: Wo unser eigener Vorrat zu Ende geht, bleibt Sein Vorrat unerschöpflich; wo unser Segen versickert, ist Er selbst unser Kelch, der nie leer wird.
Den Herrn erinnern, indem wir Ihn „essen“
Als Jesus sagt: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird; dies tut zu meinem Gedächtnis“ (Lukas 22:19), verbindet er das Erinnern an Ihn mit einer Mahlzeit. Gedächtnis meint hier nicht zuerst ein inneres Sich-Zurückversetzen, ein meditatives Durchgehen der Stationen seines Lebens, so wichtig das ist. Es ist gebunden an das konkrete Nehmen, Essen und Trinken. Paulus schreibt: „Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1. Korinther 11:26). Das Gedächtnis des Herrn geschieht also nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Mund, mit dem ganzen Menschen. Wie Speise, die wir essen, nicht bei äußerem Anblick stehen bleibt, sondern in uns hineingeht, zerkleinert, verdaut, assimiliert und dadurch Teil von uns wird, so ist das eigentliche Erinnern an den Herrn, Ihn innerlich aufzunehmen und aus Seinem Leben zu leben.
Jahrelang gedachte ich des Herrn an Seinem Tisch nur, indem ich mich auf Seine Menschwerdung, Sein Leiden, Seinen Tod und Seine Auferstehung konzentrierte. Mir war nicht gesagt worden, dass die richtige Weise, des Herrn Jesus zu gedenken, darin besteht, Ihn zu essen. Das eigentliche Gedächtnis an den Herrn besteht darin, das Brot zu essen und den Kelch zu trinken (1.Kor. 11:24, 26), das heißt, an dem Herrn teilzuhaben und Ihn zu genießen, der Sich Selbst durch Seinen erlösenden Tod uns gegeben hat. Das Brot zu essen und den Kelch zu trinken bedeutet, den erlösenden Herrn als unseren Anteil, als unser Leben und unseren Segen aufzunehmen. So gedenken wir Seiner in wirklicher Weise. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft vierundvierzig, S. 385)
Der Leib, den das Brot darstellt, wurde „für euch gegeben“, das Blut, das der Kelch darstellt, „für viele vergossen“ (vgl. Mk. 14:22-24). Die Trennung von Leib und Blut macht den Tod sichtbar, den der Herr für uns erlitten hat. Zugleich geschieht etwas Neues im Heilshandeln Gottes: Blut, das im Alten Bund tabu war – „Doch Fleisch mit seinem Leben, das heißt, mit seinem Blut, dürft ihr nicht essen!“ (1. Mose 9:4) –, wird geradezu eingeladen, getrunken zu werden, weil es das Blut des Sohnes ist. Damit wird deutlich: Das Blut Christi ist nicht nur Opfer vor Gott, sondern auch innere Durchdringung, Reinigung und Erfrischung für uns. Im Zeichen von Brot und Kelch verschränken sich Gedenken und Teilhabe: wir erinnern uns an das Kreuz, indem wir aus der Kraft des Kreuzes leben; wir blicken auf den, der sich für uns gab, indem wir Ihn in derselben Bewegung als unsere Lebensversorgung aufnehmen. So wird das Gedächtnismahl zur stillen Schule des Glaubens: Christus bleibt keine ferne Gestalt, sondern wird Nahrung, die trägt, wenn Erinnerungen verblassen und Gefühle schwanken.
Aus diesem Verständnis heraus erhält das einfache Tun beim Mahl eine tiefe Wärme. Wer das Brot nimmt, sagt im Herzen: Du, der Du für mich gegeben bist, wirst jetzt mein inneres Leben. Wer den Kelch trinkt, bekennt: Dein vergossenes Blut ist mein Halt, meine Reinigung, mein neuer Anfang. Das Gedächtnis des Herrn ist dann kein schweres Sich-Anstrengen, sondern ein ruhendes Empfangen dessen, was Er getan hat und immer neu an uns tut. Darin liegt Trost und neue Motivation: das, was wir von uns aus nicht festhalten können, hält Er in uns lebendig, indem Er sich immer wieder als Brot und Kelch schenkt.
Und er nahm Brot, dankte, brach es und gab es ihnen und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird; dies tut zu meinem Gedächtnis! (Lk. 22:19)
Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. (1.Kor 11:26)
Das rechte Erinnern an den Herrn bei Seinem Mahl geschieht nicht im bloßen Rückblick, sondern in der Gegenwart: indem wir Ihn „essen“ und „trinken“, nehmen wir die Wirklichkeit Seines Kreuzes und Seiner Liebe in unser Inneres auf. So wird das Mahl zu einem Ort, an dem Müdigkeit, Schuld und innere Leere nicht verdrängt, sondern von Seiner Lebensversorgung durchdrungen werden. Wer sich so an Ihn erinnert, erfährt, dass Er nicht nur eine Geschichte aus der Vergangenheit ist, sondern die lebendige Quelle, aus der heute Kraft, Trost und erneuerter Gehorsam wachsen.
Inneres Auferstehungsleben und Wachstum des neuen Menschen
Die Szene im Obersaal steht unmittelbar vor Gethsemane und Golgatha. Das Mahl des Herrn ist darum nicht nur ein Abschiedszeichen, sondern Teil der inneren Vorbereitung der Jünger auf ihren Weg durch Tod und Auferstehung mit Christus. In dem Maß, wie sie lernen, Ihn als Brot zu „essen“ und aus Seinem Blut als ihrem Anteil zu leben, werden sie fähig, das, was äußerlich über sie hereinbricht, innerlich aus einer anderen Quelle zu durchschreiten. Jesus beschreibt dieses Geheimnis mit einem einfachen Bild: „Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, welcher mich isst, um meinetwillen leben“ (Johannes 6:57). In jeder echten Teilnahme am Mahl wirkt Er als Auferstehungsleben in uns: müde Herzen werden belebt, erloschene Hoffnung gewinnt ein stilles Leuchten zurück, der Wille wird neu ausgerichtet, ohne dass alles gleich nach außen sichtbar sein muss.
Wir können sagen, dass wir jedes Mal, wenn wir den Herrn essen und Ihn als unsere Lebensversorgung verdauen und in uns aufnehmen, eine innere Auferstehung erfahren. Zur Veranschaulichung können wir das Essen natürlicher Nahrung heranziehen. Oft bin ich vor dem Abendessen müde und schwach, aber nachdem ich eine nahrhafte Mahlzeit zu mir genommen habe, werde ich wieder lebendig. Ich würde sogar sagen, dass ich „auferstanden“ bin. Die Speise, die ich esse, enthält ein Lebenselement, das mich wiederbelebt. In ähnlicher Weise wird der Herr Jesus, wenn wir Ihn essen, zum Auferstehungsleben in unserem Inneren. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft vierundvierzig, S. 387)
Doch das Wirken des Auferstehungslebens bleibt nicht beim Einzelnen stehen. Paulus sagt über das Brot beim Mahl: „Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen; denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot“ (1. Korinther 10:17). Das Brot ist nicht nur Zeichen für den persönlichen Christus, sondern auch für Seinen Leib, die Gemeinde, als Seine Verlängerung und Vergrößerung. Wenn viele dieselbe Speise essen, wächst ein gemeinsames Leben: Christus ersetzt nach und nach das alte, getrennte Ichleben durch Sein neues Leben und formt aus Verschiedenen einen neuen Menschen. Dieser neue Mensch ist mehr als eine geistliche Gemeinschaft; er ist ein lebendiger Organismus, durchdrungen von Christus, und in ihm wird das Königreich Gottes sichtbar, das Jesus verkündigt und in Seinen Gleichnissen als wachsende Saat beschreibt. Was am Tisch des Herrn als verborgene Wirklichkeit beginnt, reift durch das Wachstum im Leben bis zur Reife zu einer konkreten Ausdrucksform des Reiches Gottes heran.
So zeigt sich, wie das Mahl des Herrn in die große Linie von Kreuz, Auferstehung und Königreich eingebettet ist. Es nährt das persönliche Leben im Glauben, indem Christus als Auferstehungsleben in uns wirksam wird, und es baut gleichzeitig den einen neuen Menschen auf, in dem Christus alles ist und in allen (vgl. Kolosser 3:10-11). Daraus erwächst eine leise, aber kräftige Ermutigung: Jede Teilnahme am Mahl, auch wenn sie unscheinbar erscheint, ist Teil eines göttlichen Wachstumsprozesses. Christus formt in uns und unter uns ein neues Menschsein, das dem kommenden Reich entspricht. Wer an diesem Tisch Platz nimmt, darf wissen: Nichts, was hier aus Ihm empfangen wird – an Leben, Trost, Korrektur oder Gemeinschaft –, ist vergeblich; alles fließt ein in das Wachsen des neuen Menschen hin zu der Zeit, da der König sichtbar herrschen wird.
Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, welcher mich isst, um meinetwillen leben. (Joh. 6:57)
Denn ein Brot, ein Leib sind wir, die Vielen; denn wir alle nehmen teil an dem einen Brot. (1.Kor 10:17)
Im Licht des Auferstehungslebens und des neuen Menschen wird das Mahl des Herrn zu einem Ort leiser, aber nachhaltiger Verwandlung. In der unscheinbaren Handlung des Essens und Trinkens lässt Christus Sein Leben in unsere Schwachheit hineinwirken und fügt uns zugleich enger in den einen Leib ein. So wächst mitten im Alltag etwas vom neuen Menschen und vom Königreich Gottes heran, oft unbemerkt, aber real. Diese Perspektive nimmt dem eigenen geistlichen Erleben den Druck der sichtbaren Erfolge und schenkt Vertrauen, dass der Herr selbst das Wachstum im Leben bis zur Reife trägt.
Herr Jesus Christus, Du Brot des Lebens und Kelch des Segens, danke, dass Du Dich selbst für uns gegeben hast, damit wir nicht aus eigener Kraft leben müssen, sondern aus Deinem göttlichen Leben. Lass das, was Du am Kreuz vollbracht hast, nicht nur Erinnerung in unseren Gedanken bleiben, sondern gelebte Wirklichkeit in unserem Inneren, sodass Dein Auferstehungsleben unsere Müdigkeit, unsere Schuld und unsere Angst durchdringt und verwandelt. Stärke in uns das Bewusstsein, dass wir durch Dich zu einem Leib gehören und Teil des neuen Menschen sind, den Du für das Königreich Gottes bereitest. Fülle unsere Herzen mit stiller Freude und fester Hoffnung, dass Du wiederkommen wirst, und bewahre uns bis dahin in der Erfahrung Deiner Lebensversorgung und Deines Segens. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 44