Die Vorbereitung des Sklaven‑Erlösers für Seinen erlösenden Dienst (6)
Man kann äußerlich tief beeindruckt sein von religiösen Gebäuden, Traditionen und beeindruckendem Wissen – und innerlich doch an der eigentlichen Wirklichkeit Gottes vorbeileben. Zur Zeit Jesu stand der prachtvolle Tempel in Jerusalem, die Schriftgelehrten lehrten das Volk, und doch hatte Gott diesen Gottesdienst bereits verworfen. In dieser angespannten Situation wendet sich der Herr von den religiösen Systemen ab, setzt sich mit seinen Jüngern auf den Ölberg und öffnet ihnen die Augen für das, was kommen wird – nicht, um sie zu erschrecken, sondern um sie auszurüsten und im Glauben zu verankern.
Warnung vor äußerlicher Frömmigkeit ohne die Wirklichkeit Christi
Wenn der Herr Jesus am Ende von Markus 12 die Schriftgelehrten dem stillen Glauben einer armen Witwe gegenüberstellt, öffnet sich ein Blick in das Herz Gottes. Vor den Augen der Jünger standen Männer, die die Schrift auswendig kannten, lehrten und auslegten, die lange Gewänder trugen und in den ersten Sitzen der Synagoge saßen. Sie konnten viel über Gott reden, doch in ihrem Inneren war wenig Raum für den lebendigen Gott-Menschen, der nun vor ihnen stand. Ihre Frömmigkeit war glänzend an der Oberfläche, aber hohl im Kern. Über die Würde des Christus als Sohn Davids konnten sie diskutieren, aber dass David ihn im Heiligen Geist „Herr“ nennt, überstieg ihre Vorstellung. Die Szene macht deutlich, wie gefährlich es ist, sich an religiöser Ehre zu wärmen und dabei die Wirklichkeit Christi zu verpassen.
Dieses Wort bezieht sich zweifellos darauf, dass die Schriftgelehrten zwar angeblich die Bibel kannten, in Wirklichkeit aber nur sehr wenig über Christus wussten. Sie wussten etwas über die Menschheit Christi, doch über Seine Gottheit wussten sie überhaupt nichts. Daher fehlte ihnen die richtige Erkenntnis der Wirklichkeit Christi. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft neununddreißig, S. 340)
Ganz anders die Witwe. Sie tritt ohne Worte auf, ohne theologische Erklärung, ohne sichtbares Ansehen. Sie legt zwei kleine Münzen in den Schatzkasten, und doch sagt der Herr, dass sie mehr gegeben hat als alle anderen. Sie hatte nicht viel, was sie zeigen konnte, aber sie gab ihr Leben in Gottes Hände. Ihr Vertrauen ist verborgen, unscheinbar, und gerade darum kostbar. Im Licht dieser Gegenüberstellung gewinnt die Warnung in Markus 13 an Schärfe: „Seht zu, daß euch niemand verführe!“ (Markus 13:5). Verführung geschieht nicht nur durch grobe Irrlehre, sondern auch durch den Glanz einer Religion, in der Christus nicht mehr der innere Inhalt ist. Der Herr bereitet seine Jünger darauf vor, sich nicht von langen Gewändern, großen Worten und beeindruckenden Strukturen leiten zu lassen, sondern von dem leisen, treuen Wirken seiner Person im Herzen. Wer diesen Weg geht, mag unscheinbar sein wie die Witwe, aber er trägt eine Hoffnung in sich, die alle Zeiten überdauert: Christus selbst prägt das verborgene Leben und schenkt dem, was klein aussieht, ewigen Wert.
So entsteht eine stille, aber kraftvolle Perspektive: Entscheidend ist nicht, wie weit jemand in religiösen Kreisen vorankommt, sondern wie tief Christus in ihm Wurzel geschlagen hat. Der Unterschied zwischen Schriftgelehrten und Witwe verläuft nicht primär zwischen Wissen und Nicht-Wissen, sondern zwischen Selbstinszenierung und Hingabe, zwischen äußerer Form und innerer Wirklichkeit. Wer vor Gott lebt wie diese Witwe, darf mitten in einer Welt voller religiöser Masken damit rechnen, dass der Herr seine unscheinbaren Gaben sieht, schützt und fruchtbar macht. Aus dieser Gewissheit erwächst Mut, in Einfachheit und Aufrichtigkeit weiterzugehen, auch wenn die Umgebung anderes honoriert.
Jesus aber begann zu ihnen zu sprechen: Seht zu, daß euch niemand verführe! (Mk. 13:5)
David selbst nennt ihn Herr. Und woher ist er sein Sohn? Und die große Volksmenge hörte ihn gern. (Mk. 12:37)
In einer Zeit, in der geistliche Leistung, Position und Sichtbarkeit viel zählen, lädt diese Szene dazu ein, den eigenen Weg vor Gott neu zu betrachten. Nicht die Größe unserer Gaben, nicht der Umfang unseres Wissens steht im Mittelpunkt, sondern ob Christus selbst unser inneres Maß geworden ist. Wo sein Leben unsere Motive, unser Geben und unser Reden durchzieht, entsteht eine Freiheit von religiöser Bühne und menschlicher Anerkennung. In dieser Freiheit liegt eine tiefe Ermutigung: Der Herr kennt den verborgenen Schatz des Herzens, und nichts, was ihm in Treue anvertraut wird, ist vergeblich. Wer lernt, sich innerlich an ihm statt an Formen zu orientieren, wird durch kommende Erschütterungen nicht ausgelöscht, sondern innerlich gefestigt hervorgehen.
Vom Tempel der Steine zum Tempel der lebendigen Steine
Wenn Markus berichtet, dass der Herr Jesus den Tempel verlässt, ist das mehr als eine beiläufige Wegbeschreibung. Der Tempel war das sichtbare Zentrum des religiösen Lebens Israels, Zeichen der Gegenwart Gottes mitten unter seinem Volk. Und doch sagt der Herr an anderer Stelle, dass dieses Haus, das „Haus Gottes“ gewesen war, nun zu „eurem Haus“ geworden ist, das öde gelassen wird. Der Weggang Jesu aus dem Tempel macht sichtbar, was geistlich bereits geschehen war: Gott identifiziert sich nicht mehr mit einem System, das seinen Sohn verwirft, auch wenn es sich noch mit heiligen Mauern und ehrwürdigen Traditionen umgibt. Als einer der Jünger bewundernd ausruft: „Lehrer, sieh, was für Steine und was für Gebäude!“ (Markus 13:1), legt der Herr den Finger auf den entscheidenden Punkt. Er antwortet: „Siehst du diese großen Gebäude? Es wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird.“ (Markus 13:2). Was in Menschenaugen unerschütterlich erscheint, ist vor Gott bereits zum Einsturz verurteilt, wenn es sich von seiner lebendigen Gegenwart gelöst hat.
Es war das Haus Gottes gewesen, doch nun war es zu „eurem Haus“ geworden, weil man daraus eine Räuberhöhle gemacht hatte. Als einer seiner Jünger ihn auf die wunderbaren Steine und Gebäude hinwies, sagte der Herr Jesus zu ihm: „Siehst du diese großen Gebäude? Es wird hier kein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht niedergerissen wird“ (V. 2). (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft neununddreißig, S. 344)
Mit der Ankündigung der völligen Zerstörung des Tempels führt der Herr seine Jünger jedoch nicht in Resignation, sondern in eine neue Sichtweise ein. Indem er sich mit ihnen auf den Ölberg zurückzieht, gleichsam über die Stadt erhoben, sehen sie den Tempel aus einer anderen Perspektive: nicht mehr von innen her, als Teil des Systems, sondern aus der Gemeinschaft mit ihm heraus. Von dort erklärt er ihnen die kommenden Erschütterungen und zugleich den Weg Gottes durch diese Geschichte hindurch. Der Fokus verschiebt sich von einem Haus aus Steinen hin zu einem Haus aus Menschen. In den Briefen wird deutlich, was hier schon im Ansatz angelegt ist: Gott will sich eine Wohnung bauen aus „lebendigen Steinen“, wie Petrus es ausdrückt (1. Petrus 2:5). Der wahre Tempel entsteht dort, wo Menschen durch den Geist in Christus eingefügt werden und gemeinsam seine Gegenwart tragen. Der äußere Tempel muss weichen, damit der innere, geistliche Tempel sichtbar werden kann.
Diese Bewegung vom „Tempel der Steine“ zu den „lebendigen Steinen“ ist nicht nur ein heilsgeschichtlicher Wechsel, sie berührt die Art und Weise, wie Glaubende die Welt und ihre eigene Geschichte wahrnehmen. Wer wie die Jünger mit Jesus auf dem Ölberg sitzt, lernt, Mauern, Institutionen und sichtbare Sicherheiten nicht mehr absolut zu setzen. Die feste Burg des Glaubens ist nicht mehr an ein Gebäude gebunden, sondern an die Person des Herrn und an sein Werk in seinen Menschen. Das macht innerlich frei, ohne verächtlich zu werden: Frei, weil nichts Irdisches den letzten Halt bietet; nicht verächtlich, weil Gott gerade im Unscheinbaren sein Haus baut. So wächst eine stille Zuversicht: Auch wenn „Himmel und Erde vergehen“ – „meine Worte aber werden nicht vergehen“ (Markus 13:31). Wer sich von diesen Worten statt von Steinen tragen lässt, steht sicher, selbst wenn die sichtbarsten religiösen und kulturellen Pfeiler ins Wanken geraten.
Im Licht dieser Worte wird deutlich: Gottes Weg geht nicht rückwärts zu alten Sicherheiten, sondern vorwärts zu einer tieferen Gemeinschaft mit Christus. Der Verlust äußerer Strukturen ist in seiner Hand nicht Zerstörung um der Zerstörung willen, sondern Raum, in dem Neues entstehen kann. Wo Menschen sich als lebendige Steine verstehen, wächst ein anderes Verständnis von Gemeinde: weniger geprägt von beeindruckender Fassade, stärker geprägt von gemeinsam getragener Gegenwart Gottes. Darin liegt eine stille, aber starke Ermutigung. Der Herr verlässt nicht sein Volk, wenn Gebäude fallen; vielmehr sammelt er seine Auserwählten, formt sie und fügt sie zu einem Haus, das keine Menschenhand mehr niederreißen kann.
Und als er aus dem Tempel heraustrat, sagt einer seiner Jünger zu ihm: Lehrer, sieh, was für Steine und was für Gebäude! (Mk. 13:1)
Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Gebäude? Es wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird. (Mk. 13:2)
Die Ankündigung der Zerstörung des Tempels fordert heraus, eigene Sicherheiten zu überdenken. Was ist für den Glauben unersetzlich geworden – bestimmte Formen, Traditionen, Räume? Die Bewegung Jesu vom Tempel auf den Ölberg lädt dazu ein, die Dinge von seinem Standpunkt aus zu betrachten. Dort, in der Nähe seiner Worte, zeigt sich: Nicht die Größe der Strukturen, sondern die Tiefe der Gemeinschaft mit ihm trägt durch Krisen. Wenn vertraute religiöse Rahmen brüchig werden, liegt darin auch eine Chance, neu zu entdecken, was es heißt, lebendiger Stein in seinem Haus zu sein. Diese Perspektive nimmt der Zukunft ihren Schrecken und füllt sie mit Hoffnung: Der Herr baut, auch wenn vieles abbricht, und sein Bau ist bleibend.
Geburtswehen für den einen neuen Menschen
Wenn der Herr von Kriegen, Erdbeben, Hungersnöten und religiöser Verführung spricht und all dies „den Anfang der Wehen“ nennt, verknüpft er das Erschrecken der Jünger mit einem tiefen Bild. Wehen sind schmerzhaft und beunruhigend, doch sie tragen einen inneren Sinn in sich: Sie kündigen die Geburt von etwas Neuem an. Seit der Schöpfung des Menschen in 1. Mose und seinem Fall in Adam trägt die Geschichte die Spuren des alten Menschen, der Gottes Plan nicht erfüllen kann. In Christus beginnt Gott, einen neuen Menschheitstyp hervorzubringen – einen Menschen, der nicht mehr aus Adam, sondern aus Christus lebt. Die „Geburtswehen“ markieren, dass die alte Ordnung ins Wanken gerät, weil Gott dabei ist, etwas qualitativ Neues einzuführen.
In Bezug auf Kriege, Erdbeben und Hungersnöte sagt der Herr Jesus in Vers 8: „Dies ist der Anfang der Wehen.“ Die Juden werden als die Auserwählten Gottes „Geburtswehen“ erleiden, um einen Überrest hervorzubringen, der am messianischen Königreich, dem irdischen Abschnitt des Tausendjährigen Reiches, Anteil haben wird. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft neununddreißig, S. 347)
Markus fasst diese Spannungen in knappen Sätzen: „Denn es wird sich Nation gegen Nation und Königreich gegen Königreich erheben; und es werden Erdbeben sein an verschiedenen Orten, und es werden Hungersnöte sein. Dies ist der Anfang der Wehen.“ (Markus 13:8). Der Herr verschweigt nicht, wie real diese Schmerzen sein werden – für Israel, aber auch für alle, die zu ihm gehören. Zugleich entzieht er ihnen ihre Sinnlosigkeit. Kriege und Katastrophen sind kein blindes Schicksal; sie stehen unter der souveränen Hand Gottes, der durch Erschütterungen hindurch einen Überrest, ein gereinigtes Volk formt. Die Jünger sollen verstehen, dass ihr eigener Weg durch Verfolgung, Verlust und Missverständnis zu diesem Geburtsprozess gehört. Die Geschichte ist nicht bloß ein Abgleiten ins Chaos, sondern der oft schmerzhafte Übergang zu einer neuen Schöpfung in Christus.
Im Licht des Neuen Testaments wird sichtbar, wohin diese Wehen führen: zu dem einen neuen Menschen, in dem Christus alles und in allen ist. Was Gott in Christus am Kreuz geschaffen hat, wird durch die Zeiten hindurch in seinen Glaubenden praktisch ausgearbeitet. Das alte, aus Adam stammende Leben wird durch Erfahrungen der Schwachheit, durch äußere Nöte und innere Konflikte an sein Ende gebracht; gleichzeitig entfaltet sich das Auferstehungsleben Christi, das nicht zu erschüttern ist. So sind die Leiden der Jünger und der Gemeinde nicht bloß Begleiterscheinungen der Endzeit, sondern Werkzeuge Gottes, um das Bild Christi in ihnen zu prägen. „Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden.“ (Markus 13:13) – nicht, weil menschliche Standhaftigkeit ausreicht, sondern weil Gott selbst durch seinen Geist das Ausharren in denen wirkt, die er zu diesem neuen Menschen formt.
Diese Sicht macht die Nachrichten dieser Welt nicht harmlos, aber sie nimmt ihnen das letzte Wort. Geburtswehen bleiben schmerzhaft, doch sie sind befristet und zielgerichtet. Wo der Blick an Christus gebunden wird, wächst eine stille Gewissheit: Kein Tränenweg ist umsonst, wenn er mit seiner Geschichte verbunden ist. Aus mancher Erschütterung geht ein klarerer, gereinigter Glaube hervor, der weniger von eigener Stärke, stärker von der Treue Gottes lebt. So darf mitten im Krachen der alten Ordnung eine leise Hoffnung aufgehen: Gott führt seine Geschichte zu dem Punkt, an dem der eine neue Mensch sichtbar wird – zuerst unsichtbar im Glauben, am Ende dieses Zeitalters in Herrlichkeit. Wer sich in dieser Hoffnung birgt, erlebt, dass die Wehen dieser Zeit nicht nur nehmen, sondern auch schenken: Sie öffnen Raum für mehr von Christus.
Denn es wird sich Nation gegen Nation und Königreich gegen Königreich erheben; und es werden Erdbeben sein an verschiedenen Orten, und es werden Hungersnöte sein. Dies ist der Anfang der Wehen. (Mk. 13:8)
Und ihr werdet von allen gehaßt werden um meines Namens willen; wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden. (Mk. 13:13)
Die Rede von den Geburtswehen lädt dazu ein, persönliche und globale Krisen nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Übergang zu verstehen. Der alte Mensch und seine Sicherheiten geraten ins Wanken, damit der neue Mensch in Christus Raum gewinnt. Das nimmt dem Schmerz nichts von seiner Schärfe, schenkt ihm aber einen Horizont. Wer sich innerlich an der Hoffnung des einen neuen Menschen festhält, kann im Ausharren eine verborgene Gnade entdecken: Gott nutzt das Zerbrechliche, um das Unerschütterliche aufzurichten. So wird die Zukunft nicht von Angst, sondern von Erwartung geprägt – der Erwartung, dass Christus das Werk, das er begonnen hat, vollenden wird.
Herr Jesus Christus, du Gott-Mensch und Sklaven-Erlöser, danke, dass du deine Jünger nicht im Dunkeln gelassen hast, sondern sie liebevoll auf deinen Weg durch den Tod und auf alles Kommende vorbereitet hast. Du siehst die religiöse Leere, alle äußere Form ohne Leben und auch die Erschütterungen unserer Zeit, und dennoch baust du deinen einen neuen Menschen aus Menschen, die dir gehören. Stärke das innere Leben in uns, damit wir nicht von äußeren Eindrücken, menschlicher Ehre oder Angst vor Katastrophen bestimmt werden, sondern von deiner Gegenwart und deinem Wort. Lass die Geburtswehen unserer persönlichen und weltweiten Geschichte nicht vergeblich sein, sondern dazu dienen, dass dein Leben in uns tiefer Gestalt gewinnt und wir als lebendige Steine in deinem Haus feststehen. Richte unseren Blick immer wieder von den „Steinen“ dieser Welt weg auf dich, den Herrn auf dem „Berg“, der in Frieden regiert und seine eigenen bewahrt. Fülle unsere Herzen mit der Hoffnung auf dein Kommen und die Vollendung des neuen Menschen, damit keine Not unsere Freude an dir rauben kann. In dir ist Zukunft, Trost und Sieg, heute und bis in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 39