Die Bewegung des Evangeliumsdienstes des Sklaven‑Erlösers (16)
Eine letzte Wegstrecke kann entscheidend sein: Kurz vor Jerusalem verändert sich der Dienst Jesu, und der Ton des Markusevangeliums wird spürbar ernster. Nicht mehr die Menge der Wunder steht im Vordergrund, sondern die Frage, ob seine Jünger verstehen, was sein Gang nach Jerusalem wirklich bedeutet. Auf diesem Weg prallen göttlicher Plan und menschliche Vorstellungen aufeinander – zwischen der Entschlossenheit Jesu und der versteckten Positionssuche seiner Nachfolger. Gerade dort wird sichtbar, wie der Sklaven-Erlöser sein Evangelium durch Tod, Auferstehung und dienende Liebe in Bewegung setzt.
Der Weg nach Jerusalem: hinein in Tod und Auferstehung
Markus zeichnet den Weg nach Jerusalem mit wenigen Strichen und doch mit großer innerer Spannung. „Sie waren aber auf dem Weg und gingen hinauf nach Jerusalem, und Jesus ging vor ihnen her; und sie erschraken“ – so heißt es in Markus 10:32. Der Meister geht nicht zögernd, tastend, sondern mit festem Schritt voraus. Lukas verdichtet dies zu dem Wort, Er habe „sein Angesicht fest darauf gerichtet, nach Jerusalem zu gehen“ (Lukas 9:51). Vor ihm liegt nicht nur eine Stadt, sondern der ganze Ratschluss des Vaters. Er weiß um die Geißel, die Verspottung, das Todesurteil, und doch lässt nichts ihn abbringen. In seinem entschiedenen Gang wird sichtbar, wie sehr er sich mit dem Willen Gottes einsgemacht hat. Der Tod ist für ihn nicht ein blinder Zufall, sondern der von Gott gesetzte Weg, auf dem der ewige Plan ans Ziel kommt.
Der Herr tat diesen Schritt ganz bewusst, damit Er in Jerusalem sterben konnte zur Vollbringung von Gottes ewigem Plan. Auf dem Weg nach Jerusalem zu sein bedeutet daher, auf dem Weg zu sein, in den Tod Christi einzugehen. Durch den Tod gehen wir dann in Seine Auferstehung ein. So ist der Weg nach Jerusalem der Weg in den Tod und in die Auferstehung Christi. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft zweiunddreißig, S. 284)
Jesaja blickt prophetisch in diese Tiefen, wenn es über den Gottesknecht heißt: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen … Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen“ (Jesaja 53:10). In diesem Licht ist der Weg nach Jerusalem der Weg des Schuldopfers, des Sündopfers, das die Last des Volkes trägt. Jesus geht hinauf, um als Lamm Gottes am Passah zu sterben, damit Gottes Wohlgefallen an einem zerschlagenen Leben unzähligen anderen das Leben öffnet. Darum sagt er in Johannes 12:24: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ Sein Sterben ist kein Ende, sondern die Geburtsstunde von „vielen Brüdern“, die dem Bild des Sohnes gleichgestaltet werden (Römer 8:29).
Für die Jünger ist dieser Weg zunächst ein äußerliches Mitgehen – sie folgen, erschrocken und voller Furcht. In Gottes Sicht jedoch sind sie in etwas viel Tieferes hineingenommen. Der Apostel Paulus schaut zurück und sieht in dem gehorsamen Gang des Sohnes schon unsere Geschichte beschlossen: „… erniedrigte Er Sich Selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, und zwar zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott Ihn auch hoch erhöht und Ihm den Namen geschenkt, der über jedem Namen ist“ (Philipper 2:8–9). Wo Christus so in den Tod hinabsteigt und in die Erhöhung hinaufgeführt wird, nimmt er sein Volk mit: in den Tod hinein, in die Auferstehung hinein, in die Herrlichkeit hinein.
Damit wird Nachfolge von einem moralischen Ideal zu einer Teilhabe an vollbrachter Wirklichkeit. Der Weg nach Jerusalem ist nicht nur ein Vorbild, dem wir nacheifern sollen; er ist eine Bewegung Gottes, in die wir hineingestellt werden. Wer an Christus glaubt, wird mit ihm gekreuzigt, mit ihm lebendig gemacht, mit ihm versetzt. Der Sklaven‑Erlöser geht uns nicht nur voraus, er zieht uns mit sich in das, was er vollbracht hat. Das nimmt dem Weg seinen bloß heroischen Charakter und schenkt ihm einen tiefen Trost: Wir gehen nicht in eine ungewisse Zukunft, sondern in eine Geschichte hinein, die in Christus schon geschrieben und vollendet ist. Inmitten von Leiden, Unverständnis und inneren Kämpfen dürfen wir uns daran erinnern, dass der, der vor uns hergeht, den ganzen Weg bereits kennt – und dass sein Tod und seine Auferstehung das tragende Fundament unseres eigenen Weges geworden sind.
SIE waren aber auf dem Weg und gingen hinauf nach Jerusalem, und Jesus ging vor ihnen her; und sie erschraken. Die ihm aber nachfolgten, fürchteten sich. Und er nahm wieder die Zwölf zu sich und fing an, ihnen zu sagen, was ihm widerfahren sollte: (Mk. 10:32)
ES geschah aber, als sich die Tage seiner Aufnahme erfüllten, da richtete er sein Angesicht fest darauf, nach Jerusalem zu gehen. (Lk. 9:51)
So wird der Weg nach Jerusalem zur Einladung, unser Leben im Licht von Tod und Auferstehung Christi zu deuten: unsere Unsicherheiten, unsere Hingaben, unsere kleinen und großen Sterben an uns selbst stehen nicht isoliert da, sondern sind hineingenommen in den großen Weg des Herrn, der zum Leben führt. Wer das erkennt, kann auch dem Schweren ins Auge sehen, ohne zu verzweifeln – weil hinter jedem Kreuz die Auferstehungskraft dessen steht, der bewusst und furchtlos vorangegangen ist.
Mit Christus gekreuzigt: Teilhaber seines Weges
Als Jakobus und Johannes um Ehrenplätze bitten, antwortet Jesus mit einer unerwarteten Frage: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?“ (Markus 10:38). Er spricht von seinem Tod – einmal als Kelch, den der Vater ihm reicht, und einmal als Taufe, in die er ganz hineingenommen wird. Der Kelch ist der zugeteilte Anteil, die von Gott zugemessene Bitterkeit seines Sündopfers; die Taufe ist der Weg, in den er eintaucht, bis er unter den Wassern des Gerichts verschwunden scheint. „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ (Johannes 18:11), heißt es im Garten; darin schwingt nicht Resignation, sondern ein stilles Ja zu dem, was der Vater beschlossen hat.
Sowohl der Kelch als auch die Taufe beziehen sich auf den Tod des Sklaven‑Erlösers (Joh. 18:11; Lk. 12:50). Der Kelch bedeutet, dass Sein Tod der von Gott zugeteilte Anteil war, den Er für die Sünder auf Sich nehmen sollte, die Er für Gott erlösen würde. Die Taufe bezeichnet, dass Sein Tod der von Gott verordnete Weg war, den Er durchschreiten musste, um die Erlösung Gottes für Sünder zu vollbringen. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft zweiunddreißig, S. 288)
Wenn Jesus den Jüngern ankündigt: „Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr trinken“ (Markus 10:39), eröffnet er ihnen keinen zweiten Erlösungsweg, sondern die Gemeinschaft mit seinem Weg. Die Apostelgeschichte zeigt, wie sich das erfüllt: Menschen, die von seiner Auferstehung zeugen, sind zugleich solche, die „allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragen“ (2. Korinther 4:10). An Pfingsten stehen nicht neutrale Beobachter, sondern Männer und Frauen, die durch den ausgegossenen lebengebenden Geist mit Christus gekreuzigt, mit ihm lebendig gemacht, mit ihm erhöht sind. Petrus bekennt von Jesus: „Diesen Mann, der durch den festgesetzten Ratschluss und die Vorkenntnis Gottes ausgeliefert wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und getötet“ (Apostelgeschichte 2:23), und wenige Verse später: Gott hat ihn „zum Herrn und zum Christus gemacht“ (Apostelgeschichte 2:36). In dieser Bewegung von Kreuz und Erhöhung sind die Jünger mitenthalten.
Damit gewinnt das „Mit Christus gekreuzigt“ des Paulus seine lebendige Kontur. Es meint nicht eine gesteigerte Askese, sondern eine Stellung, in die Gott den Glaubenden hineinstellt. Der alte Mensch mit seinem Drang nach Selbstbehauptung, mit seiner Ehrsucht und seiner Angst, zu kurz zu kommen, ist in Gottes Urteil mit Christus gerichtet worden; das neue Leben des Auferstandenen beginnt, in uns Gestalt zu gewinnen. Philipper 2:8–10 bündelt dies in der Person des Herrn: „… wurde gehorsam bis zum Tod, und zwar zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott Ihn auch hoch erhöht … damit in dem Namen Jesu sich jedes Knie beuge.“ Wo sein Weg in uns wirksam wird, fängt unser Denken an, sich zu beugen, unser Handeln lernt zu dienen, unser Reden wird von einem anderen Geist durchweht.
Diese Teilhabe bleibt ein Geheimnis, das sich im Alltag oft unscheinbar Bahn bricht: im stillen Verzicht, nicht Recht behalten zu müssen; im Durchtragen von Unverständnis, ohne bitter zu werden; in der Bereitschaft, unbekannt und doch von Gott gekannt zu sein. Solche Erfahrungen sind keine verlorenen Wege, sondern kleine Teilnahme an seinem Kelch, an seiner Taufe. In ihnen wird die große Bewegung von Tod und Auferstehung konkret, zart und persönlich. Und mitten darin darf die Zuversicht wachsen, dass der, der uns in seine Kreuzesgemeinschaft hineinzieht, uns auch an seiner Auferstehungsfreude und seiner Erhöhung Anteil geben wird – sichtbar vielleicht erst jenseits der Grenze, doch schon jetzt spürbar in dem inneren Frieden, den nur er schenken kann.
Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wißt nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde? (Mk. 10:38)
Sie aber sprachen zu ihm: Wir können es. Jesus aber sprach zu ihnen: Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr trinken, und mit der Taufe, mit der ich getauft werde, werdet ihr getauft werden; (Mk. 10:39)
Christsein wird so zu einem Weg, auf dem Christus seinen Tod und seine Auferstehung in unsere Lebensgeschichte hineinschreibt. Dort, wo das eigene Ich zurücktritt, wo alte Sicherheiten zerbrechen und neue, leise Gehorsamsschritte möglich werden, ist er am Werk. Wer sich von ihm in diese Gemeinschaft mit seinem Kelch führen lässt, entdeckt nach und nach, dass gerade das Mitgekreuzigtsein den Raum schafft, in dem seine Auferstehungskraft unsere innersten Regungen durchdringt und uns freier, wahrhaftiger und liebevoller werden lässt.
Vom Ehrgeiz zum Dienen: Sehend werden im Reich Gottes
In Markus 10 stehen die Ankündigung von Tod und Auferstehung und der Streit um die besten Plätze dicht beieinander. Kaum hat Jesus von Auslieferung, Verspottung, Geißelung, Tod und Auferstehung gesprochen (Markus 10:33–34), da bitten Jakobus und Johannes: „Gib uns, daß wir einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen in deiner Herrlichkeit“ (Markus 10:37). Das Herz der Jünger hört das Wort vom Kreuz – und denkt an Rangfolgen. Diese Spannung legt eine tiefere Blindheit frei: die Unfähigkeit, Größe anders zu denken als in Kategorien von Macht, Ansehen und Sichtbarkeit.
„Ihr wisst, dass die, die als Herrscher der Nationen gelten, diese beherrschen und dass ihre Großen ihre Macht über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll Sklave aller sein“ (V. 42–44). Dieses Wort des Herrn steht völlig im Gegensatz zu dem natürlichen, selbstsüchtigen Denken. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft zweiunddreißig, S. 289)
Jesus stellt dem ein anderes Bild gegenüber. „Ihr wißt, daß die, welche als Regenten der Nationen gelten, sie beherrschen und ihre Großen Gewalt gegen sie üben. So aber ist es nicht unter euch; sondern wer unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer von euch der Erste sein will, soll aller Sklave sein“ (Markus 10:42–44). Er kehrt die Maßstäbe des Königreiches Gottes um: Größe zeigt sich im Dienen, Vorrang im Sich‑Hinunterbeugen. Und er begründet dies mit seiner eigenen Sendung: „Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und Sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Markus 10:45). Der Sklaven‑Erlöser offenbart die wahre Herrlichkeit Gottes als dienende Liebe, die bis an das Kreuz geht.
Auffällig ist, dass Markus diesen Abschnitt mit der Heilung des blinden Bartimäus verbindet. Der blinde Bettler sitzt am Weg, ruft den Sohn Davids um Erbarmen an, lässt sich durch keine Drohung zum Schweigen bringen und hört schließlich Jesu Frage: „Was willst du, daß ich dir tun soll?“ Er antwortet schlicht: „Rabbuni, daß ich sehend werde“ (Markus 10:51). Jesus gewährt ihm nicht nur das Augenlicht: „Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm auf dem Weg nach“ (Markus 10:52). Der einst Blinde reiht sich in die Schar derer ein, die mit Jesus nach Jerusalem gehen. Körperlich sehend geworden, wird er zum Bild für die geistliche Sicht, die die Jünger so nötig haben.
Wo der Herr unsere innere Blindheit berührt, verlieren Ehrgeiz und Positionssuche an Glanz. Die Frage „Wo werde ich sitzen?“ tritt zurück hinter der Frage „Wem darf ich dienen?“. Apostelgeschichte 14:22 beschreibt das Leben der jungen Gemeinden so: „… und sagten, dass wir durch viele Bedrängnisse in das Königreich Gottes hineingehen müssen.“ Bedrängnisse werden nicht romantisiert, aber sie werden zu einer Schule des Dienens: Wer mit Christus durch Widerstand hindurchgeht, lernt, sich selbst weniger wichtig zu nehmen und das Wohl der anderen höher zu achten. In einem solchen Lebensstil wird das Gemeindeleben zu einem Raum, in dem die dienende Herrlichkeit des Sklaven‑Erlösers aufscheint.
Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten überliefert werden; und sie werden ihn zum Tod verurteilen und werden ihn den Nationen überliefern; (Mk. 10:33)
und sie werden ihn verspotten und ihn anspeien und ihn geißeln und töten; und nach drei Tagen wird er auferstehen. (Mk. 10:34)
In dieser Bewegung vom Ehrgeiz zum Dienen liegt eine stille Befreiung. Dort, wo Christus unsere Augen öffnet und uns seine dienende Herrlichkeit sehen lässt, verliert die Frage nach unserem Rang an Dringlichkeit. Stattdessen kann eine tiefere Freude aufgehen: dass unser Leben – ob sichtbar oder verborgen – eingebunden ist in das große Werk des Sklaven‑Erlösers, der noch heute Menschen sehend macht, indem er sie in seinen Weg des dienenden Reiches Gottes hineinzieht.
Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 32