Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Bewegung des Evangeliumsdienstes des Sklaven‑Erlösers (3)

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Wer sich mit ganzer Hingabe in den Dienst des Evangeliums stellt, erlebt oft eine überraschende Spannung: Auf der einen Seite Ablehnung, Unrecht und manchmal sogar Verfolgung, auf der anderen Seite tiefes Wirken Gottes, Versorgung und Heilung. In Markus 6 entfaltet sich genau diese Spannung wie in einer Bilderreihe. Der Weg des Sklaven-Erlösers ist kein bequemer Triumphzug, sondern ein Weg durch die Dunkelheit der Welt – und gerade dort offenbart sich die Kraft seines Reiches, das Menschen ernährt, bewahrt und erneuert.

Treue im Evangelium trotz Ablehnung und Ungerechtigkeit

Markus stellt die Hinrichtung Johannes des Täufers nicht als isolierte Tragödie dar, sondern als Verdichtung dessen, was mit Gottes Boten in einer von Finsternis durchzogenen Welt geschieht. In Herodes’ Palast begegnen wir einem Gemisch aus verletzter Eitelkeit, Lust, politischem Kalkül und moralischer Schwäche. Ein König, der um seines Rufes willen einen Gerechten tötet, eine Frau, die in ihrem Hass Ruhe erst findet, als das Haupt des Propheten auf einer Schüssel liegt, und eine Gesellschaftsschicht, die das Schauspiel schweigend mitträgt – all das zeichnet die Konturen einer Welt, in der „es keine Gerechtigkeit“ gibt. Gerade deshalb fällt auf, wie Markus Johannes charakterisiert: Herodes „wußte, daß er ein gerechter und heiliger Mann war, und er beschützte ihn; und wenn er ihn gehört hatte, war er in großer Verlegenheit, und er hörte ihn gern“ (Mk. 6:20). Johannes stirbt nicht, weil er versagt hätte, sondern weil sein klares, göttliches Wort eine Struktur bloßlegt, die auf Lüge und Selbstbehauptung gebaut ist: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben“ (Mk. 6:18). Sein Tod ist das Siegel auf einem Leben, das sich nicht aus Angst vor Konsequenzen vom Licht abbringen ließ.

Johannes wurde von der Finsternis der Politik ermordet, von der Finsternis der Mächtigen. Bei Herodes gab es keine Gerechtigkeit. Herodes hatte mit Herodias, der Frau seines Bruders, Unzucht getrieben, und diese Frau hasste Johannes den Täufer. Herodes wusste, dass Johannes ein gerechter und heiliger Mann war, und er hatte in gewissem Maß Achtung vor ihm. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft neunzehn, S. 173)

Markus verbindet die Ablehnung in Nazareth, wo Jesus „sich wunderte über ihren Unglauben“ und „durch die Dörfer ringsum“ weiterzog (Mk. 6:6), mit der Sendung der Zwölf und dem Bericht über Johannes wie Glieder einer Kette. Der Sklaven-Erlöser wird verachtet, sein Vorläufer ermordet, seine Jünger ausgesandt ohne äußere Sicherheiten – und doch schreitet der Dienst des Evangeliums weiter. Aus der Perspektive des Reiches Gottes sind Ablehnung und Ungerechtigkeit nicht das Ende der Geschichte, sondern der dunkle Hintergrund, vor dem Gottes Treue sichtbar wird. Schon 1. Mose zeigt ein ähnliches Muster: Was Josef widerfährt, meint seine Brüder zu vernichten, doch Gott wendet es zur Rettung vieler. So wird auch der gewaltsame Tod eines Zeugen nicht zum Sieg der Finsternis, sondern zum Saatkorn für neue Frucht. Wer heute im Gemeindeleben des Reiches Gottes steht, entdeckt: Wo das Evangelium im Licht und in Wahrheit bezeugt wird, bleiben Missverständnis, Spott oder sogar Verfolgung oft nicht aus; aber gerade darin erweist sich die Gemeinschaft mit dem Weg des Sklaven-Erlösers. Inmitten menschlicher Ungerechtigkeit hält der Vater seine Hand über seinem Werk. Diese Gewissheit nimmt der Bitterkeit ihre Schärfe und macht standhaft, ohne zu verhärten. Sie öffnet den Blick dafür, dass jede ungerechte Behandlung nicht das letzte Wort hat, sondern in Gottes Hand zu einer verborgenen Saat für kommende Herrlichkeit wird.

Denn Johannes hatte dem Herodes gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben. (Mk. 6:18)

denn Herodes fürchtete den Johannes, da er wußte, daß er ein gerechter und heiliger Mann war, und er beschützte ihn; und wenn er ihn gehört hatte, war er in großer Verlegenheit, und er hörte ihn gern. (Mk. 6:20)

Wer den Weg des Evangeliumsdienstes gemeinsam mit Christus geht, steht nicht unter der Herrschaft der Meinung der Menschen, sondern unter der Herrschaft Gottes. Ablehnung und Unrecht verlieren ihren lähmenden Schrecken, wenn sie als Teilnahme an dem Weg des Sklaven-Erlösers erkannt werden. So wird das Herz frei, auch in widrigen Umständen nüchtern zu reden, klar zu stehen und im Vertrauen zu bleiben, dass Gott selbst das scheinbare Verlieren in seiner Hand in bleibende Frucht verwandelt.

Der Sklaven-Erlöser als Brot des Lebens inmitten der Wüste

Die Szene der Speisung der Fünftausend beginnt nicht mit einem Wunder, sondern mit einem Blick. Markus beschreibt, wie Jesus aus dem Boot tritt, „eine große Volksmenge“ sieht und „innerlich bewegt“ wird, „denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mk. 6:34). Sein Mitgefühl ist kein flüchtiger Impuls; es nimmt Gestalt an, indem er „anfing, sie vieles zu lehren“. Das Wort Gottes ist seine erste Speise für eine hungrige, orientierungslose Menge. Doch er bleibt nicht beim Wort stehen. Als der Tag sich neigt und die Jünger die Menschen entlassen wollen, antwortet er überraschend: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mk. 6:37). Zwischen seinem Mitgefühl und der Versorgung der Volksmenge liegt der Glaube, der die Jünger aus ihrer Berechnung herausruft: Fünf Brote und zwei Fische genügen nach menschlichem Maß nie für eine solche Menge. In seinen Händen aber werden sie nicht nur ausreichend, sondern überreich.

Markus 6:34 heißt: „Und als Jesus aus (dem Schiff) trat, sah er eine große Volksmenge und wurde innerlich bewegt über sie; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing an, sie vieles zu lehren.“ Dieser Ausdruck seines Mitleids offenbarte die Tugend des Sklaven-Heilandes in seiner Menschlichkeit, die durch die Kraft seiner Göttlichkeit verwirklicht wurde. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft neunzehn, S. 174)

Dass Markus ausdrücklich von „fünf“ Broten spricht und die Parallelstelle betont, es seien Gerstenbrote gewesen, öffnet den Blick für eine tiefere Bedeutung. In der Schrift steht Gerste mit der Erstlingsgarbe in Verbindung: „Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, und ihr seine Ernte erntet, dann sollt ihr eine Garbe der Erstlinge eurer Ernte zum Priester bringen“ (3. Mose 23:10). Christus als Erstlingsfrucht ist der in Auferstehung lebende Sohn, der zum Brot des Lebens geworden ist. Die Gerstenbrote sind ein Bild dieses auferstandenen Christus, der sich austeilen lässt. Der Sklaven-Erlöser steht mit wenigem in der Hand vor einer großen Not, doch was er austeilt, ist nicht bloß Nahrung, sondern seine eigene in Auferstehung wirksame Person. Das Gemeindeleben im Reich Gottes lebt von dieser Bewegung: Menschen, die im Alltag lernen, sich von Christus als ihrem „Gerstenbrot“ zu nähren, werden selbst zu Brot für andere. Ihr Dienst an den Mitmenschen besteht dann nicht in brillanten Konzepten, sondern darin, dass Christus, den sie erfahren haben, durch sie weitergegeben wird. Die fünf Brote und zwei Fische erinnern uns daran, dass der Herr auch aus unserem begrenzten Vermögen in seiner Hand einen Überfluss werden lässt, der weit über das hinausreicht, was wir uns zutrauen. Diese Perspektive löst den Druck, aus eigener Kraft Großes leisten zu müssen, und weckt eine stille Freude darüber, dass seine Auferstehungskraft gerade in unserer Begrenztheit ihren Weg findet.

Und als Jesus aus (dem Schiff) trat, sah er eine große Volksmenge und wurde innerlich bewegt über sie; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing an, sie vieles zu lehren. (Mk. 6:34)

Rede zu den Söhnen Israel und sage zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, und ihr seine Ernte erntet, dann sollt ihr eine Garbe der Erstlinge eurer Ernte zum Priester bringen. (3. Mose 23:10)

Im Licht der Speisung der Fünftausend wird Dienst an anderen zu einer Bewegung vom Mitleid zum Austeilen dessen, was Christus in uns gewirkt hat. Das Bewusstsein, selbst aus dem auferstandenen Christus als Brot des Lebens zu leben, befreit von der Sorge, zu wenig zu haben. So wächst eine innere Bereitschaft, das unscheinbare „Wenige“ in seine Hände zu legen und zu sehen, wie er es im Verborgenen vermehrt – zur Stärkung vieler und zum stillen, dennoch kraftvollen Ausdruck seines Reiches mitten in einer „Wüste“ von Bedürftigkeit.

Der Herr über Sturm und Krankheit im Weg der Nachfolge

Unmittelbar nach der Speisung drängt Jesus seine Jünger in das Boot und zieht sich selbst zum Gebet auf den Berg zurück. Es entsteht ein eigentümliches Bild: Hier die Jünger, die sich auf dem See abmühen, „denn der Wind war ihnen entgegen“, dort der Herr, der im Gebet vor dem Vater steht und zugleich kein Detail ihrer Not übersieht (Mk. 6:48). Als die Nacht fortgeschritten ist und ihre Kraft an die Grenzen kommt, „kommt er … zu ihnen, auf dem Meer wandelnd“. Markus erinnert damit an die Worte Hiobs über Gott, „der die Himmel ausspannt, er allein, und schreitet auf den Wogen des Meeres“ (Hiob 9:8). Der Sklaven-Erlöser erweist sich als der Schöpfer und Herrscher, der über den Elementen steht. Sobald er in das Boot steigt, legt sich der Wind; die Bedrängnis weicht seiner Gegenwart. Der Weg der Nachfolge ist damit nicht als sturmfreie Zone gezeichnet, wohl aber als Weg, auf dem die Gegenwart des Herrn stärker ist als der Gegenwind.

Vers 48 sagt: „Und als er sah, dass sie sich beim Rudern abmühten, denn der Wind war ihnen entgegen, kommt er um die vierte Nachtwache zu ihnen, auf dem Meer wandelnd; und er wollte an ihnen vorübergehen.“ In 4:38 schlief der Sklaven-Heiland in einem Boot, das von einem Windsturm geschüttelt wurde, der seine Nachfolger bedrohte. Hier wandelt er auf dem Meer, während seine Nachfolger sich zur selben Zeit wegen der Wellen des Meeres beim Rudern abmühen. Diese Begebenheiten zeigen, dass der Sklaven-Heiland als der Schöpfer und Herrscher des Universums (Hiob 9:8) durch keine Umstände beunruhigt wurde und dass er sich auf der Reise seiner Nachfolger hinter ihm her um ihre Nöte kümmern würde. (Witness Lee, Life-Study of Mark, Botschaft neunzehn, S. 177)

An die Stillung des Sturms schließt Markus den Bericht über die Heilungen in Genezareth an. Die Menschen „legten die Kranken auf den Marktplätzen hin und baten ihn, daß sie nur die Quaste seines Gewandes anrühren dürften; und so viele ihn anrührten, wurden gerettet“ (vgl. Mk. 6:56). Die Quaste am Gewand erinnert an die Anordnung Gottes in 4. Mose 15, dass Israel Quasten an den Säumen ihrer Kleider tragen sollte, „damit ihr euch an alle Gebote des HERRN erinnert“ (vgl. 4. Mose 15:38–39). Der Saum seines Gewandes steht so mit seinem vollkommenen, unter der himmlischen Herrschaft stehenden Wandel in Verbindung. Aus dieser gelebten Gerechtigkeit fließt Heilungskraft. Für das heutige Gemeindeleben heißt das: Auf dem Weg der Nachfolge werden Stürme und Schwachheit nicht ausgelassen, sondern gerade dort wird Christus erfahrbar. Er ist der Betende, der Wachende, der im rechten Augenblick „auf dem Meer“ unserer Umstände zu uns kommt, und er ist der, in dessen gerechtem Leben eine Kraft wohnt, die Zerbrochenes heilt. Diese Sicht ermutigt, den Gegenwind der eigenen Geschichte nicht als Zeichen von Verlassenheit zu deuten, sondern als Ort, an dem seine Nähe und seine heilende Herrschaft neu erfahren werden können.

Und als er sah, daß sie sich beim Rudern abmühten, denn der Wind war ihnen entgegen, kommt er um die vierte Nachtwache zu ihnen, auf dem Meer wandelnd; und er wollte an ihnen vorübergehen. (Mk. 6:48)

der die Himmel ausspannt, er allein, und schreitet auf den Wogen des Meeres; (Hiob 9:8)

Die Erzählungen vom Sturm auf dem See und von den vielen Geheilten zeichnen ein Bild eines Herrn, der mitten im Dienst seiner Jünger wachend und betend gegenwärtig ist. Wer sich im Gemeindeleben von diesem Christus prägen lässt, lernt, äußere Stürme und innere Schwachheit nicht als Gegensatz zu seinem Segen zu verstehen, sondern als Rahmen, in dem seine Gegenwart Frieden schafft und sein gerechter Weg Heilung hervorbringt. Daraus wächst eine stille Zuversicht, die nicht in erster Linie auf veränderte Umstände hofft, sondern auf den, der auf den Wogen schreitet und im unscheinbaren „Saum seines Gewandes“ Kraft zum Durchtragen und Erneuern trägt.


Herr Jesus Christus, Sklaven-Erlöser, du kennst die Ablehnung, die Ungerechtigkeit und den Widerstand, denen dein Evangelium auch heute begegnet, und doch gehst du deinen Weg unbeirrt weiter. Danke, dass du selbst unser Brot des Lebens bist, das uns in der Wüste dieser Welt nährt, und dass du aus unserem wenigen Vieles machen kannst. Stärke in uns das Vertrauen, dass dein Reich gerade mitten in Dunkelheit wächst und dass deine Auferstehungskraft ausreicht, um andere durch uns zu speisen. Du, der über den Wellen gehst und in das Boot deiner Gemeinde tritt, bringst Ruhe in unsere Stürme und verwandelst unsere Schwachheit in eine Gelegenheit für deine Treue. Lass uns mehr aus deiner himmlischen Herrschaft und deiner Gerechtigkeit leben, damit Heilung und Trost von dir zu vielen fließen. Erfülle dein Volk neu mit Mut, Sanftmut und Hoffnung, damit wir in jeder Lage in deiner Gegenwart geborgen sind und deine Herrlichkeit sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Mark, Chapter 19