Prophetie über das Königreich (7)
Wenn von Gericht die Rede ist, denken viele sofort an ein einziges letztes Weltgericht, in dem alle Menschen gleich beurteilt werden. Doch die Worte Jesu in Matthäus 24–25 zeichnen ein deutlich strukturiertes Bild: Er unterscheidet zwischen Israel, der Gemeinde und den Nationen. Gerade die Szene vom Gericht über die Völker mit den Schafen und Böcken öffnet den Blick dafür, wie umfassend und weise Gottes Ratschluss ist und welche Hoffnung darin für die Zukunft der Erde liegt.
Christus, der Sohn des Menschen, richtet die Nationen
Wenn Jesus sich selbst als den Sohn des Menschen beschreibt, der in Herrlichkeit kommt und auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzt, öffnet sich vor uns der Blick auf eine große Wende der Geschichte. Der, der in Niedrigkeit geboren wurde, der als Mensch Hunger, Müdigkeit, Einsamkeit und Ablehnung kannte, ist derselbe, der am Ende der Zeiten sichtbar und öffentlich als Weltenrichter erscheint. Die Bezeichnung „Sohn des Menschen“ ist kein bloßer Titel, sie kennzeichnet Ihn als den wahren Menschen, der das Recht hat, die Erde zu übernehmen. Hier richtet nicht ein ferner, unberührbarer Richter, sondern der verherrlichte Mensch Jesus, in dem Gott selbst in menschlicher Gestalt die Geschichte ordnet. Seine Herrlichkeit ist nicht eine einzelne Farbe, sondern ein Geflecht von Licht: die Herrlichkeit seiner Gottheit, seiner durchlittenen Menschheit, seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt. So heißt es in Hebräer 2:9: „doch wir sehen Jesus, der wegen Seines Todesleidens ein wenig geringer gemacht worden ist als die Engel, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“. Der, den Menschen verachtet und verworfen haben, wird als der Gekrönte erscheinen.
Vers 31 sagt: „Wenn aber der Sohn des Menschen in Seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit Ihm, dann wird Er auf Seinem Thron der Herrlichkeit sitzen.“ Der Sohn des Menschen ist der Titel Christi im Blick auf Sein Reich, das messianische Reich (13:41). Sein Gericht, von dem in diesen Versen die Rede ist, ist eine Vorbereitung auf dieses Reich. Das Kommen, von dem in diesem Vers gesprochen wird, ist der öffentliche Aspekt des Kommens des Herrn. Es wird die Fortsetzung Seines Kommens sein, das in 24:30 erwähnt wird. Seine Herrlichkeit umfasst die Herrlichkeit Seiner Göttlichkeit (Joh. 17:22–24), die Herrlichkeit Seiner Menschheit (Ps. 45:4), die Herrlichkeit Seiner Auferstehung (Joh. 7:39; Apg. 3:13–15) und die Herrlichkeit Seiner Himmelfahrt (Hebr. 2:9). (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebenundsechzig, S. 776)
Diese Herrlichkeit ist untrennbar mit seinem Königreich verbunden. Wer in dieser Herrlichkeit erscheint, kommt nicht nur, um einzelne Schicksale zu wenden, sondern um das ganze Gefüge der Völker neu zu ordnen. Er ist von Gott eingesetzt als Richter der Lebenden und der Toten, wie es in Apostelgeschichte 10:42 heißt: „dass dieser der von Gott bestimmte Richter über die Lebenden und die Toten ist.“ Die Schrift unterscheidet dabei sorgfältig zwischen verschiedenen Gerichten: dem Richterstuhl Christi, an dem die Gläubigen nach ihrer Treue beurteilt und für das Königreich belohnt oder verworfen werden; dem Gericht über die lebenden Nationen, durch das entschieden wird, welche Völker in das Tausendjährige Königreich eingehen; und dem großen weißen Thron, vor dem nach dem Reich alle Toten erscheinen. Im Mittelpunkt all dieser Gerichte steht jedoch dieselbe Person: der Sohn des Menschen, der in seiner Menschlichkeit solidarisch mit uns ist und in seiner Gottheit das uneingeschränkte Recht hat, zu richten. Wer Ihn so sieht, beginnt sein Kommen nicht nur mit Furcht, sondern mit Hoffnung zu erwarten. Denn derselbe, der einmal das Leben gegeben hat als guter Hirte, wird als gerechter König sein Reich aufrichten. Diese Erwartung macht nüchtern, aber sie macht auch froh: Das letzte Wort über dieser Erde wird nicht Menschenwillkür, sondern die sanfte und zugleich durchdringende Gerechtigkeit des Menschensohnes haben.
doch wir sehen Jesus, der wegen Seines Todesleidens ein wenig geringer gemacht worden ist als die Engel, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit Er durch die Gnade Gottes für alles den Tod schmecken sollte. (Hebr. 2:9)
Und Er hat uns geboten, dem Volk zu verkündigen und feierlich zu bezeugen, dass dieser der von Gott bestimmte Richter über die Lebenden und die Toten ist. (Apg. 10:42)
Die Aussicht auf Christus als Sohn des Menschen auf dem Thron der Herrlichkeit rückt unseren Alltag in ein anderes Licht. Entscheidungen, Worte, verborgene Motive verlieren ihre Beliebigkeit, wenn sie in Beziehung zu dem stehen, der einmal alles ins Rechte setzen wird. Zugleich tröstet diese Perspektive: Kein Unrecht bleibt endgültig ungesühnt, kein verborgenes Tun im Licht des Herrn unbemerkt. Die Hoffnung auf sein sichtbares Königreich lädt dazu ein, schon heute als Menschen des kommenden Tages zu leben – nicht von Angst getrieben, sondern von der Gewissheit, dass die Geschichte in den Händen dessen liegt, der für uns Mensch geworden ist und dessen Herrlichkeit einst die ganze Erde erleuchten wird.
Schafe, Böcke und das ewige Evangelium
Das Bild von Schafen und Böcken am Ende der Rede Jesu über sein Kommen ist vertraut, und doch wird es oft missverstanden. Hier geht es nicht allgemein um Gläubige und Ungläubige aller Zeiten, sondern um die überlebenden Heidenvölker am Ende dieses Zeitalters. Inmitten der großen Trübsal wird das ewige Evangelium verkündigt, wie es in Offenbarung 14:6–7 heißt: „Und ich sah einen anderen Engel hoch oben am Himmel fliegen, der das ewige Evangelium hatte, um es denen zu verkündigen, die auf der Erde ansässig sind, und jeder Nation und jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk, und er sprach mit lauter Stimme: Fürchtet Gott und gebt Ihm Herrlichkeit…“. Dieses Evangelium ruft die Menschen nicht zuerst zur persönlichen Heilsgewissheit, sondern zur Gottesfurcht und zur wahren Anbetung des Schöpfers inmitten einer Welt, die sich dem Tier zuwendet. In dieser dramatischen Situation stehen die Nationen vor der Entscheidung, ob sie sich mit der Gottfeindschaft der letzten Weltmacht verbünden oder innerlich auf die Seite Gottes treten.
Nur sehr wenige Christen haben erkannt, dass Gott die Menschen nach drei Dingen richtet. Selbst fundamentalistische Christen meinen, Gott richte die Menschen nur nach zwei Dingen – nach dem Gesetz und nach dem Evangelium. Nach dem Gesetz ist jeder Nachkomme Adams zum Verderben verurteilt, nach dem Evangelium aber wird jeder, der an Christus glaubt, gerettet. So kommt das Verderben gemäß dem Gesetz, und die Errettung kommt gemäß dem Evangelium. Es gibt jedoch noch ein drittes, nach dem Gott die Menschen richten wird: das ewige Evangelium. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebenundsechzig, S. 779)
Gerade in dieser Zeit werden die treuen Gläubigen, die „geringsten Brüder“ des Herrn, Hunger, Gefangenschaft und Verfolgung erleiden. Der Maßstab, nach dem die Nationen als Schafe oder Böcke eingestuft werden, ist daher zutiefst konkret: Wie sind sie mit diesen Verfolgten umgegangen? Wer als Volk unter der Furcht Gottes die leidenden Boten des Herrn speist, kleidet, beherbergt und besucht, stellt sich faktisch an die Seite dessen, dessen Namen sie tragen. Wer sie aber aus Menschenfurcht, Opportunismus oder Feindschaft verachtet oder verfolgt, offenbart, dass er zwar das ewige Evangelium gehört, aber den Gott dieses Evangeliums verworfen hat. Die Ewigkeit entscheidet sich hier nicht an einer allgemeinen Humanität, sondern an der Frage, ob man sich inmitten der letzten Zuspitzung auf die Seite Gottes und seines bedrängten Volkes stellt. Dieses Gericht über die Nationen ist vorbereitet von der Verkündigung des ewigen Evangeliums; es macht deutlich, dass Gottes Gerechtigkeit sich nicht nur im Verborgenen, sondern auch in der Geschichte der Völker vollzieht. Zugleich leuchtet darin eine leise, aber starke Ermutigung auf: Kein Akt der Barmherzigkeit um des Namens Jesu willen ist umsonst, und kein Leiden seiner „geringsten“ Brüder bleibt ohne Antwort in der kommenden Ordnung.
application_de”: “Der Gedanke, dass Gott die Nationen nach ihrem Umgang mit seinen leidenden Zeugen beurteilt, wirft ein ernstes, aber auch tröstliches Licht auf die unscheinbaren Wege des Glaubens. Was vor Menschen wie Schwäche, Torheit oder Randerscheinung wirkt, hat vor Gott Gewicht bis in die Ewigkeit hinein. Die Perspektive von Schafen und Böcken ruft dazu, die Maßstäbe Gottes höher zu achten als den Beifall der Zeit: Mitgefühl, Treue und stille Solidarität mit den Verachteten des Herrn sind in seinen Augen kostbar. In dieser Hoffnung dürfen Christen auch in bedrängten Situationen wissen: Gott vergisst nicht, was in der Furcht vor ihm und in Liebe zu seinen Brüdern geschieht, und er wird zur rechten Zeit sichtbar machen, auf wessen Seite er stand.
Relevante Schriftstellen: Matt. 25:34-46, Matt. 13:47-50, Rev. 14:6-7, Rev. 13:6-7, Rev. 20:11-15, Apg. 20:24.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Der dreifache Aufbau des kommenden Königreichs
Wenn die Schrift vom Tausendjährigen Königreich spricht, beschreibt sie kein verschwommenes religiöses Ideal, sondern eine erstaunlich geordnete Wirklichkeit. Gottes Herrschaft entfaltet sich in verschiedenen Bereichen, die doch miteinander verflochten sind. Auf der Erde wird der ursprüngliche Schöpfungssegen sichtbar, den Gott dem Menschen zugesprochen hat, wie es 1. Mose 1.andeutet: Fruchtbarkeit, eine gute Erde, geordnete Herrschaft über die Schöpfung und Bewahrung des Lebens. In diese erste Sphäre werden die Schafe aus dem Gericht über die Nationen eingehen. Sie leben als Völker weiter, erfahren Schutz, Versorgung und eine geheilte Erde – der Segen des Schöpfers, „seit Grundlegung der Welt“ bereitet, wird greifbar. In dieser Landschaft von Frieden und Gerechtigkeit ist nicht mehr der Wille des Stärkeren maßgeblich, sondern die Ordnung dessen, der von Anfang an „alles sehr gut“ gemacht hat.
Im Tausendjährigen Reich wird es drei Bereiche geben: den Bereich der Erde, in dem der Segen von Gottes Schöpfung, wie in 1. Mose 1:28–30 erwähnt, verwirklicht wird; den Bereich der Nation Israel in Kanaan, vom Nil bis zum Euphrat, in dem die erretteten Juden über die ganze Erde herrschen werden (Jes. 60:10–12; Sach. 14:16–18); und den himmlischen und geistlichen Bereich (1.Kor. 15:50–52), in dem die überwindenden Gläubigen die Belohnung des Königreichs genießen werden (5:20; 7:21). Das Königreich, in das die Schafe eingehen werden, ist der erste Bereich. Der Segen des ersten Bereichs im Tausendjährigen Reich, der Segen von Gottes Schöpfung, ist für die Schafe seit Grundlegung der Welt bereitet, wohingegen der Segen im dritten Bereich, der Segen des himmlischen und geistlichen Königreichs, für die Gläubigen vor Grundlegung der Welt verordnet worden ist (Eph. 1:3–4). (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebenundsechzig, S. 777)
In der Mitte der irdischen Seite steht Israel. Die Propheten zeichnen das Bild eines wiederhergestellten Volkes, das als priesterliches Volk den Nationen den Dienst an Gott vorlebt und sie zur wahren Anbetung führt. So heißt es in Jeremia 3:17: „In jener Zeit wird man Jerusalem den Thron des HERRN nennen, und alle Nationen werden sich zu ihr versammeln wegen des Namens des HERRN in Jerusalem.“ Über dieser irdischen Ordnung steht die himmlische und geistliche Sphäre, in der die überwundenen Gläubigen als Könige mit Christus herrschen und die Belohnung des Königreichs genießen. Was Gott vor Grundlegung der Welt den Seinen in Christus zugedacht hat, wird hier offenbar: eine Teilnahme an der himmlischen Seite seines Reiches, nicht nur als Gerettete, sondern als Mitregenten und Königskinder. Priester, Könige und Völker – so spannt sich der Bogen von Gottes Ratschluss zur sichtbaren Verwirklichung. Wer heute an Christus glaubt, darf seine Berufung mitten in dieser großen Bewegung sehen: als königlicher Priester schon jetzt im Verborgenen Gott dienen, im Leben wachsen und sich von ihm formen lassen. Die Aussicht auf das geordnete kommende Reich ist keine Flucht in zukünftige Spekulation, sondern eine leise, aber kraftvolle Einladung, im Alltag die Spuren dieses Reiches zu tragen – in Klarheit, Treue und einer Hoffnung, die weiter reicht als die wechselnden Bühnen dieser Welt.
application_de”: “Die dreifache Gestalt des kommenden Königreichs – Völker, Israel, himmlische Überwinder – stellt den Glaubenden in eine größere Geschichte als die eigenen Lebensumstände. Wer sich als königlicher Priester versteht, beginnt die Gegenwart nicht nur als Prüfungszeit, sondern als Vorbereitung zu sehen: Beziehungen, Entscheidungen, das verborgene Leben mit Gott gewinnen Gewicht vor dem Hintergrund der kommenden Herrschaft Christi. Diese Perspektive nimmt nichts von der Verantwortung im Hier und Jetzt, sondern vertieft sie. Sie stärkt den Mut, auch kleine Schritte der Treue zu gehen und das eigene Leben immer wieder an den Maßstäben des kommenden Reiches auszurichten – im Vertrauen darauf, dass der, der sein Reich verheißen hat, es auch in uns vorbereitet.
Relevante Schriftstellen: Matt. 25:34, 1.Mose 1:28-30, Isa. 60:10-12, Zech. 8:20-23, Zech. 14:16-18, 1.Kor 15:50-52.
Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.
Herr Jesus Christus, du kommst als verherrlichter Sohn des Menschen, um gerecht zu richten und dein Königreich vollkommen aufzurichten. Danke, dass dein Plan nicht im Chaos endet, sondern in einer geordneten, heiligen Herrschaft, in der deine Liebe und Gerechtigkeit sichtbar werden. Stärke in uns die Ehrfurcht vor Gott und die Liebe zu deinen Brüdern und Schwestern, besonders dort, wo sie bedrängt und verachtet werden. Lass uns als Menschen des Lebens in deiner Gnade wachsen, damit wir bereit sind, wenn du kommst, und mit dir in deiner Herrlichkeit stehen. Richte unseren Blick weg von Angst und Verwirrung hin zu deiner treuen Führung, damit unsere Hoffnung fest in dir verankert bleibt. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 67