Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Schatz und die Perle

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Manche Worte Jesu wirken zunächst schlicht, doch wenn wir sie mit der Linie der Bibel und der Geschichte des Christentums zusammendenken, öffnen sie einen tiefen Blick in das Herz Gottes. Die kurzen Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der kostbaren Perle gehören zu diesen Worten: Sie verbinden die verborgene Geschichte des Reiches der Himmel mit der sichtbaren Geschichte der Christenheit. Zwischen äußerem Wachstum, Vermischung und Verfälschung sucht der Herr sich etwas Echtes, Kostbares und Dauerhaftes – und dafür war Er bereit, alles zu geben.

Der Schatz und die Perle in der Geschichte des Reiches

Wenn der Herr in Matthäus 13 von Schatz und Perle spricht, steht dies nicht isoliert, sondern im Zusammenhang der „Geheimnisse des Königreichs der Himmel“. Zuerst treten der Sämann, der Weizen unter dem Unkraut, der große Baum und der Sauerteig vor unsere Augen. Es sind Bilder einer sichtbaren Christenheit, in der Wahres und Falsches, Leben und religiöse Aufblähung, Christus und verfälschende Lehre miteinander verwoben sind. Der Weizen ist wirklich, aber er steht inmitten eines Feldes, in dem auch Unkraut wächst; der Baum ist groß, aber er ist aus dem Senfkorn zu einem unnatürlichen Gebilde angewachsen; das Mehl ist gut, aber der Sauerteig durchdringt es. So zeichnet der Herr ein ernüchterndes Bild der Geschichte: Nicht jede Ausbreitung von Religion bedeutet Wachstum des Reiches, und nicht jede Masse an Bekenntnis ist Ausdruck seines Leibes.

Wie wir bereits gesehen haben, zeigen die ersten vier Gleichnisse die allgemeine Lage im Christentum. Der Weizen steht für die wirklichen Gläubigen, das Unkraut für die falschen Gläubigen, der große Baum für die Christenheit mit ihrer gewaltigen Organisation, und der Sauerteig, den die Frau dem Mehl beimischte, für die bösen Lehren und heidnischen Praktiken der abgefallenen Kirche. Wir haben gesehen, dass in der Bibel das Feinmehl Christus als Speise sowohl für Gott als auch für Sein Volk darstellt. Wenn man all diese Punkte zusammennimmt, ergibt sich ein vollständiges Bild der Christenheit. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft einundvierzig, S. 496)

Gerade vor diesem Hintergrund erhalten Schatz und Perle ihr Gewicht. Plötzlich richtet sich der Blick weg von der breiten, sichtbaren Christenheit hin zu etwas Verborgenem und Kostbarem, das der Herr inmitten derselben Geschichte gewinnt. Der Schatz liegt im Acker, von Erde bedeckt, unscheinbar und leicht zu übersehen; die Perle kommt aus dem Meer hervor, geformt durch ein verborgenes, schmerzhaftes Lebenswirken. In beidem spiegelt sich, dass Gott sich nicht mit äußerer Religiosität begnügt, sondern sich im Lauf der Zeit ein Volk formt, das Ihm in Kirche und Königreich wirklich entspricht. Dieses Volk ist nicht laut, nicht spektakulär, oft geradezu unsichtbar in den Strukturen der Christenheit, aber in Gottes Augen ist es von unschätzbarem Wert. So still, wie der Schatz im Boden ruht, so still wächst auch dieses Überwinder-Volk heran – getragen von dem, der „die Gemeinde Gottes … durch Sein eigenes Blut erworben hat“ (Apostelgeschichte 20:28). In dieser Sicht wird die Geschichte der Christenheit nicht von ihrer Verfallsform geprägt, sondern von der leisen, aber sicheren Arbeit des Herrn, der sich mitten in aller Vermischung ein Herzvolk als Schatz und Perle herausbildet.

Wer so auf Schatz und Perle schaut, lernt, die Geschichte anders zu lesen – und auch das eigene Leben. Was nach außen hin groß ist, muss nicht das sein, worauf Gott sein Herz gesetzt hat; und was verborgen, klein und scheinbar unbedeutend ist, kann in Seinen Augen der eigentliche Reichtum sein. Das gibt Freiheit von dem Druck religiöser Eindrücke und gleichzeitig Ehrfurcht vor der verborgenen Arbeit des Herrn an seinen Geschwistern und an uns selbst. Unter seiner himmlischen Herrschaft darf ein unscheinbarer Alltag zur Werkstatt werden, in der Gott seinen Schatz läutert und seine Perle weiter formt.

Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter die euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu weiden, die Er Sich durch Sein eigenes Blut erworben hat. (Apostelgeschichte 20:28)

In der Spannweite zwischen sichtbarer Christenheit und verborgenem Schatz lädt dieses Gleichnis zu einer stillen Umkehr der Maßstäbe ein: Statt uns an Größe, Lautstärke oder kirchlicher Dichte zu orientieren, darf unser Herz sich auf das konzentrieren, was der Herr in der Tiefe wirken möchte – in uns selbst und in der Gemeinde. Das Wissen, dass Er in der verworrenen Geschichte tatsächlich einen kostbaren Schatz gewinnt, bewahrt vor Bitterkeit und Resignation und macht empfänglich für das leise, aber reale Wirken seiner himmlischen Herrschaft im Verborgenen.

Die Perle: die Kirche, geboren aus dem Leben Christi

Das Bild der Perle führt mitten in das Geheimnis der Gemeinde. Eine Perle wird nicht geschnitzt, gehämmert oder gefräst; sie entsteht in der Verborgenheit einer Muschel, weil ein fremder Partikel eine Wunde verursacht. Über diese Wunde legt das Leben der Muschel Schicht um Schicht eines kostbaren Stoffes, bis aus dem verletzenden Sandkorn ein Edelstein geworden ist. So einfach dieses Bild ist, so tief spiegelt es die Entstehung der Kirche wider. Wir waren wie totes Sandkorn im Meer der Menschheit, getrieben von Strömungen, ohne eigene Herrlichkeit. In der Begegnung mit Christus haben wir Ihn verwundet – und Er hat uns doch nicht abgestoßen, sondern in die Wunde seines Kreuzes aufgenommen. Dort, im Raum seiner Hingabe, umhüllt uns sein Leben.

Früher waren sie nichts als leblose Sandkörner. Doch sie verletzten Christus, die Auster, die im Todeswasser lebt, und blieben in seiner Wunde. Dort hatten sie Anteil an der Absonderung des Lebens Christi. Das ermöglichte ihnen nicht nur, wiedergeboren zu werden, sondern machte sie auch zu Perlen. Das ist mehr als ein Same, der in ein Feld gesät wird, um Weizen hervorzubringen; hier ist etwas durch die Absonderung des Lebens Christi kostbar geworden. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft einundvierzig, S. 498)

Wenn der Herr von dem Kaufmann spricht, der „eine sehr kostbare Perle“ findet und um ihretwillen alles verkauft, dann deutet Er auf dieses Lebensgeschehen hin. In der Perle wird die Gemeinde sichtbar, die nicht durch Organisation, sondern durch die Absonderung und Umhüllung des Lebens Christi entstanden ist. Er hat alles gegeben, um sie zu besitzen; am Kreuz hat Er sein Leben hingegeben und, wie es in Apostelgeschichte 20:28 heißt, „die Gemeinde Gottes … durch Sein eigenes Blut erworben“. So wird deutlich: Gemeinde ist kein menschlicher Verein, sondern Frucht der Selbsthingabe des Sohnes und des kontinuierlichen Wirkens seines Geistes. Wo sein Leben im Verborgenen um unsere tiefen Verletzungen und Widerstände herum Schicht um Schicht einen neuen Glanz bildet, da wächst echte Perlen-Schönheit: nicht laut, nicht schrill, sondern still und fest.

Aus dieser Sicht verliert das Gemeindeleben seinen Charakter als Projekt und gewinnt das Gepräge eines gemeinsamen Lebensprozesses. Die Geschwister sind nicht Rohmaterial für unsere Pläne, sondern Mitteilhaber an demselben perlenbildenden Wirken Christi. Jeder Schmerz, jede Spannung, jedes scheinbare Scheitern kann zur Stelle werden, an der sein Leben uns neu umhüllt. Wer sich so verstanden weiß, beginnt, die Kirche anders zu betrachten: weniger als Arena der Leistung und mehr als Raum, in dem die verborgene Schönheit Christi Gestalt gewinnt. Das ermutigt, auch in unscheinbaren Phasen und in mühsamen Beziehungen auszuharren, weil gerade dort der Glanz der Perle wächst – ein Glanz, der nicht uns, sondern Ihn sichtbar macht.

Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, unter die euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu weiden, die Er Sich durch Sein eigenes Blut erworben hat. (Apostelgeschichte 20:28)

Die Perle erinnert daran, dass der Herr nicht nur unsere offensichtlichen Stärken, sondern gerade unsere Wunden in seine Neubildung einbezieht. In der Gemeinde darf das, was uns verletzt und schwach erscheinen lässt, zum Ansatzpunkt seines Lebens werden. So entsteht allmählich ein gemeinsamer Glanz, der nicht aus menschlicher Harmonie stammt, sondern aus der geduldigen Umhüllung durch Christus selbst. Wer das im Herzen bewegt, kann selbst schwierige Wegstrecken als Teil einer größeren Geschichte sehen, in der der Kaufmann seine kostbare Perle vollendet.

Der Schatz: das Königreichsleben unter himmlischer Herrschaft

Der Schatz liegt im Acker verborgen. Jesus erklärt selbst, dass der Acker die Welt ist; mitten in dieser Welt, mit all ihrer Lautstärke, ihren Mächten und Möglichkeiten, verbirgt Gott etwas, was Ihm unendlich wertvoll ist. Dieser Schatz steht in enger Verbindung mit dem Königreich der Himmel: Es sind Menschen, in denen Christus nicht nur Wohnung genommen hat, sondern die sich seinem inneren Regieren öffnen. Seit der Wiedergeburt wohnt in ihnen eine unsichtbare, aber wirkkräftige Herrschaft. Manches, was andere ungehindert tun, wird ihnen innerlich verwehrt; manches, was anderen nebensächlich erscheint, gewinnt für sie Gewicht. Es ist, als ob ein leiser, aber bestimmender Friede in ihnen „ja“ oder „nein“ spricht, so wie Paulus das Reich Gottes als „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ beschreibt (Römer 14:17).

Wir werden nicht durch Menschen begrenzt, sondern durch etwas Inneres, Unsichtbares – durch das Leben unter der himmlischen Herrschaft. Vielleicht versuchen wir, gewisse Dinge zu tun, doch eine geheimnisvolle, unsichtbare, innere Kontrolle hält uns davon ab. Unsere Verwandten oder Schulkameraden können solche Dinge tun, aber wir können es nicht. Etwas Unsichtbares übt eine innere Kontrolle über uns aus, und unter dieser Kontrolle leben wir. Das ist der Schatz, das Königreichsleben. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft einundvierzig, S. 499)

Dieses unsichtbare Begrenztwerden wirkt nach außen hin oft wie eine Verengung. Während andere ihren Raum zu erweitern scheinen, erfahren die, die unter der himmlischen Herrschaft leben, eine Art innerer Schranke. Doch gerade diese Begrenzung macht sie beständig und kostbar. Was aus dem natürlichen Leben stammt, ist leicht zu beeindrucken und ebenso leicht zu erschüttern; was unter der Herrschaft Gottes reift, wird wie ein Edelstein: klar, tragfähig, feuerfest. Vor dem Richterstuhl Christi, von dem Paulus in 1. Korinther 3 spricht, wird offenbar werden, woraus unser Leben gebaut war – aus Holz, Heu und Stroh oder aus Gold, Silber und Edelsteinen. Der Schatz im Acker weist auf das Material hin, das vor diesem Feuer Bestand haben wird: ein Leben, das sich hier und jetzt vom inneren Regieren des Königs formen lässt.

Solch ein Schatzleben ist nicht spektakulär. Es spielt sich im Verborgenen ab, im Gewissen, in unscheinbaren Entscheidungen, im Nachgeben, wo man recht haben könnte, im stillen Gehorsam, wo niemand zuschaut. Doch gerade dort, unter der unsichtbaren Herrschaft des Geistes der Wirklichkeit, wächst das, was in Gottes Augen Gewicht hat. Johannes 14:17 sagt über diesen Geist: „die Welt … kann ihn nicht empfangen, weil sie Ihn nicht anschaut und Ihn nicht kennt; ihr aber kennt Ihn, weil Er bei euch bleibt und in euch sein wird.“ Wer in dieser Gegenwart lebt, wird nach außen hin vielleicht klein, übersehen und unscheinbar wirken, aber in ihm wächst ein innerer Reichtum, der einmal in der Herrlichkeit des Neuen Jerusalem aufstrahlen wird.

In der Verbindung von Schatz und Perle leuchtet so der Zusammenhang von Gemeinde und Reich auf: Die Kirche ist die kostbare Perle, hervorgegangen aus dem Leben Christi; der Schatz ist das verinnerlichte Reichsleben, das unter seiner himmlischen Herrschaft reift. Wo beides zusammenkommt, gewinnt Gott auf der Erde Raum für sein Königreich und bereitet zugleich die Steine für die ewige Stadt. Diese Perspektive würdigt das leise, unspektakuläre Ja zur inneren Begrenzung und schenkt Trost: Kein Schritt unter seiner Herrschaft, kein verborgenes Verzichten, kein lautloser Gehorsam geht verloren. Alles wird in den Schatz eingewebt, den der Herr sich im Acker dieser Welt erworben hat.

Denn das Königreich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist. (Römer 14:17)

nämlich den Geist der Wirklichkeit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie Ihn nicht anschaut und Ihn nicht kennt; ihr aber kennt Ihn, weil Er bei euch bleibt und in euch sein wird. (Johannes 14:17)

Der Schatz im Acker zeigt, dass das eigentliche Gewicht unseres Lebens nicht in äußeren Erfolgen liegt, sondern in dem Maß, in dem wir das innere Regieren des Königs anerkennen. Was dabei nach Einschränkung aussieht, erweist sich als Verwandlung in bleibenden Wert. Im Alltag – oft unbemerkt von anderen – wächst so ein unsichtbarer Reichtum, auf den der Herr selbst sein Auge gerichtet hat. Das macht Mut, der leisen Stimme des Geistes treu zu bleiben und gerade im Verborgenen die himmlische Herrschaft willkommen zu heißen.


Herr Jesus Christus, danke, dass Du alles hingegeben hast, um Dir den Schatz im Acker und die kostbare Perle zu erkaufen. Du kennst die Verborgenheit, die Spannungen und die inneren Kämpfe, in denen Dein Reichsleben in uns Gestalt gewinnt, und Du wertest sie als etwas Kostbares in Deinen Augen. Stärke den Glauben dort, wo Dein Weg eng und unscheinbar wirkt, und erfülle uns neu mit der Gewissheit, dass Dein leises Regieren in uns mehr Bestand hat als alles Sichtbare. Lass uns als Deine Gemeinde aus Deinem Leben heraus wachsen, gereinigt, verwandelt und in Liebe zusammengefügt, bis Deine Schönheit an uns aufleuchtet. Bewahre uns vor allem, was nur äußerlich groß ist, und vertiefe in uns das, was vor Dir bleibt. Und wenn der Tag kommt, an dem Du offenbar machst, was Du in der Verborgenheit gewirkt hast, lass uns in Deinem Licht stehen als Perle und Schatz zu Deiner ewigen Herrlichkeit. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 41