Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Dekret der Verfassung des Königreichs (9)

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Es ist erstaunlich, wie stark uns der Wunsch prägt, gesehen und anerkannt zu werden – besonders dann, wenn wir etwas Gutes tun. Selbst geistliche Dinge wie Gebet, Geben oder Fasten geraten schnell in die Nähe einer Bühne, auf der wir uns selbst darstellen. Jesus deckt in Matthäus 6:1-18 genau diese Schieflage auf und führt sein Volk hinein in ein verborgenes Leben mit dem Vater, in dem nicht äußere Leistung, sondern inneres Wachstum im göttlichen Leben zählt.

Richtige Taten ohne Selbstdarstellung

Wenn Jesus in Matthäus 6 von Almosen, Gebet und Fasten spricht, fasst er diese Taten zu einer einzigen Wirklichkeit zusammen: „Eure Gerechtigkeit“. Er legt damit die Schicht frei, die hinter jeder sichtbaren Handlung liegt – das verborgene Motiv. Die natürliche, alte Lebensweise sucht Lichtkegel und Applaus. Sie möchte, dass man sieht, was sie gibt, wie sie betet und worauf sie verzichtet. Das Fleisch ist nicht einfach offen sündig, es ist auch sehr religiös – solange es dabei im Mittelpunkt stehen kann. Darum ist das Tun „vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden“ so gefährlich: Es nährt genau jene innere Stimme, die sich erhöhen will, und verschließt die Seele gleichzeitig vor der stillen Freude des Vaters. Überall, wo die Anerkennung der Menschen zum heimlichen Maßstab wird, verliert das Herz den Geschmack an der Belohnung Gottes. Man mag äußerlich viel beschäftigt sein, innerlich bleibt man leer; das Wachstum im Leben wird gehemmt, obwohl die Hände voll sind.

Das Fleisch des Menschen, das nach eigener Verherrlichung strebt, will stets vor den Menschen gute Werke tun, um von ihnen gepriesen zu werden. Das Volk des Königreichs jedoch, das in einem geleerten und gedemütigten Geist lebt und mit einem reinen, ungeteilten Herzen unter der himmlischen Herrschaft des Königreichs wandelt, darf nichts im Fleisch tun, um Menschen zu gefallen, sondern muss alle Dinge im Geist tun, um seinen himmlischen Vater zu erfreuen. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft einundzwanzig, S. 258)

Dem stellt der Herr die verborgene Art des Vaters gegenüber. Der Vater wirkt im Stillen, nicht weil er schwach ist, sondern weil seine Herrlichkeit keiner Reklame bedarf. Er lässt „Gras, samenbildendes Kraut … und Bäume, die Frucht bringen“ aus der Erde hervorgehen, und als es im Verborgenen gereift ist, „sah Gott, dass es gut war“ (1.Mose 1:12). So arbeitet er auch in seinen Kindern: leise, beharrlich, ohne Lärm. Wo das Volk des Königreichs gibt, betet und fastet, ohne dies vor Menschen auszubreiten, passiert etwas Unauffälliges, aber Entscheidendes: der Stolz des Selbst wird praktisch gekreuzigt, und der innere Mensch wird gestärkt. Dann wird auch erfahrbar, was in 2.Kor 9:10 heißt: „Der aber Samen darreicht dem Sämann und Brot zur Speise, wird eure Saat darreichen und mehren und die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen.“ Die Gerechtigkeit, die im Verborgenen gelebt wird, bleibt nicht klein; Gott selbst sorgt dafür, dass sie wächst und Frucht trägt. Wer auf diese Weise lernt, im Licht des Vaters, aber verborgen vor Menschen zu handeln, entdeckt Schritt für Schritt eine andere Freude: nicht die kurze Wärme des Beifalls, sondern die ruhige, tiefe Gewissheit, dass der Vater sieht, was kein anderer sieht, und dass er nichts vergisst, was aus ihm und für ihn geschehen ist.

Und die Erde brachte hervor: Gras, samenbildendes Kraut je nach seiner Art und Bäume, die Frucht bringen, in denen sich ihr Same befindet, je nach ihrer Art; und Gott sah, dass es gut war. (1.Mose 1:12)

Der aber Samen darreicht dem Sämann und Brot zur Speise, wird eure Saat darreichen und mehren und die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen, (2.Kor 9:10)

Wenn das Herz aus der Zone der Selbstdarstellung in den stillen Raum vor dem Vater hinüberwechselt, beginnen gute Werke ihren eigentlichen Charakter zu zeigen: Sie werden Ausdruck des Lebens Christi statt Bühne des eigenen Ich. In diesem Wechsel liegt Ermutigung: Niemand ist auf die wechselhafte Meinung der Menschen angewiesen. Der Vater, dessen Augen uns im Verborgenen suchen, ist treu, die Saat der Gerechtigkeit zu mehren. Auch wenn vieles unscheinbar bleibt und vielleicht von niemandem bemerkt wird, wächst im Verborgenen eine Geschichte zwischen ihm und seinen Kindern, die kostbarer ist als alle öffentlichen Erfolge.

Gebet als verborgenes Königreichsleben

Beim Gebet zeigt sich besonders deutlich, ob der Mensch oder der Vater im Zentrum steht. Heuchler wählen ihre Gebetsorte danach, wer zuhört: Straßenecken, Synagogen, heute vielleicht Mikrofone oder Räume, in denen das eigene geistliche Profil sichtbar wird. Ihre Worte können orthodox und zahlreich sein, und doch bleiben sie leer, weil sie an den falschen Adressaten gerichtet sind. Ein Gebet, das innerlich sagt: „Hört alle zu, wie ich mit Gott rede“, verlässt die Spur des Königreichs. Es mag die Bewunderung der Umgebung gewinnen, aber es erreicht nicht das Herz des Vaters. Ein solches Gebet bleibt, im Wort von Zeugen der Schrift, vergeblich – nicht weil Gott hartherzig wäre, sondern weil es sein Ziel verfehlt.

Ein Gebet, das auf das Lob von Menschen aus ist, mag von ihnen eine Belohnung erhalten, aber es bekommt keine Antwort vom Vater. Darum ist es ein vergebliches Gebet. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft einundzwanzig, S. 264)

Das Gebet des Königreichs führt in einen anderen Raum. Jesus beschreibt ihn als „Kämmerlein“ – nicht zuerst als architektonischen Ort, sondern als Bewusstsein: Der Beter steht vor dem Vater, „der im Verborgenen ist“, und ruht in dem Wissen, dass er von ihm gesehen wird. In dieser Atmosphäre erhält das Gebet eine andere Richtung. Das Mustergebet richtet den Blick zuerst auf Gott: „Geheiligt werde dein Name; dein Königreich komme; dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden“ (vgl. Matthäus 6). Es stimmt den Beter in die himmlische Perspektive ein, in jene Wirklichkeit, von der in Offenbarung 11:15 heißt: „Das Königreich der Welt ist zum Königreich unseres Herrn und Seines Christus geworden, und Er wird in Ewigkeit regieren.“ Aus dieser Sicht ist Gebet nicht religiöse Pflichterfüllung, sondern stille Mitregierung mit Christus gegen den Bösen und zugleich kindliches Sich-Verlassen auf die Fürsorge des Vaters für Brot, Vergebung und Bewahrung. Wer so betet, lernt ganz praktisch, dass Gottes Anliegen nicht Konkurrenz zu den eigenen bilden, sondern dass er gerade dann, wenn sein Name, sein Reich und sein Wille zuerst stehen, die vielen kleinen und großen Bedürfnisse des Alltags treu in seine Hand nimmt.

Ermutigend ist, dass dieses Gebet des Königreichs nicht aus eigener Anstrengung geboren wird. Es wächst aus der Beziehung: Der, der uns beten lehrt, ist derselbe, der sein Leben in uns gelegt hat. Das macht frei von der Angst, „richtig“ beten zu müssen, und öffnet den Raum für ehrliche, kindliche Worte, die sich an Gottes Anliegen anlehnen. Dort, im Verborgenen, reift eine stille Gewissheit: Auch wenn niemand zuhört und kein sichtbares Echo kommt, wird kein aufrichtiges Wort vor dem Vater vergeblich gesprochen sein.

Und der siebte Engel posaunte; und es erhoben sich laute Stimmen im Himmel, die sagten: Das Königreich der Welt ist zum Königreich unseres Herrn und Seines Christus geworden, und Er wird in Ewigkeit regieren. (Rev. 11:15)

Wo Gebet aus dem Schaulaufen zurückgezogen und in den stillen Dialog mit dem Vater überführt wird, verliert das religiöse Ich seine Bühne. An seine Stelle tritt eine wachsende Vertrautheit mit dem, der regiert und zugleich als Vater sorgt. Das macht Mut, gerade in unspektakulären, einfachen Gebeten vor ihm auszuharren: Er sieht, was im Verborgenen geschieht, und er verbindet die Anliegen seines Reiches mit den konkreten Fragen des Alltags zu einem Weg, auf dem das innere Leben merklich an Tiefe und Klarheit gewinnt.

Fasten, Vergebung und die verborgene Natur des Vaters

Fasten steht im Neuen Testament nicht für eine fromme Spezialdisziplin, mit der man geistliche „Punkte“ sammelt, sondern für eine innere Lage vor Gott. Wer fastet, verzichtet nicht technisch auf Nahrung, sondern kann tatsächlich nicht essen, weil eine geistliche Last das Herz so erfüllt, dass der Hunger nach Gott den physischen Hunger überlagert. Es ist, wie beschrieben, ein „Selbsterniedrigen im Suchen nach der Barmherzigkeit Gottes“ – ein freiwilliger Verzicht auf etwas, worauf man ein Recht hätte, um Raum zu schaffen für ein dringenderes Rufen. Genau hier lauert jedoch die Gefahr, den Verzicht zum Schauplatz des eigenen Ich zu machen. Traurige Mienen, demonstrative Askese und subtile Hinweise auf eigene Strenge verwandeln das Fasten in eine Bühne des Fleisches. Der Herr stellt dem die verborgene Art des Fastens gegenüber: salbe dein Haupt, wasche dein Gesicht, lebe so normal, dass niemand merkt, was zwischen dir und Gott vorgeht. Der Vater allein soll Zeuge sein.

Fasten bedeutet nicht einfach, auf Essen zu verzichten; es bedeutet, nicht essen zu können, weil man so dringend mit der Last erfüllt ist, für bestimmte Dinge zu beten. Es ist auch ein Ausdruck der Selbsterniedrigung im Suchen nach der Barmherzigkeit Gottes. Almosen zu geben heißt, das wegzugeben, worauf wir ein Recht haben zu besitzen, während Fasten bedeutet, auf das zu verzichten, woran wir das Recht haben, uns zu erfreuen. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft einundzwanzig, S. 270)

In diesem Sinn steht Fasten nahe bei der Vergebung. Beides ist ein Loslassen: Beim Fasten lassen wir einen Genuss los, auf den wir ein Recht hätten; bei der Vergebung lassen wir eine Forderung los, von der wir meinen, sie zu Recht zu haben. Jesus verknüpft beides im Kontext des Gebets: Wer um Vergebung bittet, ohne selbst zu vergeben, widerspricht dem Wesen des Vaters. Gottes Art zeigt sich im Kreuz, wo er unermesslich viel zudeckt, ohne sich selbst zu schonen. Psalm 8:2. bringt diesen Kontrast zwischen seiner Hoheit und seiner demütigen Zuwendung zum Ausdruck: „HERR, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gelegt hast auf die Himmel!“ Der, dessen Name über den Himmeln erhaben ist, wendet sich verborgen denen zu, die ihre Schuld bekennen und anderen vergeben. Wo wir in diesem Stillen mitgehen – im Fasten, das nicht inszeniert, und in einer Vergebung, die nicht verkündet, sondern einfach gewährt wird –, wird das Selbst entlarvt und verliert seine Macht. Dann gewinnt das neue Leben Raum, und mit ihm wächst eine stille Freiheit: Man muss sich nicht mehr über Askese oder moralische Stärke definieren, sondern kann sich über den Vater freuen, der im Verborgenen sieht und dieses verborgene Tun einst ans Licht seiner Freude bringen wird.

Das macht Mut, Fasten und Vergebung nicht als hohe Stufe für besonders Fortgeschrittene anzusehen, sondern als Ausdrucksformen einer Beziehung zu Gott, der selbst verborgen und zugleich nahe ist. In jeder kleinen, unscheinbaren Entscheidung, auf einen Genuss oder eine Forderung zu verzichten, um Gottes Angesicht zu suchen, spiegelt sich etwas von seiner heiligen Art wider. Und auch wenn die Umgebung davon kaum Notiz nimmt, bleibt es vor ihm nicht unbeachtet, der bei der „Auferstehung der Gerechten“ vergelten wird, wie Lukas 14:14 bezeugt: „und glückselig wirst du sein, weil sie nichts haben, um dir zu vergelten; denn es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.“

und glückselig wirst du sein, weil sie nichts haben, um dir zu vergelten; denn es wird dir vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten. (Luke 14:14)

HERR, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde, / der du deine Hoheit gelegt hast auf die Himmel! / (Psa. 8:1)

Wo Fasten und Vergebung aus der Zone der Selbstdarstellung in die Stille vor Gott zurückkehren, verlieren sie ihren Druck und gewinnen an Tiefe. Sie werden dann nicht zu Leistungen, mit denen man sich profilieren kann, sondern zu Wegen, auf denen die verborgene, heilige Art des Vaters in unserem Alltag Gestalt annimmt. Das schenkt Trost: Kein stiller Verzicht, keine verborgene Vergebung ist vergeblich. In ihnen wächst – oft unbemerkt – das Leben Christi, das uns freier macht von uns selbst und empfänglicher für das, was Gott in seinem Königreich tun möchte.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 21