Das Wort des Lebens
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Das Dekret der Verfassung des Königreichs (8)

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Viele Gläubige schwanken zwischen zwei Extremen: Die einen meinen, das Gesetz sei völlig bedeutungslos geworden, die anderen versuchen verzweifelt, jeden Buchstaben einzuhalten und scheitern an ihren Grenzen. Jesu Worte in Matthäus 5, besonders sein Ruf, so vollkommen zu sein wie der himmlische Vater, wirken für viele unerreichbar. Gerade darin liegt jedoch ein Schlüssel zu Gottes Weg: Er zeigt uns nicht nur, was recht ist, sondern offenbart, wie sein eigenes Leben in uns diese Gerechtigkeit hervorbringt.

Das Gesetz verstehen: Prinzip, Gebote und Rituale

Die Spannung zwischen dem Ende und der Erfüllung des Gesetzes löst sich, sobald deutlich wird, dass die Schrift unter „Gesetz“ nicht immer dasselbe meint. Einmal ist vom Prinzip die Rede, vom Grundsatz eines Lebens, das seine Gerechtigkeit aus eigener Leistung gewinnen will. Paulus fasst dies so zusammen: „Denn Christus ist des Gesetzes Ende zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt“ (Römer 10:4). Der Weg, durch eigene Gesetzeserfüllung vor Gott zu bestehen, hat in Christus ein radikales Ende gefunden. Nicht, weil Gottes Forderung geringer geworden wäre, sondern weil Gott die Grundlage der Gerechtigkeit gewechselt hat: Nicht mehr das Tun steht am Anfang, sondern das Vertrauen. Wer an Christus glaubt, verlässt das alte System der Selbsterhöhung durch Gehorsam und tritt in die Sphäre der Gnade ein, in der die Gerechtigkeit als Geschenk empfangen wird. So ist das Prinzip des Gesetzes – die Suche nach Anerkennung durch eigene Leistung – wirklich beendet.

Um diese Frage des Gesetzes zu verstehen, müssen wir die drei Aspekte des Gesetzes kennen: das Prinzip des Gesetzes, die Gebote des Gesetzes und die Rituale des Gesetzes. Wenn du diese drei nicht voneinander unterscheidest, wirst du niemals ein wirkliches Verständnis des Gesetzes haben. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft zwanzig, S. 249)

Neben diesem Prinzip stehen die Gebote des Gesetzes als Ausdruck von Gottes unveränderlicher moralischer Wirklichkeit. Wenn Jesus sagt, er sei nicht gekommen, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern um zu erfüllen (Matthäus 5:17), öffnet er den Blick dafür, dass Gottes Gebote mehr sind als kulturgebundene Vorschriften. Sie spiegeln seine eigene Heiligkeit, Treue und Wahrheit. Darum kann Mord nicht einfach mit der Unterlassung einer äußeren Tat abgegolten werden; im Licht des Königreichs beginnt er im Zorn und in der Verachtung des Bruders. Ehebruch fängt nicht erst im Bett, sondern im begehrlichen Blick an. Lüge ist nicht nur die grobe Unwahrheit, sondern auch das raffinierte Spiel mit Halbwahrheiten. In all dem zeigt sich: Götzendienst, Mord, Ehebruch, Lüge und Diebstahl sind nicht nur Verstöße gegen ein Regelwerk, sondern Angriff auf das Wesen Gottes selbst – und als solche zeitlos verwerflich.

Der dritte Bereich umfasst die Rituale des Gesetzes: Opferdienst, Festkalender, Reinheitsvorschriften, Sabbatordnungen und viele äußere Formen. Sie gehören zu einer Heilszeit der Schatten und Vorbilder. Der Brand-, Sünd- oder Friedensopferdienst, die Speisopfer und Trankopfer, die Festzeiten Israels – all dies war wie eine Bilderwelt, die auf Christus hinweist. Er ist das wahre Opfer, das ein für alle Mal dargebracht wurde, er ist unsere wahre Ruhe, unser eigentlicher Sabbat. In ihm hat der Opfer- und Festdienst seine Erfüllung erreicht und damit sein vorläufiges Ziel. Als Schatten sind diese Rituale vergangen; „denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott“ (Römer 8:3). Gott hat nicht die Bilder konserviert, sondern die Wirklichkeit geschenkt.

Im Licht dieser drei Aspekte lässt sich sagen: Das Prinzip des Gesetzes ist in Christus beendet, die Rituale sind in ihm erfüllt und damit abgelöst, die moralischen Gebote aber bleiben als Ausdruck von Gottes Wesen und werden in der Verfassung des Königreichs noch überhöht. Daraus entsteht keine bloße Verschärfung eines Regelkatalogs, sondern eine tiefere Einladung: weg von der verzweifelten Anstrengung des alten Menschen hin zu einem Leben, in dem der Wille Gottes als gut, wohlgefällig und vollkommen erkannt wird. Wer so auf Christus blickt, entdeckt, dass Gottes Forderungen weder verwässert noch ins Unerreichbare entrückt werden, sondern im Leben des Sohnes Gestalt annehmen. Das gibt Klarheit für das Denken und Trost für das Herz: Unser Maßstab ist hoch, aber er ruht auf einem Fundament, das nicht wir gelegt haben. In Christus ist der Raum geöffnet, in dem Gottes beständiger Wille mit einem neuen, von ihm geschenkten Leben zusammenkommt.

Denn Christus ist des Gesetzes Ende zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. (Röm. 10:4)

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte, (Röm. 8:3)

Die Unterscheidung zwischen Prinzip, Geboten und Ritualen des Gesetzes befreit von innerer Verwirrung und falscher Last. Sie lädt ein, das Streben nach eigener Gerechtigkeit loszulassen, die bleibende moralische Klarheit von Gottes Geboten zu achten und in Christus die erfüllte Wirklichkeit aller Vorbilder zu entdecken. So wird das Gesetz nicht als kaltes System erfahren, sondern als Wegweiser, der zu Christus führt – zu dem, in dem die Forderung Gottes und die Gnade Gottes unauflöslich eins geworden sind.

Vollkommen wie der Vater: Leben aus der neuen Natur

Wenn Jesus am Ende dieses Abschnitts sagt: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Matthäus 5:48), stellt er uns nicht eine glänzende Idealfigur vor, an der wir uns abarbeiten sollen. In diesen Worten schwingt eine andere Wirklichkeit mit: Er spricht zu Menschen, die durch ihn Kinder des Vaters geworden sind. Vollkommenheit ist hier kein abstrakter Perfektionismus, sondern die Entfaltung einer Beziehung. Ein Kind trägt das Leben seines Vaters in sich; es wird ihm ähnlich, nicht indem es ständig auf eine Liste von Eigenschaften starrt und sie imitiert, sondern indem es in diesem Leben heranwächst. So ist es auch geistlich. Gott begegnet uns nicht nur als Schöpfer mit Anspruch, sondern als Vater mit geschenktem Leben.

„Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (V. 48). Dieser Vers zeigt, dass wir das Leben und die Natur des Vaters in uns haben. Wir sind aus Ihm geboren und Seine Kinder geworden. Weil wir Seine Kinder sind und Sein Leben und Seine Natur besitzen, müssen wir Ihn nicht imitieren oder nachahmen. Solange wir in Seinem Leben wachsen, werden wir so sein wie Er. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft zwanzig, S. 251)

Die Verfassung des Königreichs führt uns deshalb nicht in eine gesteigerte Gesetzlichkeit, sondern entlarvt die Grenzen des natürlichen Menschen. Forderungen wie Feindesliebe, radikale Wahrhaftigkeit, Reinheit des Herzens oder das Loslassen des Rachebedürfnisses zeigen, dass unsere gewohnte Kraft nicht ausreicht. Unter diesem Licht verliert das natürliche Leben seinen Glanz: Selbstbeherrschung, auf die man stolz war, erweist sich als brüchig; Liebe, die man für groß hielt, kommt an ihre Grenze. Gerade hier wird die Absicht des Herrn sichtbar. Wenn unser Vertrauen auf das eigene Können bricht, öffnet sich Raum für eine andere Quelle. „Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Römer 8:16). Wer sich von diesem Zeugnis treffen lässt, beginnt, das Leben des Vaters als eigentliche Kraft für die Erfüllung seiner Worte zu entdecken.

Im Alltag äußert sich das nicht zuerst in außergewöhnlichen Taten, sondern in leisen Verschiebungen der inneren Schwerpunkte. Wo früher die Frage dominierte: „Wie kann ich es richtig machen?“, tritt zunehmend die Bitte in den Vordergrund: „Vater, wie möchtest du dein Leben in mir ausdrücken?“ Dadurch wird das Verhalten nicht beliebig, sondern gerade klarer, weil es vom Wesen Gottes her bestimmt wird. Wenn seine Barmherzigkeit unser Herz erreicht, wird die Bereitschaft größer, nicht nachzuhalten. Wenn seine Heiligkeit uns innerlich erfasst, verliert das Spiel mit der Sünde seinen Reiz. Wenn seine Treue uns trägt, beginnt unser Ja verlässlicher zu werden. Das ist keine schnelle Veränderung, sondern Wachstum – „Wachstum im Leben bis zur Reife“, das aus der gemeinsamen Geschichte mit dem Vater erwächst.

Im Licht dieser Worte verliert Vollkommenheit ihren bedrückenden Klang. Sie wird zum Ruf in eine Beziehung, in der der Vater das Seine gibt und wir lernen, darauf zu antworten. Das nimmt den Druck, ständig mehr leisten zu müssen, und weckt zugleich eine neue Sehnsucht: dass das, was Gott ist, in uns sichtbarer wird. Wer so auf den himmlischen Vater blickt, darf wissen: Er verlangt nichts, wozu er nicht zugleich sein eigenes Leben gibt. In dieser Gewissheit kann der Anspruch Jesu Mut machen, statt zu entmutigen, und der Weg der Nachfolge wird zu einem Weg, auf dem der Vater Schritt für Schritt zeigt, wie seine Vollkommenheit in Kindern Gestalt gewinnt.

Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist. (Mt. 5:48)

Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. (Röm. 8:16)

Die Aufforderung, vollkommen zu sein wie der Vater, ist kein ständiger Anklagepunkt, sondern ein liebevoller Hinweis auf die Quelle, aus der unser Leben kommen soll. Sie ermutigt, das Vertrauen in das eigene geistliche Können loszulassen und die neue Identität als Kind Gottes ernst zu nehmen. So entsteht Raum für ein ruhiges, aber tiefes Wachstum, in dem Gottes Wesen immer mehr die Form unseres Denkens, Wollens und Handelns annimmt.

Die gerechte Forderung des Gesetzes erfüllen, indem wir nach dem Geist wandeln

Römer 8 zeigt mit großer Klarheit, warum das Gesetz in seiner guten, heiligen Forderung doch keine Gerechtigkeit hervorbringen konnte: Nicht das Gesetz war schwach, sondern unser Fleisch. „Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott“ (Römer 8:3). Gott hat die Sünde im Fleisch gerichtet, indem Christus in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde kam und stellvertretend starb. Doch das Ziel bleibt nicht bei der Vergebung stehen. Paulus fährt fort: „damit die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist“ (Römer 8:4). Die Perspektive verschiebt sich von einem äußeren Erfüllen hin zu einem inneren Geschehen: Das, was Gott verlangt, soll in uns Wirklichkeit werden, nicht gegen, sondern mit unserem innersten Sein.

Außerdem hat Er durch Seinen stellvertretenden Tod Sein Auferstehungsleben in uns hineingelegt, und jetzt besitzen wir dieses Auferstehungsleben in unserem Geist. Weil wir durch dieses Auferstehungsleben leben können, haben wir die Kraft, die Fähigkeit und die Kapazität, den höchsten Maßstab an Moral zu verwirklichen. Wenn wir nach dem Geist wandeln (Röm. 8:4), erfüllen wir die gerechten Forderungen des Gesetzes und gehen sogar über das hinaus, was das Gesetz verlangt. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft zwanzig, S. 250)

Mit der Wiedergeburt hat Gott einen neuen Ort im Menschen geschaffen, an dem diese Wirklichkeit verankert ist. Der Heilige Geist ist in unseren menschlichen Geist gekommen und bezeugt dort, dass wir Kinder Gottes sind. Dieser Geistbereich ist nicht nur ein schöner Gedanke, sondern der tatsächliche Wohnort Gottes im Menschen: „in dem auch ihr miteinander aufgebaut werdet zu einer Wohnstätte Gottes im Geist“ (Epheser 2:22). Nach dem Geist zu wandeln bedeutet daher, im täglichen Leben aus diesem inneren Raum zu leben, in dem Christus gegenwärtig ist. Es heißt, Entscheidungen nicht nur nach Gefühl, Gewohnheit oder äußerem Druck zu treffen, sondern aufmerksam zu bleiben für das leise, aber bestimmte Zeugnis des Geistes in unserem Inneren.

So wird die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt, ohne dass wir in die Falle eines neuen Perfektionismus geraten. Wo früher ein inneres Antreiben stand – die Angst, zu versagen, die Fixierung auf Leistung –, wächst nach und nach ein anderes Motiv: die Freude, dass Christus in uns lebt und wirken will. Seine Liebe drängt dann dazu, nicht zu hassen; seine Wahrheit drängt dazu, nicht zu lügen; seine Reinheit lässt die Unreinheit fremd erscheinen. Die äußere Form mag der Forderung des Gesetzes entsprechen, doch der Ursprung ist ein anderer: Es ist das Leben des Auferstandenen, das sich äußert. Gerade darin liegt eine stille, aber tiefe Entlastung: Wir sind nicht dazu bestimmt, Gottes Maßstab mit den alten Mitteln zu erreichen, sondern ihn mit einem neuen Leben zu tragen.

Dieser Weg ist kein spektakuläres Programm, sondern ein dauerhaftes, inneres Umgewöhnen. Es bedeutet, sich immer wieder erinnern zu lassen, wo unsere eigentliche Mitte liegt, und aus dieser Mitte heraus zu reagieren. Dort, im Geist, wohnt Christus als der, der das Gesetz vollkommen erfüllt hat und nun in uns lebt. Seine Gegenwart macht die Forderung Gottes nicht kleiner, aber sie macht sie getragen. So kann der Gedanke, die gerechte Forderung des Gesetzes zu erfüllen, von etwas Bedrückendem zu einer stillen Zuversicht werden: Was Gott fordert, bringt er selbst in uns hervor, während wir lernen, Schritt für Schritt nach dem Geist zu gehen.

Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte, (Röm. 8:3)

damit die gerechte Forderung des Gesetzes in uns erfüllt würde, die wir nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. (Röm. 8:4)

Diese Wahrheit ermutigt dazu, vor dem Herrn still zu werden und neu zu sehen, wie Sein Leben Denken, Fühlen und Handeln von innen her prägt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 20