Das Dekret der Verfassung des Königreichs (6)
Viele Christen atmen auf, wenn sie hören, dass sie nicht durch das Halten des Gesetzes gerettet werden. Doch schnell taucht die Frage auf: Was bedeutet das für unseren Alltag, für unsere Entscheidungen, für unseren Umgang mit Zorn, Sexualität und Götzen im Herzen? Zwischen Gesetzlichkeit und Beliebigkeit sucht unser Gewissen nach Orientierung. Der Herr Jesus selbst erklärt in der Bergpredigt, dass die Gnade nicht zu einem niedrigeren, sondern zu einem tiefgreifenderen Maßstab führt – und dass dieser Maßstab untrennbar mit Ihm selbst verbunden ist.
Vom Prinzip des Gesetzes zum Prinzip des Glaubens
Wenn die Schrift den Weg vom Gesetz zum Glauben beschreibt, erzählt sie nicht einfach von zwei religiösen Systemen, sondern von zwei grundsätzlich verschiedenen Weisen, wie der Mensch vor Gott stehen kann. Im Alten Bund tritt Israel am Sinai vor den heiligen Gott, und Sein Wille kommt ihnen in Form von klaren Geboten entgegen: „Du sollst … du sollst nicht …“ (2. Mose 20). Wer leben, wer bleiben, wer gesegnet sein will, muss diesen Maßstab einhalten. Das Gesetz ist wie ein Spiegel, der Gottes heilige Forderung zeigt – aber es gibt keine Kraft, das Gesehene auch zu verwirklichen. Dennoch ist dieses Gesetz nicht willkürlich; es offenbart, wie Gott ist: wahrhaftig, treu, rein, ohne falsches Begehren, ohne Gewalt. Es ist der Ernst eines Gottes, der Gemeinschaft mit einem Volk haben will, das Seinem Wesen entspricht.
Nach der Ökonomie des Alten Testaments gründete sich Gottes Handeln mit Seinem Volk auf das Gesetz. Das war das Prinzip des Gesetzes. In der Ökonomie des Neuen Testaments jedoch handelt Gott heute mit Seinem Volk nicht nach dem Gesetz, sondern nach dem Glauben. So war im Alten Testament das Gesetz das Prinzip von Gottes Handeln mit Seinem Volk, im Neuen Testament aber ist der Glaube das Prinzip Seines Handelns mit uns. Nach der Ökonomie des Alten Testaments war es notwendig, das Gesetz einhalten, um für Gott annehmbar zu sein. Heute jedoch ist es eine Frage des Glaubens, für Gott annehmbar zu sein. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft achtzehn, S. 225)
Neben dieser Geschichte am Sinai steht jedoch die Geschichte Abrahams, die noch älter ist als das Gesetz. Bevor es überhaupt Gebote gab, sprach Gott zu einem Mann und gab ihm eine Verheißung. Und über Abraham heißt es: „Abraham aber glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“ (Römer 4:3). Hier erscheint ein anderes Prinzip: Gott nimmt einen Menschen an, nicht weil er eine Liste von Forderungen erfüllt, sondern weil er sich auf Gott selbst verlässt. Im Neuen Bund tritt dieses Prinzip des Glaubens in den Vordergrund und wird zur Grundlage für alle, die an Christus glauben: „Nun aber ist außerhalb des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbar gemacht worden … durch den Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben“ (Römer 3:21–22). Damit ist das Gesetz nicht entwertet, aber der Weg, vor Gott Bestand zu haben, ist grundlegend verändert.
Gott behandelt Seine Kinder heute nicht mehr nach dem Prinzip: „Erfülle, damit du leben kannst“, sondern nach dem Prinzip: „Vertraue Meinem Sohn, und du wirst angenommen.“ Wer an Christus glaubt, steht vor Gott nicht mehr unter dem Urteil des Gesetzes, sondern in der Gnade. Doch Gnade ist keine weiche Decke, die Gottes heiligen Willen zudeckt und bedeutungslos macht. Sie nimmt die Verdammnis weg, nicht die Ernsthaftigkeit. Die Gebote zeigen weiterhin, wie Gott ist; der Glaube verbindet uns mit Christus, der die Erfüllung dieses Willens in Person ist. So bewahrt uns der Neue Bund vor zwei falschen Wegen: vor dem Stolz des Gesetzlichen, der meint, durch eigene Leistung Gott beeindrucken zu können, und vor der Leichtfertigkeit des Gesetzlosen, der Gottes Heiligkeit beiseiteschiebt.
Wer erkennt, dass Gott ihn in Christus aus reiner Gnade annimmt, findet einen neuen Frieden und zugleich eine neue Verantwortung. Frieden, weil kein Versagen mehr das Fundament seiner Annahme erschüttern kann. Verantwortung, weil der Glaubende nun in der Nähe eines heiligen Gottes lebt, der sein Herz formen will. Der Glaube entlässt uns nicht aus Gottes moralischem Anspruch, sondern stellt uns in eine Beziehung zu Ihm, in der dieser Anspruch nicht mehr als drohendes Urteil, sondern als liebevolle, ernste Einladung erlebt wird. So wird das Leben aus Glauben zu einem Weg der inneren Verwandlung, auf dem der Heilige Geist uns Schritt für Schritt in das Bild dessen umgestaltet, an den wir glauben. Darin liegt eine stille Ermutigung: Unsere Sicherheit vor Gott ruht nicht auf der Stabilität unseres Gehorsams, sondern auf der Treue Christi, und eben darum dürfen wir ohne Angst wachsen.
Jetzt aber ist außerhalb des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbar gemacht worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten, nämlich die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben. (Röm. 3:21-22)
Denn was sagt die Schrift? Abraham aber glaubte Gott, und es wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. (Röm. 4:3)
Wer im Licht des Neuen Bundes lebt, darf die Anklage des Gesetzes loslassen, ohne die Heiligkeit Gottes zu relativieren. Das entlastet das Gewissen und schärft zugleich das Herz. Aus dieser Gewissheit heraus kann ein Leben des Glaubens wachsen, das Gottes Gebote nicht als Bedrohung, sondern als Ausdruck Seiner guten Absicht erkennt und im Vertrauen auf Christus Schritt für Schritt in diese Wirklichkeit hineinwächst.
Die Gebote erhöht – ein höherer Maßstab der Gerechtigkeit
Wenn Jesus in der Bergpredigt von der Erfüllung des Gesetzes spricht, geschieht etwas Überraschendes. Er löst die Gebote nicht auf, sondern führt sie tiefer, als die meisten seiner Zuhörer es erwartet hatten. „Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Matthäus 5:17). Erfüllung bedeutet hier nicht nur, dass Christus als Einzelperson alle Forderungen des Gesetzes einhält, sondern dass Er seinen eigentlichen Sinn ans Licht bringt. Mord war schon immer verboten; nun zeigt der Herr, dass der Ursprung des Mordes im Herzen liegt, in Zorn, Geringschätzung, verletzenden Worten. Ehebruch war verwerflich; jetzt legt Er offen, dass der begehrliche Blick, das kultivierte innere Begehren, bereits die Grenze überschreitet. So wird spürbar, dass Gott nicht nur äußeres Verhalten, sondern das Innere des Menschen im Blick hat.
Zu sagen, dass das Prinzip des Gesetzes abgeschafft worden ist, bedeutet nicht, dass diese Gebote aufgehoben worden sind. Vielmehr werden diese Gebote nach dem Neuen Testament betont, verstärkt und erhöht. Im Alten Testament wurde uns gesagt, kein physisches Bild zu machen, im Neuen Testament aber wird uns gesagt, dass sogar unsere Habsucht eine Form des Götzendienstes ist (Kol. 3:5). Die Gier ist ein Götze. Daran sehen wir die Erhöhung des Gebots in Bezug auf den Götzendienst. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft achtzehn, S. 227)
In dieser Perspektive wird deutlich, wie sehr die Gebote im Neuen Bund erhöht sind. Was im Alten Bund vor allem auf sichtbare Handlungen zielte – keine Bilder, keine fremden Götter, kein Blutvergießen –, wird jetzt auf verborgene Motive und Neigungen ausgeweitet. Paulus fasst dies scharf zusammen, wenn er schreibt: „Darum bringt eure Glieder, die auf der Erde sind, zu Tode: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und die Habgier, die Götzendienst ist“ (Kolosser 3:5). Habgier, die im Herzen sitzt und sich oft gut fromm verkleiden kann, wird hier als Götzendienst entlarvt. So entzieht der Geist Gottes dem Menschen jeden Rückzugsraum, in dem er sich mit äußerlich korrektem Verhalten zufriedengeben könnte, während sein innerer Mensch in anderen Bindungen lebt.
Das Neue Testament bleibt an dieser Stelle äußerst klar. Wo Unzucht, Ehebruch, anhaltender Hass, Götzendienst und ungezügelte Habsucht das Leben bestimmen, wird offenbar, dass der Maßstab des Königreichs missachtet wird. Darum heißt es warnend: „Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht!“ (1. Korinther 6:9). Der hohe Maßstab der Gerechtigkeit, von dem Jesus spricht, beschreibt also nicht ein Ideal für besonders eifrige Christen, sondern die Grundgestalt eines Lebens, das zum Königreich der Himmel gehört. Es geht um ein geheiligtes Herz, um versöhnte Beziehungen, um Worte, die nicht zerstören, sondern segnen, um einen Lebensstil, der die Gegenwart Gottes ernst nimmt.
Gerade weil dieser Maßstab so hoch ist, kann er entmutigen – oder befreien. Entmutigen, wenn er als Liste unerreichbarer Forderungen gelesen wird, die über uns zusammenbricht. Befreien, wenn deutlich wird: Der Herr, der diese Worte spricht, ist derselbe, der Sein Leben hingibt, um uns in diese Gerechtigkeit hineinzunehmen. Er verlangt nichts, wozu Er nicht zugleich den Weg eröffnet. Die Erhöhung der Gebote ist deshalb keine Last, die uns unter das alte Joch zurückdrückt, sondern der Ruf in ein tieferes, wahrhaftigeres Leben mit Gott. Wer sich diesem Ruf stellt, entdeckt, dass die Gnade nicht dazu da ist, die Reibung zwischen Evangelium und Alltag zu glätten, sondern uns hineinzurufen in ein Leben, in dem Christus selbst unsere Gerechtigkeit und Heiligung wird.
Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. (Mt. 5:17)
Darum bringt eure Glieder, die auf der Erde sind, zu Tode: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Begierde und die Habgier, die Götzendienst ist, (Kol. 3:5)
Wer erkennt, dass Jesus die Gebote nicht abschafft, sondern vertieft, wird das eigene Innerste nicht mehr als neutralen Raum betrachten. Gedanken, Blicke, Wünsche, Worte – all das gehört in den Bereich, in dem Gottes Königreich Gestalt gewinnt. So wird das tägliche Leben zur stillen Begegnung mit dem Herrn, der nicht nur unsere Handlungen, sondern unser Herz formen will, und dessen Gnade uns befähigt, in dieser erhöhten Gerechtigkeit zu wachsen, ohne zu verzweifeln.
In Christus und im Geist leben statt das Gesetz leisten
Der Maßstab, den der Herr in der Bergpredigt beschreibt, übersteigt bewusst die Möglichkeiten des bloßen Menschen. Zorn zu überwinden, ohne bitter, kalt oder innerlich hart zu werden; Begierden zu durchschauen und zu verwerfen, ohne in Verdrängung oder Selbsthass zu fallen – das sprengt das, was menschliche Selbstdisziplin allein leisten kann. Wer ehrlich auf sein eigenes Herz sieht, spürt sehr schnell, wie begrenzt die eigenen Kräfte sind. Gerade an dieser Stelle öffnet der Neue Bund einen anderen Weg: Nicht „streng dich mehr an“, sondern „lebe aus einem anderen Leben“. Paulus fasst dies zusammen, wenn er schreibt, dass „die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt wird in uns, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln“ (Römer 8:4). Das Gesetz bleibt, aber die Weise, wie es erfüllt wird, ist völlig neu.
Um einem moralischen Maßstab zu entsprechen, der höher ist als der des alten Gesetzes, musst du deinen Zorn und deine Begierden überwinden. Vielleicht sagst du, dass das nicht leicht ist. Stimmt, es ist nicht leicht. Gerade deshalb brauchst du Christus. Gerade deshalb brauchst du ein anderes Leben. Wie sehr müssen wir bei Christus bleiben! Wir müssen mit Ihm in Verbindung sein, nicht nur Tag für Tag, sondern sogar Stunde um Stunde. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft achtzehn, S. 229)
Der auferstandene Christus wohnt durch den Heiligen Geist in denen, die an Ihn glauben. Dieser Christus ist nicht nur ein entferntes Vorbild, das ein hohes Ideal vor Augen stellt, sondern eine gegenwärtige Kraftquelle im inneren Menschen. Wenn die Schrift sagt: „Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht vollbringen“ (Galater 5:16), beschreibt sie kein mystisches Gefühl, sondern eine reale Lebensweise: das Herz immer wieder auf den Herrn auszurichten, Ihn im Gebet zu suchen, sich Seinem Wort zu öffnen, in der Gemeinschaft der Glaubenden zu stehen. In solchem Leben im Geist entstehen nicht zuerst perfekte Leistungen, sondern neue Regungen: ein anderes Wollen, ein anderes Empfinden, ein anderes Maß an innerer Ruhe. Aus diesem inneren Wandel heraus werden Zorn und Begierde nicht einfach niedergerungen, sondern nach und nach an die Wurzel getroffen.
Gleichzeitig verschweigt das Neue Testament nicht, dass unser Tun als Gerettete Gewicht hat. Die Bilder vom Richterstuhl Christi, vom „gerettet werden, doch so wie durchs Feuer“ (1. Korinther 3:15), zeigen, dass die Gnade nicht Beliebigkeit bedeutet. Was wir mit dem anstellen, was uns anvertraut ist – mit unserem Körper, unseren Worten, unserer Zeit –, wird vor Christus offenbar werden. Doch dieser Richterstuhl steht nicht im Schatten der ewigen Verdammnis, sondern im Licht eines Herrn, der uns bereits durch Sein Blut angenommen hat. Seine Beurteilung zielt auf Reinigung, nicht auf Verwerfung; auf Läuterung, nicht auf Abstoßen. Deshalb kann die Schrift zugleich ernst warnen und tief trösten.
Wer so lernt, in Christus und im Geist zu leben, findet einen Weg zwischen Gesetzlichkeit und Gleichgültigkeit. Gesetzlichkeit lebt aus der eigenen Kraft und misst sich ständig an einem Ideal, an dem man letztlich zerbricht. Gleichgültigkeit nimmt den Ernst des Reiches nicht wahr und stumpft nach und nach gegenüber der Stimme des Geistes ab. Dazwischen liegt das Leben des Glaubens: ein Leben, das den hohen Maßstab des Königreichs nicht relativiert, aber ihn Tag für Tag im Vertrauen auf die Gegenwart Christi angeht. In vielen kleinen Entscheidungen – einem geschluckten Wort, einem zugegebenen Neid, einem Hinwenden zu Gott mitten im Ärger – wird dann sichtbar, dass ein anderes Leben in uns wirksam ist.
Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln. (Röm. 8:3-4)
Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches nicht vollbringen. (Gal. 5:16)
Im Alltag des Glaubens bedeutet das: Zorn, Begierde und jede andere Regung des Fleisches müssen nicht mit bloßer Willenskraft bekämpft werden. Sie dürfen im Licht der Gegenwart Christi benannt und Ihm anvertraut werden. Aus dieser Beziehung heraus wächst ein Leben im Geist, in dem die gerechte Forderung des Gesetzes immer mehr in uns erfüllt wird – nicht als Leistung für Gott, sondern als Frucht eines Lebens mit Ihm.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du uns nicht nach dem Maßstab des Gesetzes annimmst, sondern nach dem Glauben, und dass Du doch unser Leben zu der Gerechtigkeit des Königreichs hin erhebst. Du kennst unseren Zorn, unsere Begierden und unsere Schwachheit besser als wir selbst, und Du hast dennoch beschlossen, in uns zu wohnen und uns in Deinem Auferstehungsleben zu tragen. Lehre uns, wachsam zu sein gegenüber allem, was Dich entehrt, und zieh unser Herz näher an Dich, damit wir im Geist wandeln und Deine heilige Liebe in unseren Gedanken, Worten und Taten widerspiegeln. Stärke alle, die an diesen Worten erschrecken, durch Deine Gnade, und lass die Furcht vor Gericht sich in ein tieferes Vertrauen auf Dich verwandeln. Fülle uns neu mit Deinem Geist, damit unser Alltag ein Zeugnis Deines Reiches wird und wir einmal unbeschämt vor Deinem Richterstuhl stehen dürfen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 18