Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Dekret der Verfassung des Königreichs (5)

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Wer die Bergpredigt liest, spürt schnell: Hier spricht kein Moralprediger, sondern ein König, der eine neue Wirklichkeit eröffnet. Jesus knüpft an das Gesetz des Mose an, aber er bleibt nicht bei äußeren Geboten stehen. Er legt frei, was im Inneren des Menschen geschieht – in Gedanken, Motiven und Haltungen – und verbindet dies mit der Frage, wer wirklich in seinem Königreich leben und in seine zukünftige Herrschaft eingehen wird.

Christus erfüllt das Gesetz und hebt den Maßstab an

Wenn Jesus sagt, er sei nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen, öffnet er einen weiten Raum für das Verständnis dessen, was Erfüllung bedeutet. Erfüllung ist nicht bloß gehorsames Einhalten eines vorhandenen Katalogs, sondern die Offenbarung dessen, worauf das Gesetz von Anfang an hingewiesen hat. Das, was in Geboten, Gebotsreihen und Strafandrohungen nur umrissen war, nimmt in Ihm Gestalt an. In seinem Leben auf der Erde bricht Jesus kein einziges Gebot; aber mehr noch: die ganze innere Haltung, die das Gesetz forderte, leuchtet in Ihm ohne Riss und Schatten. Wo das Gesetz sagt: „Du sollst nicht töten“ (2.Mose 20:13), finden wir in Ihm einen, der selbst seine Feinde liebt und für die betet, die ihn verfolgen. Damit zeigt er, dass das Gesetz nicht auf äußerliche Korrektheit zielte, sondern auf eine Liebe, die bis zum Äußersten geht.

Das Gesetz zu erfüllen bedeutet hier drei Dinge: Christus hat das Gesetz in positiver Hinsicht gehalten; durch seinen stellvertretenden Tod am Kreuz hat er die Forderung des Gesetzes in negativer Hinsicht erfüllt; und Christus ergänzt das alte Gesetz in diesem Abschnitt durch sein neues Gesetz, wie fortwährend durch das Wort „Ich aber sage euch“ ausgedrückt wird (V. 22, 28, 32, 34, 39, 44). (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebzehn, S. 211)

Am Kreuz tritt eine zweite Seite dieser Erfüllung ans Licht. Dort nimmt Christus stellvertretend die Folgen unserer Übertretungen auf sich und erfüllt die Forderung des Gesetzes an unserer Stelle. Das Gesetz bleibt ernst, seine Forderung wird nicht relativiert; aber seine Forderung wird an einem anderen erfüllt. So wird deutlich, dass Gottes Gerechtigkeit nicht gegen seine Barmherzigkeit ausgespielt werden muss. „…damit Er gerecht sei und derjenige, der den rechtfertigt, der aus dem Glauben Jesu ist“ (Röm. 3:26). Die Härte des Gesetzes und die Sanftmut der Gnade treffen sich am Kreuz in der Person des Sohnes.

Doch Jesus bleibt nicht bei der Erfüllung der alten Forderung stehen. In der Bergpredigt tritt er als der Gesetzgeber des Königreichs auf. Mit den Worten „Ich aber sage euch“ hebt er den Maßstab nicht einfach ein Stück an, sondern verlegt den ganzen Schwerpunkt vom äußeren Tun in die Tiefe des Herzens. Nicht nur der Mord, sondern schon der zerstörerische Zorn; nicht nur der Ehebruch, sondern bereits der Blick, der zur Begierde gemacht wird; nicht nur der Meineid, sondern überhaupt ein doppeltes, unzuverlässiges Wort werden zum Thema seiner königlichen Gesetzgebung. Damit legt er offen, dass das Problem des Menschen nicht zuerst seine Taten sind, sondern sein Inneres – seine Motive, seine verborgenen Wünsche, seine eingeübten Haltungen.

Weil Jesus so spricht, verliert das Gesetz seinen Charakter als kalte Forderung, die von außen auf uns zukommt. In seiner Auferstehung schenkt der Sohn das Leben, das er selbst gelebt hat; er legt es in die, die an ihn glauben. Dieses Auferstehungsleben ist nicht ein religiöser Zusatz, sondern die einzige Kraft, die imstande ist, die neue Gesetzgebung des Königreichs in uns zu verwirklichen. „Von Ihm aber seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott zur Weisheit geworden ist: sowohl zur Gerechtigkeit als auch zur Heiligung und zur Erlösung“ (1.Kor 1:30). In Christus wird das Gesetz nicht schwächer, sondern wärmer: Es bleibt heilig und hoch, aber es kommt als Leben in uns hinein und fängt an, uns von innen her zu prägen.

Du sollst nicht töten. (2.Mose 20:13)

im Blick auf den Beweis Seiner Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, damit Er gerecht sei und derjenige, der den rechtfertigt, der aus dem Glauben Jesu ist. (Röm. 3:26)

Die Erfüllung des Gesetzes in Christus entlastet und ruft zugleich in eine neue Würde: Wir stehen nicht mehr unter einem unerreichbaren Maßstab, sondern unter einem Herrn, der denselben Maßstab bereits gelebt, die Schuld unserer Verfehlungen getragen und uns sein eigenes Leben geschenkt hat. Daraus wächst eine stille Zuversicht: Wo seine Worte uns höher rufen, ist er selbst schon da, um uns dorthin zu tragen. Das befreit von Resignation und öffnet den Blick für eine Zukunft, in der das Gesetz nicht länger als Fremdkörper empfunden wird, sondern als Beschreibung dessen, was Gottes Leben in uns gerne wirkt.

Überragende Gerechtigkeit: die Gerechtigkeit des Königreichs

Wenn Jesus von einer Gerechtigkeit spricht, die die der Schriftgelehrten und Pharisäer übertreffen muss, nimmt er den gängigen Maßstab seiner Zeit auf und führt ihn in eine andere Dimension. Die Pharisäer waren in der Wahrnehmung vieler die Exakten, die Gesetzestreuen, diejenigen, die äußerlich kaum angreifbar wirkten. Doch ihre Gerechtigkeit war im Kern eine Leistungsgerechtigkeit: ein System aus Vorschriften, Auslegungen und Abgrenzungen, in dem der Mensch sich seine Stellung vor Gott durch Genauigkeit erarbeitet. Im Licht des Königs zeigt sich, wie begrenzt eine solche Gerechtigkeit ist. Sie bleibt an der Oberfläche, weil sie die Quelle des Lebens nicht berührt. Sie ordnet Verhalten, verwandelt aber nicht das Herz.

Ob wir im Königreich der Himmel groß oder klein sein werden, hängt davon ab, ob wir selbst die geringsten Gebote des Gesetzes halten. In diesem Vers betonte Christus, dass wir, wenn wir die geringsten Gebote des Gesetzes nicht alle halten, sondern sie aufheben und andere lehren, sie aufzuheben, die Geringsten im Königreich der Himmel sein werden. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebzehn, S. 215)

Dem stellt Jesus eine andere Gerechtigkeit gegenüber. Er weist auf die Gerechtigkeit hin, in der ein Mensch in Christus vor Gott steht: „…wobei ich nicht meine eigene Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist, die Gerechtigkeit, die aus Gott und aufgrund des Glaubens ist“ (Phil. 3:9). Diese Gerechtigkeit ist zuerst ein Geschenk, eine Stellung, die Gott dem Glaubenden zuspricht, weil Christus am Kreuz alles erfüllt hat. Niemand betritt das Königreich Gottes, weil er eine bestimmte moralische Höhe erklommen hat; wer hineingeht, geht auf der Grundlage dessen hinein, was Christus für ihn ist. In diesem Sinn ist jede selbst erarbeitete Gerechtigkeit zu niedrig, wie eindrucksvoll sie auch erscheinen mag.

Doch Jesus bleibt nicht bei dieser objektiven Seite stehen. Die Gerechtigkeit des Königreichs ist auch eine gelebte Wirklichkeit. Der Christus, der uns zur Gerechtigkeit gemacht wurde, will in uns als Gerechtigkeit sichtbar werden. Seine neue Gesetzgebung – der Umgang mit Zorn, mit Verachtung, mit begehrlichen Blicken, mit dem Wort und mit der Feindesliebe – beschreibt, wie diese Gerechtigkeit in Alltagssituationen aussieht. Sie zeigt sich nicht nur in großen moralischen Entscheidungen, sondern in scheinbar kleinen Haltungen: im Ernstnehmen der „geringsten Gebote“, im Sich-nicht-Abfinden mit Unversöhnlichkeit, im aufrichtigen Umgang mit dem eigenen Wort. Wo diese Gerechtigkeit Form gewinnt, gewinnt das Königreich Raum.

Damit rückt auch der zukünftige Horizont des Königreichs in Sicht. Es geht nicht nur darum, in das Königreich hineinzukommen, sondern auch darum, welchen Anteil man an seiner Offenbarwerdung haben wird. Das Bild des Hochzeitskleides macht dies anschaulich. In der Offenbarung heißt es: „Und es wurde ihr gegeben, dass sie in feine Leinwand gekleidet werde, hell leuchtend und rein; denn die feine Leinwand sind die Gerechtigkeiten der Heiligen“ (Offb. 19:8). Was Christus heute als praktische Gerechtigkeit in unserem Leben wirkt und was wir im Gehorsam annehmen, ist wie ein Kleid, das wir für die Hochzeit des Lammes empfangen. Hier wird sichtbar, wie ernst und kostbar die „geringsten Gebote“ sind: In ihnen verbirgt sich Stoff für ewige Herrlichkeit.

und in Ihm angetroffen werde, wobei ich nicht meine eigene Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die, die durch den Glauben an Christus ist, die Gerechtigkeit, die aus Gott und aufgrund des Glaubens ist, (Phil. 3:9)

Und es wurde ihr gegeben, dass sie in feine Leinwand gekleidet werde, hell leuchtend und rein; denn die feine Leinwand sind die Gerechtigkeiten der Heiligen. (Offb. 19:8)

Die überragende Gerechtigkeit des Königreichs lenkt den Blick weg von der Frage, wie weit man moralisch gekommen ist, hin zu der Person, in der alle Gerechtigkeit beschlossen liegt. Wer in Christus steht, hat eine Gerechtigkeit, die er sich nicht nehmen kann, und ist zugleich eingeladen, diese Gerechtigkeit im Kleinen wie im Großen sichtbar werden zu lassen. So entsteht ein Leben, in dem das Halten von Geboten nicht als Last empfunden wird, sondern als Teilnahme am Leben des Königs – ein Leben, das heute in der Verborgenheit wächst und einmal im Licht des Hochzeitsfestes des Lammes in voller Schönheit aufgehen wird.

Ein geheiligtes Herz: Zorn, Versöhnung und innere Reinheit

Wenn Jesus das Gebot „Du sollst nicht töten“ auslegt, bleibt er nicht bei der äußeren Tat stehen. Er geht an die Quelle heran, an die dunklen Bewegungen des Herzens, aus denen Taten erwachsen. Zorn, Verachtung, verletzende Worte – all das nimmt er in den Blick. Damit entlarvt er etwas, das sich leicht verborgen hält: die innere Distanz zum Bruder, das Herabsehen, das Abtun. So wird sichtbar, dass Mord für ihn nicht erst beginnt, wenn ein Leben beendet wird, sondern schon da, wo ein Mensch innerlich aus der Gemeinschaft herausgeschoben, in Gedanken vernichtet wird. Dass Jesus solche Haltungen mit Gerichtsankündigungen verbindet, zeigt, wie ernst er diese inneren Bewegungen nimmt.

Das Gesetz der alten Heilszeit befasst sich mit der Tat des Mordes, das neue Gesetz des Königreiches jedoch mit dem Zorn, dem Motiv des Mordes. Daher geht die Forderung des neuen Gesetzes des Königreiches tiefer als die des Gesetzes der alten Heilszeit. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft siebzehn, S. 218)

In diesem Zusammenhang spricht er von Versöhnung, und zwar mit einer Dringlichkeit, die überrascht. Der Gottesdienst, die Gabe am Altar, wird zweitrangig gegenüber der geklärten Beziehung. Wo eine ungelöste Spannung, eine offene Schuld zwischen Brüdern steht, soll sie nicht unter dem Mantel frommer Aktivitäten zugedeckt werden. Die Gemeinschaft mit Gott und die Gemeinschaft mit dem Bruder gehören unauflöslich zusammen. Hier wird das Herz des Königreichs sichtbar: ein Raum, in dem Gerechtigkeit und Frieden sich küssen, in dem heilige Strenge und sanfte Barmherzigkeit einander nicht widersprechen. Ein geheiligtes Herz ist nicht ein makelloses Herz, sondern eines, das Versöhnung höher achtet als das Recht, Recht zu behalten.

Ähnlich radikal spricht Jesus über sexuelle Reinheit. Er stellt dem äußeren Ehebruch den inneren Blick gegenüber, der ganz bewusst zur Lust gemacht wird. Damit greift er weit tiefer als das alte Gebot, das die Tat im Blick hatte. In seinem Licht wird deutlich, wie leicht der Blick zu einem Werkzeug wird, mit dem ein anderer Mensch zum Objekt gemacht wird. In einem Zeitalter, in dem Bilder und Reize allgegenwärtig sind, haben seine Worte nichts an Schärfe verloren. Die drastischen Bilder vom Auge, das ausgerissen, und von der Hand, die abgehauen wird, sind kein Aufruf zur Selbstverstümmelung, sondern zur entschiedenen Trennung von dem, was das Herz unrein macht. Sie zeigen, dass der König seine Jünger ernst nimmt und ihnen nichts vormacht über die zerstörerische Kraft von Begierde.

Mit diesen Warnungen steht Jesus im Horizont des zukünftigen Gerichts. Für die Seinen geht es nicht um den Verlust des Heils, wohl aber um die Realität des Richterstuhls Christi, vor dem das Leben als Glaubender gewogen wird. Er nimmt zu Herzen, was im Verborgenen geschieht, und wird es einmal ans Licht bringen. Das kann erschrecken, aber es ist zugleich eine große Hoffnung. Es bedeutet, dass kein stiller Kampf um Reinheit, keine verborgene Entscheidung zur Versöhnung, kein Verzicht auf verletzendes Wort vergeblich ist. Alles, was in seinem Licht geschieht, ist nicht nur eine Episode des inneren Lebens, sondern Teil einer größeren Geschichte, die in seiner Gegenwart vollendet wird.

Du sollst nicht töten. (5.Mose 5:17)

Und Mose und Aaron versammelten die Versammlung vor dem Felsen; und er sagte zu ihnen: Hört doch, ihr Widerspenstigen! Werden wir für euch Wasser aus diesem Felsen hervorbringen? (Num. 20:10)

Die Worte Jesu über Zorn, Versöhnung und Reinheit legen das Herz bloß, um es nicht zu verurteilen, sondern zu heiligen. Sie rufen aus der Gleichgültigkeit gegenüber inneren Haltungen heraus und führen in eine Ehrlichkeit, in der Versöhnung wichtiger wird als das letzte Wort zu haben und in der Reinheit mehr bedeutet als ein äußerlich anständiges Leben. Wer sich von diesem König ansprechen lässt, entdeckt, dass er in den verborgensten Regungen des Herzens nicht allein ist: Derselbe, der die Maßstäbe ausspricht, wohnt in seinem Volk und teilt die Kraft, diese Maßstäbe zu lieben. So wird das Herz Schritt für Schritt zu einem Ort, an dem das Königreich nicht nur gelehrt, sondern erlebt wird.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 17