Die Salbung des Königs (3)
Die Szene am Jordan wirkt auf den ersten Blick unscheinbar: Ein Zimmermannssohn aus einem verachteten Landstrich reiht sich ein in die Menge der Bußwilligen. Kein Thron, keine Krone, keine Ehrengarde – nur Wasser, ein Prediger in der Wüste und eine Stimme vom Himmel. Gerade dort, auf diesem Weg der Verwerfung und Selbsterniedrigung, beginnt der Dienst des Königs. Wer diesem Jesus nachfolgt, entdeckt: Gottes Salbung liegt nicht auf religiösem Glanz, sondern dort, wo unser altes Leben endet und sein Auferstehungsleben beginnt.
Vom angesehenen Bethlehem zum verachteten Galiläa – der Weg der Verwerfung
Bethlehem steht auf der Landkarte der Bibel für ein geehrtes Umfeld. Dort wurde David gesalbt, dort wurde der Messias geboren, dort schien alles zusammenzukommen, was Verheißung, Wärme und Anerkennung heißt. Galiläa hingegen war Randgebiet – religiös verdächtig, kulturell belächelt, geistlich gering geschätzt. Gerade deshalb ist es so auffällig, dass der Weg des Königs nicht von Bethlehem aus weitergeht, sondern von Galiläa. Der Messias, der aus dem angesehenen Bethlehem kommt, macht sich eins mit einem verachteten Galiläa und beginnt von dort aus sein öffentliches Wirken. In den Augen der damaligen religiösen Elite war das unpassend. Doch Gott bindet seine Herrschaft nicht an die Bühnen der Anerkennung, sondern an die Orte, an denen Menschen als unbedeutend gelten. Als später die Apostel vor dem Hohen Rat stehen, heißt es von dem, den sie verkündigen: „Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und gebeten, daß euch ein Mörder geschenkt würde“ (Apg. 3:14). Der „Heilige und Gerechte“ wurde nicht nur am Kreuz verworfen, er war von Beginn an der Verworfene – der Mann aus Galiläa.
Im Neuen Testament steht Galiläa, eine verachtete Gegend, für Verwerfung. Jesus kam nicht aus Bethlehem, denn Bethlehem war damals ein Ort der Ehre und der Gastfreundschaft. Wer aus Bethlehem stammte, wurde von allen geehrt und herzlich aufgenommen. Wer jedoch aus Galiläa kam, wurde von allen verachtet und abgewiesen. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft zehn, S. 121)
Darum erzählt der Weg des Königs von Bethlehem nach Galiläa eine stille, aber scharfe Geschichte: Das Königreich der Himmel schreitet nicht auf dem breiten Weg religiöser Zustimmung voran, sondern im schmalen Pfad der Verwerfung. Wer Christus in der Wirklichkeit seines Reiches kennenlernt, gerät früher oder später in Spannung zu den etablierten Systemen – auch zu frommen Systemen. Manchmal verschieben sich die Kreise der Anerkennung: Türen schließen sich, Stimmen, die einst lobten, werden kritisch oder schweigen. Äußerlich wirkt das wie Verlust; innerlich wird ein Raum frei, in dem Christus tiefer und unmittelbarer begegnet. Galiläa ist dann kein geografischer Ort, sondern ein geistlicher Zustand: aus dem Rampenlicht herausgenommen, aus Erwartungsdruck gelöst, abseits der Zentren des Einflusses. Gerade dort erweist sich die königliche Würde Jesu, der Menschen sammelt, die die Systeme übersehen, unterschätzen oder bekämpfen, und sie in seine Nähe und in seinen Dienst hineinzieht. Wer sich in einem solchen „Galiläa“ wiederfindet, ist nicht aus dem Plan Gottes herausgefallen; er steht oft näher am Herzen des Königs, als es der Glanz von Bethlehem vermuten lässt.
Aus dieser Perspektive bekommt Verwerfung einen anderen Klang. Sie bleibt schmerzhaft, aber sie verliert ihren zerstörerischen Stachel. Sie wird zu einem verborgenen Siegel der Zugehörigkeit zu einem König, dessen Weg von Anfang an durch Unverstandensein, Verkanntsein und Abgelehntwerden gekennzeichnet ist. Wer mit diesem König geht, verliert vielleicht den Applaus, aber er gewinnt eine stille Freiheit: frei von dem Zwang, Eindruck zu machen; frei, in der Wahrheit zu leben; frei, in kleinen, unscheinbaren Räumen ein Stück Wirklichkeit des Reiches zu tragen. Galiläa steht dann für einen Neuanfang unter geringeren Vorzeichen und größerer innerer Tiefe. Der König, der dort seinen Weg beginnt, schenkt Mut, auch die verachteten Abschnitte des eigenen Lebenswegs nicht als Abbruch, sondern als Einladung zu sehen, näher an seiner Seite zu gehen.
Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und gebeten, daß euch ein Mörder geschenkt würde; (Apg. 3:14)
Wer den Weg des Königs von Bethlehem nach Galiläa betrachtet, entdeckt sich selbst in der Spannung zwischen Wunsch nach Anerkennung und Ruf in die Verborgenheit. Äußere Ehre erweist sich als zerbrechlich, die Gemeinschaft mit dem verworfenen König als tragfähig. So können Zeiten, in denen Türen und Herzen sich verschließen, innerlich zu einer Einladung werden, mit Christus in sein „Galiläa“ zu gehen – an den Rand der Systeme, aber in die Mitte seiner Gegenwart.
Jordan – Beendigung und Neubeginn im Auferstehungsleben
Der Jordan markiert für Israel eine unscheinbare, aber entscheidende Linie. Hinter ihm liegt die lange, zähe Wüstenzeit mit ihrem Hin und Her zwischen Glauben und Murren, Versorgung und Widerstand. Vor ihm liegt das gute Land, in dem sich Gottes Verheißungen konkretisieren. Als Israel den Jordan durchschreitet, endet eine ganze Lebensweise – das Lager in der Wüste, das tägliche Manna, das ständige Unterwegssein – und es beginnt ein neues Wohnen, Kämpfen und Erben im Land. Der Fluss wird so zur Grenze zwischen einem von Gott getragenen, aber doch vom eigenen Denken bestimmten Unterwegssein und einem Eintritt in eine neue Wirklichkeit: das Bleiben in einem Land, das ein Bild für Christus selbst ist. In dieser Linie steht auch Jesu Weg zum Jordan. Er, der keine Sünde kannte, stellt sich an den Ort, an dem für Israel Beendigung und Neubeginn zusammenfallen. Er nimmt in seinem Gehorsam den von Gott gezeichneten Weg an: hinab in das Wasser, das Begräbnis bedeutet, und hinauf in ein neues Stadium seines Dienstes.
Wie wir bereits gesehen haben, war der Jordan ein Ort des Begräbnisses und der Auferstehung. Daher steht der Jordan für Beendigung und Neubeginn. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft zehn, S. 122)
Die Taufe Jesu ist deshalb weit mehr als ein von außen gegebenes Vorbild. Sie ist sein bewusstes Ja zu einem Weg, auf dem das natürliche Leben keinen Raum hat. Wenn er sagt, dass es darum geht, „alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ (vgl. Matthäus 3), bedeutet das: Er ordnet sich vollständig der Weise Gottes unter, wie Gottes Plan auf der Erde umgesetzt wird – durch Tod und Auferstehung. Geistlich gesehen wird der Jordan so zum Bild dafür, wie Gott unser eigenes, selbstbestimmtes Leben beendet und sein Auferstehungsleben in uns aufgehen lässt. Dieser Prozess ist selten spektakulär, aber oft schmerzlich. Er verläuft durch Situationen, in denen eigene Stärke nicht mehr trägt, durch Beziehungen, in denen das eigene Recht zerbricht, und nicht zuletzt durch das Miteinander im Gemeindeleben, in dem Stolz, starke Meinungen und natürliche Fähigkeiten ihre Grenze finden. Wo Gott etwas beendet, tut er es nicht, um zu zerstören, sondern um Raum zu schaffen, damit etwas Neues aus der Auferstehung hervorgehen kann.
In diesem Licht werden unsere persönlichen „Jordan-Erfahrungen“ lesbar. Eine vergebliche Anstrengung, ein gescheitertes Projekt, eine entziehende Kraft, eine Enttäuschung im Dienst – nichts davon steht isoliert. Jedes Ende, in das Gott sich hineinbegibt, trägt die Möglichkeit eines anderen Anfangs. In der Auferstehung verwandelt er Schuld in Lernen, Scham in Demut, Kontrolle in Vertrauen. So entstehen in uns andere Rhythmen: mehr Sanftmut anstelle von Härte, mehr Hören anstelle von Drängen, mehr Christus anstelle des Ich. Die Gemeinde wird dann zu einem Raum, in dem kein makelloser Erfolg ausgestellt wird, sondern in dem Menschen miteinander sterben und auferstehen – nicht einmalig, sondern immer wieder. Gerade darin gewinnt die Wirklichkeit des Königreichs Kontur: ein Reich, in dem nicht die Stärke des natürlichen Lebens zählt, sondern die stille Kraft des Auferstehungslebens, die im Zerbruch nicht versiegt, sondern neu beginnt.
Wer den Jordan so versteht, muss das eigene Ende nicht mehr als Gegenbeweis gegen Gottes Treue lesen. Die Grenze, an der die eigenen Möglichkeiten aufhören, wird zum Ort, an dem Gottes Möglichkeiten sichtbar werden. Der Weg zum guten Land führt nicht um den Jordan herum, sondern hindurch. So entsteht eine stille Zuversicht: Kein ehrliches Sterben unseres alten Lebens vor Gott bleibt unfruchtbar. In allem, was aufrichtig hingegeben wird, liegt schon der Keim eines neuen Anfangs, den Gott selbst in seinem Auferstehungsleben wachruft.
Und siehe, du wirst stumm sein und nicht sprechen können bis zu dem Tag, da dies geschehen wird, dafür daß du meinen Worten nicht geglaubt hast, die sich zu ihrer Zeit erfüllen werden. (Lk. 1:20)
Der Jordan als Ort der Beendigung und des Neubeginns entzieht dem Scheitern seinen endgültigen Charakter. Wo Gott ein Ende setzt, öffnet er zugleich einen Raum für Auferstehung. Im Rückblick werden Situationen, die das eigene Können gebrochen haben, zu Markierungen auf einem Weg, auf dem Christus Gestalt gewinnt – in unserem Charakter, im Miteinander der Gemeinde und im stillen Wachsen des Vertrauens auf ihn.
Offener Himmel, herabkommender Geist und die Stimme des Vaters
Als Jesus aus dem Wasser des Jordan heraufsteigt, geschieht etwas, das die Evangelien mit wenigen, dichten Sätzen beschreiben: Der Himmel öffnet sich, der Geist kommt auf ihn herab wie eine Taube, und die Stimme des Vaters wird hörbar. In dieser Szene verdichten sich drei Wirklichkeiten, die zusammengehören: die Beendigung des alten Weges im Zeichen der Taufe, die Salbung mit dem Geist und das bezeugende Wort des Vaters. Der Sohn geht in das Wasser hinab als der, der sich mit den Menschen einsmacht, deren Leben beendet werden muss; er steigt herauf in eine neue Phase seines Dienstes, in der er öffentlich als der Gesalbte sichtbar wird. Dazu gehört, dass der Himmel nicht mehr verschlossen bleibt. In einer Welt, in der Gottes Gegenwart oft verborgen scheint, heißt es plötzlich: „die Himmel wurden Ihm aufgetan“ (vgl. Matthäus 3). Der offene Himmel ist kein dekorativer Hintergrund, sondern Ausdruck dafür, dass zwischen dem Gehorsam des Sohnes und der Zuwendung des Vaters nichts mehr dazwischensteht.
Vers 16 sagt: „Und als Jesus getauft war, stieg Er sogleich aus dem Wasser herauf; und siehe, die Himmel wurden Ihm aufgetan, und Er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und auf Ihn kommen.“ Jesus wurde nicht nur durch die Taufe gesalbt, sondern auch mit dem Heiligen Geist. (Witness Lee, Life-Study of Matthew, Botschaft zehn, S. 128)
Der Geist, der wie eine Taube auf Jesus herabkommt, offenbart zugleich die Art der Salbung, die er empfängt. Es geht nicht um eine machtvolle, lärmende Demonstration, sondern um die stille, reine, unbeirrbare Gegenwart Gottes, die in Sanftmut und Klarheit wirkt. Die Stimme des Vaters legt diese Wirklichkeit aus, wenn sie bezeugt, dass dieser Sohn sein Geliebter ist, an dem er Wohlgefallen gefunden hat (vgl. Matthäus 3). Bemerkenswert ist, wann dieses Wohlgefallen ausgesprochen wird: nicht nach einem sichtbaren Erfolg, nicht nach einem Wunder oder einer großen Predigt, sondern am Anfang des Dienstes – dort, wo Jesus sich in die von Gott gewollte Ordnung von Beendigung und Auferstehung hineingibt. So wird deutlich: Die Salbung mit dem Geist ist nicht an Leistung gebunden, sondern an Gehorsam. Gottes Wohlgefallen ruht auf dem Sohn, weil dieser bereit ist, den Weg des Kreuzes und der Auferstehung als seinen eigenen anzunehmen.
Aus dieser Taufe heraus wird auch unser geistliches Leben lesbar. Wo Menschen bereit sind, sich von Gott in das Licht des Kreuzes stellen zu lassen – sich korrigieren, begrenzen, reinigen und neu ausrichten zu lassen –, geschieht im Verborgenen etwas Ähnliches. Der Himmel wird nicht auf spektakuläre Weise „aufgerissen“, aber es entstehen Momente, in denen Gottes Gegenwart unvermittelt nahe ist: ein Wort der Schrift, das nicht nur informiert, sondern trifft; eine stille Gewissheit mitten in der Unklarheit; ein Trost, der nicht aus eigenen Gedanken stammt. Der Geist wirkt dann nicht nur als Kraft, sondern als sanfte, aber bestimmte Ausrichtung auf den Willen des Vaters. Und in dieses Wirken hinein ertönt oft ein leises, inneres Zeugnis, das dem Zuspruch des Vaters an den Sohn entspricht: Du bist angenommen, nicht wegen deiner Vollkommenheit, sondern weil du in meinem Geliebten bist. Wenn es über Maria heißt: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten“ (Lk. 1:35), wird spürbar, dass Gottes Kommen immer beides ist: überwältigend und bergend, mächtig und zart.
So wird die Taufe Jesu zu einem Schlüssel, um den Alltag der Nachfolge zu verstehen. Der offene Himmel, der herabkommende Geist und die Stimme des Vaters sind nicht Reservat einiger besonderer Momente, sondern sie bilden die Atmosphäre des Reiches, in das der König uns hineinzieht. In einem Leben, das sich an seinem Weg von Beendigung und Auferstehung orientiert, werden auch unsere Tage, die von Schwachheit, Spannungen und unscheinbarer Treue geprägt sind, von dieser Atmosphäre berührt. Die Wirklichkeit des Königreichs der Himmel zeigt sich dann darin, dass mitten in einer widersprüchlichen Welt ein Raum entsteht, in dem Gottes Nähe erfahrbar, sein Geist wirksam und sein Zuspruch tragend ist.
Und der Engel antwortete und sagte zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, der Sohn Gottes genannt werden. (Lk. 1:35)
Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und gebeten, daß euch ein Mörder geschenkt würde; (Apg. 3:14)
Der offene Himmel über Jesu Taufe zeigt, dass Gottes Weg über das Kreuz nicht in eine geistliche Trockenheit führt, sondern in eine neue Nähe. Wo das eigene Leben vor Gott beendet und neu ausgerichtet wird, entsteht Raum für eine Erfahrung, die der Jordanszene verwandt ist: Gottes Geist wirkt leise, aber klar, und sein Wort der Annahme gewinnt Gewicht. So wird das alltägliche Leben, und besonders das oft unscheinbare Leben in der Gemeinde, zu einem Feld, auf dem die Salbung des Königs ihre Spuren hinterlässt.
Herr Jesus Christus, König der Herrlichkeit, danke, dass du nicht den Weg des äußeren Ruhmes gewählt hast, sondern den Weg von Galiläa zum Jordan – den Weg der Verwerfung, der Beendigung und der Auferstehung. Du kennst auch unsere inneren Kämpfe, wenn du unser altes Leben beendest und uns aus vertrauten Sicherheiten herausführst. Öffne uns die Augen, damit wir in diesen Wegen nicht nur Verlust sehen, sondern deine Liebe, die uns tiefer in dein Leben hineinzieht. Wo wir durch Menschen, Umstände oder das Miteinander in der Gemeinde an unsere Grenzen kommen, lass uns deine Hand erkennen, die uns sanft in ein neues Leben in dir hinüberführt. Schenke uns ein weiches Herz, das deinem Weg der Gerechtigkeit vertraut, auch wenn er uns durch Wasser und Tod hindurchführt. Vater im Himmel, sprich in solche Zeiten hinein dein tröstendes Wort: dass wir deine geliebten Kinder sind, an denen du Wohlgefallen hast – nicht wegen unserer Leistung, sondern weil wir in Christus sind. Heiliger Geist, du sanfte Taube, erfülle uns neu, richte unseren Blick allein auf den Willen des Vaters und stärke uns, in der Kraft der Auferstehung zu leben. So bewahre uns in der Wirklichkeit deines Reiches und lass uns unter offenem Himmel mit dir vorangehen, bis wir den König von Angesicht zu Angesicht sehen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Matthew, Chapter 10