Der Lobpreis der Auserwählten Gottes, der in der besonderen Stellung Christi kulminiert
Wenn Menschen an die Psalmen denken, haben viele Trostverse, Klagegebete oder persönliche Ermutigung im Blick. Doch mitten in all diesen Gefühlen entfaltet sich eine überraschend klare Linie: Gott führt sein Volk Schritt für Schritt zu einer immer tieferen Erkenntnis Christi. In den Psalmen 111 bis 118 verdichten sich Lob, Dank und Vertrauen zu einem großen Halleluja, das schließlich in einer atemberaubenden Einsicht endet: Der Messias ist der Stein, den Menschen verwerfen, den Gott aber zum Eckstein seines Hauses macht. Wer diese Psalmen so liest, entdeckt nicht nur Anweisungen zur Frömmigkeit, sondern eine prophetische Schau des Christus, der zugleich Mittelpunkt des Lobpreises und tragende Grundlage von Gottes Bau ist.
Lobpreis für Gottes treues Handeln im Bund
Die Psalmen 111 bis 113 öffnen den Blick auf einen Gott, der sich erinnert. Nicht, weil seine Erinnerung schwach wäre, sondern weil er sich bewusst an das bindet, was er zugesagt hat. Immer wieder heißt es, dass er „seines Bundes ewiglich gedenkt“ und dass seine Werke groß, herrlich und zuverlässig sind. So wird der Lobpreis nicht aus dem wechselvollen Empfinden des Beters gespeist, sondern aus dem ruhigen Anschauen dessen, was Gott getan hat: Er hat befreit, versorgt, Weisheit geschenkt, das Erbe bewahrt. Dieser Rückblick löst das Herz von stummen Götzen, von Projektionen und Sicherheiten, die wir uns selbst gebaut haben, und führt es zu dem lebendigen Gott, dessen Wort trägt und dessen Handeln eine Geschichte hat. Lob entsteht hier nicht als religiöse Pflicht oder als Ventil für Emotionen, sondern als Antwort auf erlebte und bezeugte Treue.
Wie wir sehen werden, spricht Psalm 119 von Christus als dem Eckstein. Wenn wir zu diesem Psalm kommen, werden wir eine Reihe von Versen betrachten, die Christus als den Eckstein für Gottes Bau zeigen. Mit Psalm 119 ist die Offenbarung über Christus in den Psalmen abgeschlossen. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft neununddreißig, S. 441)
Im Licht des Neuen Testaments wird sichtbar, wie tief diese Treue reicht. Was Gott Abraham, Isaak und Jakob verheißen hat, läuft in Christus zusammen, in dem „alle Verheißungen Gottes ihr Ja haben; darum auch durch ihn das Amen, Gott zur Herrlichkeit durch uns“ (2. Kor. 1:20). Die Bundestreue, die in Israels Befreiung und Führung aufscheint, erreicht in ihm ihre Fülle: Gott vergisst nicht, sondern er erfüllt, und zwar über alles Erwarten hinaus. Wer die Wege Gottes mit Israel in 1. Mose bis 5. Mose betrachtet, lernt eine Sprache des Staunens über seine Zuverlässigkeit; wer dann Christus sieht, erkennt dieselbe Treue in einer neuen Tiefe – nun nicht mehr nur an einem Volk, sondern an allen, die in ihn hineingerufen sind. Aus dieser Sicht erwächst ein Lobpreis, der still und zugleich kräftig ist: er nährt sich aus Erinnerung, er ruht auf Verheißung, und er trägt durch Zeiten, in denen Gottes Handeln im Verborgenen bleibt.
So wird der Lobpreis der Auserwählten zu einem Raum der Erinnerung und des Vertrauens: Was Gott begonnen hat, wird er vollenden; was er zugesagt hat, wird er nicht zurücknehmen. In dieser Gewissheit dürfen Herzen weit werden: für Dank, der nicht an Umstände gebunden ist, und für eine Anbetung, die den Bundesherrn ehrt, der in Christus seine Zusagen unwiderruflich bekräftigt hat.
(und ihr werdet) in allem reich gemacht zu aller Freigebigkeit, die durch uns Danksagung Gott gegenüber bewirkt. (2.Kor 9:11)
Wer Gottes Treue in seinen großen Werken und in seinem Bund betrachtet, findet Halt auch in eigener Unsicherheit. Die Psalmen laden ein, die Geschichte Gottes mit seinem Volk als Spiegel für das eigene Leben zu sehen: derselbe Gott, der damals getragen hat, trägt heute. So kann Lobpreis auch in brüchigen Zeiten wachsen – nicht als Verleugnung des Schmerzes, sondern als leises, beharrliches Ja zu dem Gott, der sein Wort hält und in Christus seine Zusage endgültig ausgesprochen hat.
Christus – der verworfene Stein als Eckstein von Gottes Bau
Mit Psalm 118 tritt ein Bild in den Vordergrund, das unerwartet und doch entscheidend ist: der Stein, den die Bauleute verwerfen, wird von Gott selbst zum Haupt der Ecke gemacht. Hier spricht nicht ein Architekt über Materialfehler, sondern Gott über sein Heilshandeln. Die Bauleute stehen für die religiösen und politischen Verantwortlichen, die meinen, die Baustelle Gottes im Griff zu haben und beurteilen zu können, was tragfähig ist. In ihren Augen ist der Stein unbrauchbar – zu unscheinbar, zu störend, nicht passend in das Konzept. Gott aber wählt gerade diesen verachteten Stein aus und setzt ihn dort ein, wo alle Lasten zusammenlaufen und wo die beiden Wände verbunden werden: als Eckstein.
(V. 13–14). Wenn wir an diesen Segnungen interessiert sind, werden wir in den Genuss des Wohlergehens kommen, das Gott uns sendet aufgrund der Tatsache, dass Christus der Eckstein ist. 7. Christus als der Haupteckstein, der im Namen Jehovas kommt Psalm 118:26a sagt: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HERRN!“ Dies macht deutlich, dass Christus im Namen Gottes, im Namen Jehovas, kommen wird. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft neununddreißig, S. 450)
Jesus knüpft ausdrücklich an dieses Wort an, wenn er sagt: „Habt ihr nie in den Schriften gelesen: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Haupt der Ecke geworden. Von dem Herrn her ist dies geschehen und es ist wunderbar in unseren Augen‘?“ (Matthäus 21:42). Im Licht von Kreuz und Auferstehung wird klar, wer dieser Stein ist: Christus, verworfen und gekreuzigt, von Gott aber auferweckt und eingesetzt als der, auf den alles ankommt. Petrus bezeugt vor dem Hohen Rat: „Dieser ist der Stein, der von euch Bauleuten für nichts gehalten wurde, der ist zum Haupt der Ecke geworden“ (Apostelgeschichte 4:11). Gottes Bauplan widerspricht der menschlichen Logik: Was in unseren Augen scheitert, macht er zum Träger seines Bauwerks; was wir als Schwäche abstempeln, erhebt er zum Ort seiner Kraft.
Die Schrift entfaltet dieses Bild weiter: Jesaja zeigt Christus als Grundstein in Zion, fest und bewährt; Sacharja spricht vom Schlussstein, der den Bau vollendet; Psalm 118 betont den Eckstein, der alles verbindet und zusammenhält. Paulus fasst diese Linien, wenn er schreibt, dass wir „aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten“ sind, „wobei Christus Jesus Selbst der Eckstein ist“ (Epheser 2:20). In ihm werden Juden und Heiden, Nahestehende und Ferne, Starke und Schwache zu einem Bau gefügt, der über alle natürlichen Grenzen hinausgeht. Petrus spricht darum von Christus als lebendigem Stein und davon, dass wir durch ihn selbst „als lebendige Steine als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft aufgebaut“ werden, „um geistliche Opfer darzubringen, Gott wohlannehmbar durch Jesus Christus“ (1. Petrus 2:5).
So läuft alles, was wir Errettung nennen, auf diesen Eckstein zu: In keinem anderen ist Rettung, kein anderer Name trägt, kein anderes Fundament bleibt. Zugleich hängt unsere Umwandlung, unser Miteinander als Gemeinde, unser Wachsen zu einem geistlichen Haus an dieser besonderen Stellung Christi. Wo er im Zentrum steht, ordnet sich der Bau; wo er an den Rand gedrängt oder durch andere „Steine“ ersetzt wird, geraten die Mauern in Schieflage. Der Lobpreis der Auserwählten wird darum immer wieder zu Christus zurückgeführt – nicht nur zu dem, was er tut, sondern zu dem, was er in Gottes Bau ist. Wer ihn so anschaut, findet eine tiefe Ruhe: Der verworfene Stein trägt, und der Bau, in den wir eingefügt sind, hängt nicht an unserer Tragfähigkeit, sondern an seiner unerschütterlichen Stellung.
Dieser ist der Stein, der von euch Bauleuten für nichts gehalten wurde, der ist zum Haupt der Ecke geworden. (Apg. 4:11)
Die Offenbarung Christi als Eckstein führt aus einem Glauben, der um eigene Stabilität kreist, in einen Glauben, der auf die Tragkraft eines anderen vertraut. Wer sich in diesen Eckstein hineingestellt weiß, muss sich selbst nicht mehr zum Fundament machen. Das entlastet und öffnet für ein Miteinander, in dem unterschiedliche „Steine“ Platz finden dürfen, weil der Halt nicht aus ihrer Passform, sondern aus Christus kommt. In dieser Gewissheit kann Lobpreis selbst aus zerbrochenen Biografien aufsteigen – als staunende Antwort auf den Gott, der den verworfenen Stein zum Eckstein gemacht hat.
Ein Leben des Lobpreises im Licht des auferstandenen Ecksteins
Wenn der Psalmist ruft: „Dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat; wir wollen frohlocken und uns in ihm freuen“, fällt im Licht der Auferstehung ein neues Licht auf diesen Tag. Für Christen markiert der „Tag des Herrn“ nicht nur einen Wochentag, sondern eine neue Schöpfungswirklichkeit: den Tag, an dem der verworfene Stein von Gott zum Eckstein gemacht wurde. Die erste Gemeinde lebte aus dieser Realität, wenn sie sich am ersten Tag der Woche versammelte: „Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, um Brot zu brechen, unterredete sich Paulus mit ihnen …“ (Apostelgeschichte 20:7). Damit wurde der Rhythmus ihres Lebens geprägt: Auferstehung vor Augen, Eckstein im Zentrum, Gemeinschaft als Ausdruck des neuen Baus Gottes.
GOTTES AUSERWÄHLTE, DIE IN DER BESONDEREN STELLUNG CHRISTI GIPFELN Bibelverse: Ps. 111–118 In dieser Botschaft kommen wir zu einem der schwierigsten Punkte in der ganzen Bibel – Christus als der Eckstein. Wer würde erwarten, dass Christus der Eckstein ist? Vor den Psalmen gibt es keinen Vers, der von Christus als dem Eckstein spricht. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft neununddreißig, S. 440)
Nach Psalm 118 folgen die Stufenlieder, die von einem aufsteigenden Leben mit Gott sprechen. Bildlich gesehen ist der Weg des Gottesvolkes ein Hinaufsteigen zu dem Haus, dessen Eckstein Christus ist. Wer in ihm Geborgenheit gefunden hat, bleibt nicht an der Schwelle stehen: Er wird hineingezogen in ein Leben, das sich Schritt für Schritt an Gottes Bauweise angleicht. Der Epheserbrief beschreibt diese geistliche „Prosperität“ nicht als äußeren Wohlstand, sondern als Reichtum an himmlischen Segnungen in Christus, als hineinwachsen in einen Bau, der „in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst“ (Epheser 2:21). Darin liegt ein leiser, aber tragender Trost: Unser Alltag mag unscheinbar oder mühsam sein, doch im Verborgenen verbindet Gott unsere Tage mit seinem ewigen Bau.
Ein solches Leben des Lobpreises hat einen anderen Schwerpunkt. Es kreist weniger um unsere wechselnden Empfindungen und mehr um die Person und Stellung Christi. Dank und Anbetung werden nicht geringer, aber sie werden tiefer: Sie ruhen auf der Gewissheit, dass der Eckstein steht, auch wenn vieles in uns wankt. 1. Petrus beschreibt die Gemeinde als priesterliches Haus, das „geistliche Opfer“ bringt – Worte, Lieder, Gebete, die von der Einsicht getragen sind, dass unser Zugang zu Gott, unser Miteinander und unsere Hoffnung in diesem einen Stein verankert sind. So wächst aus der Betrachtung Christi als Eckstein eine Hoffnung, die über das Sichtbare hinausreicht: Wir erwarten den, der wieder „im Namen des HERRN“ kommen wird, und dessen Wiederkunft durch ein weltweites Halleluja beantwortet werden wird.
Im Licht des auferstandenen Ecksteins bekommt jeder Tag einen neuen Geschmack. Nicht, weil alle Dunkelheiten verschwänden, sondern weil sie von einem Tag her beleuchtet werden, den Gott bereits gemacht hat und den niemand mehr auslöschen kann. Wer sich von dieser Wirklichkeit prägen lässt, findet inmitten von Unfertigem eine leise Freude, die trägt: Der Stein steht, der Bau wächst, und der Lobpreis der Auserwählten mündet – durch alle Brüche hindurch – in die Anbetung des Lammes, das für immer der Eckstein von Gottes ewigem Werk ist.
in welchem der ganze Bau, zusammengefügt, zu einem heiligen Tempel im Herrn wächst, (Eph. 2:21)
Die Erkenntnis des auferstandenen Ecksteins bewahrt davor, den eigenen Alltag nur an sichtbaren Erfolgen zu messen. Wer weiß, dass Christus der von Gott eingesetzte Eckstein ist, kann auch unscheinbare Wege und verborgene Treue als Teil eines größeren Bauwerks sehen. Das schenkt Freiheit, in kleinen Schritten zu gehen, ohne den Horizont zu verlieren: Am Ende steht nicht unser Werk, sondern sein vollendeter Bau – und der Lobpreis, der jetzt manchmal tastend beginnt, wird dann ungeteilt und frei sein.
Herr Jesus Christus, wir beten Dich an als den Stein, den Menschen verworfen, den der Vater aber zum Eckstein seines ewigen Hauses gemacht hat. Danke, dass in Dir alle Verheißungen Gottes erfüllt sind und dass Du uns aus toter Erde in lebendige Steine verwandelst, die in Gottes Bau eingefügt werden. Stärke in uns die Gewissheit, dass unser Heil, unsere Umwandlung und unsere Gemeinschaft auf Deiner unerschütterlichen Stellung als Eckstein ruhen. Lass unser persönliches Leben und das gemeinsame Leben Deiner Gemeinde von dem Lob geprägt sein, das Dich als Mittelpunkt und tragende Grundlage ehrt. Erfülle uns mit der Freude des Auferstehungstages, damit wir in allen Umständen aus der Fülle Deiner geistlichen Segnungen leben und hoffnungsvoll auf Dein Wiederkommen blicken. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 39