Christus als das Zentrum von Gottes Bewegung auf der Erde (2)
Wer die Geschichte der Bibel von 1. Mose bis Maleachi liest, spürt eine ständige Vorbereitung: Gott ordnet alles, aber sein eigentliches Handeln scheint noch nicht richtig „zu starten“. Mit Christus ändert sich das: Der Sohn Gottes kommt in diese Welt, stirbt, steht auf und fährt auf in den Himmel – und plötzlich wird sichtbar, wie Gott sich selbst in seine Erlösten hineingibt, sie zu seinem Haus macht und durch sie auf der Erde voranschreitet. Psalm 68 zeichnet in dichter Sprache dieses gewaltige Panorama nach und zeigt, dass im Mittelpunkt von allem eine Person steht: Christus als die Bewegung Gottes auf der Erde.
Gottes eine große Bewegung – Christus als wahres Zentrum
Psalm 68 öffnet den Blick für eine einzige, große Bewegung Gottes in der Geschichte. Man spürt in diesem Psalm, wie Gott sich erhebt, aufbricht, vorangeht: „Gott wird sich erheben, es werden sich zerstreuen seine Feinde, / und die ihn hassen, werden fliehen vor seinem Angesicht“ (Ps. 68:2). Hinter diesen Worten steht der Weg der Lade vom Sinai nach Zion. In der Wüste war die Stiftshütte mit der Lade Gottes bewegliche Wohnstätte; wenn die Lade aufbrach, rief Mose: „Steh auf, HERR, daß deine Feinde sich zerstreuen“ (4. Mose 10:35). Gott hatte sich eine Wohnstätte bereitet, in der Er mitten unter Seinem Volk wohnen, mit ihm ziehen und es als Sein Werkzeug gebrauchen konnte. Doch all dies blieb noch in der Sprache der Bilder: Zelt, Lade, Wolkensäule – alles deutet auf etwas Größeres, das erst kommen sollte.
Im ganzen Universum hat Gott nur eine einzige Bewegung. Die Zeit des Alten Testaments war in Wirklichkeit keine Zeit, in der Gott auf der Erde voranging, sondern vielmehr eine Zeit der Vorbereitung auf Seine Bewegung. Alles, was Gott von 1. Mose bis Maleachi tat, gehörte zu dieser Vorbereitung. Zur Veranschaulichung können wir an die Vorbereitungen denken, die nötig sind, um ein Geschäft zu eröffnen. Das Gebäude kann bereits errichtet und eingerichtet sein und doch noch nicht für den Betrieb geöffnet sein. Alle Vorbereitungen sind getroffen, aber der Geschäftsinhaber hat sein Geschäft noch nicht aufgenommen. In ähnlicher Weise war die Zeit des Alten Testaments eine Zeit, in der Gott alles vorbereitete, um das „Geschäft“ der göttlichen Ökonomie zu eröffnen. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft achtundzwanzig, S. 328)
Alten Testament entfaltet Gott diese Vorbereitung sorgfältig. Er spannt den Himmel aus, legt die Grundmauern der Erde und bildet den Geist des Menschen in seinem Inneren (Sacharja 12:1). Er schafft also nicht nur Raum und Bühne, sondern auch das innere Organ, mit dem der Mensch fähig wird, Ihn aufzunehmen. Die Geschichte des Volk Israel, der Aufbau der Stiftshütte, der Dienst im Heiligtum – das alles sind Bausteine für ein Ziel: Gott will sich selbst in Menschen hineingeben und mit ihnen eins werden. Dieser innere Vollzug Berührung Gottes geschieht nicht zuerst in äußeren Bewegungen, sondern in einer tiefen, geistlichen Vereinigung: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1. Korinther 6:17).
In Jesus Christus tritt diese Bewegung aus dem Bereich der Vorbilder in die Wirklichkeit. Das Wort, das bei Gott war, wird Fleisch und „stiftshüttete unter uns“ (Johannes 1:14). Mit diesem einen Satz fällt das Licht auf alle alttestamentlichen Bilder: Die wahre Stiftshütte ist eine Person, der Sohn Gottes selbst. In Ihm wohnt Gott leibhaftig unter Menschen, und in Ihm zieht der Dreieine Gott nicht mehr nur vor Israel her, sondern betritt das menschliche Leben bis in seine tiefsten Tiefen. Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu sind daher keine lose aneinandergereihten Ereignisse, sondern die entscheidenden Etappen von Gottes einer Bewegung: Er geht hinab in das Gericht, um Sünde und Tod zu überwinden, und steigt hinauf, um als verherrlichter Christus alles zu erfüllen.
Psalm 68 beschreibt dieses Hinaufsteigen mit königlicher Kraft: „Du bist hinaufgestiegen zur Höhe, du hast Gefangene weggeführt, / hast Gaben empfangen bei den Menschen“ (Ps. 68:19). Was in der Geschichte Israels im Triumphzug der Lade ihren Ausdruck fand, erfüllt sich in Christus in überragender Weise. Er steigt als Sieger in den Himmel, führt die Gefangenschaft der Sünde in Gefangenschaft und bringt die Schätze der göttlichen Vollendung als Gaben zu den Menschen. Die Bewegung Gottes hat damit ihren eigentlichen Charakter gewonnen: Sie ist eine Christus-Bewegung – Gott handelt, indem Er in Seinem Sohn nahekommt, wohnt und sich verschenkt.
Gott wird sich erheben, es werden sich zerstreuen seine Feinde, / und die ihn hassen, werden fliehen vor seinem Angesicht. / (Ps. 68:2)
Und es geschah, wenn die Lade aufbrach, sagte Mose: Steh auf, HERR, daß deine Feinde sich zerstreuen und deine Hasser vor dir fliehen! (4.Mose 10:35)
Christus als Zentrum von Gottes Bewegung zu sehen, schenkt eine befreiende Orientierung: Das eigene Leben ist nicht eine Abfolge unverbundener Abschnitte, sondern wird hineingenommen in den Weg des auferstandenen Herrn. Inmitten von Übergängen, Unsicherheiten und Spannungen bleibt eine feste Mitte, die nicht erschüttert wird. Aus dieser Sicht erwächst innere Ruhe: Gott bereitet, führt und vollendet, und das Maß, in dem Christus Raum gewinnt, ist das Maß, in dem Gottes Geschichte in einem Menschen Gestalt annimmt.
Der erkämpfte Gewinn Christi – der dreieine Gott als unser täglicher Anteil
Mitten in den kraftvollen Bildern von Kampf und Triumph in Psalm 68 findet sich ein überraschendes, zartes Bild: „Taubenflügel, mit Silber überzogen, und ihre Schwingen mit glänzendem gelbem Gold“ (vgl. Ps. 68:14). Die Taube erinnert an den Geist, der sich bei der Taufe Jesu sichtbar herabließ; ihre Flügel stehen für die bewegende Kraft, mit der Gott sich zu den Menschen hin ausstreckt. Silber und Gold tragen in der Bibel eine feste Symbolik: Silber weist auf die erlösende Tat Christi hin, durch die der Mensch gerechtfertigt wird, Gold auf die göttliche, herrliche Natur Gottes. In diesem Bild berühren sich daher drei Linien: der Geist, die Erlösung des Sohnes und die Herrlichkeit des Vaters.
Im Mittelpunkt dieses Abschnitts stehen die Taubenflügel, überzogen mit Silber, und die Taubenschwingen, überzogen mit grünlich-gelbem Gold (V. 13). Die Taubenflügel bedeuten die bewegende Kraft des Geistes; das Silber bedeutet Christus in Seiner Erlösung für unsere Rechtfertigung; und das grünlich-gelbe Gold bedeutet Gott in Seiner Natur, die in Seinem Leben und in Seiner Herrlichkeit glänzt. Hier haben wir den Dreieinen Gott mit all Seinen Vollbringungen zu unserem Genuss. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft achtundzwanzig, S. 330)
Bemerkenswert ist, in welchem Zusammenhang dieses Bild steht. Es geht um „Beute“, um gewonnenen Reichtum nach einem Kampf. In der Tiefe heißt das: In Kreuz, Auferstehung und Himmelfahrt hat Christus den entscheidenden Sieg errungen und für uns den dreieinen Gott mit all Seinen Vollbringungen „erbeutet“. Gottes Bewegung bleibt nicht im Bereich äußerer Veränderungen stehen; sie gipfelt darin, dass Er sich selbst als inneren Reichtum verschenkt. Darum heißt es einige Verse später: „Gepriesen sei der Herr Tag für Tag! / Er trägt für uns (Last), Gott ist unsere Rettung“ (Ps. 68:20). Tag für Tag – das ist die Sprache des Alltags, nicht nur des Festes. Der Herr will nicht nur vereinzelt eingreifen, sondern sich fortlaufend mit sich selbst beladen, sodass Er unsere Last trägt, indem Er sich selbst gibt.
Wer an Christus glaubt, empfängt daher nicht nur Vergebung und einen neuen Anfang, sondern eine gegenwärtige Person. Der Geist kommt, um Wohnung zu nehmen, und mit Ihm kommt die Wirklichkeit aller göttlichen Vollbringung ins Herz. Der dreieine Gott bleibt nicht fern, sondern wird zum täglichen Anteil. Darin liegt ein feiner Perspektivwechsel: Die eigentliche „Beute“ des Lebens liegt nicht zuerst im äußeren Gelingen, sondern in dem, was von Gott selbst im Inneren gewonnen wird. Wenn Gott in Psalm 68 als „Gott der Rettungen“ beschrieben wird, und es heißt: „in der Macht des HERRN, des Herrn, / stehen die Auswege vom Tod“ (Ps. 68:21), dann zeigt sich: Der Ausweg aus allem, was wie Tod wirkt, ist Er selbst als Leben in uns.
Dieser innere Reichtum bleibt nicht abstrakt. Wo der Geist als „Taube mit Silber und Gold“ Flügel gewinnt, wird Gottes Erlösung konkret erfahrbar: Schuld verliert ihre erdrückende Macht, weil das Blut Christi das Gewissen beruhigt; die eigene Ohnmacht im Angesicht von Versuchungen tritt in ein neues Licht, weil Gottes kraftvolle Natur sich in der Schwachheit bewährt. In den Höhen und Tiefen des Alltags kann man dann leise entdecken: Gott belädt nicht nur mit Aufgaben, sondern vor allem mit sich selbst. Der, der Lasten trägt, ist der gleiche, der im Verborgenen tröstet, stärkt und neu ausrichtet.
Wenn ihr zwischen den Hürden lagt, / so sind die Flügel der Taube mit Silber überzogen, / und ihre Schwingen mit glänzendem gelbem Gold. / (Ps. 68:13)
Gepriesen sei der Herr Tag für Tag! / Er trägt für uns (Last), Gott ist unsere Rettung. // (Ps. 68:20)
Den dreieinen Gott als tägliche „Beute“ zu sehen löst das Herz innerlich von der ständigen Jagd nach äußeren Sicherheiten. Es entsteht Raum, die unscheinbaren Augenblicke des Tages als Gelegenheit zu erkennen, in denen Gott sich selbst gibt – in einer stillen Stärkung, in einem Wort der Schrift, in einem Moment von Frieden mitten in der Unruhe. So wächst Schritt für Schritt ein Vertrauen, das weiß: Was auch kommen mag, mein eigentlicher Reichtum geht nicht verloren, denn er liegt in dem, der in mir lebt.
Vom Haus in die Stadt – Christus’ Erlösung, das Evangelium und Gottes Reich
Der zweite große Abschnitt von Psalm 68 zeigt, wie der in Gottes Haus genossene Gott seine Wirkung nach außen entfaltet. Die Prozession zieht ins Heiligtum ein: „Gesehen haben sie deine Umzüge, o Gott, / die Umzüge meines Gottes, meines Königs, ins Heiligtum“ (Ps. 68:25). Sänger, Saitenspieler und tamburinschlagende Mädchen bilden einen Zug des Lobpreises (Ps. 68:26). Mitten in dieser Szene werden vier Stämme genannt: „Da sind Benjamin, der Jüngste, ihr Herrscher, / die Obersten Judas, ihre lärmende Menge; / die Obersten Sebulons, die Obersten Naftalis“ (Ps. 68:28). Diese Aufzählung ist mehr als ein historisches Detail; sie zeichnet in konzentrierter Form die Linie von Erlösung, Königsherrschaft und Ausbreitung der frohen Botschaft.
Benjamin hatte zwei Namen, und der erste war Benoni. Diesen Namen gab ihm seine Mutter Rahel, als sie bei der Geburt im Sterben lag; er bedeutet „Sohn meines Kummers“ (1.Mose 35:18). Als Sohn der Schmerzen, als Benoni, ist Benjamin ein Vorbild auf Christus, der in Seiner Fleischwerdung und in Seinem menschlichen Leben auf der Erde als der Mann der Schmerzen Gottes ewige Erlösung für Seine vollständige Errettung vollbrachte. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft achtundzwanzig, S. 333)
Benjamin tritt in der Schrift mit zwei Namen auf. Bei seiner Geburt, im Sterben der Mutter, wurde er „Ben-Oni“ genannt, „Sohn meines Kummers“; sein Vater aber nannte ihn Benjamin, „Sohn der Rechten“ (1. Mose 35:18). In dieser Spannweite – Sohn des Schmerzes und Sohn der Rechten – spiegelt sich etwas vom Weg Christi. Als Mensch auf der Erde ist Er der Mann der Schmerzen, der die Last der Sünde trägt; als auferstandener und erhöhter Herr sitzt Er zur Rechten Gottes und wendet die vollbrachte Erlösung an. Judah, der zweite genannte Stamm, wird in 1. Mose beschrieben: „Juda, dich, deine Brüder werden dich preisen! … Das Zepter wird nicht von Juda weichen … bis Schilo kommt“ (1. Mose 49:8.10). In Offenbarung 5:5 heißt es, es habe „der Löwe aus dem Stamm Juda“ überwunden. Zusammen zeichnen Benjamin und Judah das Bild des erlösenden und königlichen Christus, dessen Sieg die Grundlage jeder weiteren Bewegung Gottes ist.
Sebulon und Naftali weiten den Blick. Sebulon „wird am Ufer des Meeres wohnen, und er wird ein Ufer für die Schiffe sein“ (1. Mose 49:13); Naftali ist „eine losgelassene Hirschkuh, der da schöne Worte gibt“ (1. Mose 49:21). In diesen Bildern leuchtet die Verbindung zum Dienst Jesu in Galiläa auf. Matthäus berichtet, dass Jesus nach Galiläa ging, in das Gebiet von Sebulon und Naftali, und dort anfing zu predigen: „Tut Buße, denn das Königreich der Himmel ist nahe gekommen“ (vgl. Matthäus 4:12–17). Sebulon als Hafen für die Schiffe und Naftali als Bote schöner Worte weisen prophetisch auf Christus hin, der am „Ufer der Nationen“ steht und das Evangelium aussendet. Die Gemeinde, die aus dieser Verkündigung hervorgeht, wird so zu einem geistlichen Sebulon und Naftali: ein Hafen, in dem Menschen anlegen, und ein Mund, durch den die guten Worte der frohen Botschaft weitergegeben werden.
Damit spannt Psalm 68 einen Bogen vom Haus zur Stadt, von der inneren Erfahrung zur sichtbaren Auswirkung. Das Haus Gottes steht in der Schrift für die örtliche Gemeinde; die Stadt Jerusalem steht für das Reich Gottes, das die Gemeinde stärkt und schützt. Wenn es im Psalm heißt: „Gebt Gott Macht! Seine Hoheit ist über Israel / und seine Macht in den Wolken“ (Ps. 68:35), dann wird deutlich: Gott bekleidet sein Volk mit etwas von seiner eigenen Autorität. Die in der Gemeinde genossene Erlösung bleibt nicht in einem geschlossenen Raum; sie drängt nach außen, nimmt Gestalt an in Beziehungen, Strukturen, Entscheidungen – kurz: in einer Stadt, in der Gottes Herrschaft spürbar wird.
Gesehen haben sie deine Umzüge, o Gott, / die Umzüge meines Gottes, meines Königs, ins Heiligtum. / (Ps. 68:25)
Voran gingen Sänger, danach Saitenspieler, / inmitten tamburinschlagender Mädchen. / (Ps. 68:26)
Die typologische Linie von Benjamin, Judah, Sebulon und Naftali macht deutlich, wie eng persönliche Erlösung, Gemeindeleben und die Ausbreitung des Reiches Gottes verbunden sind. Daraus erwächst eine stille Würde des Alltäglichen in der Gemeinde: unscheinbare Schritte der Treue, des Hörens auf das Wort und des gemeinsamen Tragens werden Teil von Gottes weiter Bewegung. In dieser Sicht darf das Herz mutiger hoffen, dass Christus das, was Er im Verborgenen wirkt, auch nach außen hin fruchtbar macht – oft anders, als man es planen würde, aber getragen von Seiner königlichen, dienenden Gegenwart.
Herr Jesus Christus, du Zentrum von Gottes Bewegung auf der Erde, danke, dass du in deinem Tod und deiner Auferstehung den vollen Reichtum des dreieinen Gottes für uns gewonnen hast. Du bist der Mann der Schmerzen, der Sohn der Rechten, der Löwe aus Judah und der Herr des Evangeliums, der uns in dein Haus stellt und uns in das weite Feld deines Reiches hineinzieht. Stärke in uns, was du begonnen hast, und erfülle uns neu mit deinem Leben, damit wir deine Gegenwart inmitten deines Volkes genießen und zugleich Zeugen deiner rettenden Macht in dieser Welt sind. Lass uns erfahren, dass du selbst unser tägliches Gut, unsere Errettung und unsere Befreiung von allem Tod bist, und lass dein Lob aus deiner Gemeinde in die „Stadt“ unserer Umgebung hinausstrahlen. Dir sei die Ehre in der Gemeinde und in allen Generationen – bis du wiederkommst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 28