Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die frommen Ausdrücke der Psalmisten, geäußert aus ihren komplexen Empfindungen, während sie Gott in Seinem Haus genießen – Psalmen 52–67 (3)

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Viele Christen lieben die Psalmen, weil sie sich in ihren Gefühlen dort wiederfinden: Sehnsucht nach Gott, Dank für Bewahrung, Freude über Segen, ja sogar der Wunsch nach gerechtem Gericht. Doch wenn man diese bewegenden Worte neben die tiefen Offenbarungen des Neuen Testaments legt, entsteht eine spannende Frage: Bleiben wir beim Schönen und Tröstlichen stehen, oder lassen wir uns von den Psalmen weiterführen zu dem, was Gott in Christus eigentlich vorhat? Gerade Psalmen 63–67 helfen, diese Spannung zu entdecken – zwischen echter Gottesbeziehung und einer Frömmigkeit, die noch weit unter der Fülle dessen bleibt, was Gott uns in Christus schenken will.

Echte Sehnsucht – begrenzte Sicht: Der Psalmdichter sucht Gottes Güte

Psalm 63 lässt uns an etwas Kostbarem teilnehmen: ein Mensch, der Gott nicht nur kennt, sondern Ihn vermisst. „Gott, du bist mein Gott, früh suche ich dich; es dürstet nach dir meine Seele“ – dahinter steht keine nüchterne Religionsübung, sondern eine ausgetrocknete, hungrige Seele in einem „dürrem und erschöpften Land ohne Wasser“. Der Psalmdichter denkt nachts an Gott, er hält sich an Ihm fest wie an einem Felsen, wenn alle anderen Sicherheiten brüchig werden. Er erfährt Gott als Hilfe, und im Schatten Seiner Flügel jubelt sein Herz. Solche Worte tragen die Wärme gelebter Frömmigkeit in sich: Gott ist nicht nur eine Lehre, sondern jemand, bei dem sich dieser Beter geborgen weiß.

Während die einen Epheser 3 schätzen – ein Kapitel über Gottes ewige Ökonomie und die Verkündigung des unerforschlichen Reichtums Christi an die Nationen gemäß Gottes Plan, die Gemeinde hervorzubringen –, mögen andere eher einen Abschnitt wie Psalm 65:11–13 schätzen, der davon spricht, dass Gott das Jahr mit seiner Güte krönt, dass seine Pfade von Fett triefen, dass die Hügel Sich mit Jubel gürten und die Täler vor Freude jauchzen und singen. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechsundzwanzig, S. 306)

Gerade in dieser Lebendigkeit zeigt sich aber auch eine Begrenzung der Sicht. Die Sehnsucht des Psalms richtet sich vor allem auf Gottes Güte, Hilfe und liebende Zuwendung im eigenen Erleben. Er freut sich darüber, dass seine Seele an Gott hängt, und er scheut sich nicht, die Gemeinschaft mit Gott mit dem Gericht über seine Feinde zu vergleichen. Der Gedanke, dass sein Gott ihn schützt, indem Er die Widersacher richtet, verschmilzt mit seiner Freude an Gott. Liest man diese Empfindungen im Licht des Neuen Testaments, wird ein Unterschied spürbar. Dort tritt uns ein weiter Horizont entgegen: Gott „verkündigt den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi“ und lässt uns sehen, „was die Ökonomie des Geheimnisses ist“ (Epheser 3:8–9). Gott ist nicht nur der Beschützer meiner Person; Er verfolgt einen ewigen Vorsatz in Christus – Er will sich selbst als Leben und Lebensversorgung in Menschen hinein austeilen, um die Gemeinde als Leib Christi hervorzubringen.

Diese Gegenüberstellung mindert nicht den Wert von Psalm 63, sie öffnet ihn. Die echte Sehnsucht des Psalmisten ist wie eine Tür, die weit aufsteht, auch wenn der Blick des Beters noch nicht sehr weit hinausreicht. Seine Empfindungen sind keine Endstation, sondern eine Etappe auf einem Weg, der weiterführt, als er selbst ahnte. Die Frage, die uns trifft, lautet darum nicht, ob seine Sehnsucht „genug“ ist, sondern worauf unsere eigene Sehnsucht fokussiert ist. Bleiben wir innerlich bei dem stehen, was Gott für uns tut – Trost, Schutz, Bewahrung, gute Erfahrungen – oder wächst in uns ein Hunger nach Gott selbst in der Fülle Seines Vorsatzes? Gott nimmt die ersten Regungen unseres Durstes ernst und weist sie nicht zurück. Doch im Licht des Evangeliums lädt Er uns ein, tiefer zu sehen: hinter der erfahrenen Güte den Christus zu erkennen, der der Inhalt und das Ziel der göttlichen Liebe ist.

So wird Psalm 63 für Menschen des Neuen Bundes zu einer leisen Ermutigung, weiterzugehen. Die Worte des Psalmisten erlauben es, die eigene Frömmigkeit wiederzuerkennen – die Freude, bewahrt worden zu sein, das Aufatmen unter Gottes Flügeln. Zugleich weckt das Licht des Neuen Testaments eine heilsame Unruhe: Es gibt mehr als Schutz und Trost, es gibt die Teilnahme an Gottes großem Plan, Christus in Seinem Leib auszudrücken. Wer diesen Spannungsbogen annimmt, muss nichts verloren geben von der kindlichen Freude an Gottes Nähe, gewinnt aber ein neues Ziel: in allem, was Gott schenkt, weniger nach den Gaben zu greifen und mehr nach dem Geber, weniger die Hilfe zu suchen und mehr den Christus, in dem Gott sich selbst verschenkt. In dieser Bewegung vertieft sich der Durst des Herzens, und er wird zugleich gestillt – nicht an wechselnden Erfahrungen, sondern an dem Herrn, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit.

Mir, dem Allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Heiden den unerforschlichen Reichtum Christi als das Evangelium zu verkünden (Eph. 3:8-9)

Wenn die eigene Sehnsucht sich vor allem um Bewahrung, Trost und gelingende Lebensumstände dreht, spiegelt sie manches aus Psalm 63 wider – ehrlich, aber begrenzt; im Licht von Epheser 3 darf diese Sehnsucht sich strecken: hin zu Christus als eigentlichem Inhalt der Güte Gottes und hin zu Gottes ewigen Gedanken, die weit über jede einzelne Erfahrung hinausreichen; so werden die Worte des Psalms nicht kleiner, sondern sie werden Teil einer größeren Geschichte, in der unser Durst nach Gott langsam ausgerichtet wird auf das, was Gott selbst im Sinn hat.

Gottes Güte für mich – oder Gottes Ziel mit uns?

In den Psalmen 64–67 klingt viel Dankbarkeit an. Gott bewahrt vor Feinden, vereitelt heimliche Pläne, richtet das Unrecht, schenkt reiche Ernten, führt durch Prüfungen und führt wieder in den Überfluss. Der Beter erzählt davon, wie Gott sein Gebet erhört hat, und er bringt Brandopfer, um seine Dankbarkeit zu zeigen – gewissermaßen eine Antwort auf das erfahrene Wohlwollen Gottes. In Psalm 65 wird Gottes Güte so geschildert, dass die ganze Schöpfung einzustimmen scheint: das Jahr wird mit Güte gekrönt, die Pfade Gottes triefen von Fett, die Hügel gürten sich mit Jubel, die Täler jauchzen und singen. Am Horizont steht immer wieder der Gedanke: Gott war gut zu mir, Gott war gut zu uns.

Was nimmst du aus Psalm 65 mit? Manche mögen die schöne Dichtung schätzen, aber was gewinnst du aus dem Wort des Psalmisten über Korn, Rücken und Furchen? Der Inhalt dieses Psalms lässt sich nicht mit Kapitel 4 des Epheserbriefs vergleichen, das davon spricht, die Einheit des Geistes zu bewahren und das offenbart, dass der Leib eine mit dem Dreieinen Gott vermengte Entität ist. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechsundzwanzig, S. 310)

Diese Linie ist nicht falsch, aber sie bleibt auf eine bestimmte Blickrichtung fixiert. Die Güte Gottes wird vor allem an äußeren Wohltaten gemessen: Bewahrung, Ernte, Sicherheit, sichtbarer Erfolg. Selbst der weltweite Horizont – „alle Länder der Erde“ und „alle Nationen“ sollen Gott loben – wird häufig vom Ausgangspunkt des eigenen Wohlergehens her gedacht: Gott soll überall gepriesen werden, weil Er Sein Volk so gesegnet hat. Im Neuen Testament öffnet sich dagegen ein tieferer Horizont. Gott schafft in Christus nicht nur eine wohlergehende, bewahrte Menschheit, sondern eine neue Schöpfung. „Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung“ (Galater 6:15). Er formt den Leib Christi als lebendigen Organismus, in dem Christus alles und in allen ist, und versorgt diesen Leib mit der überreichen Versorgung des lebenspendenden Geistes, damit Christus gelebt und ausgedrückt wird.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine Frömmigkeit, die bei „Gott war gut zu mir“ stehenbleibt, als geistlich kurzatmig. Sie kennt Dank, weiß um Bewahrung, bringt sogar Opfer – aber sie sieht kaum, dass die Güte Gottes auf etwas Größeres zielt als auf ein gesichertes Leben. Wenn Paulus von der „überströmenden Versorgung mit dem Geist Jesu Christi“ spricht und bekennt: „Denn zu leben ist für mich Christus“ (Philipper 1:19, 21), wird deutlich, wie weit Gottes Absicht reicht: Er möchte nicht nur gute Umstände schenken, sondern den eigenen Sohn als Leben in uns wohnen und wirken lassen, damit Sein Leib aufgebaut wird und Seine Gemeinde zu einem Ausdruck Seiner selbst wird.

Wer sich von dieser Perspektive treffen lässt, wird die Psalmen nicht verwerfen, sondern neu lesen. Dank für Bewahrung und Versorgung verliert nichts von seiner Berechtigung. Aber der Akzent verschiebt sich. Äußere Wohltaten werden zu Zeichen eines größeren Geschehens: Gott bereitet Menschen zu, die nicht nur von Seinen Gaben leben, sondern in ihrem Alltag Christus leben. Er segnet nicht nur „mich“, sondern zielt auf „uns“ – auf ein Volk, das als Leib Christi zusammengefügt ist und „durch jedes Gelenk der reichen Versorgung“ aufgebaut wird, „zum Aufbau seiner selbst in Liebe“ (Epheser 4:16). In dieser Sicht wird jede erfahrene Güte Einladung: nicht, sich im Empfangenen niederzulassen, sondern sich in Gottes größeres Ziel hineinziehen zu lassen, Teil Seines Bauens, Seiner Gemeinde, Seines Leibes zu sein.

Denn weder Beschneidung noch Unbeschnittenheit ist etwas, sondern was zählt, ist eine neue Schöpfung. (Gal. 6:15)

denn ich weiß, dass mir dies zur Errettung dienen wird durch euer Flehen und die überströmende Versorgung mit dem Geist Jesu Christi, (Phil. 1:19)

Wo Gottes Güte vor allem als Garantie für Schutz, Versorgung und sichtbaren Erfolg verstanden wird, bleibt der Blick kurz vor dem eigentlichen Horizont stehen; im Licht der neutestamentlichen Offenbarung darf diese Sicht sich weiten: Gottes Wohltaten sind Wegweisungen auf Sein Ziel hin, die neue Schöpfung und den Leib Christi zu gewinnen, sodass unser Dank nicht am Erhaltenen hängenbleibt, sondern sich mit der Frage verbindet, wie Christus durch die überreiche Versorgung des Geistes in uns Gestalt gewinnt und die Gemeinde durch unser Leben mitaufgebaut wird.

Progressive Offenbarung: Die Psalmen als Wegweiser, nicht Endstation

Die Bibel spricht nicht in einem einzigen Tonfall, sondern in vielen Stimmen, die nacheinander hörbar werden. Von 1. Mose, wo Gott sich als Schöpfer und als der Gott der Väter zu erkennen gibt, über die Gesetzgebung und den Dienst in 3. Mose, die Geschichte Israels, die Psalmen, die Propheten bis hin zu den Evangelien und den Briefen entfaltet sich eine fortschreitende Offenbarung. Die Psalmen stehen in dieser Abfolge etwa in der Mitte. Sie sind voller poetischer Bilder, sie sammeln Gebete, Klagen, Lobgesänge und Weisheitsworte. In ihnen wird spürbar, wie Menschen mit Gott ringen, Ihn preisen, Ihn anklagen, Ihn suchen. Gerade diese Nähe zum menschlichen Erleben macht die Psalmen kostbar. Zugleich tragen viele ihrer Aussagen die Begrenzung ihrer Zeit: sie bewegen sich oft im Rahmen von Gut und Böse, Belohnung und Strafe, äußeren Segnungen und sichtbarem Gericht.

Da die Bibel aus sechsundsechzig Büchern besteht, müssen wir alle lernen, beim Lesen der Bibel geistliches Unterscheidungsvermögen zu gebrauchen. Um die Psalmen zu verstehen, brauchen wir die übrigen Bücher. Das bedeutet: Wenn wir die Psalmen richtig beurteilen wollen, müssen wir Bücher wie 1. Mose, 3. Mose, Matthäus, Johannes und die vierzehn Briefe des Paulus mit einbeziehen. Lesen wir die Psalmen im Licht dessen, was in den Briefen des Paulus offenbart ist, erkennen wir, dass der Inhalt der Psalmen unter dem Maßstab der Lehre des Neuen Testaments liegt. (Witness Lee, Life-Study of Psalms, Botschaft sechsundzwanzig, S. 312)

Wenn die Psalmen allein stünden, könnte der Eindruck entstehen, die Beziehung zu Gott bestehe vor allem darin, sich moralisch richtig zu verhalten, Übeltäter dem gerechten Gericht Gottes zu überlassen und auf Bewahrung, Versorgung und Erfolg zu hoffen. Doch die Schrift ist größer als diese Mitte. Sie legt sich selbst aus. Die Evangelien und die Briefe des Neuen Testaments nehmen die Sprache der Psalmen auf und stellen sie in einen weiteren Rahmen. Ein Beispiel dafür findet sich in der Predigt des Paulus in Antiochia, wenn er Psalm 2 auf Christus bezieht: „dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: ‚Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt‘“ (Apostelgeschichte 13:33). Ohne Psalm 2 hätte dieses Wort keinen Hintergrund, ohne das Licht des Neuen Testaments bliebe sein tiefster Sinn hingegen verborgen.

So werden die Psalmen zu Wegweisern, nicht zu Endstationen. Sie verweisen auf mehr, als ihre Beter sehen konnten. Manches, was sie erhoffen oder befürchten, findet seine eigentliche Deutung erst in Christus. Und manches, was sie als Endpunkt einer frommen Existenz ansehen, erweist sich als Anfang: die Freude an Gottes Güte, die Dankbarkeit für Bewahrung, das Vertrauen auf Sein Eingreifen. Im Licht der neutestamentlichen Briefe tritt hinzu, dass Gott einen ewigen Vorsatz hat, „die Ökonomie des Geheimnisses“ auszuführen, „das die ganzen Zeitalter hindurch in Gott verborgen gewesen ist“ (Epheser 3:9). Er will sich selbst als Leben in Menschen hinein austeilen, eine neue Schöpfung hervorbringen und den Leib Christi als Ausdruck Seiner Fülle aufbauen.

Je mehr dieses Gesamtbild vor Augen steht, desto sorgfältiger und zugleich freier lassen sich die Psalmen lesen. Ihre Worte werden weder absolut gesetzt noch geringgeschätzt. Sie sind wie ehrliche Tagebucheinträge aus einer früheren Etappe der Geschichte Gottes mit den Menschen – getragen von wirklicher Gotteserfahrung, aber noch nicht im vollen Licht des vollbrachten Werkes Christi und der Offenbarung des Geistes. Wer die Psalmen im Licht der ganzen Schrift liest, lernt, zwischen zeitgebundenen Empfindungen und bleibender Wahrheit zu unterscheiden und entdeckt gerade darin einen Reichtum, der sonst verborgen bliebe.

dass Gott diese Verheißung an uns, ihren Kindern, völlig erfüllt hat, indem Er Jesus hat auferstehen lassen, wie auch im zweiten Psalm geschrieben steht: „Du bist Mein Sohn; heute habe Ich Dich gezeugt.“ (Apg. 13:33)

und alle zu erleuchten, damit sie sehen, was die Ökonomie des Geheimnisses ist, das die ganzen Zeitalter hindurch in Gott verborgen gewesen ist, der alle Dinge erschaffen hat, (Eph. 3:9)

Wenn die Psalmen mit dem Maßstab des Neuen Testaments gelesen werden, verlieren sie nichts von ihrer Wärme, gewinnen aber einen Rahmen: ihre starken Gefühle und poetischen Bilder werden zu Wegweisern auf Christus hin und auf Gottes ewigen Vorsatz, den Leib Christi aufzubauen; so können auch die eigenen Empfindungen ernstgenommen und zugleich von Gottes weiterem Licht her gedeutet werden, sodass nicht das momentane Erleben das letzte Wort behält, sondern der Christus, in dem alle Linien der Schrift zusammenlaufen.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Psalms, Chapter 26