Das Wort des Lebens
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Die Zerstörung Jerichos

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Manchmal stehen wir im Leben vor Mauern, die sich nicht bewegen lassen: harte Herzen, festgefahrene Situationen, innere Blockaden. So ähnlich muss Jericho gewirkt haben – stark befestigt, nach außen hin unangreifbar. Doch Gott lässt diese Geschichte nicht enden mit menschlicher Ohnmacht, sondern offenbart sich als der lebendige HERR, der auf seine Weise, zu seiner Zeit und durch sein Wort das Unmögliche möglich macht.

Ein bereits besiegter Gegner: Gottes Verheißung vor dem Kampf

Jericho steht am Eingang des guten Landes wie ein Symbol der Unüberwindbarkeit. Die Tore sind verschlossen, niemand kommt hinaus und niemand hinein, die Stadt ist militärisch und psychologisch verschanzt. Doch noch bevor Israel einen Schritt im Kampf getan hat, spricht Gott zu Josua: „Siehe, ich habe Jericho samt seinem König und seinen tapferen Kriegern in deine Hand gegeben“ (Josua 6:2). Während die Menschen sich verbarrikadieren, redet Gott in der Vergangenheitsform. Nach außen ist Jericho noch unantastbar, im Wort Gottes ist es bereits gefallen. Der sichtbare Zustand und die unsichtbare Wirklichkeit klaffen auseinander. Auf diese Spannung zielt der Glaube: er hört die Stimme Gottes mitten in den verriegelten Toren und lernt, seiner Zusage mehr Gewicht zu geben als dem Eindruck der Augen.

Dies macht deutlich, dass Jericho bereits besiegt war, noch bevor Israel hinaufzog, um die Stadt einzunehmen. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft sieben, S. 41)

Im Licht des Evangeliums wird diese Linie noch schärfer. Am Kreuz hat Christus die Mächte der Finsternis „völlig entwaffnet“ und sie öffentlich zur Schau gestellt, indem er über sie triumphierte (Kolosser 2:15). Dennoch begegnen wir Menschen, deren Herz wie eine Festung erscheint – geprägt von Verletzung, Stolz, Religion oder Gleichgültigkeit. Alles wirkt abgeschlossen, keine Öffnung ist in Sicht. Doch aus Gottes Sicht ist die Entscheidung gefallen: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden“ (Matthäus 28:18). Jeder Mensch, den wir im Namen Christi ansprechen, steht letztlich unter diesem Anspruch des auferstandenen Herrn, nicht unter der Souveränität seiner eigenen Mauern. Das nimmt uns nicht den Ernst, wohl aber die Verzagtheit. Es macht innerlich frei, die Mauern zu sehen, ohne ihnen das letzte Wort zuzugestehen, und sich statt dessen an den zu halten, der verheißen hat, mit uns zu sein bis an das Ende der Weltzeit.

Wer so lernt zu denken, betet und spricht anders. Das Gebet kreist weniger um die unzugängliche Festung und mehr um den zugesagten Sieg Christi. Das Zeugnis steht nicht unter dem Druck, etwas Unmögliches leisten zu müssen, sondern unter der Ruhe, an einem bereits ausgesprochenen Urteil mitzuwirken. Jericho ist ein Bild dafür, dass Gott uns hineinruft in eine Auseinandersetzung, deren Ausgang nicht an unserer Überzeugungskraft hängt, sondern an der Treue dessen, der gesprochen hat. In dieser Gewissheit zu leben, schenkt leise Zuversicht: Kein Herz ist so verriegelt, dass Christus es nicht erreichen könnte; keine Festung ist so hoch, dass seine bereits vollbrachte Erlösung sie nicht überragt.

Und der HERR sprach zu Josua: Siehe, ich habe Jericho samt seinem König und seinen tapferen Kriegern in deine Hand gegeben. (Josua 6:2)

Und Jesus trat herzu, redete mit ihnen und sprach: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. (Matthäus 28:18)

Glauben an den bereits errungenen Sieg Christi bedeutet, im Blick auf scheinbar uneinnehmbare Situationen und Menschen innerlich von der Tatsache auszugehen, dass seine Autorität größer ist als jede Mauer. Es führt zu einem stillen Mut, zu beten, zu lieben und zu bezeugen, auch wenn nach außen wenig Anlass zur Hoffnung sichtbar ist, und lässt das eigene Handeln von seinem Wort her geprägt sein, nicht von der Größe des Widerstands.

Gehorsam im Glauben: Schweigen, Umhergehen und der richtige Augenblick

Die Strategie Gottes vor Jericho widerspricht jeder militärischen Logik. Sechs Tage lang soll Israel einmal um die Stadt ziehen, die Bundeslade in der Mitte, die Priester mit den Hörnern voran – und doch darf kein Wort gesprochen werden (Josua 6:3–10). Die Lade trägt das Zeugnis von Gottes Gegenwart, seinem Bund, seiner Treue; das Schweigen hält die eigenen Meinungen, Berechnungen und Emotionen zurück. So entsteht eine eigentümliche Szene: ein bewaffnetes Volk, das nicht angreift, Priester, die zwar blasen, aber kein Kommando geben, ein Führer, der den Befehl Gottes hütet. „Alles Volk aber soll schweigen und seine Stimme nicht hören lassen und kein Wort aus seinem Mund ausgehen lassen“ (Josua 6:10). Dieses Schweigen ist nicht Leere, sondern Sammlung vor Gott, ein Sich-Einordnen unter seine Gedanken.

Es gab eine Zeit zu schweigen und eine Zeit zu rufen. Hier bedeutet Schweigen, mit dem Herrn eins zu sein und die Sache auf seine Weise auszuführen, ohne irgendeinen Gedanken, irgendeine Meinung oder irgendein Gefühl zum Ausdruck zu bringen. (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft sieben, S. 42)

Am siebten Tag verdichtet sich die Spannung. Siebenmal ziehen sie um die Stadt, und erst nach dem letzten Umzug, auf das Zeichen der Priester hin, ertönt der Schrei des Volkes – dann stürzt die Mauer ein (Josua 6:15–20). Die Kraft liegt weder im Volumen des Schreis noch in der Zahl der Umzüge, sondern im Gehorsam, der sich an Gottes Wort bindet. Geistliche Kriegsführung trägt diesen Charakter: Sie geschieht nicht zuerst durch Druck, Argumente oder Lautstärke, sondern durch Ausrichtung auf den Willen Gottes, durch Ausharren in seinem oft unspektakulären Weg und durch Wachheit für den Augenblick, den er eröffnet. In der Verkündigung des Evangeliums gibt es Phasen, in denen Schweigen, Hören, Dabeisein und Beten die eigentliche Arbeit sind, lange bevor ein klares Wort fällt.

Wenn dann der von Gott gegebene Moment kommt, kann ein schlichtes, im Glauben gesprochenes Zeugnis zu einer „Trompete“ werden, durch die der Heilige Geist Mauern in Herzen erschüttert. Paulus beschreibt das Wort vom Kreuz als „Gottes Kraft“ für die, die gerettet werden (1. Korinther 1:18). Wo Menschen dem inneren Impuls Gottes folgen, gereinigt von ihrem Drang, etwas erzwingen zu müssen, wird deutlich, dass der Sieg dem Herrn gehört und nicht menschlicher Taktik. Es ist befreiend, so unterwegs zu sein: nicht getrieben, jederzeit alles sagen zu müssen, und doch wachsam, den Augenblick nicht zu verpassen, in dem Gott selbst das Signal zum Schrei gibt. In dieser Rhythmisierung von Schweigen und Reden, Warten und Handeln spiegelt sich etwas von der Ruhe und Entschiedenheit Christi, der selbst einmal schwieg wie ein Lamm und dann mit einem einzigen Ruf am Kreuz die Geschichte der Welt wendete.

Darum liegt in der Geschichte von Jericho eine stille Ermutigung für alle, die sich nach Durchbrüchen sehnen. Gott kennt seine Zeiten und Wege; seine Gegenwart in unserer Mitte ist wichtiger als sichtbare Fortschritte. Wo seine Lade, Christus selbst, im Zentrum bleibt, ist auch das unscheinbare Umhergehen kein Leerlauf, sondern Vorbereitung auf den Moment seines Eingreifens. So entsteht ein Vertrauen, das weder passiv resigniert noch ungeduldig vorausläuft, sondern sich in den Schritt Gottes fügt und dem Tag entgegensieht, an dem er selbst die Mauern fallen lässt.

Josua aber gebot dem Volk und sprach: Ihr sollt nicht rufen und eure Stimme nicht hören lassen, und kein Wort soll aus eurem Mund ausgehen bis zu dem Tag, an dem ich zu euch sagen werde: Ruft! Dann sollt ihr rufen. (Josua 6:10)

Da rief das Volk, und sie stießen in die Hörner. Und es geschah, als das Volk den Hörnerschall hörte und das Volk ein großes Kriegsgeschrei erhob, da stürzte die Mauer in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinauf, jeder gerade vor sich hin, und sie nahmen die Stadt ein. (Josua 6:20)

Gehorsam im Glauben äußert sich darin, Gottes Wege und Zeiten zu achten: Zeiten des Schweigens, des Hörens und Ausharrens sowie Zeiten des klaren Bekenntnisses. Wer sich von Christus in diesen Rhythmus hineinnehmen lässt, erlebt, wie sein Wort zur rechten Stunde eine Kraft entfaltet, die weit über das eigene Können hinausgeht, und findet in der Geduld Gottes Ruhe für das eigene Herz.

Gericht und Rettung: Jerichos Vernichtung und Rahabs Bewahrung

Mit Jerichos Fall tritt das Gericht Gottes über eine Stadt zutage, deren Schuld sich über Jahrzehnte aufgebaut hat. Die Mauern, die Israel aufhalten sollten, konnten den heiligen Gott nicht aufhalten. „Und sie vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit dem Schwert, an Mann und Frau, an Jung und Alt, an Rind und Schaf und Esel“ (Josua 6:21). Diese Härte stößt auf; sie erinnert daran, dass Gottes Heiligkeit nicht beliebig über Unrecht hinwegsehen kann. Das gute Land, das er seinem Volk geben will, soll nicht von der Finsternis der alten Lebensweise durchdrungen werden. Gericht ist hier nicht Willkür, sondern die Konsequenz eines langen Widerstands gegen den Gott, dessen Werke Jericho kannte und dennoch verworfen hatte.

Dieses Kapitel berichtet nicht nur von der Zerstörung Jerichos, sondern auch von der Rettung Rahabs und ihres Hauses (V. 17b, 22–23, 25). Dies geschah, um das ihr gegebene Versprechen einzulösen (V. 22). Josua verschonte Rahab, das Haus ihres Vaters und alles, was ihr gehörte, und sie blieb mitten unter Israel (V. 25). (Witness Lee, Life-Study of Joshua, Botschaft sieben, S. 43)

Gerade in dieses ernste Bild hinein leuchtet Rahab. Sie ist eine Frau mit zweifelhaftem Ruf, heidnischem Hintergrund, am Rand der Gesellschaft. Und doch hat sie gehört, was Gott getan hat, und daraus eine Folgerung gezogen: „Denn der HERR, euer Gott, ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde“ (Josua 2:11). Sie hängt das rote Seil ins Fenster, stellt ihr Haus unter das gegebene Wort und empfängt die Kundschafter. Als das Gericht kommt, wird das Versprechen eingelöst: „So ging der junge Mann hinein und führte Rahab und ihren Vater und ihre Mutter und ihre Brüder und alles, was ihr gehörte, hinaus, dazu ihre ganze Verwandtschaft; und sie ließen sie außerhalb des Lagers Israels wohnen“ (Josua 6:23). Später heißt es von ihr: „Sie blieb in der Mitte Israels“ (Josua 6:25). Mitten im Untergang einer Stadt rettet Gott ein Haus, mitten im Bann richtet er eine Familie auf.

Im Licht des Neuen Testaments gewinnt Rahab noch eine tiefere Kontur. Sie wird in die Reihe der Glaubenden aufgenommen (Hebräer 11:31) und erscheint sogar im Stammbaum Jesu (Matthäus 1:5). Das bedeutet: Gottes Herz ist auch im Gericht auf Rettung aus. Wo er Mauern niederreißt, sucht er zugleich die, die ihm ihr Vertrauen entgegenbringen. Für die Verkündigung des Evangeliums ist das eine entscheidende Perspektive. Hinter den Fassaden eines „Jericho-Herzens“ – laut, abgeklärt, spöttisch oder religiös verhärtet – kennt Gott die verborgenen Rahabs, in denen er bereits eine leise Gottesfurcht und eine Sehnsucht nach Wahrheit geweckt hat. Der Auftrag der Gemeinde ist nicht, Städte zu verurteilen, sondern den zu bezeugen, der nicht gekommen ist, um zu richten, „sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde“ (Johannes 3:17).

Selbst die Schätze Jerichos werden nicht einfach zerstört, sondern Gott geweiht: „Nur das Silber und das Gold und die ehernen und eisernen Geräte sollen dem HERRN heilig sein; in den Schatz des HERRN sollen sie kommen“ (Josua 6:19). Was einst der Macht der Finsternis diente, findet nun seinen Platz im Haus Gottes. Darin spiegelt sich, was mit einem Menschen geschieht, der aus der Feindschaft in die Gemeinschaft Christi gerufen wird. Begabungen, Kraft, Einfluss – alles, was zuvor in den Dienst des eigenen Ichs gestellt war, kann unter der Herrschaft Christi zu einem Schatz im Reich Gottes werden. So scharf Jerichos Untergang mahnt, so tröstlich ist Rahabs Bewahrung: Kein Lebenshintergrund disqualifiziert von Gottes Gnade, kein Umfeld ist so verdorben, dass dort nicht Glaube geboren werden könnte. Wer Rahab sieht, lernt, auch in den dunkelsten Städten mit einem Funken Hoffnung zu rechnen und in jedem Menschen ein mögliches Gefäß der Barmherzigkeit Gottes zu erkennen.

Und sie vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwertes, an Mann und Frau, an Jung und Alt, an Rind und Schaf und Esel. (Josua 6:21)

Da gingen die jungen Männer, die Kundschafter, hinein und führten Rahab und ihren Vater und ihre Mutter und ihre Brüder und alles, was ihr gehörte, hinaus; auch all ihre Verwandten führten sie hinaus und ließen sie außerhalb des Lagers Israels wohnen. (Josua 6:23)

Rahabs Bewahrung mitten im Untergang Jerichos ermutigt, Menschen nicht nach ihrem Umfeld oder ihrer Vergangenheit zu beurteilen, sondern mit der rettenden Initiative Gottes zu rechnen. Sie nährt eine Haltung, die die Realität des Gerichts ernst nimmt, ohne den Glauben an Gottes Bereitschaft zu retten zu verlieren, und stärkt die Erwartung, dass aus Orten des Widerstands gerade die klarsten Zeugen seiner Gnade hervorgehen können.


Herr Jesus Christus, du lebendiger Gott, danke, dass du am Kreuz alle Mächte der Finsternis überwunden und den Sieg schon errungen hast, bevor wir irgendetwas sehen. Du kennst jede Festung in unserem Leben und in den Herzen der Menschen um uns herum, und keine Mauer ist dir zu hoch, kein Tor dir zu stark verriegelt. Stärke in uns den Glauben, deinem Wort mehr zu vertrauen als unseren Eindrücken, und lehre uns, in deiner Gegenwart still zu werden, bis du den richtigen Augenblick zum Reden und Bekennen schenkst. Lass unser Zeugnis von dir wie ein klarer Trompetenton sein, der nicht aus eigener Kraft klingt, sondern aus der Kraft deines Geistes. Und wo dein Gericht offenbar wird, lass zugleich deine Gnade aufleuchten, wie sie an Rahab sichtbar wurde, damit viele, die weit weg erscheinen, in dein Volk aufgenommen und zu einem Schatz in deinem Haus werden. Richte unseren Blick immer wieder auf dich als den Sieger und Hauptmann des Heils und erfülle uns mit der Hoffnung, dass dein Reich kommt und jede Festung weichen muss. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Joshua, Chapter 7