Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Wiederholung des Gesetzes (1)

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Wenn Menschen das Wort „Gesetz“ hören, denken viele zuerst an starre Regeln, Forderungen und ein schlechtes Gewissen. Doch hinter den Worten, die Mose vor dem Eintritt ins gute Land noch einmal vor dem Volk ausbreitet, steht ein Gott, der sich selbst mitteilt, lehrt und bewahrt. Die Wiederholung des Gesetzes ist keine trockene Wiederholung von Vorschriften, sondern ein liebevolles Resümieren der Wege Gottes mit seinem Volk – mit dem Ziel, dass eine neue Generation Gott kennt, ihm vertraut und mitten in seiner Versorgung bleibt.

Der Dreieine Gott erreicht uns im Wort

Wenn im 5. Buch Mose das Gesetz wiederholt wird, tritt uns nicht zuerst ein System von Forderungen entgegen, sondern der Dreieine Gott, der sein Volk erneut anspricht. Hinter den Worten steht eine Person. Der Vater ist die Quelle, der Sohn der Weg, und der Geist der lebendige Strom, in dem alles, was Gott ist und hat, zu uns kommt. Was in Gott selbst schlicht und einförmig ist, begegnet uns durch den Sohn verdichtet und durch den Geist vervielfacht – als Liebe, Gnade und Gemeinschaft, die wirklich bei uns ankommt. So heißt es am Ende des zweiten Korintherbriefes, dass „die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ mit uns sei (2. Kor. 13:13). Diese segensreiche Formel ist mehr als ein liturgischer Abschluss; sie enthüllt, wie der Dreieine Gott sich selbst spendet: aus dem Herzen des Vaters, durch das Werk des Sohnes, in der inneren Wirklichkeit des Geistes.

In der Bibel findet sich in Bezug auf die Göttliche Dreieinigkeit ein wichtiges Prinzip: Alles, was mit dem Vater zu tun hat — er ist die Quelle — ist einfach; alles, was mit dem Sohn zu tun hat — er ist der Verlauf — ist zweifach; und alles, was mit dem Geist zu tun hat — er ist der Ausfluss, die Vollendung und die Gesamtheit des Dreieinen Gottes — ist dreifach. Wenn Gottes Errettung oder irgendeine seiner Eigenschaften zu uns gelangt, geschieht das dreifach, denn dabei sind alle drei Personen der Göttlichen Dreieinigkeit — der Vater, der Sohn und der Geist — beteiligt. (Witness Lee, Life-Study of Deuteronomy, Botschaft sechs, S. 45)

Im 5. Buch Mose bleibt der Name „Christus“ unausgesprochen, aber seine Gegenwart ist im ganzen Buch verborgen wirksam. Das zeigt sich in der Dichte der Begriffe: Wort, Gesetz, Gebote, Zeugnisse, Satzungen, Rechte – verschiedene Nuancen desselben göttlichen Redens. Wenn Mose sagt: „Und Mose rief ganz Israel herbei und sprach zu ihnen: Höre, Israel, die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen, die ich heute vor euren Ohren rede! Lernt sie und achtet darauf, sie zu tun!“ (5.Mose 5:1), dann lädt Gott sein Volk ein, nicht nur Texte aufzunehmen, sondern sich von ihm selbst ansprechen zu lassen. Später macht Paulus deutlich, dass dieses Wort, das Israel hören sollte, im tiefsten Christus selbst ist, das Wort des Glaubens, das „ganz nahe“ kommt, „in deinem Mund und in deinem Herzen“ (5.Mose 30:14). So wird deutlich: Wenn Gott sein Gesetz wiederholt, wiederholt er nicht tote Buchstaben, sondern bringt sich selbst neu in Christus und im Geist an sein Volk heran.

Der menschgewordene Sohn zeigt, wie innig dieses Reden Gottes ist. Zweimal betont er, dass der Vater ihn nicht allein gelassen hat: „Und Er, der Mich gesandt hat, ist mit Mir; Er hat Mich nicht allein gelassen, denn Ich tue allezeit die Dinge, die Ihm gefallen“ (Johannes 8:29); und selbst angesichts der Zerstreuung der Jünger bekennt er: „doch ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir“ (Johannes 16:32). In diesem Einssein zwischen Vater und Sohn erfüllt sich, was das Gesetz eigentlich intendiert: kein distanziertes Verhältnis, sondern gelebte Gemeinschaft, in der der Wille Gottes Freude wird. Wenn derselbe Christus durch den lebengebenden Geist in unser Inneres kommt, setzt sich diese Gemeinschaft fort – nicht mehr nur zwischen Vater und Sohn, sondern hineingezogen in unser eigenes Herz und unsere eigenen Worte.

Wer das 5. Buch Mose so hört, wird nicht unter einer Last von Vorschriften stehenbleiben, sondern beginnt zu ahnen, wie nah Gott gekommen ist. Die Wiederholung des Gesetzes ist dann kein Rückfall in Buchstabengläubigkeit, sondern Ausdruck göttlicher Geduld: Der Dreieine Gott gibt sich nicht mit oberflächlichem Hören zufrieden. Er nähert sich noch einmal, erklärt noch einmal, ruft noch einmal – bis sein Wort nicht nur das Ohr, sondern Mund und Herz erreicht. Darin liegt eine tiefe Ermutigung: Auch dort, wo unser erstes Hören verflogen ist, wo frühere Zusagen und Vorsätze versandet sind, kommt Gott in Christus neu auf uns zu. Sein Ziel ist nicht, uns zu entmutigen, sondern uns in eine lebendige Vertrautheit mit seinem Wort zu führen, in der wir erfahren, wie seine Liebe, seine Gnade und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes unseren Alltag durchdringen.

Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! (2.Kor 13:13)

Und Mose rief ganz Israel herbei und sprach zu ihnen: Höre, Israel, die Ordnungen und die Rechtsbestimmungen, die ich heute vor euren Ohren rede! Lernt sie und achtet darauf, sie zu tun! (5.Mose 5:1)

Wer erkennt, dass im wiederholten Gesetz der Dreieine Gott selbst auf uns zukommt, beginnt Schrift nicht mehr als entfernte Norm, sondern als Begegnungsraum mit Christus zu lesen. So wächst Vertrauen: Gott scheut sich nicht, uns immer wieder anzusprechen, bis sein Wort als innerer Trost, als klare Wegweisung und als stille, kraftvolle Gegenwart in unserem Leben Gestalt gewinnt.

Das wiederholte Gesetz als Training einer neuen Generation

Die Wiederholung des Gesetzes geschieht an einer Schwelle: Die Wüste liegt hinter Israel, das gute Land vor ihnen. Die erste Generation ist auf dem Weg gestorben, die neue steht bereit, einen neuen Abschnitt mit Gott zu beginnen. Dieses Umherirren war Gericht und Barmherzigkeit zugleich – Gericht über Unglauben, Barmherzigkeit, weil inmitten der Wüste eine neue Generation heranreifte. Nun nimmt Gott durch Mose diese Generation in ein Training hinein, das nicht nur informieren, sondern prägen soll. Wenn Mose ruft: „Der HERR, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen“ (5.Mose 5:2), dann macht er deutlich: Ihr steht nicht geschichtslos vor Gott. Ihr seid hineingenommen in einen Bund, der euch vor eurer Zeit vorausgeht, aber euch jetzt persönlich meint.

Die Wiederholung des Gesetzes ist sein erneutes Aussprechen. Diese Wiederholung diente dem Training der neuen Generation, nachdem die alte Generation durch ihr 38‑jähriges Umherirren in der Wüste geläutert worden war. Gott hatte dieses Umherirren dazu benutzt, eine neue Generation hervorzubringen, und diese brauchte das Training durch das Gesetz. Sie mussten mit und durch das Gesetz geschult werden. (Witness Lee, Life-Study of Deuteronomy, Botschaft sechs, S. 47)

Die Zehn Gebote, wie sie in 5. Mose 5 erneut ausgesprochen werden, ordnen das Leben von innen her. Zuerst wird die Gottesbeziehung geklärt: kein anderer Gott, keine Bilder, kein leichtfertiger Gebrauch seines Namens, ein geheiligter Sabbat. Dann folgt die Mitte des menschlichen Zusammenlebens: „Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie der HERR, dein Gott, (es) dir geboten hat, damit deine Tage lange währen und damit es dir gutgeht in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt!“ (5.Mose 5:16). Aus dieser gesegneten Mitte heraus werden die Beziehungen in der Gemeinschaft entfaltet: „Du sollst nicht töten. – Und du sollst nicht ehebrechen. – Und du sollst nicht stehlen. – Und du sollst kein falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen“ (5.Mose 5:17–20). Das Gesetz beginnt bei Gott, geht über die Eltern als von Gott gebrauchte Vermittler des Lebens und erreicht dann die konkrete Nachbarschaft. So wird eine Ordnung sichtbar, in der das Herz bewahrt und die Gemeinschaft geschützt wird.

Dieses Training zielt jedoch nicht auf eine äußerliche Gesetzesfrömmigkeit. Indem das Gesetz wiederholt, erklärt und vertieft wird, dringt es näher an das Herz heran. Der abschließende Blick auf das Begehren zeigt, wie tief Gott greifen will: „Und du sollst die Frau deines Nächsten nicht begehren. Und du sollst dich nicht gelüsten lassen nach dem Haus deines Nächsten … noch nach allem, was dein Nächster hat“ (5.Mose 5:21). Hier geht es nicht mehr nur um sichtbare Taten, sondern um innere Bewegungen. Israel lernt, dass Gott nicht nur Handlungen, sondern auch Begierden ernst nimmt – nicht um zu erdrücken, sondern um zu reinigen und zu bewahren. Wo das Gesetz als Spiegel dient, wird das Herz aufgedeckt und der Mensch wird auf seine Bedürftigkeit verwiesen.

Im Licht des Neuen Testaments gewinnt dieses Training eine weitere Dimension. Das Gesetz bleibt heilig, gerecht und gut, aber es weist über sich hinaus auf Christus, der es erfüllt hat und jetzt als inneres Leben in den Seinen wohnt. Was äußerlich geboten war, wird in ihm zur inneren Neigung. Paulus mahnt: „Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, daß er nicht falle“ (1.Kor 10:12). Hinter dieser Warnung steht derselbe Gott, der Israel durch das Gesetz trainierte: Er möchte nicht, dass sein Volk an Selbstsicherheit zugrunde geht, sondern in abhängiger Wachsamkeit bei ihm bleibt. Deshalb wird das Gesetz wiederholt, deshalb lässt Gott Umwege und Wüstenzeiten zu – damit eine Generation heranwächst, die gelernt hat, auf sein Wort zu hören und sich von ihm formen zu lassen.

Der HERR, unser Gott, hat am Horeb einen Bund mit uns geschlossen. (5.Mose 5:2)

Ehre deinen Vater und deine Mutter, wie der HERR, dein Gott, (es) dir geboten hat, damit deine Tage lange währen und damit es dir gutgeht in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt! (5.Mose 5:16)

Wer die Wiederholung des Gesetzes als liebevolles Training versteht, wird auch eigene Umwege und Wiederholungen neu sehen. Gott führt nicht zurück, um zu beschämen, sondern um zu vertiefen. Er nimmt uns immer wieder an dieselben Grundfragen heran – wer er für uns ist, wie wir mit Autorität und Beziehungen umgehen –, damit unser Inneres geordnet wird und wir bewahrt durch die Zeiten der Wüste in das gute Land seiner Gemeinschaft hineinwachsen.

Christus als nahe Wort und Leben im guten Land

Am Ende des 5. Buches Mose verschärft sich der Ton: Segen und Fluch werden vor Israel gestellt, Leben und Tod, gutes und böses Geschick. Doch mitten in dieser ernsten Atmosphäre leuchtet eine leise, tröstliche Zusage auf. Mose sagt dem Volk, dass das Gebot Gottes ihnen nicht unerreichbar ist: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und ist (dir) nicht (zu) fern. Es ist nicht im Himmel … Und es ist nicht jenseits des Meeres … Sondern ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, um es zu tun“ (5.Mose 30:11–14). Das wiederholte Gesetz wird hier als ein Wort beschrieben, das bis in den innersten Bereich des Menschen hineinreicht. Es bleibt nicht außerhalb, sondern sucht Mund und Herz – den Ort der Bekenntnisse und den Sitz der Beweggründe.

Wo ist der Christus, der in der Inkarnation aus den Himmeln herabgekommen ist und in der Auferstehung aus dem Abgrund hervorgekommen ist, und was für ein Christus ist Er heute? Dieser Christus ist in unserem Mund und in unserem Herzen, denn Er ist jetzt lebengebender Geist (1. Kor. 15:45b). (Witness Lee, Life-Study of Deuteronomy, Botschaft sechs, S. 47)

Paulus greift diese Passage auf und legt sie christologisch aus. Er fragt: Wo ist der Christus, der in der Menschwerdung aus den Himmeln herabkam und in der Auferstehung aus der Tiefe des Todes hervorging? Seine Antwort ist überraschend nüchtern und zugleich überaus tief: Dieser Christus ist heute als lebengebender Geist „in unserem Mund und in unserem Herzen“ (vgl. 1.Kor 15:45). Der letzte Adam wurde „zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Kor 15:45), und genau so versteht Paulus das Wort des Glaubens, das er predigt. Was Mose als Nähe des Gebotes beschreibt, erfüllt sich in Christus als Nähe der Person. Das Gesetz, das früher von außen an das Volk herantrat, wird in ihm zur inneren Stimme der Gnade, die das Herz verändert und den Mund öffnet.

Im Licht dieser Erfüllung gewinnt das Bild vom guten Land eine neue Tiefe. „Das gute Land, das Land Kanaan, ist ein Sinnbild auf den allumfassenden Christus, auf den Christus, der alles und in allen ist und der alles für uns ist“ – ein Land, in dem Milch und Honig fließen, ein Raum der Versorgung und der Süße. Wenn Israel aufgefordert wird, in dieses Land einzuziehen und dort nach Gottes Ordnungen zu leben, ist das mehr als ein politischer Auftrag. Es ist eine Einladung, in den Reichtum der Gegenwart Gottes einzutreten. Das wiederholt vorgelegte Gesetz ist damit nicht nur Bedingung, sondern auch Wegmarkierung: Wer sich von Gottes Wort prägen lässt, erfährt das Land nicht als Gefahr, sondern als Raum der Fülle.

Praktisch wird diese Fülle erlebbar, wo Christus als nahe Wort und Leben tatsächlich Raum bekommt. Wo sein Wort im Herzen wohnt, verändert sich der Ton unserer Rede; wo es Mund und Herz verbindet, entsteht ein Bekenntnis, das trägt. Die Mahnung, Gott zu fürchten, ihn zu lieben und seine Gebote zu halten, wird dann nicht als kalte Forderung gehört, sondern als Beschreibung eines Lebens, das in den Fluss seiner Gegenwart hineingestellt ist. Das gute Land beginnt nicht erst mit sichtbaren Erfolgen, sondern dort, wo der lebengebende Geist unser Inneres erfüllt und wir anfangen zu kosten, wie gut der Herr ist – in kleinen Gesten des Vertrauens, in stillen Momenten der Dankbarkeit, in der Kraft, die aus scheinbar schwachen Worten des Glaubens erwächst.

Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu wunderbar für dich und ist (dir) nicht (zu) fern. Es ist nicht im Himmel, daß du sagen müßtest: Wer wird für uns in den Himmel hinaufsteigen und es uns holen und es uns hören lassen, daß wir es tun? Und es ist nicht jenseits des Meeres, daß du sagen müßtest: Wer wird für uns auf die andere Seite des Meeres hinüberfahren und es uns holen und es uns hören lassen, daß wir es tun? Sondern ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen, um es zu tun. (5.Mose 30:11-14)

So steht auch geschrieben: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele“; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist. (1.Kor 15:45)

Wer das wiederholte Gesetz als Wort des Glaubens erkennt, das auf Christus als das nahe, lebengebende Wort verweist, wird den Weg in das „gute Land“ nicht länger als unerreichbares Ideal sehen. Es entsteht eine zuversichtliche Haltung: Der, der fordert, ist derselbe, der sich als Kraft und Reichtum schenkt. So wird das Herz frei, die Gebote nicht als Last, sondern als Ausdruck eines Lebens zu verstehen, das in der weiten Landschaft seiner Gegenwart verwurzelt ist.


Herr Jesus Christus, danke, dass du als das lebendige Wort des Vaters zu uns gekommen bist, für uns gestorben und aus dem Tod auferstanden bist, um als lebengebender Geist in unserem Mund und in unserem Herzen zu wohnen. Du siehst unsere Schwachheit und kennst, wie oft wir dein Gesetz nur als Forderung sehen; öffne unsere Augen, dass wir in allen Geboten, Satzungen und Rechten deine Gegenwart und deine Liebe erkennen. Fülle uns neu mit Ehrfurcht vor dir, mit Liebe zu deinem Wort und mit einem weichen Herzen, das sich von dir prägen lässt. Lass uns dein gutes Land, den Reichtum deiner Person, mehr und mehr genießen, damit unsere Tage unter deinem Segen stehen und unsere Umgebung etwas von deiner Wahrheit und Gnade spürt. Bewahre uns davor, dich in Zeiten der Fülle zu vergessen, und halte uns nah bei dir, damit dein Name in unserem Denken, Reden und Tun geehrt wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Deuteronomy, Chapter 6