Der Sündopfer-Christus für die Sünde des Volkes Gottes (2)
Viele Christen kennen den inneren Kampf: Wir wollen Gottes Wille, doch unser Handeln bleibt fehlerhaft; manchmal lieben wir die Gemeinde, und doch regt sich Widerstand in uns. Paulus beschreibt diese Spannung als das Zusammenwirken von Fleisch und Sünde (Röm. 7), und sie zeigt sich nicht nur privat, sondern auch in Gemeinden als Streben nach Ehre und Macht. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die biblische Lehre vom Sündopfer mehr ist als Schuldbehebung – sie trifft die Wurzel des Problems und bietet eine Gottesoffenbarung, die unser persönliches und gemeinschaftliches Leben prägt.
Die reale Zweipersönlichkeit: Fleisch, Sünde und der Machtkampf
Paulus zeichnet kein abstraktes Lehrgebäude, sondern berichtet aus persönlicher Erfahrung: in seinem inneren Leben begegnen wir zwei Wirklichkeiten, die ein und dasselbe Ich durchziehen. So heißt es in Römer 7:20: “Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde.” Diese lakonische Feststellung macht das Paradox deutlich: Ein Wille sehnt sich nach Gott, und zugleich wohnt in diesem Leben eine fremde Kraft, die entgegengesetzt wirkt.
Römer 7 macht deutlich, dass die Sünde in unserem Fleisch wohnt (Röm. 7:17; 7:20; 7:23). Da Paulus diese Erfahrung gemacht hatte, konnte er sagen: „so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde.“ (Röm. 7:20b) In Römer 7 begegnen uns zwei Personen: Die eine will nicht sündigen, die andere aber, die in der ersten wohnt, sündigt. (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft neunzehn, S. 172)
Diese Doppelgestalt ist kein bloß psychologisches Phänomen, sondern eine geistliche Beschreibung der Realität des gefallenen Menschen. Die Sünde wohnt im Fleisch und beansprucht Macht; sie steht in Verbindung mit dem Wirken des Bösen und dem Druck der Welt, sodass selbst wohlmeinende Werke, wenn sie aus dem Fleisch hervorgehen, vor Gott nicht bestehen. Vor diesem Hintergrund erscheinen persönliche Schuld und Gemeindekonflikte oft weniger als isolierte Versagen denn als Ausdruck eines tieferliegenden Machtkampfes, in dem die Gnade Gottes Heilung bringen will.
Wenn ich aber das, was ich nicht will, ausübe, so vollbringe nicht mehr ich es, sondern die in mir wohnende Sünde. (Römer 7:20)
Ich sage aber: Wandelt durch den Geist, und ihr werdet die Begierde des Fleisches auf keinen Fall erfüllen. (Galater 5:16-26)
Die Erkenntnis der inneren Zweipersönlichkeit nimmt nicht die Last weg, doch sie benennt sie klar und öffnet den Blick für Gottes Lösung. Wer die Gegenwart der in uns wohnenden Sünde anerkennt, ist nicht zur Verurteilung verurteilt, sondern zur Suche nach der einen Wirklichkeit, die Heil bringen kann: jener Person und Tat Christi, die diesen inneren Widerstreit durchkreuzt. In der Hoffnung auf diese Wirklichkeit kann Gemeinde üben, einander mit Geduld und Ehrlichkeit zu begegnen.
Christus als Sündopfer: Verurteilung der Sünde im Fleisch
Die Sendung des Sohnes in der Gleichgestalt des Fleisches ist der Schlüssel zum Verständnis dessen, was mit der Sünde geschehen ist. Über diese Sendung heißt es in Römer 8:3: “Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte.” Dieses göttliche Urteil über die Sünde ist zugleich ein stellvertretendes Handeln: Gott trifft die Sünde dort, wo sie zu Hause ist — im Fleisch.
Das Sündopfer veranschaulicht außerdem, dass Gott die Sünde im Fleisch verdammte; dazu heißt es: “Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte,” (Röm. 8:3). Christus wurde Fleisch – er kam also in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde; dazu heißt es: “Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit.” (Joh. 1:14) Außerdem machte Gott Christus, der die Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde; “Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.” (2.Kor. 5:21) (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft neunzehn, S. 174)
Dass das Wort Fleisch annimmt, wird im Evangelium als tiefer Zug gezeichnet: “Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns” (Johannes 1:14). Indem Christus ohne Makel unsere Lage einnahm, wurde die gerichtliche Last der Sünde auf Ihn gelegt; so wird nicht nur die Schuld vor Gott erlöst, sondern die Macht, die die Schuld in uns ausübt, wird in ihrem eigenen Bereich zur Verurteilung gebracht. Auf diese Weise ist das Werk Christi sowohl rechtlich als auch existentiell: es richtet die Sünde im Fleisch und schafft die Möglichkeit, dass im Glaubenden jene Macht gebrochen wird, die zuvor herrschte.
Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch schwach war, das tat Gott: Er verdammte die Sünde im Fleisch, indem Er Seinen eigenen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und der Sünde wegen sandte, (Römer 8:3)
Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Johannes 1:14)
Die Tiefe dieses Geschehens lädt zu einem vertrauensvollen Staunen ein: Gott traf die Wurzel unserer Not und tat dies in der Person Christi. Dieses Wissen enthebt nicht der Mühe des Glaubenslebens, doch es gibt eine verlässliche Grundlage, auf der Heilung und Freiheit wachsen können. So mag die Gewissheit dieser Tat Mut machen, das innere Leben dem Richterstuhl der Gnade anzuvertrauen und darin Heilung zu erwarten.
Die praktische Wirksamkeit des Sündopfers im Leben und in der Gemeinde
Die theologische Wahrheit des Sündopfers entfaltet sich in konkreter Wirklichkeit: das Kreuz trifft nicht nur einzelne Taten, sondern die ganze Durchsetzung der gefallenen Natur. So heißt es in Römer 6:6: “da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde, damit wir nicht mehr der Sünde als Sklaven dienen;” Dieses Zusammenkreuzigen ist keine ferne Doktrin, sondern die Basis für ein verändertes Gewissen und ein Leben, das nicht länger dem Diktat der Sünde unterliegt.
Die Wirksamkeit des Sündopfers besteht nicht allein darin, die Sünde zu bekämpfen; ihr Ergebnis geht weit darüber hinaus: Im Sündopfer wird mit dem gefallenen Menschen — dem alten Menschen, der im Fleisch Christi miteingeschlossen ist — abgerechnet (Röm. 6:6); die Sünde in der Natur des gefallenen Menschen wird verdammt (Röm. 8:3); Satan, die Sünde selbst, wird vernichtet (Hebr. 2:14); die Welt wird gerichtet, und der Fürst dieser Welt wird hinausgeworfen (Joh. 12:31). (Witness Lee, Life-Study of Leviticus, Botschaft neunzehn, S. 174)
Die Konsequenzen reichen über das Individuum hinaus: wenn die Sünde im Fleisch gerichtet ist, wird auch der Machtbereich des Bösen getroffen — der Teufel verliert Herrschaft (Hebräer 2:14), und die Welt als gegensätzliches System erfährt Gericht (Johannes 12:31). In der Gemeindepraxis heißt das, dass verborgenes Versagen und zwischenmenschliche Verstrickungen vor einem größeren geistlichen Horizont gesehen werden können; das Blut Christi bietet Gewissensruhe, die es ermöglicht, mit Schuld und Konflikt anders umzugehen — nicht mit Scham allein, sondern aus der Perspektive der wiederherstellenden Gnade.
Die Vielfalt der Tierarten im Sündopfer des Alten Bundes erinnert daran, dass das Erleben dieser Befreiung unterschiedliche Formen und Grade kennt: nicht jede Erfahrung ist gleich intensiv, doch die Wirklichkeit des einen makellosen Opfers bleibt unverändert wirksam. So entsteht in der Gemeinde Raum für geduldiges Wachsen, ehrliche Klärung und das langsame Herausarbeiten einer Gemeinschaft, die von der Macht des Opfers geheilt wird.
da wir dies wissen, dass unser alter Mensch mit Ihm zusammen gekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde außer Kraft gesetzt werde, damit wir nicht mehr der Sünde als Sklaven dienen; (Römer 6:6)
Da Darum die Kinder Anteil bekommen haben an Blut und Fleisch, hat auch Er in gleicher Weise an denselben Anteil erhalten, damit Er durch den Tod den vernichte, der die Macht des Todes hat, das heißt den Teufel, (Hebräer 2:14)
Das praktische Echo des Sündopfers ist Ermutigung: Es gibt eine Größe, die größer ist als unsere Schwäche und eine Gnade, die tiefer geht als unser Versagen. Angesichts dieser Wahrheit kann Gemeindeleben neu atmen — nicht in ausgelassener Selbstgerechtigkeit, sondern in der sicheren Hoffnung, dass Gottes Werk am Kreuz sowohl Schuld tilgt als auch Macht bricht. Diese Hoffnung lädt zu einem beharrlichen, demütigen Vertrauen in Gottes fortwährende Heilung ein.
Herr Jesus, wir danken Dir, dass Du in der Gleichgestalt des menschlichen Fleisches gekommen bist und die Sünde im Fleisch verurteilt hast; schenke uns die Erfahrung Deines Sündopfers, damit die Macht des alten Menschen, des Bösen und des Machtkampfes in unserem Innern gebrochen wird. Lass Dein Blut uns Frieden im Gewissen schenken und uns in der Gemeinde zu ehrlicher Gemeinschaft und Erlösung führen, sodass unsere Schwäche Deine Herrlichkeit nicht verdeckt, sondern offenlegt. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Leviticus, Chapter 19