Die Heiligung Aarons und Seiner Söhne zum Priestertum (4)
Die zeremonielle Einsetzung Aarons in 2. Mose 29 wirkt zunächst wie ein alttestamentliches Ritual, doch die Details — Schlachtung, Teilung, Reinigung, Blutauftragung, Salbung und Rauch — offenbaren eine tiefe geistliche Logik. Die Szene fragt danach, wie Menschen vor Gott tauglich werden, nicht nur in Amt, sondern in innerer Identität: Was heißt es, als Priester vor Gott zu stehen? Die Texte führen uns von der Erkenntnis unserer sündigen Natur zur konkreten Erfahrung von Erlösung, Reinigung und Berufung zum Dienst.
Einssein mit dem Brandopfer: Geschlachtet, zerteilt, gewaschen und verbrannt
Die Einsetzung Aarons beginnt mit einer Szene körperlicher Nähe zum Brandopfer: Aaron und seine Söhne legen die Hände auf den Widder, dann folgt Schlachtung, Zerlegung, Waschen und das vollständige Aufsteigenlassen als Rauch vor dem HERRN. Beobachtet man den Ablauf, tritt ein deutliches Muster hervor: Erst Identifikation durch Auflegen der Hände, dann Getrenntsein durch Schlachtung und Reinigung, zuletzt Hingabe in Rauch und Duft. Es heißt: „(Danach) nimm den einen Widder, und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände auf den Kopf des Widders legen,“ (2. Mose 29:15). Dieses Bild verweist typologisch auf Christus, der hingab und von dem die Priesterschaft ihren Ursprung nimmt.
Dies bezieht sich ohne Zweifel auf Christus, der geschlachtet und zerteilt wurde. Auch wir sind daran beteiligt, denn wir sind mit Christus verbunden. Diese Verbundenheit mit Christus drückt Sich darin aus, dass Aaron und seine Söhne ihre Hände auf den Kopf des Widders legten (V. 15). (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechsunddreißig, S. 1493)
Die Deutung dieser Abfolge führt ins Innerste der geistlichen Wirklichkeit: Die Priesterschaft setzt nicht ein als eine äußere Würde, sondern als ein Sein in Verbindung mit dem Geschlachteten. Das Aufteilen und Reinigen des Opfers deutet an, dass Dienst durch Tod und Reinigung hindurch sich formt; das Aufsteigenlassen als Brandopfer macht deutlich, dass das, was wir in Christus geworden sind, Gott dargeboten wird und ihm zur „Speise“ dient (vgl. 3. Mose 3:11). Daraus folgt, dass priesterliches Leben nicht in Selbstbehauptung besteht, sondern in täglicher Selbsthingabe und in einer gereinigten Präsenz vor Gott. Gerade in dieser Hingabe liegt die befreiende Erfahrung, dass das Leben, das für Gott dargebracht wird, zugleich Nahrung und Sinn findet.
Möge der Blick auf den geschlachteten und dargebrachten Christus jene Ruhe wecken, die dem priesterlichen Dienen zugrunde liegt: nicht erzwungene Leistung, sondern durch Leid und Reinigung geläuterte Hingabe, aus der wirklicher Gottesgenuss erwächst. Eine solche Identifikation mit dem Brandopfer ist kein einmaliges Ritual, sondern eine Lebensart, die Hoffnung schenkt und in der das, was wir sind, von Gott angenommen wird.
(Danach) nimm den einen Widder, und Aaron und seine Söhne sollen ihre Hände auf den Kopf des Widders legen, (2. Mose 29:15)
Und der Priester soll es auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen: eine Speise des Feueropfers für den HERRN (ist es). (3. Mose 3:11)
Die Darstellung lädt dazu ein, das Dasein vor Gott als fortwährende Teilnahme an Christus’ Hingabe zu sehen: Reinigung und Selbstverlassen sind nicht bloße Pflichten, sondern die Bedingungen, unter denen Gottes Geschmack und Sinn in unserem Leben sichtbar werden. In dieser Perspektive verlieren Scham und Vergeblichkeit ihren Vorrang und weichen der Gewissheit, in Christus dargebracht und verwandelt zu sein.
Blut und Duft: Versöhnung für uns, Genuss für Gott
Im kultischen Ablauf treten zwei Wirkungen deutlich hervor: das besprengte Blut um den Altar und der wohlgefällige Duft des Brandopfers, der zum Himmel steigt. Diese Dualität lässt sich nicht als bloße theologische Formel abtun; sie stellt eine zweiseitige Bewegung im Heilshandeln dar: das Blut wirkt versöhnend für das Gewissen und schafft inneren Frieden, während der aufsteigende Duft Gottes Befriedigung und Genuss bedeutet. In den Worten der Schrift heißt es eindringlich: „Befiehl den Söhnen Israel und sprich zu ihnen: Ihr sollt darauf acht haben, mir meine Opfergabe, meine Speise, in Form der mir (zukommenden) Feueropfer zu ihrer festgesetzten Zeit darzubringen, mir zum wohlgefälligen Geruch!“ (4. Mose 28:2).
Das eine ist das um den Altar besprengte Blut; es dient unserem Frieden und unserer Genugtuung. Das andere ist der wohlgefällige Duft, der zum Himmel aufsteigt und zum Wohlgefallen Gottes wird. Das erlösende Blut wird auf dem irdischen Altar besprengt, und der Duft steigt zum Himmel empor, um Gott zu genügen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechsunddreißig, S. 1496)
Aus dieser Beobachtung folgt die Deutung, dass Erlösung und Freude nicht unabhängig voneinander sind. Das Blut macht uns vor Gott ganz neu—es richtet das Gewissen und stellt Frieden her—und der dargebrachte Leib als Rauch kennzeichnet die Antwort des Lebens, das Gott gefällt. So wird priesterlicher Dienst rein und genussvoll zugleich: Er ist das Ergebnis innerer Versöhnung und äußerer Hingabe. Das Opfer nimmt damit eine vermittelnde Stellung ein zwischen dem inneren Zustand des Menschen und dem Wohlgefallen Gottes.
Der Gedanke ist tröstlich: Erlösung bleibt keine abstrakte Rechtfertigung, sondern mündet in einen Duft, der Gott erfreut. In dieser Verbindung von Versöhnung für uns und Genuss für Gott liegt eine Einladung zur Bewahrung des Friedens des Gewissens und zur Freude, die aus dargebotenem Leben erwächst—eine Perspektive, die die Seele stärkt und ermutigt, im Geheimnis des Opfers zu bleiben.
Befiehl den Söhnen Israel und sprich zu ihnen: Ihr sollt darauf acht haben, mir meine Opfergabe, meine Speise, in Form der mir (zukommenden) Feueropfer zu ihrer festgesetzten Zeit darzubringen, mir zum wohlgefälligen Geruch! (4. Mose 28:2)
Und der Priester soll es auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen: eine Speise des Feueropfers für den HERRN (ist es). (3. Mose 3:11)
Die Zweiteiligkeit von Blut und Duft erinnert daran, dass innere Reinheit und äußere Hingabe zusammengehören. Wo Versöhnung wirkt, kann Leben als Gabe dargebracht werden; wo Leben dargebracht wird, findet Gott Gefallen und der innere Friede bleibt lebendig. Diese Einsicht trägt dazu bei, das priesterliche Leben nicht als erzwungene Leistung, sondern als fruchtbare Antwort auf Erlösung zu sehen.
Zwei Arten der Salbung und konkrete Folgen für Hören, Tun, Gehen
Die Konstitution des Priesteramtes zeigt zwei Salbungsaspekte: die Einsetzung durch Salböl und die nachfolgende Berührung von Blut und Öl, die an Ohr, Daumen und große Zehe angebracht werden. Diese Detailsetzung ist nicht zufällig. Die Schrift berichtet klar: „Dann sollst du den Widder schlachten und von seinem Blut (etwas) nehmen und es auf das rechte Ohrläppchen Aarons und auf das rechte Ohrläppchen seiner Söhne tun, auch auf den Daumen ihrer rechten Hand und auf die große Zehe ihres rechten Fußes.“ (2. Mose 29:20). Beobachtet man diese Symbolik, erschließt sich ein praktischer Horizont für das priesterliche Leben: Gehör, Hand und Gehen werden als gezeichnete Bereiche verstanden.
Man beachte, dass das Blut auf die Spitze des rechten Ohrs, des rechten Daumens und der großen Zehe des rechten Fußes aufgetragen wurde. Das Blut am Ohr zeigt: Wer Priester sein will, braucht ein Ohr, um Gott zuzuhören. Der Daumen steht für das Arbeiten, die große Zehe für das Gehen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertsechsunddreißig, S. 1497)
Die Deutung führt weiter: Die erstere Salbung weist auf die Berufung und Präsenz des Gesalbten, die zweite Salbung durch Blut und Öl verbindet diese Berufung mit Erlösung und Reinheit. Das Blut am Ohr signalisiert ein geheiligtes Hören, am Daumen eine geformte Tätigkeit, an der großen Zehe ein geprägter Lebensweg. So entsteht ein Bild von Dienst, das weniger auf Rede zielt als auf Hörfähigkeit, tätiges Dienen und einen Gang, der in Richtung des Herrn geht. Es heißt auch in 2. Mose 40:15: „Und du sollst sie salben, wie du ihren Vater gesalbt hast, damit sie mir den Priesterdienst ausüben.“ Diese Salbung befähigt zum Hören, Handeln und Gehen in Verbundenheit mit dem Gesalbten.
Dieses Zusammenspiel von Salbung, Blut und Alltag weckt Zuversicht: Priesterschaft ist nicht eine Technik, sondern eine befähigte Lebensgestaltung, in der Gottes Stimme, tätige Liebe und ein gerichteter Weg zusammenkommen. Wer in dieser Weise geformt ist, kann auf den Dienst schauen als auf eine von Gott gegebene Aufgabe, die zugleich die Quelle von Sinn und Stärke bietet.
Dann sollst du den Widder schlachten und von seinem Blut (etwas) nehmen und es auf das rechte Ohrläppchen Aarons und auf das rechte Ohrläppchen seiner Söhne tun, auch auf den Daumen ihrer rechten Hand und auf die große Zehe ihres rechten Fußes. Das (übrige) Blut aber sollst du ringsum an den Altar sprengen. (2. Mose 29:20)
Und du sollst sie salben, wie du ihren Vater gesalbt hast, damit sie mir den Priesterdienst ausüben. Das soll geschehen, damit ihnen ihre Salbung zu einem ewigen Priesteramt sei, in (all) ihren Generationen. (2. Mose 40:15)
Die beiden Salbungen machen deutlich, dass geistliche Befähigung innerlich verwurzelt und zugleich konkret im Alltag wirksam wird. Ein geformtes Hören, tätiges Handeln und ein zielgerichtetes Gehen sind Zeichen einer geweihten Lebensführung, die aus der Verbindung von Salbung und Erlösung hervorgeht. Dies eröffnet Raum für Vertrauen darauf, dass Gottes Einsetzung uns nicht allein lässt, sondern uns in Wort und Tat befähigt.
Herr, danke für das stellvertretende Werk Christi und für die Reinigung durch Sein Blut; heilige unsere Herzen und Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 136