Die priesterlichen Gewänder (9)
Die Beschreibung der Brustplatte im Heiligtum wirkt auf den ersten Blick archaisch – doch gerade die Anordnung und das Material der zwölf Steine tragen eine klare geistliche Botschaft. Angesichts der Zerstreuung und der individualistischen Tendenzen in vielen Gemeinden stellt sich die Frage, wie Gott die Kirche wirklich sieht: als lose Ansammlung einzelner Glaubender oder als ein integriertes, verwandeltes Ganzes, das auf dem Herzen Christi ruht?
Die Gemeinde als ein organischer Leib (zwölf Steine, ein Brustschild)
Auf der Brustplatte erscheinen zwölf einzelne Steine, jeder mit dem Namen eines Stammes Israels eingelegt; zugleich bilden sie ein einziges Feld vor dem Herzen des Hohenpriesters. In der Schrift heißt es: „Und besetze sie mit eingesetzten Steinen, vier Reihen von Steinen… Die Steine sollen also den Namen der Söhne Israel entsprechen, zwölf (an der Zahl)“ (2. Mose 28:17, 21). Die sinnliche Beobachtung ist eindeutig: Verschiedenheit und Einheit stehen nicht im Widerspruch, sondern werden von dem Kunstwerk der Brustplatte gewollt und sichtbar gemacht.
Diese zwölf Steine stellen Gottes Erlöste nicht als abgesonderte oder individualistische Einzelwesen dar, sondern als Gemeinschaft. Die Steine sind zwar einzelne Stücke, doch sie sind nicht voneinander getrennt; vielmehr sind sie eingegliedert und miteinander verbunden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvierundzwanzig, S. 1389)
Im Blick auf die Deutung wird daraus eine lebendige Theologie der Gemeinde: Gott nimmt einzelne, unterscheidbare Menschen und fügt sie in eine korporative Wirklichkeit ein, sodass die persönliche Identität nicht verloren geht, sondern in eine größere, gemeinsame Existenz aufgenommen wird. Das verbindende Element — das goldene Gefüge, das die Steine umfasst — verweist auf die göttliche Natur Christi, die die Verschiedenheit einschließt und verwandelt. Vor diesem Hintergrund erhält das heutige Zerfallen von Gemeinden eine tiefere, klagende Note: Es widerspricht dem, was vor dem Thron sichtbar und vor dem Herzen des Erlösers gegenwärtig ist.
Und besetze sie mit eingesetzten Steinen, vier Reihen von Steinen: eine Reihe Karneol, Topas und Smaragd, die erste Reihe; (2. Mose 28:17)
Die Steine sollen also den Namen der Söhne Israel entsprechen, zwölf (an der Zahl), entsprechend ihren Namen; in Siegelgravur sollen sie (hergestellt) werden, jeder seinem Namen entsprechend für die zwölf Stämme. (2. Mose 28:21)
Es ist tröstlich und herausfordernd zugleich zu wissen, dass das, was Gott vor Augen steht, ein verbundenes, lebendiges Ganzes ist. Wer die Brustplatte betrachtet, sieht nicht einfach Steine, sondern ein Bild der Hoffnung, dass Gottes Werk an jedem Einzelnen zu einem gemeinsamen Leib führt. Diese Gewissheit soll nicht zu stolzem Beharren auf eigener Rechtgläubigkeit verführen, sondern zu einer demütigen Sehnsucht, in der Verbundenheit vor Gott zu bleiben und in ihr zu ruhen.
Verwandlung: vom Natürlichen zum Kostbaren
Die Brustplatte trägt keine gewöhnlichen, sondern kostbare Steine; damit erinnert sie an einen Prozess innerer Veredlung. Das Alte Testament beschreibt den Menschen als Geschöpf aus Erde mit Lebensatem: „da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele“ (1. Mose 2:7). Diese Ausgangslage — das Natürliche als gegebene Beschaffenheit — ist die Bühne, auf der Gottes Verwandlung wirkt.
Die zwölf Steine auf dem Brustschild waren kostbar. Sie versinnbildlichen die Umwandlung der menschlichen Natur durch und mit der göttlichen Natur. Ein anschauliches Bild für diesen Prozess ist die Versteinerung von Holz: Im Laufe der Zeit dringt Wasser in das Holz ein, sättigt es, entzieht ihm seine ursprünglichen Bestandteile und ersetzt sie durch andere. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvierundzwanzig, S. 1390)
Die theologische Deutung führt von hier zur teilhaften Teilnahme an der göttlichen Natur: „durch welche Er uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet“ (2. Petr. 1:4), heißt es. Wie Wasser, das Holz über lange Zeit sättigt und seine Struktur wandelt, so dringt die göttliche Substanz in die menschliche Natur ein und verändert sie Schritt für Schritt. Dieser Vorgang ist nicht bloss ein einmaliges Ereignis noch ein rein zukünftiges Versprechen; er ist die fortdauernde Alltäglichkeit des Christuswerks in uns, bis die Verwandlung vollendet wird.
da formte Jehovah Gott den Menschen vom Staub des Erdbodens und hauchte ihm den Lebensatem in die Nasenlöcher, und der Mensch wurde zu einer lebenden Seele. (1. Mose 2:7)
durch welche Er uns die kostbaren und überaus großen Verheißungen geschenkt hat, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet, die ihr dem Verderben entronnen seid, das durch die Begierde in der Welt ist. (2.Petr. 1:4)
Dass Gott den Menschen nicht in seinem natürlichen Zustand belässt, ist eine Einladung zur Hoffnung: Auch das Alltägliche, Verletzliche und Beschränkte steht in Gottes Blick und wird von Seiner Leben spendenden Gegenwart durchdrungen. Diese Gewissheit nährt Geduld und Dankbarkeit, weil sie uns versichert, dass unsere wirkliche Lage nicht das letzte Wort ist, sondern Teil eines geheiligten Prozesses hin zu einem kostbaren Zeugnis Gottes.
Die Vermengung von Dreieinigkeit und Schöpfung und ihre Regierungssignatur
Die Anordnung der Steine in vier Reihen zu je drei Steinen spricht mit Zahlen, die biblisch aufgeladen sind: Vier verweist oft auf die Schöpfung oder die weltweite Ausdehnung, Drei auf die Dreieinigkeit. Dass die Brustplatte aus „dreimal vier“ besteht, ist nicht bloß dekorativ, sondern bedeutungsvoll: Drei mal vier ergibt zwölf, die Zahl des verwalteten Volkes Gottes. In der Schrift heißt es von den Einlagen und Reihen der Steine, wie sie für den Dienst des Hohenpriesters hergestellt wurden, und so wird das mathematische Zusammenwirken bildhaft offenbar.
Auf dem Brustschild waren insgesamt zwölf Steine angebracht. Die Zahl zwölf ergibt sich hier aus dreimal vier. Die zwölf Steine symbolisieren die Vermengung Gottes mit dem Menschen zur Vollendung von Gottes ewiger Vorsatz und zur Verwaltung Seiner Regierung. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertvierundzwanzig, S. 1393)
Die Deutung weist auf ein gründlicheres Geschehen als bloßes Nebeneinander: Die Dreieinigkeit durchdringt die Schöpfung, und in dieser Vermengung wird das göttliche Leben verwaltet. Die Gemeinde ist somit nicht allein eine Sammlung individuell Vernommener, sondern ein instrumentales, verwaltendes Organ, mit dem Gott Sein Ziel in der Schöpfung verfolgt. Dreifaches göttliches Wirken in der vierfachen Welt bringt eines hervor — eine vollendete, verwaltete Realität, die Christus vor dem Herzen trägt.
Und besetze sie mit eingesetzten Steinen, vier Reihen von Steinen: eine Reihe Karneol, Topas und Smaragd, die erste Reihe; die zweite Reihe: Rubin, Saphir und Jaspis; und die dritte Reihe: Hyazinth, Achat und Amethyst; und die vierte Reihe: Türkis und Onyx und Nephrit! Mit Gold sollen sie eingefaßt sein in ihren Einsetzungen. (2. Mose 28:17-20)
Die Steine sollen also den Namen der Söhne Israel entsprechen, zwölf (an der Zahl), entsprechend ihren Namen; in Siegelgravur sollen sie (hergestellt) werden, jeder seinem Namen entsprechend für die zwölf Stämme. (2. Mose 28:21)
Das Bild der geordneten Steine erinnert daran, dass Gottes Ziel Form und Dynamik hat: Er möchte seine göttliche Gegenwart ordnen und sichtbar machen in einer Gemeinschaft, die sowohl göttlich verwurzelt als auch in der Welt wirksam ist. Diese Perspektive schenkt dem Glauben Weite und Zweck; wer sie bewahrt, kann in Hoffnung ruhen, dass jeder verwandelte Mensch Teil eines größeren, gottesverordneten Wirkens ist.
Herr Jesus, schenke uns Herz- und Augenlicht, damit wir als kostbare, verwandelte und miteinander verbundene Gemeinde in Deiner Gegenwart bestehen; möge Deine göttliche Natur uns formen, vereinigen und für Dein ewiges Ziel dienen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 124