Der Brandopferaltar (5)
Viele betrachten den Brandopferaltar zunächst nüchtern als bloße Vorrichtung für Opfer; wer jedoch auf die Details achtet — Rost, Ringe, Stangen — stößt auf eine tiefere biblische Botschaft. Warum liegt das Gitter mitten im Altar, warum gehen die Ringe aus ihm hervor und warum wird der Altar gemeinschaftlich getragen? Diese Fragen öffnen den Blick dafür, wie Kreuz, Geist und Gemeinde zusammengehören und was das praktisch für unsere Nachfolge bedeutet.
Das Gitter: Christus in seiner Erlösung
Das Gitter sitzt mitten auf dem Brandopferaltar; es trennt nicht bloß Schichten, sondern vermittelt eine theologische Spannung: über ihm der duftende Wohlgeruch vor Gott, unter ihm die Asche als Zeichen des vollbrachten Opfers. Bei der Betrachtung des Gitters tritt eine große Tatsache hervor — nicht nur die Tat der Erlösung, sondern Christus selbst in seinem erlösenden Leiden wird typologisch dargestellt. So heißt es in Jesaja: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen, er wird (seine) Tage verlängern. Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen.“ (Jesaja 53:10). Dieses Wort macht deutlich, dass das Opfer nicht ein bloßes Ereignis am Außenrand der Geschichte ist, sondern ein geprägtes, persönliches Geschehen mit Folgen für das Gewissen und für Gottes erwählende Absicht.
Das Gitter bezog sich sowohl auf den Duft, der über ihm lag, als auch auf die darunter liegende Asche. Es steht für mehr als nur die Erlösung durch Christus. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertacht, S. 1246)
Die Lage des Gitters — weder ganz oben noch ganz unten — spricht von einer zweifachen Aufnahme des göttlichen Gerichts und der göttlichen Gefälligkeit in der Person Christi; er nahm das Gericht, und durch sein Hingeben trat zugleich der Wohlgefallen Gottes hervor. Die Asche unter dem Gitter gibt dem Gewissen Ruhe: das Urteil ist vollzogen und der Sündenschuld ist Rechnung getragen. Über dem Gitter aber steigt der Duft des Wohlgefälligen auf und bezeugt, dass Gott in seinem Ratschluss mit dem Opfer zufrieden ist. In dieser dichten Bildlichkeit liegt die Grundlage unseres Friedens: „Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden.“ (2. Korinther 5:21) — die Person Christi verbindet Sühne und Rechtfertigung.
Aus dieser Betrachtung ergibt sich ein leiser, aber tief greifender Trost: Gottes Werk am Kreuz ist umfassend und persönlich; es umfasst das Gericht, die Reinigung des Gewissens und die Aufnahme ins neue, gerechtfertigte Leben. Wer sich von diesem Bild führen lässt, begegnet nicht einer abstrakten Doktrin, sondern einer Person, die alles Erforderliche getragen hat, damit unser Gewissen und unser Leben zur Ruhe kommen können. Möge dieses Bild ermutigen, im Angesicht von Schuld und Schwachheit auf die vollendete Gabe des Erlösers zu blicken und zu erfahren, dass sein Opfer Kraft zum Leben schenkt.
Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen, er wird (seine) Tage verlängern. Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen. (Jesaja 53:10)
Er hat den, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in Ihm zur Gerechtigkeit Gottes würden. (2. Korinther 5:21)
Das Gitter lehrt, dass Erlösung mehr ist als ein Ereignis in der Vergangenheit: sie ist die gegenwärtige Grundlage für ein ruhendes Gewissen und ein von Gott angenommenes Leben. In der Stille dieses Verständnisses wächst Vertrauen, weil Christus in seinem Leiden sowohl die Strafe getragen hat als auch das Wohlgefallen Gottes sichtbar machte.
Die Ringe: Christus, der im Geist ausgeht
Die Ringe, die unlösbar mit dem Gitter verbunden sind, weisen über die statische Sachlichkeit des Altars hinaus auf eine dynamische Wahrheit: der Geist geht aus dem erlösenden Christus. Das Gitter ist nicht isoliert; die Ringe zeigen eine ausgreifende Bewegung. In den Evangelien kündigt der Herr den anderen Beistand an und verheißt gegenwärtige Gegenwart: „und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit“ (Johannes 14:16). Diese Verheißung macht klar, dass der Heilige Geist kein Anhängsel an eine historische Gestalt ist, sondern das ausgegangene Leben Christi selbst.
Die Ringe, die mit dem Gitterrost eine Einheit bilden, weisen darauf hin, dass der erlösende Christus im Geist hervorgeht. Der Geist wurde Christus nicht hinzugefügt; manche Christen glauben jedoch, er sei Christus hinzugefügt worden. Die biblische Offenbarung aber zeigt, dass Christus im allumfassenden Geist hervorgeht. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertacht, S. 1249)
Wenn Christus als Person und Werk in den Geist ausgeht, wird die geistliche Erfahrung vom bloßen Rückblick auf das Geschehene in eine fortwährende Gegenwart verwandelt. Paulus spricht davon, dass wir mit dem Heiligen Geist versiegelt worden sind: „… mit dem Heiligen Geist der Verheißung versiegelt worden seid, der das Unterpfand unseres Erbteils ist zur Erlösung des erworbenen Besitzes, zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit.“ (Epheser 1:13–14). Daraus folgt kein mechanischer Aktivismus, sondern eine Einladung, in dem herauszufinden, was es heißt, dass Christus in seiner ganzen Person durch den Geist lebendig wirkt. Dienst und Zeugnis gewinnen ihre Wirksamkeit nicht allein durch richtige Lehre, sondern durch den fortdauernden Ausguss des Lebens Christi im Inneren der Menschen.
So öffnet sich eine ermutigende Perspektive: Das, was Christus in der Geschichte ist, kommt im Geist zu uns und wirkt fortlaufend in der Gemeinde. Diese Wirklichkeit lädt dazu ein, den Dienst nicht als performance, sondern als Antwort auf die inwendige Gegenwart des Herrn zu begreifen. Dort, wo das Leben Christi im Geist geteilt wird, wird das Zeugnis lebendig und die Gemeinde als Gesamtleib empfänglich für seine Leitung und Kraft.
und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit, (Johannes 14:16)
in dem auch ihr, nachdem ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium von eurer Errettung, gehört habt, auch an Ihn geglaubt habt, mit dem Heiligen Geist der Verheißung versiegelt worden seid, der das Unterpfand unseres Erbteils ist zur Erlösung des erworbenen Besitzes, zum Lobpreis Seiner Herrlichkeit. (Epheser 1:13-14)
Die Ringe erinnern daran, dass geistliches Leben nicht primär aus Wissen entsteht, sondern aus dem Ausgehen Christi im Geist. So wächst Vertrauen in die Gegenwart Gottes: die Gemeinde darf auf die fortwährende Wirksamkeit des Geistes bauen, der Christus in uns fortsetzt und zum Ausdruck bringt.
Die Stangen: Die Gemeinde als gemeinschaftlicher Träger
Die Stangen, aus Akazienholz gefertigt und in die Ringe des Gitters gesteckt, machen das Bild des Altars zu einem Gemeinschaftsgegenstand; er ist nicht für einen Träger allein gedacht. Schon die offensichtliche Praktik der Stangen lässt erkennen, dass das Tragen des Altars eine korporative Handlung ist. Die Schrift beschreibt die Anfertigung so nüchtern: „Mache auch Stangen für den Altar, Stangen aus Akazienholz, und überzieh sie mit Bronze! Diese seine Stangen sollen in die Ringe gesteckt werden, so daß die Stangen an beiden Seiten des Altars sind, wenn man ihn trägt.“ (2. Mose 27:6–7). Die Materie des Altars verlangt Gemeinschaft — nicht als florides Symbol, sondern als praktische Notwendigkeit.
Bewegen sich die Pole, bewegen sich auch die Ringe; stehen die Pole still, bleiben die Ringe ebenfalls stehen. Das bedeutet: Gäbe es heute keine Christen auf der Erde, gäbe es auch kein Wirken des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist bewegt sich mit den Gläubigen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft einhundertacht, S. 1253)
Dass die Stangen nicht herausgenommen werden sollten, ist mehr als eine gesetzliche Detailregel; sie verkünden eine geistliche Einsicht: das Kreuz wird in und durch den Leib getragen. Die neutestamentliche Erfahrung zeigt, dass der Geist in Beziehung zur Gemeinde wirkt; Petrus verbindet Buße, Taufe und den Empfang des Heiligen Geistes (Apostelgeschichte 2:38), womit deutlich wird, dass die Gabe des Geistes an die Gemeinschaft der Glaubenden geschieht. Wenn die Stangen sich bewegen, bewegt sich der ganze Altar — so ist das Wirken des Geistes nicht losgelöst von der sichtbaren Gemeinschaft der Gläubigen.
Diese Perspektive macht die Gemeinde nicht zu einer optionalen Organisation, sondern zu dem organischen Träger des Kreuzes in der Welt. In der praktischen Tragweite heißt das nicht, dass jeder Konflikt vermieden wird, sondern dass die Wirklichkeit des Kreuzes und der Geistesmacht zusammen in der gemeinschaftlichen Bewegung offenbar werden. Das bietet Ermutigung: Dort, wo Menschen gemeinsam dem Herrn folgen, entsteht eine Bahn für das Wirken des Geistes, und das Kreuz zeigt seine Kraft nicht als einzelnes Zeichen, sondern als das getragene Zeugnis der versammelten Gemeinde.
Mache auch Stangen für den Altar, Stangen aus Akazienholz, und überzieh sie mit Bronze! Diese seine Stangen sollen in die Ringe gesteckt werden, so daß die Stangen an beiden Seiten des Altars sind, wenn man ihn trägt. (2. Mose 27:6-7)
Und Petrus sagte zu ihnen: Tut Buße und ein jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. (Apostelgeschichte 2:38)
Die Stangen mahnen zur gegenseitigen Verwurzelung: das Kreuz ruht nicht auf einzelnen Schultern, sondern auf dem Leib Christi. In dieser Gemeinschaft wird die Präsenz und Bewegung des Geistes erkennbar, sodass Hoffnung wächst für das gemeinsame Tragen und das fortgesetzte Zeugnis in der Welt.
Herr Jesus, lass uns Christus in seiner erlösenden Person und zugleich als ausströmenden Geist immer neu erfahren; erfülle Deinen Leib mit Deiner Gegenwart, dass wir gemeinsam das Kreuz tragen und Dein Leben in dieser Welt bezeugen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 108