Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der Engel Jehovas für Sein Volk zur Besitznahme des verheißenen Landes (1)

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Am Ende der mosaischen Verordnungen tritt überraschend ein Bild in den Vordergrund: Gott kündigt an, einen Engel vor sein Volk zu senden, der es in das Land führen soll. Diese Wendung macht deutlich, dass das Gesetz nicht Selbstzweck war, sondern auf ein Ziel zusteuerte. Die Spannung liegt in zwei Fragen: Wer ist dieser Engel wirklich, und wie gelangt das Volk in das Land, das er weist? Ein genauer Blick auf die Schrift zeigt, dass der Engel mehr ist als ein Bote und das Land mehr als ein geografisches Ziel — beides offenbart Gottes Absicht, Sein Volk innerlich mit Christus eins zu machen.

Der Engel Jehovas als sendender Christus in trinitarischer Anwendung

Die Erzählung nimmt uns hinein in einen Augenblick, in dem Gott nicht abstrakt wirkt, sondern in einer personhaften Erscheinung. So heißt es in 2. Mose 3:2: Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusch. Dieses Auftreten ist keine bloße Botenfunktion; die Schrift verbindet das Erscheinen des Engels unmittelbar mit dem Namen und dem Wesen Gottes. Die Spannung liegt darin, dass derselbe Engel stellvertretend für Gottes Reden und Handeln auftritt — ein Anknüpfungspunkt, der im Neuen Testament seine Entsprechung findet, wenn Jesus von sich sagt, dass der Vater in ihm ist und durch ihn wirkt (Johannes 14:10). Die Person des Sendenden macht Gottes Leitung konkret und persönlich.

Der Engel Jehovas ist mit Jehova identisch; Jehova ist Gott, und Gott ist der Dreieine Gott — Vater, Sohn und Geist — wie es der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs bezeugt. Daher ist dieser Engel Jehovas tatsächlich der Dreieine Gott. Außerdem ist dieser Engel Christus, und Christus ist der Sohn Gottes. Das bedeutet, dass der Sohn Gottes Jehova ist, ja der Dreieine Gott. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundsiebzig, S. 865)

Aus dieser Beobachtung folgt die Deutung, dass der Engel Jehovas nicht nur ein Gesandter unter vielen ist, sondern die Art, wie der Dreieine Gott zu seinem Volk kommt. Denn wie 2. Mose 23:21 warnt: Hüte dich vor ihm, höre auf seine Stimme und widersetze dich ihm nicht! Denn er wird euer Vergehen nicht vergeben, denn mein Name ist in ihm. Das Bewusstsein, dass Gottes Name in dem Gesandten wohnt, verleiht seinem Wort Autorität und Verbindlichkeit. Für das Leben der Gemeinde bedeutet dies, dass unsere Führung, unsere Bewahrung und unsere Rechtleitung nicht in abstrakten Prinzipien besteht, sondern in der personhaften Gegenwart Christi als gesandtem Wort Gottes; wer auf diese Stimme achtet, erfährt die konkrete Anwendung göttlicher Gegenwart.

Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusch. Und er sah (hin), und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt. (2. Mose 3:2)

Glaubst du nicht, dass Ich im Vater bin und der Vater in Mir ist? Die Worte, die Ich zu euch sage, spreche Ich nicht von Mir Selbst aus, der Vater aber, der in Mir bleibt, tut Seine Werke. (Johannes 14:10)

Die Gewissheit, dass Gott in einer sendenden Person zu uns kommt, lädt zu ruhiger Zuversicht ein: Gottes Nähe ist nicht eine Idee, sondern eine tätige Gegenwart. Das mag Demut vor seinem Wort wecken und gleichzeitig Trost schenken — denn der Gesandte, in dem Gottes Name wohnt, ist nicht fern, sondern da, um das Volk zu bewahren und zu führen.

Das verheißenes Land als Christus: Grenzen, Erhebung und geistliche Bedeutung

Das Bild des verheißenen Landes zeichnet einen Raum mit klaren Grenzen: vom Schilfmeer bis an das Meer der Philister, von der Wüste bis an den Strom. So heißt es in 2. Mose 23:31: Und ich werde deine Grenze festsetzen: (sie soll reichen) vom Schilfmeer bis an das Meer der Philister und von der Wüste bis an den Strom. Diese Kartographie ist theologisch gelesen: die Meere und die Wüste umgeben das Land als Kräfte der Todlosigkeit und Ödnis; das Land selbst aber ist erhöhte, fruchtbare Lebenszone. Das Verheißenes Land ist somit kein geografischer Luxus, sondern ein Typus für Christus als umfassende Lebenswirklichkeit.

Die Grenzen reichten vom „Roten Meer bis zum Meer der Philister“. Die Meere stehen hier für die Todesgewässer; daher heißt „von Meer zu Meer“ schlicht: von Tod zu Tod. Das heißt: Der Tod ist eine der Grenzen, die das verheißenes Land umgeben. Vers 31 sagt außerdem, dass die Grenze „von der Wüste bis zum Fluss“ gehen sollte. Auch der Fluss symbolisiert Todeswasser, die Wüste steht für Ödnis. Betrachtet man eine Karte, sieht man, dass Tod und Ödnis das verheißenes Land umgeben. Das Land selbst jedoch ist Lebensraum, reich an Früchten. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundsiebzig, S. 867)

Wenn das Land Christus typifiziert, dann geht es bei den Grenzen nicht um Ausschluss im moralischen Sinn, sondern um die Erkenntnis, dass das Leben in Christus eine eigene Qualität besitzt, die von den Bereichen des Todes und der Ödnis unterschieden ist. Innerhalb dieser Grenzen gedeiht Frucht; außerhalb droht Leere. Die Deutung fordert eine Prüfung der eigenen Lage: stehen wir in der Lebenszone, die Gott gegeben hat, oder leben wir im Schatten der umgebenden Ödnis? Das Bild lädt dazu ein, die Wirklichkeit Christi nicht nur als Ideal zu betrachten, sondern als konkreten Besitz, in dem die Fülle des Lebens wohnt.

Und ich werde deine Grenze festsetzen: (sie soll reichen) vom Schilfmeer bis an das Meer der Philister und von der Wüste bis an den Strom, denn ich werde die Bewohner des Landes in deine Hand geben, so daß du sie vor dir vertreiben wirst. (2. Mose 23:31)

Das verheißenes Land als Christus ruft zu einer stillen, aber tiefen Neigung des Herzens: hineinnehmen lassen in die Lebensfülle, die Er ist. Es tröstet zu wissen, dass Christus die Zone des Lebens ist — ein Raum, in dem Fruchtbarkeit und Erhöhung wohnen — und eröffnet die Hoffnung, dass das Sein in ihm mehr und reicher ist als alles, was außen liegt.

Besitznahme durch gehorsames Wachstum und das Zurückdrängen der Frustratoren

Gott kündigt an, dass die Übernahme des Landes nicht in einem wilden Hinaustreiben aller Feinde auf einmal geschieht. So heißt es in 2. Mose 23:30: Nicht in einem Jahr werde ich sie vor dir vertreiben, damit das Land nicht eine Öde wird und die wilden Tiere zu deinem Schaden überhandnehmen. Diese Bedingung offenbart einen mütterlichen Takt Gottes: Er ordnet den Prozess dem Wachstum des Volkes unter. Spirituell gelesen bedeutet dies, dass das Zurückdrängen des natürlichen Lebens und der inneren ‘Besetzer’ an das Maß unseres Wachstums im Leben gebunden ist — ein langsames, aber zielgerichtetes Voranschreiten.

„Ich werde sie nicht in einem Jahr vor dir austreiben; damit das Land nicht öde werde und das wilde Vieh sich über dich mehre. Nach und nach werde ich sie vor dir austreiben, bis du zugenommen hast und das Land ererbst.“ Hier wird deutlich, dass Gott die heidnischen Stämme nicht auf einen Schlag vertreiben wollte. Das heißt: Wir als Christen dürfen nicht erwarten, über Nacht völlig geistlich zu werden. Wären wir plötzlich unseres natürlichen Lebens entleert, wären wir innerlich leer; dann hätten Dämonen die Gelegenheit, uns zu schaden. Je mehr wir im Herrn wachsen, desto mehr wird Er das natürliche Leben zurückdrängen. Das bedeutet, dass mit unserem Wachstum in Christus unser natürliches Leben nach und nach entsprechend dem Grad unseres Wachstums im Leben abgeschnitten wird. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundsiebzig, S. 871)

Die langsame Art der Eroberung weist zugleich auf die Realität geistlicher Gegner hin. Dass das Werk Gottes Stück für Stück geschieht, schließt nicht aus, dass Mächte gegenstehen; Epheser 6:12 erinnert daran, dass unser Kampf nicht gegen Fleisch und Blut gerichtet ist. Daraus folgt: Das Herausnehmen von Frustratoren — Gewohnheiten, selbstzentrierte Begierden, innerliche Götter — ist ein Prozess, der im Erwachsenwerden in Christus vollzogen wird. Je mehr das Leben in ihm wächst, desto wirksamer wirkt seine Macht, das Natürliche zu schneiden und den Besitz zu sichern.

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Nicht in einem Jahr werde ich sie vor dir vertreiben, damit das Land nicht eine Öde werde und die wilden Tiere zu deinem Schaden überhandnehmen. (2. Mose 23:30)

denn unser Ringkampf richtet sich nicht gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Fürsten, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit im Himmlischen. (Epheser 6:12)

Es ist tröstlich und herausfordernd zugleich, dass Gottes Eroberung nicht in Hast, sondern in Heiligung geschieht. Geduld mit dem Wachstum, Vertrauen auf die wirksame Gegenwart des Gesandten und die Gewissheit, dass Gott die Kämpfe führt, geben Anlass zu stillem Mut: das Heiligtum des inneren Lebens wird schrittweise befreit und in Christus zum Eigentum gemacht.


Herr, danke, dass Du uns nicht allein lässt, sondern selbst als gesandter Engel vorangehst; lehre uns, Dein Reden zu hören, unsere Abhängigkeit von Dir zu vertiefen und geduldig in Deinem Wachstum zu bleiben, bis wir in den vollen Genuss Deines Lebens kommen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 73