Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der negative Aspekt der Gabe des Gesetzes und seiner Funktion (3)

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Viele Christen kennen das Dilemma: Die Bibel fordert hohe Maßstäbe, und aus eigener Kraft scheitern wir daran. Diese Spannung ist kein Versagen Gottes, sondern Teil seines Heilsplans: Das Gesetz macht unsere Unfähigkeit sichtbar, demütigt das Herz und öffnet den Weg, dass Gott selbst in uns wirkt, anstatt dass wir für Gott leisten.

Das Gesetz als Offenbarer der Sünde

Das Gesetz wirkt wie ein Licht, das in verborgene Winkel des Herzens scheint und dort das verborgene Tun und Denken sichtbar macht. Beobachtet man die biblische Sprache, so steht nicht primär die Verurteilung im Vordergrund, sondern die Offenlegung: Es heißt, „Nun wissen wir, dass alles, was das Gesetz sagt, es zu denen spricht, die unter dem Gesetz sind, damit jedem der Mund gestopft werde und die ganze Welt unter das Gericht Gottes komme“ (Römer 3:19). Diese Klarheit bricht die Selbsttäuschung auf; was vorher als Tugend galt, zeigt sich als Verblendung, was als Kraft empfunden wurde, wird als Schwäche erkannt.

Außerhalb des Gesetzes können wir die Sünde nicht erkennen. Sobald das Gesetz jedoch kommt, tritt die Sünde zutage. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundsechzig, S. 745)

Aus dieser Beobachtung folgt die Deutung, dass das Gesetz nicht bloß anklagt, sondern Diagnose stellt. Indem die Gebote das Verlangen, den Stolz und die Selbstgerechtigkeit entlarven, schaffen sie die geistliche Voraussetzung für Reue und Dank. So wird deutlich, dass menschliche Leistung das Problem nicht lösen kann; die Erkenntnis der eigenen Schuld führt auf die Notwendigkeit der Rehabilitierung durch Gottes Gnade. Es heißt weiter: „Was sollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz; denn auch die Begierde hätte ich nicht erkannt, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: ‚Du sollst nicht begehren.‘“ (Römer 7:7). Diese Einsicht öffnet den Weg zu einer dankbaren Abhängigkeit von Christus.

Im ermutigenden Blick auf dieses Wirken des Gesetzes liegt eine befreiende Perspektive: Die Aufdeckung ist nicht das Ende der Geschichte, sondern der notwendige Anfang auf dem Weg zur Heilung. Wer in der Tiefe erlebt, wie Gesetz und Gewissen Sünde ausleuchten, kann die Gnade nicht als selbstverständlich behandeln, sondern als Rettung empfinden. So verwandelt sich Schuld in Dankbarkeit, und die Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit wird zur Einladung, sich auf die rettende Tat Gottes zu stützen.

Nun wissen wir, dass alles, was das Gesetz sagt, es zu denen spricht, die unter dem Gesetz sind, damit jedem der Mund gestopft werde und die ganze Welt unter das Gericht Gottes komme, (Römer 3:19)

Was sollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz; denn auch die Begierde hätte ich nicht erkannt, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: „Du sollst nicht begehren.“ (Römer 7:7)

Die Funktion des Gesetzes als Offenbarer lädt dazu ein, das entlarvende Licht nicht zu fürchten, sondern als Wegweiser zu begreifen. In der Einsicht, dass Leistung die Sünde nicht tilgen kann, liegt die Chance, in Abhängigkeit vor Gott zu treten und die Gnade nicht abstrakt, sondern persönlich zu empfangen.

Das Gesetz züchtigt und führt zu Christus

Neben seiner enthüllenden Rolle erfüllt das Gesetz eine züchtigende, bewahrende Funktion. In der Schrift heißt es: „Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte“ (Galater 3:23). Das Bild ist das eines Treuhänders: Das Gesetz hält, diszipliniert und bereitet vor, bis der Zeitpunkt gekommen ist, wo Glaube und Christus objektiv und innerlich empfangen werden können.

Gemäß Galater 3:23–24 dient das Gesetz außerdem dazu, Gottes auserwähltes Volk zu behüten und zu Christus zu führen. Sind wir erst zu Christus geführt, empfangen wir den Segen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundsechzig, S. 746)

Diese erzieherische Seite des Gesetzes führt zu einer theologisch bedeutsamen Konsequenz: Die Rechtsforderung macht auf die Unvollkommenheit menschlicher Erfüllung aufmerksam, zugleich aber weist sie auf denjenigen hin, in dem Gottes Forderung erfüllt wird. Paulus bringt die Zielrichtung deutlich zum Ausdruck: Das Gesetz führte hin zu Christus, und in Christus ist das Leben und die Gerechtigkeit verfügbar. Dazu passt die tiefe Wendung des apostolischen Denkens, wonach für den Glaubenden das Leben Christus geworden ist (Philipper 1:21). Wenn das Gesetz also züchtigt, so tut es dies, um den Blick vom eigenen Können abzuziehen und auf das vollendete Werk Gottes zu richten.

Der ermutigende Abschluss dieser Betrachtung betont, dass Zucht nicht das letzte Wort hat. Wer unter dem Gesetz die eigene Ohnmacht erkannt hat, wird nicht in Verzweiflung gehalten, sondern zu der lebendigen Wirklichkeit geführt, in der Christus der Neue ist, den man anzieht und in dem die Gerechtigkeit empfangen wird. So wird Disziplin zur Brücke in die Erfahrung der Gnade.

Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister auf Christus hin geworden, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden. (Galater 3:23-24)

Denn zu leben ist für mich Christus und zu sterben ist Gewinn. (Philipper 1:21)

Die züchtigende Funktion des Gesetzes lässt sich als Wegbereiter verstehen: Sie schafft die innere Bereitschaft, das Geschenk der Gerechtigkeit in Christus nicht nur intellektuell, sondern erfahrbar zu empfangen. Diese Einsicht führt weg vom Leistungsdenken hin zu einer empfänglichen Haltung gegenüber dem in Christus gegebenen Leben.

Gottes Ziel: Er will in uns wirken, nicht nur von uns handeln lassen

Gottes Ziel ist, in den Menschen zu wirken, nicht allein durch menschliche Werke vertreten zu werden. Die Heilige Schrift verwendet Bilder, die diesen Gedanken unterstreichen: So zeigt Gott bereits im Gericht über den Menschen sein Eingreifen, indem er Adam und Eva bekleidet — ein Zeichen, dass Er für die Nacktheit und Hilflosigkeit des Menschen Sorge trägt. Es heißt: „Und Jehovah Gott machte Adam und seiner Frau Fellkleider und bekleidete sie“ (1. Mose 3:21). Dieses Handeln Gottes kommt vor und über das, was Menschen aus eigener Kraft leisten könnten.

Das Geheimnis ist: Wenn du erkennst, dass die Bibel dir sagt, etwas Bestimmtes zu tun, dann sag nicht: „Herr, das werde ich tun; ich bitte Dich nur, mir dabei zu helfen.“ Sag Ihm stattdessen, dass du Ihn liebst, aber nicht in der Lage bist, Seinen Anforderungen gerecht zu werden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft dreiundsechzig, S. 743)

Daraus folgt die Deutung, dass Gebote und göttliche Forderungen primär unsere Ohnmacht offenbaren sollen, damit Gottes Einwirken möglich wird. Nicht die menschliche Initiative soll Christus ersetzen, sondern Gottes Leben soll in uns eingenistet und wirksam werden, so dass das Werk Gottes in uns geschieht. In derselben heilsökonomischen Linie steht die Verheißung des Widerstrebens zwischen Samen und Saat: „Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen“ (1. Mose 3:15). Die Initiative liegt bei Gott; er beginnt das Heil, das in voller Weise in Christus erfüllt wird; wer Christus „anzieht“, empfängt nicht eine neue Leistung, sondern ein betretbares Leben (vgl. Galater 3:27).

Der ermutigende Ausklang dieses Abschnitts besteht darin, dass Gottes Absicht tröstlich und befreiend ist: Er ruft nicht zu selbstgenügsamer Anstrengung, sondern bietet an, das innere Vermögen und die äußere Kleidung zu sein. Wer die Grenze der eigenen Kraft erkennt, betritt nicht das Reich der Verzweiflung, sondern das Feld göttlicher Initiative, in dem Gottes Leben innerlich wirkt und von dort aus nach außen strahlt.

Und Jehovah Gott machte Adam und seiner Frau Fellkleider und bekleidete sie. (1. Mose 3:21)

Und Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dich am Kopf zermalmen, doch du wirst ihn an der Ferse zermalmen. (1. Mose 3:15)

Die Vorstellung, dass Gott in uns wirken will, lädt dazu ein, das religiöse Leistungsdenken loszulassen und die eigene Bedürftigkeit als Raum zu sehen, den Gott füllt. So wird Gottes Wirken zur Quelle echter Veränderung, nicht menschliche Pflichterfüllung.


Herr Jesus, danke, dass du die Lücke meiner Unfähigkeit füllst. Lehre mich, dich zu lieben und bei dir zu bleiben; komme in die Leere meiner Leistungslosigkeit und wirke in mir, damit dein Leben in mir sichtbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 63