Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der negative Aspekt der Gabe des Gesetzes und seiner Funktion (2)

7 Min. Lesezeit

Die Offenbarung des Gesetzes am Sinai ist eine der ambivalentesten Szenen der Bibel: zugleich heilige Nähe und angstauslösende Macht. Die Schrift zeigt, dass das Gesetz als Gabe Gottes unverändert gut und geistlich bleibt, doch für Menschen kann es entweder Licht und Leben bringen oder zum Urteil werden. Welche innere Haltung und welches geistliche Erleben verändern die Wirkung des Gesetzes von bedrängender Pflicht zu belebender Gegenwart?

Das Gesetz als Ausdruck der göttlichen Substanz

Paulus’ Bezeichnung des Gesetzes als ‚geistlich‘ zwingt uns zu einer inneren Beobachtung: Das Gesetz geht nicht aus einer bloß menschlichen Moralität hervor, sondern aus der Substanz Gottes. Es heißt in Johannes 4:24, Gott ist Geist, und die Ihn anbeten, müssen im Geist und in Wahrhaftigkeit anbeten. Wenn das Gesetz aus dem Wesen Gottes stammt, dann trägt es kein zufälliges Scheinbild, sondern die gleiche Qualität des Geistes in sich; es fordert nicht nur äußeren Gehorsam, sondern verweist auf das Sein, aus dem Gehorsam entstehen kann.

Pauls Gebrauch des Adjektivs „geistlich“ in Bezug auf das Gesetz zeigt, dass dieses Gesetz mit Gott, dem Geist, verbunden ist. Weil das Gesetz etwas von Gott ist, aus Gott hervorgeht und zu Gott gehört – und Gott Geist ist (Joh. 4:24) – entspricht es im Wesen und in seiner Natur Gott selbst. Alles, was aus Gott hervorgeht, muss in seiner Substanz mit Ihm übereinstimmen. Das Wort „geistlich“ in Röm. 7:14 verweist auf diese Substanz. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zweiundsechzig, S. 729)

Diese Einsicht erklärt zugleich die Spannung, die Paulus beschreibt: Das Gesetz ist gut und offenbarend, doch trifft es auf die Realität eines gefallenen Herzens. Es heißt in Römer 7:7, Was sollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz; denn auch die Begierde hätte ich nicht erkannt, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: „Du sollst nicht begehren.“ Das Gebot wirkt wie Licht, das verborgene Korruption sichtbar macht; für den, der das Licht empfängt, ist es Wegweisung, für den, der im Dunkel bleibt, wird dasselbe Licht Anklage.

Dass das Gesetz selbst heilig und geistlich ist, nimmt uns die Verzweiflung über seine Wirkung nicht automatisch – aber es eröffnet Hoffnung: Wenn das Gesetz Gott widerspiegelt, kann seine Enthüllung uns zum Eingang in Gnade führen, weil es uns unser Bedürfnis vor Augen stellt. Diese Entdeckung soll nicht ernüchtern, sondern die Seele zur Stille und zum Hören bringen, in der Gottes Gegenwart heilend wirken kann.

Gott ist Geist, und die Ihn anbeten, müssen im Geist und in Wahrhaftigkeit anbeten. (Johannes 4:24)

Was sollen wir nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt, außer durch das Gesetz; denn auch die Begierde hätte ich nicht erkannt, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: „Du sollst nicht begehren.“ (Römer 7:7)

Das Gesetz als Ausdruck göttlicher Substanz lädt nicht zu Resignation ein, sondern zu einer erwartungsvollen Stille: die Einsicht in das eigene Unvermögen ist zugleich die Tür zur Gnade, weil das Gesetz uns nicht von Gott trennt, sondern unser Bedürfnis vor Ihm klarlegt.

Zwei Erfahrungen derselben Offenbarung — Berg Horeb und Sinai

Die Erlebnisse am Berg zeichnen zwei Aspekte derselben Offenbarung: Mose kehrte vom Gipfel verwandelt zurück, während das Volk unten erzitterte. Als Sinnbild dessen, was Nähe zu Gott tut, heißt es in Matthäus 17:2, Und Er wurde vor ihnen umgestaltet, und Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und Seine Gewänder wurden weiß wie das Licht. Nähe zu Gott bringt nicht zuerst eine neue Regel, sondern einen neuen Zustand; wer in Seiner Gegenwart verharrt, empfängt Sein Element und strahlt davon.

Als Mose auf dem Berggipfel von Gott durchdrungen wurde, war er mit Ihm vermengt. Wie Petrus seine Erfahrung auf dem Berg der Verklärung nicht vergaß, sondern im Alter noch darauf Bezug nahm (2.Petr. 1:17), so konnte auch Mose seine Erfahrung auf dem Berg Gottes nicht vergessen: Dort erblickte er den Herrn, Sein Element ging in ihn über und er wurde mit Ihm vermengt. Als er nach vierzig Tagen bei Gott vom Berg herabstieg, schimmerte die Haut seines Gesichts von dem in ihn übergegangenen Element Gottes. Das Licht, das vom Gesicht des Mose ausstrahlte, war in Wahrheit das Licht Gottes selbst. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zweiundsechzig, S. 730)

Dagegen kann dieselbe Stimme, dieselbe Offenbarung, für andere Schrecken sein. Die Unterscheidung liegt nicht in der Offenbarung selbst, sondern darin, wo der Mensch steht, wenn sie ihn trifft: im inneren Raum der Gemeinschaft oder im Außen. Das Gesetz bleibt konstant; seine Wirkung aber ist kontingent auf die Gegenwart Gottes in unserer Mitte. Diese Beobachtung verschiebt die Verantwortung von einem formalistischen Gehorsam hin zu der Frage nach unserer Lage vor Gott.

Vor diesem Hintergrund verliert die Polarität von Gesetz und Urteil ihren absoluten Schrecken: Die Erfahrung der einen kann zur Ermutigung für alle werden, weil sie zeigt, dass Gottes Licht das gegeben ist, was verwandelt. So darf die Erinnerung an den Berg nicht in Stolz oder Versagensangst enden, sondern uns leise und hoffnungsvoll zur Gegenwart führen.

Und Er wurde vor ihnen umgestaltet, und Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und Seine Gewänder wurden weiß wie das Licht. (Matthäus 17:2)

Die Bergerfahrung offenbart, dass dieselbe Offenbarung Leben sein kann, wenn Gott in uns wohnt, und Furcht, wenn wir fern bleiben; diese Einsicht trägt Trost und ermutigt dazu, die Gegenwart Gottes als Quelle wahrer Wandlung zu erwarten.

Gottes Absicht: Zuwendung vor Forderung

Gottes Absicht hinter dem Auszug aus Ägypten und der Hinführung zum Berg war primär Beziehung, nicht die Überwälzung neuer Pflichten. Es heißt in 2. Mose 19:10, Und der HERR sprach zu Mose: Geh zum Volk und heilige sie heute und morgen! Und sie sollen ihre Kleider waschen, — ein Bild von Vorbereitung, Reinigung und Erwartung, das mehr auf eine Begegnung als auf ein Regelwerk verweist. Gottes erstes Anliegen ist, Seine Gegenwart zu schenken, damit Sein Leben in Menschen wohnen kann.

Von Anfang an wollte Gott dem Menschen nicht Gebote aufbürden, die er befolgen müsste, noch wollte Er, dass der Mensch Dinge für Ihn tut. Gottes ewige Absicht ist es, Sich in uns hineinzuwirken. Wenn Er zu uns kommt und mit uns redet, geht es Ihm nicht darum, uns eine bestimmte Anzahl von Geboten zu geben, die wir lernen und halten sollen. Vielmehr möchte Er einfach bei uns sein, um Sich in uns einzuströmen. Je länger wir in Seiner Gegenwart verweilen, desto mehr werden wir von Ihm durchdrungen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft zweiundsechzig, S. 733)

Mose’ Verweilen auf dem Berg zeigt das Prinzip: Je länger das Zusammensein mit Gott, desto mehr geschieht Transfusion seines Lebens. Deshalb sind die Gebote Mittel zum Ziel, nicht das Ziel selbst; sind sie losgelöst von Gottes Wohnstatt in uns, werden sie Ankläger statt Lebensspender. Die Balance liegt darin, das Gesetz nicht als Selbstzweck zu tragen, sondern als Wegweiser hinein in die Gegenwart, in der Gottes Wirken uns formt.

Diese Perspektive befreit von der Demoralisierung, die entstehen kann, wenn Gebote allein zählen: Gottes Wunsch ist Zuwendung, und darin liegt eine Hoffnung, die uns ermutigt, die Gebote im Licht der Wohnhaftigkeit Gottes zu sehen. So wird die Forderung zu einem Vorhof, in dessen Raum die Gnade hineinwirkt.

Und der HERR sprach zu Mose: Geh zum Volk und heilige sie heute und morgen! Und sie sollen ihre Kleider waschen, (2. Mose 19:10)

Gottes Absicht war und bleibt Zuwendung: Die Gebote sollen uns nicht definieren, sondern in die Wohnstatt des Lebens führen. In dieser Sicht findet sich Zuversicht, dass Gottes Gegenwart mehr schenkt, als jede bloße Forderung vermag.


Herr, erfülle uns mit Deiner Gegenwart, dass Dein Wort für uns Licht und Heil sei; lass Dein Leben in uns wohnen und uns leiten, damit Dein Gesetz uns nicht bindet, sondern uns in Deine Freiheit führt. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 62