Das Halten von Gottes Gesetz, indem man Ihn und Sein Wort liebt und eins mit Ihm wird (2)
Die Bibel zeichnet kein fernes Gesetzesgebäude, sondern eine Beziehung: Gott als Werber, der Sein Volk zur Liebe und Einheit ruft. Diese Perspektive stellt die Spannung der religiösen Praxis bloß – wird das Gesetz als Last oder als Ausdruck einer ehelichen Beziehung verstanden? Wer die Schrift als göttliche „Liebesgeschichte“ liest, erkennt, dass das Gesetz als Verlobungs‑ und Bindungspapier gedacht ist und nur in persönlicher Gemeinschaft mit dem Herrn lebendig wird.
Gott als Werber: Die Bibel erzählt eine göttliche Liebesgeschichte
Das erste Zeugnis der Schrift zur Absicht Gottes liegt im Akt der Schöpfung: Gott schafft den Menschen nicht als ein bloßes Werkzeug, sondern als ein Gegenüber. Heißt es in 1. Mose 1:26: “Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt…” Diese Bestimmung zeigt, dass Gott Gemeinschaft anstrebt; die Sprache von Bild und Gleichgestalt weist auf eine Beziehung hin, in der der Mensch als Person antwortet und Anteil nimmt an dem, was Gott ist. Wenn Schöpfung in dieser Perspektive gelesen wird, erscheint Gottes Wirken weniger als formale Herrschaft und mehr als Einladung zu einem wechselseitigen Leben.
Im Laufe der Jahrhunderte hat Gott eine Liebesbeziehung mit dem Menschen gepflegt. Gott schuf den Menschen als Sein Gegenüber (1.Mose 1:26). (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft fünfundfünfzig, S. 645)
Die Geschichte Israels und das ganze biblische Zeugnis schildern diese Einladung immer wieder als Werben. Heißt es in Jeremia 31:3: “Der HERR ist ihm von ferne erschienen: ‹Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir (meine) Güte bewahrt.›” Ebenso ruft der prophetische Rückblick auf die Zeit des Erwählens (Jeremia 2:2) die Sprache einer Verlobung ins Gedächtnis. Die Bilder von Braut und Bräutigam im Neuen Testament setzen diese Linie fort: Gott bewegt sich auf den Menschen zu, sucht seine Antwort und will nicht nur gehorcht, sondern geliebt werden. So verschiebt sich unser Blick vom nüchternen Rechnen eines Vertrags hin zu der Zärtlichkeit einer göttlichen Liebesgeschichte, die das ganze Verhältnis von Gesetz und Gebot mitprägt.
Aus dieser Perspektive darf die Zusage überall als Ermutigung verstanden werden: Gottes Ziel ist Begegnung, Treue und ein Herz, das erwidert. Wer diese tiefe Dimension wahrnimmt, entdeckt in Geboten keine bloße Vorschrift, sondern Worte, die das Wachstum einer ehelich-gemeinschaftlichen Beziehung fördern. Diese Einsicht lädt dazu ein, die eigene Stellung nicht als kalt-vertragsmäßigen Status zu begreifen, sondern als Raum, in dem Gottes ewige Güte immer neu wirbt und bewahrt.
Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1. Mose 1:26)
Der HERR ist ihm von ferne erschienen: «Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir (meine) Güte bewahrt. (Jeremia 31:3)
Die Vorstellung Gottes als Werber lässt uns staunen: Sein Gesetz und Sein Reden sind Teil eines andauernden Liebesabenteuers, das uns eine Gegenpartei schafft und sucht. Das Bewusstwerden dieser Liebe ermutigt dazu, unsere Beziehung zu ihm nicht primär über Leistung zu denken, sondern als Antwort auf Sein Werben — eine Antwort, die in Ruhe und Freude reifen kann.
Das Gesetz als Verlobungsurkunde
Das Gesetz erscheint in der Heiligen Schrift nicht primär als schriftliche Anweisung einer fernen Macht, sondern als Ausdruck eines verbindlichen Bundes mit eheähnlicher Sprache. In diesem Licht wirkt die Gesetzgebung wie eine Verlobungsurkunde: sie setzt Rahmen, Form und Richtung, damit Liebe und Treue wachsen. Heißt es in 2. Korinther 11:2: “Denn ich bin eifersüchtig um euch mit Gottes Eifersucht; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch Christus als eine reine Jungfrau darzustellen.” Solche Bilder machen deutlich, dass Gottes Gebote das Ziel haben, Sein Volk zu einer empfänglichen, treuen Gegenpartei zu formen.
Als Gott seinem Volk auf dem Berg das Gesetz gab, verlobte er sein Volk an Sich. Indem er ihnen das Gesetz gab, wollte er sie dazu anspornen, ihn zu lieben und neben ihm keinen anderen Geliebten zu haben. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft fünfundfünfzig, S. 651)
Auch die Sendung Christi zur Gemeinde illustriert denselben Gedanken vom Bund der Liebe. Heißt es in Epheser 5:25-27: “Ihr Männer, liebt eure Frauen, so wie auch Christus die Gemeinde geliebt und Sich Selbst für sie hingegeben hat, damit Er sie heilige, indem Er sie durch die Waschung mit dem Wasser im Wort reinigt, damit Er die Gemeinde herrlich vor Sich Selbst hinstelle…” Die Gesetzesordnung ist somit nicht nur Norm, sondern Erziehung zur Heiligung und zur Gemeinschaft mit dem Bräutigam. Wird das Gesetz außerhalb dieser ehelichen Beziehung gehandhabt, verliert es seine belebende Absicht und kann hart oder legalistisch wirken; eingebettet in die Sprache der Verlobung aber wird es zur Einladung, ins Innere einer Beziehung hineinzuwachsen.
Als Ausklang dieses Gedankens bleibt die tröstliche Tatsache: Gottes gesetzender Reden zielt auf Reinheit und Herrlichkeit der Gegenpartei, nicht auf bloße Kontrolle. Wenn das Gesetz so verstanden wird, öffnet sich ein Raum, in dem Gehorsam als Antwort und Ausdruck einer heranwachsenden Bindung erscheint — eine Bindung, die zur Schönheit der Gemeinde und zu ewigem Wert führt.
Denn ich bin eifersüchtig um euch mit Gottes Eifersucht; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch Christus als eine reine Jungfrau darzustellen. (2. Korinther 11:2)
Ihr Männer, liebt eure Frauen, so wie auch Christus die Gemeinde geliebt und Sich Selbst für sie hingegeben hat, damit Er sie heilige, indem Er sie durch die Waschung mit dem Wasser im Wort reinigt, damit Er die Gemeinde herrlich vor Sich Selbst hinstelle, die keinerlei Flecken oder Runzeln oder dergleichen habe, sondern dass sie heilig und makellos sei. (Epheser 5:25-27)
Die Metapher des Gesetzes als Verlobungsurkunde nimmt die Angst vor kalter Pflicht und verwandelt Gebote in Worte der Gestaltwerdung. Diese Betrachtung lädt zu einem vertrauensvollen Hineinwachsen: Gesetz bleibt Norm, aber zugleich Mittel zur Heiligung, damit Gottes Liebe in uns Gestalt annehmen kann.
Einswerden mit Christus als Weg, das Gesetz zu halten
Die Schrift verbindet das Halten des Gesetzes unmittelbar mit der inneren Einheit mit Christus: Gehorsam ist Zeichen und Frucht einer lebendigen Gemeinschaft, nicht nur äußerer Anpassung. Heißt es in Johannes 14:21: “Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt; und wer Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbar machen.” Hier wird das Bewahren der Gebote zur Sprache der Liebe, und die Liebe wiederum zur Voraussetzung der Offenbarung Gottes in der Seele des Menschen.
In der vorangegangenen Botschaft haben wir dargelegt, dass wir das Gesetz Gottes dadurch einhalten, dass wir Ihn lieben. Darüber hinaus halten wir das Gesetz ein, indem wir mit Ihm eins werden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft fünfundfünfzig, S. 652)
Dieses innere Geschehen setzt eine neue Geburt und ein fortwährendes Verweilen in Christus voraus. Heißt es in Johannes 14:23: “Jesus antwortete und sagte zu ihm: Wenn jemand Mich liebt, wird er Mein Wort bewahren, und Mein Vater wird ihn lieben, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.” Und das erfordert nicht fremde Anstrengung allein, sondern die Aufnahme einer lebendigen Lebensversorgung: wie Johannes 3 das Geborenwerden aus Wasser und Geist betont, so ist auch beständiger Gehorsam Ausdruck einer verlebendigten Natur. Aus dieser Sicht wird Gesetzestreue zur natürlichen Folge eines innigen Einswerdens mit Christus.
Zum Schluss bleibt die Einladung, das Gesetz als Echo der gemeinsamen Natur zu sehen: Es formt nicht durch Druck, sondern durch das Hineinwachsen in die Gegenwart dessen, der gibt und gleichzeitig nährt. So wird jeder Gehorsam, der aus dieser Einheit fließt, stille Frucht einer verwandelten Existenz.
Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt; und wer Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbar machen. (Johannes 14:21)
Jesus antwortete und sagte zu ihm: Wenn jemand Mich liebt, wird er Mein Wort bewahren, und Mein Vater wird ihn lieben, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen. (Johannes 14:23)
Die Verbindung von Gesetz und Gemeinschaft mit Christus schenkt Hoffnung: Halten ist nicht primär ein äußerliches Mühen, sondern die Folge eines innerlich durch Christus erneuerten Seins. Dieses Verständnis ermutigt, die Gegenwart Jesu als Quelle und Maßstab zu suchen und so die Gebote als lebendige Antworten der Liebe zu erleben.
Herr Jesus, lehre uns, Dich als Bräutigam zu sehen und uns in lebendiger Einheit mit Dir führen zu lassen; möge Dein Wort unser Inneres nähren, damit Dein Gesetz in uns aus Liebe Gestalt gewinnt. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 55