Das Halten von Gottes Gesetz, indem man Ihn und Sein Wort liebt und eins mit Ihm wird (1)
Beim Lesen von Exodus 20 fällt auf: Gottes Gesetz steht nicht isoliert da, sondern inmitten einer Beziehungsgeschichte. Die Bibel schildert über Generationen hinweg, wie Gott sein Volk umwirbt, verlobt und schließlich mit sich vereint – und das Gesetz gehört zu diesem Prozess. Die Spannung liegt darin, dass das Gesetz einerseits ein striktes Maß ist, andererseits Ausdruck und Schutz einer sich entfaltenden eheähnlichen Gemeinschaft mit Gott.
Gottes Ziel: Ein Volk, das Ihn ausdrückt
Das Gesetz tritt im biblischen Rahmen nicht als abstrakte Vorschrift auf, sondern als Mittel zur Herstellung einer Wohnstatt Gottes unter Menschen. Beobachtet man die Schriftbilder – Schöpfungsideal, Bund und Brautwerbung – wird deutlich, dass Gott ein Volk haben will, das Ihn sichtbar macht. Es heißt in 1. Mose 1:26: “Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt…” Dieser Anfang weist schon auf das Ziel hin: der Mensch soll die Gestalt Gottes tragen und damit Gottes Ausdruck auf der Erde werden.
Gottes ewiger Vorsatz ist es, ein Volk zu haben, das Ihn zum Ausdruck bringt. Damit dieser Vorsatz erfüllt werden kann, muss Gott Sich in sein auserwähltes Volk hineingeben und sich in ihnen hineinwirken. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundfünfzig, S. 633)
Wenn Gott Sein Gesetz gibt, ordnet und formt es die Beziehung, damit ein solcher Ausdruck möglich wird. In der Sprache des Bundes und der Verlobung ordnet das Gesetz die Gemeinschaft, damit Gott inmitten Seines Volkes wohnen und wirken kann. Die Zusage der beständigen Güte wird deutlich, wenn es heißt: “Der HERR ist ihm von ferne erschienen: ‹Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir (meine) Güte bewahrt.›” (Jeremia 31:3). Vor diesem Hintergrund erscheint das Gesetz nicht als einschränkendes Regelwerk, sondern als der Rahmen, in dem sich die lebensvolle Gegenwart Gottes entfalten kann.
Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1. Mose 1:26)
Der HERR ist ihm von ferne erschienen: «Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir (meine) Güte bewahrt. (Jeremia 31:3)
Gottes Absicht mit dem Gesetz ist niemals nur Formalität, sondern die Schaffung eines Raumes, in dem Sein Wesen Wohnung nimmt. Diese Perspektive lädt zu einer Hoffnung ein, die über Leistung hinausgeht: Wenn Gott sich eingibt, kann Sein Gesetz im Volk zur natürlichen Sprache dessen werden, was es innerlich ist — ein ermutigender Gedanke für die Gemeinschaft, die sich zur Aufgabe gemacht hat, Sein Antlitz zu beherbergen.
Einswerden: Leben empfangen und verschmolzen sein
Einswerden mit Gott beginnt nicht mit äußerer Korrektur, sondern mit dem Empfang eines neuen Lebens. Das Neue Testament zeichnet die Geburt aus Gott als radikalen Umschwung: “Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist.” (Johannes 3:6). Diese Aussage lenkt den Blick auf das innere Geschehen: die Empfängnis göttlichen Lebens verändert Natur und Orientierung so grundlegend, dass frühere Triebkräfte nicht mehr die letzte Entscheidungsinstanz sind.
Dass wir von Gott geboren sind (Joh. 1:12–13), zeigt, dass Gottes Leben durch Empfängnis in uns eintritt. Jede Geburt geht stets mit der Empfängnis des Lebens einher. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundfünfzig, S. 640)
Das Bild des ‚Essen und Leben in Christus‘ ergänzt diese Wahrheit: “Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, der Mich isst, um Meinetwillen leben.” (Johannes 6:57). Wenn Christus in uns wohnt, wie Römer 8:10 es beschreibt, dann ist der Leib zwar der Sünde wegen tot, doch der Geist ist Leben der Gerechtigkeit wegen. Aus dieser Verwurzelung in Christus folgt, dass Gesetzesgehorsam nicht primär als äußere Pflicht, sondern als natürliche Frucht eines geteilten Lebens aufscheint.
Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. (Johannes 3:6)
Wie Mich der lebendige Vater gesandt hat und Ich um des Vaters willen lebe, so wird auch der, der Mich isst, um Meinetwillen leben. (Johannes 6:57)
Die Annahme göttlichen Lebens ist keine entfernte Lehre, sondern die praktische Kraftquelle, aus der Gesetzestreue hervorgeht. Wegen dieser neuen Verwurzelung darf die Gemeinde darauf vertrauen, dass die Arbeit Gottes in uns das Äußere von innen her formt — ein tröstlicher und stärkender Blick für all jene, die nach Einheit mit Gott streben.
Das Gesetz als Ausdruck der Einheit und seiner Folgen
Betrachtet man die Schrift näher, wird das Gesetz als ein sprachliches Abbild dessen offenbar, was Gott ist; es beschreibt Seine Absichten und Sein Wesen. Jesus selbst stellt die Erfüllung des Gesetzes in den Mittelpunkt: “MEINT nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen.” (Matthäus 5:17). Damit zeigt sich, dass das Gesetz nicht in Konkurrenz zur Gnade steht, sondern durch die Person und das Werk Christi seine volle Bedeutung und Wirkung erhält.
Wir haben in einer vorangegangenen Botschaft darauf hingewiesen, dass das Gesetz beschreibt, was Gott ist und somit der Ausdruck Gottes ist. Wenn wir in Liebe, im Leben, in der Natur und im Ausdruck mit Gott eins werden, halten wir Sein Gesetz von selbst. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundfünfzig, S. 641)
In der praktischen Folge verschiebt sich die Betonung: Wer Jesus liebt und Sein Wort bewahrt, erfährt die Gegenliebe des Vaters und die Offenbarung Christi in sich — “Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt…” (Johannes 14:21). Die frühe Gemeinde zeigt bereits eine veränderte Form des heiligen Alltags; so heißt es über die Versammlung: “Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, um Brot zu brechen…” (Apostelgeschichte 20:7). Das deutet nicht auf ein Aufgeben des Prinzips, sondern auf eine Neueinordnung: Das Gesetz bleibt Ausdruck göttlicher Natur, doch sein Gehalt wird in der Einheit mit Christus lebendig herausgelebt.
MEINT nicht, daß ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. (Matthäus 5:17)
Wer Meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der Mich liebt; und wer Mich liebt, der wird von Meinem Vater geliebt werden, und Ich werde ihn lieben und Mich ihm offenbar machen. (Johannes 14:21)
Wenn das Gesetz zum Ausdruck dessen wird, wer Gott in uns ist, eröffnet sich eine befreiende Perspektive: Gesetzestreue ist dann nicht ein trotziges Festhalten an Regeln, sondern das natürliche Echo eines geteilten Lebens mit dem Herrn. Diese Einsicht befähigt Gemeinden und Einzelne, sich nicht in äußerlichen Formen zu verfangen, sondern in der Tiefe des gemeinschaftlichen Lebens nach der lebendigen Übereinstimmung mit Gott zu suchen — eine Hoffnung, die Kraft und Orientierung schenkt.
Herr Jesus, lehre uns, dich mit dem innigsten Herzen zu lieben und dein Leben in uns wachsen zu lassen, damit dein Gesetz in uns nicht Last, sondern Ausdruck deiner Gegenwart wird; segne uns mit der Gnade, in deiner Nähe eins zu werden.
Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 54