Das Wort des Lebens
lebensstudium

Das Trinken des Wassers des Lebens (2)

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Viele Christen kennen die biblische Metapher vom Lebenswasser, doch ist oft unklar, wie man dieses Wasser tatsächlich „trinkt“. Der Prediger berichtet von jahrzehntlicher Suche und der Einsicht, dass Verkündigung nicht automatisch Wissen über die Praxis des Trinkens bedeutet. Die Spannung liegt darin: Wir sind gerettet und haben Zugang, aber wie wird dieses Leben in uns aufgenommen und genossen?

In Stellung gebracht: die Voraussetzung zum Trinken

Unsere Stellung in Christus ist mehr als ein theologischer Status — sie ist die räumliche und geistliche Positionierung, von der aus das Trinken des Lebenswassers möglich wird. Als Bild lässt sich dies mit einem Mund vergleichen, der an einen Brunnen geführt wurde: der Mund selbst hat die Fähigkeit zu trinken, doch ohne dass er an den Brunnen kommt, bleibt die Fähigkeit ungenutzt. Wie die Schrift uns sagt, sind wir durch den Geist in einen Leib hineingetauft worden; „Denn wir alle sind auch in einem Geist in einen Leib hineingetauft worden … und uns allen ist der eine Geist zu trinken gegeben worden.“ (1. Korinther 12:13). Dieses Wort zeigt, dass die Gabe und die Möglichkeit des Trinkens bereits in unserer Stellung enthalten sind — die Taufe und die Gemeinschaft mit Christus schaffen den Zugang zur Quelle.

Als Gläubige sind wir dazu bestimmt, zu trinken. Das ist der erste Aspekt der Wissenschaft des Trinkens. In 1. Korinther 12:13 heißt es: „Denn durch einen Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie, und wir sind alle mit einem Geist getränkt worden.“ Durch die Taufe sind wir dazu hingestellt worden, zu trinken. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundvierzig, S. 508)

Aus dieser Beobachtung folgt eine praktische Deutung: Stellung ist nicht gleich Empfang. Die Tatsache, dass wir in Christus gesetzt sind, beseitigt nicht automatisch den Bedarf an innerer Bewegung und Empfangsbereitschaft. Die alttestamentliche Szene, in der Mose auf den Felsen schlägt und Wasser hervorströmt, macht dies deutlich: ‚Siehe, ich will dort vor dich auf den Felsen am Horeb treten. Dann sollst du auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser aus ihm hervorströmen, so daß das Volk trinken hat.‘ (2. Mose 17:6). Gottes Wirken stellt die Quelle bereit; unsere Stellung bringt uns in die Nähe – doch das Trinken verlangt ein Weitergehen von der Stellung zum Empfangen. Daraus folgt die praktische Konsequenz für das geistliche Leben: Zugang zu haben ist ein Geschenk; es zu nutzen ist die Kunst des Glaubens.

Möge die Zusicherung unserer Stellung in Christus uns ruhig machen und zugleich innerlich wecken: ruhig, weil der Zugang geschenkt ist; geweckt, weil die Gabe ruft, aus ihr zu leben. In dieser Balance finden wir sowohl Trost als auch Herausforderung — die Ermutigung, im Glauben zu bleiben und den freien Fluss des Lebens in uns strömen zu lassen.

Denn wir alle sind auch in einem Geist in einen Leib hineingetauft worden, ob Juden oder Griechen, ob Sklaven oder Freie, und uns allen ist der eine Geist zu trinken gegeben worden. (1. Korinther 12:13)

Siehe, ich will dort vor dich auf den Felsen am Horeb treten. Dann sollst du auf den Felsen schlagen, und es wird Wasser aus ihm hervorströmen, so daß das Volk (zu) trinken (hat). Und Mose machte es so vor den Augen der Ältesten Israels. (2. Mose 17:6)

Die Gewissheit, in Christus hineingestellt zu sein, gibt Halt; zugleich lädt sie zu wachen Augen und einem offenen Herzen ein. Wer diese doppelte Tatsache annimmt, erlebt, dass Stellung und Empfang zusammenwirken und dass Gottes Gabe in uns zur Quelle werden kann.

Der Durst und das Kommen: die innere Bewegkraft

Durst ist die innere Triebkraft, die aus der Stellung heraus zum tatsächlichen Kommen an die Quelle führt. Wenn das Volk am Horeb nach Wasser dürstete, ging das Murren dem Suchen voraus: „Als nun das Volk dort nach Wasser dürstete, murrte das Volk gegen Mose …“ (2. Mose 17:3). Diese natürliche Reaktion zeigt, wie Sehnsucht erst die Bewegung hervorruft; geistlicher Durst ist analog dazu die ehrliche Sehnsucht nach dem Leben, das allein Gott geben kann. Johannes bringt diese Dynamik auf den Punkt, als er berichtet, dass Jesus rief: „Wenn jemand durstig ist, der komme zu Mir und trinke.“ (Johannes 7:37).

Obwohl wir die Möglichkeit zu trinken haben, tun wir es nicht, wenn wir nicht durstig sind. Um das Wasser des Lebens zu trinken, braucht es Durst (2. Mose 17:3a; Joh. 7:37; Offb. 21:6). Dieser Durst treibt uns zum Beten und dazu, uns an den Herrn zu wenden. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundvierzig, S. 509)

Der theologische Sinn dieses Durstes liegt darin, dass er empfänglich macht. Durst entblößt Mangel und ruft zugleich nach Heilung; er verwandelt theoretische Möglichkeit in praktisches Suchen. Offenbarung fügt die einladende Perspektive hinzu: ‚Und der Geist und die Braut sagen: Komm! … Und wer Durst hat, der komme; wer will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.‘ (Offenbarung 22:17). Die Schrift zeigt damit, dass Durst nicht bloß ein Bedürfnis ist, sondern die Eintrittspforte zum Empfang des Lebens — ein inneres Drängen, das Gebet und Kommen hervorbringt.

Diese Einsicht möge unsere Empfindsamkeit vor Gott schärfen: Das Bewusstsein des Mangels ist kein Makel, sondern die Voraussetzung für Gnade. In der ehrlichen Sehnsucht liegt die Möglichkeit, wiederholt an die Quelle zu treten und in immer tieferen Maßen vom lebendigen Wasser empfangen zu werden.

Als nun das Volk dort nach Wasser dürstete, murrte das Volk gegen Mose und sagte: Wozu hast du uns überhaupt aus Ägypten heraufgeführt? Um mich und meine Kinder und mein Vieh vor Durst sterben zu lassen? (2. Mose 17:3)

Am letzten Tag nun, dem großen Tag des Festes, stand Jesus da und schrie und sagte: Wenn jemand durstig ist, der komme zu Mir und trinke. (Johannes 7:37)

Der geistliche Durst offenbart uns, wo Leben fehlt, und eröffnet zugleich den Weg des Empfangens. In dieser Spannung liegt die Einladung, vertrauensvoll immer wieder zur Quelle zu kommen und sich vom lebendigen Wasser erfrischen zu lassen.

Trinken durch Anrufung: das praktische Prinzip des Gebets

Das konkrete Trinken vollzieht sich durch das Anrufen des Namens Jesu — eine Praxis, die mehr ist als ein Wort, denn sie ist die lebendige Verbindung ins Herz des Herrn. Schon im Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin steht die Verheißung: ‚Wenn du die Gabe Gottes kennen würdest und wüsstest, wer der ist, der zu dir sagt: Gib Mir zu trinken, so hättest du Ihn gebeten und Er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.‘ (Johannes 4:10). Hier wird deutlich: Gottes Gabe fließt, wenn der Mensch in Beziehung tritt und den Herrn anspricht; das Anrufen ist Mittler zwischen Bedürfnis und Empfang.

Das hebräische Wort für „rufen“ bedeutet, zu jemandem zu rufen, zu ihm zu schreien – also laut zu rufen. Das griechische Wort meint, eine Person anzurufen, sie beim Namen zu rufen. Nach biblischem Verständnis heißt „rufen“ demnach, jemanden hörbar beim Namen zu nennen. Gebet kann zwar still sein; Rufen ist jedoch hörbar. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft vierundvierzig, S. 511)

Im Neuen Testament wird das namentliche Bekenntnis und die namentliche Anrufung als Werk des Geistes gezeichnet: ‚niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer im Heiligen Geist.‘ (1. Korinther 12:3). Die biblische Unterscheidung zwischen stillem Gebet und hörbarem Rufen betont, dass ‚rufen‘ das Namentliche und Persönliche einschließt — das laute oder innere Nennen des Herrn, durch das die Seele direkten Kontakt empfängt. So verbindet das Anrufen die Praxis des Gebets mit dem inneren Genießen des Herrn: indem der Name Jesu in unsere Atemzüge tritt, wird das Leben, das der Name trägt, zum Strom in uns.

Das darf uns ermutigen: Das namentliche Anrufen ist keine theologische Formel, sondern ein unmittelbarer Weg, in den lebendigen Austausch mit dem Herrn zu treten. Wenn inmitten des Alltags jener Name unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht und unser Vertrauen berührt, dann offenbart sich das Wasser des Lebens als fortwährende Gegenwart in uns.

Jesus antwortete und sagte zu ihr: Wenn du die Gabe Gottes kennen würdest und wüsstest, wer der ist, der zu dir sagt: Gib Mir zu trinken, so hättest du Ihn gebeten und Er hätte dir lebendiges Wasser gegeben. (Johannes 4:10)

Darum mache ich euch bekannt, dass niemand, der im Geist Gottes spricht, sagt: Jesus ist verflucht; und niemand kann sagen: Jesus ist Herr!, außer im Heiligen Geist. (1. Korinther 12:3)

Das Nennen und Anrufen des Namens Jesu ist eine einfache, trotzdem tiefe Praxis des Empfangens: sie führt von Bedürftigkeit zur Gemeinschaft, vom Ruf zum Fluss. Möge diese Wahrheit uns trösten und anspornen, den Namen des Herrn im Herzen zu tragen und sein Leben in uns frisch quellen zu lassen.


Herr Jesus, schenke uns den wahren Durst nach Dir und die Gnade, Dich immer wieder beim Namen anzurufen; fülle uns mit Deinem lebendigen Wasser, damit Du in uns Wohnstatt und Leben wirst. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 44