Das Wort des Lebens
lebensstudium

Der gemeinschaftliche Dornbusch

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Das Bild des brennenden Dornbuschs überrascht: In der Heiligen Schrift ist die Dornenstelle zunächst ein Zeichen des Fluchs, in der späteren Offenbarung aber ein Ort der Wohnung Gottes. Wie kann aus dem von Sünde gekennzeichneten Menschen ein Gefäß werden, in dem Gottes heilige Feuerwohnung sichtbar ist? Die Linie von 1. Mose 3 über die Opfergeschichte bis zu 2. Mose 3 zeigt, dass die Erlösung Christi die Trennung durch Feuer in eine bewohnende, heilende Gegenwart verwandelt — und dass dieses Werk sowohl den einzelnen Glaubenden als auch die Gemeinde als Ganzes betrifft.

Vom Fluch zur Wohnung: Erlösung verändert die Funktion des Feuers

Die Szene in 1. Mose zeigt ein Feuer, das Zugang verhindert: „So trieb Er den Menschen hinaus und stellte östlich vom Garten Eden die Cherubim auf sowie die Flamme eines Schwertes, das sich hin und her wendete, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.“ 1. Mose 3:24 benennt das Feuer als Folge des Bruchs; es ist nicht neutral, sondern ausschließend. Dieses Beobachten der biblischen Szene lenkt den Blick zuerst auf die Wirklichkeit der Trennung — die Heiligkeit Gottes steht als Grenze gegen die gefallene Menschheit.

Dieses Feuer hält uns nicht länger von Gott fern; es ist vielmehr die Flamme der Heimsuchung Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sieben, S. 76)

Die Deutung wendet diesen Ausgangspunkt in die Größe des Werkes Christi: Dort, wo das Feuer zuvor den Zugang zum Leben sicherte, tritt durch Erlösung ein veränderter Modus der göttlichen Gegenwart ein. Das Bild des Feuers bleibt, doch seine Funktion wandelt sich: Aus der Flamme der Abweisung wird die Flamme der Einwohnung. Dieses theologische Urteil ruht nicht abstrakt; die neutestamentlichen Bilder von Feuer und Geist (vgl. die Herabkunft des Feuers am Pfingsttag) zeigen, dass Gottes heiliges Wirken nun in Menschen herabsteigt, um in ihnen zu wohnen und zu heiligen. Daraus folgt die Konsequenz, dass die Gegenwart Gottes nicht an Vollkommenheit der Hülle gebunden ist, sondern an die Wirksamkeit der Erlösung, die aus Stein zerbrechliche Gefäße macht, in denen Gott wohnen kann.

So trieb Er den Menschen hinaus und stellte östlich vom Garten Eden die Cherubim auf sowie die Flamme eines Schwertes, das sich hin und her wendete, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen. (1. Mose 3:24)

Es bleibt tröstlich und herausfordernd zugleich: Gottes Heiligkeit nimmt die Form des Feuers nicht mehr bloß als Grenze wahr, sondern als die Kraft seiner Gegenwart in unserer Schwachheit. Die Verheißung lautet nicht, dass wir unversehrt sein müssen, sondern dass das Erlösungswerk Christi das ausschließende Feuer zum einwohnenden Wohnsitz Gottes verwandelt — ein Grund zur Hoffnung und zur demütigen Staunensfreude.

Individuum und Korporation: Moses und Israel als verbrannte, aber bewohnte Dornen

Das Leben des Mose und das Schicksal des Volkes Israel zeigen dieselbe Spannung zwischen Unvollkommenheit und Berufung. Mose selbst tritt vor Gott mit einer verwundeten, aber gezeichneten Geschichte; zugleich wird ihm und dem Volk Gottes Herrlichkeit sichtbar: „und vom Köstlichsten der Erde und ihrer Fülle und das Wohlgefallen dessen, der im Dornbusch wohnt, (all das) komme auf das Haupt Josephs und auf den Scheitel des Abgesonderten unter seinen Brüdern!“ (5. Mose 33:16). Dieses Bild macht deutlich, dass die Erwählung und der Segen Gottes gerade dort wohnen, wo menschliche Grenzen erkennbar sind.

Einerseits sollen wir uns bewusst sein, dass wir Dornbüsche sind; andererseits, dass Gottes Herrlichkeit als brennende Flamme in uns wohnt. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sieben, S. 77)

Die Deutung dieser Spannung führt zur Einsicht, dass die Gemeinde als korporative Gestalt Gottes Wohnstätte ist, obwohl ihre einzelnen Glieder ‚Dornenbüsche‘ bleiben. Das Nebeneinander von gebrochener Natur und eingeprägter göttlicher Präsenz bedeutet nicht einen Widerspruch, sondern die Art und Weise, wie Gnade sich offenbart: Gottes Herrlichkeit brennt inmitten des Dornengebüschs und verwandelt nicht durch Eliminierung der Dornen, sondern durch Einwohnung und Erneuerung. Praktisch gesehen heißt das, dass Gemeindeleben sichtbare Manifestation von Gottes Erbarmen ist — eine Gemeinschaft, in der Schwäche nicht versteckt, sondern unter der Herrlichkeit der Gegenwart hineingenommen wird.

und vom Köstlichsten der Erde und ihrer Fülle und das Wohlgefallen dessen, der im Dornbusch wohnt, (all das) komme auf das Haupt Josephs und auf den Scheitel des Abgesonderten unter seinen Brüdern! (5. Mose 33:16)

Die Vorstellung, dass Gott gerade in unserer Unvollkommenheit wohnt, lädt zur Ruhe ein: Es ist nicht die perfekte Hülle, die Gott anzieht, sondern sein eigenes Erbarmen, das inbrünstig in zerbrochene Räume einzieht. Das bewahrt vor Selbstverklärung und schenkt zugleich Mut — denn Gottes Segen fällt auf das Haupt derer, die in ihrer Beschränktheit beherbergt sind.

Auferstehungswirklichkeit als Grundlage des Wohnens Gottes

Die Schrift wendet das Thema der Auferstehung direkt auf das Bild des Dornbuschs: „Habt ihr nicht im Buch Moses gelesen, wie Gott beim Dornbusch zu ihm redete und sprach: ‹Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs›? … Er ist nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden.“ Markus 12:26–27 stellt den Gott des Dornbuschs als Gott der Lebendigen dar. Diese Beobachtung öffnet das Verständnis dafür, warum ein ‚Dornenbusch‘ Ort göttlicher Wohnung werden kann: Gottes Leben ist nicht an die Unversehrtheit der Schöpfung gebunden.

Dass der Gott der Auferstehung im Dornbusch wohnte, zeigt, dass das Sein als gemeinsamer Dornbusch, als Wohnstätte Gottes, heute durch und durch eine Angelegenheit der Auferstehung ist. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sieben, S. 83)

In der Deutung heißt das: Die Auferstehung ist nicht nur ein zukünftiges Ereignis, sie ist die gegenwärtige Grundlage dafür, dass Gottes Gegenwart in verwundeten Realitäten wohnt. Weil Gott Leben ist, nimmt Er die veränderte Wirklichkeit des Erlösten in Besitz und verwandelt die Funktion der früheren Verbannung. Die Gemeinde lebt folglich aus einer auferstehungsrealen Identität; ihre Existenz als Wohnort Gottes beruht nicht auf Perfektion, sondern auf dem lebendigen Werk, das den Fluch aufgehoben und das Feuer der göttlichen Gegenwart neu bestimmt hat.

Denn wenn sie aus den Toten auferstehen, heiraten sie nicht, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel in den Himmeln. Was aber die Toten betrifft, daß sie auferweckt werden: Habt ihr nicht im Buch Moses gelesen, wie Gott beim Dornbusch zu ihm redete und sprach: «Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs»? Er ist nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden. (Markus 12:26–27)

Die Auferstehung eröffnet ein Leben, in dem Gott inmitten von Dornen wohnt — das ist kein schwacher Trost, sondern eine dynamische Gewissheit: Wo Tod und Bruch regierten, hat Gott Leben gesetzt. Diese Erkenntnis ruft nicht zur Selbstsicherheit, sondern zu erstaunlichem Vertrauen, denn sie zeigt, dass Gottes Wohnstätte aus seinem eigenen, auferstandenen Leben herrührt und uns in der Realität unserer Lage mit sich nimmt.


Herr, danke für das Geheimnis, dass Du in unserer Schwäche wohnst; möge Deine feurige Gegenwart in uns wohnen und uns in demütiger Freude zu Zeugen Deiner Verwandlung machen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 7