Das Wort des Lebens
lebensstudium

Gottes Berufung des Vorbereiteten (2)

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Mose erscheint als ein widersprüchlicher Mann: einst königserzogen und kraftvoll, vierzig Jahre später ein zweifelnder Hirte in der Wüste. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie Gott gerade den scheinbar Unfertigen und Entmutigten gebrauchen kann. Die biblische Erzählung zeigt, dass Gottes Absicht weit über eine bloße Rettung aus Bedrängnis hinausgeht – sie zielt auf die Überführung in eine neue Qualität des Lebens in Christus und auf die innere Vorbereitung des Berufenen, der lernen muss, nicht aus eigener Kraft zu handeln.

Gottes Ziel: Rettung und Einbringen in das gute Land

Gottes Ruf geht über eine einfache Flucht hinaus; er ist ein Hinführen in eine neue Wirklichkeit. Beobachtet man die biblischen Typen, erkennt man, dass das Hineinbringen in das gute Land nicht bloß ein Rettungsakt ist, sondern die Einbringung in eine Person und in ein Leben — in Christus als das gute Land. Es heißt: “DENN ich schäme mich des Evangeliums nicht, ist es doch Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen.” (Römer 1:16) Dieses Wort erinnert daran, dass das Evangelium seine Kraft nicht allein in der Befreiung entfaltet, sondern darin, Menschen in die rettende und nährende Gegenwart Gottes zu setzen.

In der Typologie bedeutet das Hineinbringen der Kinder Israels in das gute Land, Menschen in Christus zu bringen — in den allumfassenden Christus, den das Land Kanaan versinnbildlicht. Christus ist heute ein gutes Land, das mit Milch und Honig fließt. In Seiner Weisheit gebraucht Gott den Ausdruck „mit Milch und Honig fließend“, um die Reichtümer des guten Landes zu beschreiben. Sowohl Milch als auch Honig sind Produkte des Zusammenspiels von Pflanzen- und Tierleben. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sechs, S. 62)

Das Bild ‚mit Milch und Honig fließend‘ verweist auf Fülle und Lebendigkeit: Pflanzen- und Tierleben zusammen bringen Nahrung und Süße hervor; so ist auch das neue Leben in Christus sowohl rettend als auch erzeugend. Beobachtung und Deutung fallen zusammen, wenn man sieht, dass Gott durch seinen Ruf nicht nur den Radicalakt der Befreiung vollzieht, sondern zugleich die Versorgung und das Wachstum schenkt, die zur Gemeinschaft mit ihm gehören. Die Konsequenz liegt nicht in einem menschlichen Konzept von Erfolg, sondern in der Gelassenheit, dass das Evangelium als göttliche Kraft die Berufenen hineinführt in ein gutes Land, dessen Reichtum Christus selbst ist.

Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht, ist es doch Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen. (Römer 1:16)

Diese Einsicht gibt Hoffnung: Gott ruft nicht in ein bloßes Entkommen, sondern in eine bejahende Fülle. Wer das empfängt, darf sich von dem Gedanken lösen, dass Rettung das Ende sei; vielmehr öffnet sie den Weg in eine Gemeinschaft mit Christus, die nährt, formt und verheißt.

Gottes Vorbereitung: Entzug der Selbstgewissheit

Gott bereitet den Berufenen, indem er ihm die Selbstgewissheit nimmt. Die Lebensgeschichte Moses zeigt dieses Wechselspiel von Begabung und Entzug: “Und Mose wurde unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter; er war aber mächtig in seinen Worten und Werken.” (Apostelgeschichte 7:22) Die Tatsache, dass Gott Mosess Fähigkeiten nicht einfach ungenutzt ließ, sondern zuließ, dass seine Zuversicht gebrochen wurde, offenbart eine göttliche Absicht: die Abhängigkeit von Gottes Hand zu klären.

Weil er jedoch so überzeugt war, die Fähigkeit und die Kraft zu besitzen, diese Last zu tragen, ließ Gott zu, dass man ihn zurückwies. Mose muss zutiefst enttäuscht gewesen sein. Jahr für Jahr arbeitete Gott an Mose – nicht, um die Last zu beseitigen, sondern um seine natürliche Fähigkeit außer Kraft zu setzen und ihm jedes Vertrauen in sich selbst zu nehmen. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sechs, S. 66)

Die theologische Deutung liegt darin, dass das Fallenlassen eigener Stärke die Bühne wird, auf der Gottes Macht offenbar werden kann. Wenn natürliche Kompetenzen so weit zurücktreten, dass der Mensch nicht mehr als Träger der Leistung erscheint, bleibt einzig die Herrlichkeit Gottes sichtbar. Aus dieser Arbeit an der Person entsteht die Bereitschaft, nicht aus sich selbst zu handeln, sondern Gott als die Quelle des Wirkens anzunehmen. Das ist keine Demütigung um ihrer selbst willen, sondern eine Vorbereitung, damit Gottes Name größer wird als menschliche Fähigkeiten.

Und Mose wurde unterwiesen in aller Weisheit der Ägypter; er war aber mächtig in seinen Worten und Werken. (Apostelgeschichte 7:22)

Durch Glauben weigerte sich Mose, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter Pharaos zu heißen, und zog es vor, (lieber) mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuß der Sünde zu haben, (Hebräer 11:24-25)

Die Entkräftung eigener Gewissheiten kann schmerzvoll sein, doch sie ist ein Weg zu echter Freiheit: in der Schwäche lernt das Herz, auf die Stärke Gottes zu bauen und so zu einem ehrlichen Kanal seiner Herrlichkeit zu werden.

Der Berufene als brennender Dornbusch: Kanal, nicht Brennstoff

Das Bild des brennenden Dornbusches führt zu einer tiefen Selbsterkenntnis: Gott will in den Berufenen brennen, ohne dass dieser als Brennstoff vergeht. Es heißt: “Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusch. Und er sah (hin), und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt.” (2. Mose 3:2) Die Szenerie zeigt, wie Heiligkeit und Leben in einem zuvor gewöhnlichen, ja verwundeten Ort wohnen können — Gott wirkt in dem, was er nicht vernichtet.

Der brennende Dornbusch stellte Mose selbst dar. Das bedeutet, dass jeder, den Gott beruft, erkennen muss, dass er nichts anderes ist als ein Dornbusch, in dem ein Feuer brennt, und dass dieses Feuer Gott Selbst ist. Obwohl Gott in uns und auf uns brennen will, wird Er uns nicht verbrennen — das heißt, Er wird uns nicht als Brennstoff verwenden. Durch dieses Zeichen machte Gott Mose deutlich, dass er ein Gefäß, ein Kanal sei, durch den Gott Selbst offenbart werden sollte. (Witness Lee, Life-Study of Exodus, Botschaft sechs, S. 70)

Die Deutung dieses Bildes führt zu der Erkenntnis, dass der Berufene in erster Linie Kanal ist, nicht Brennstoff. Gottes Feuer ist Sein Wirken und Seine Heiligkeit; der Mensch wird zum Gefäß, durch das das Licht und die Wärme Gottes strömen. Die praktische Folge ist ein verändertes Selbstverständnis: Dienst darf nicht mehr die Demonstration eigener Kraft sein, sondern die stille Durchströmung durch Gottes Gegenwart. So wird Dienst zu Offenbarung, nicht zu Selbstdarstellung — ein Zustand, der zugleich demütig macht und tröstet.

In der Tiefe der Schrift gibt es Parallelen, die dieses Bild ergänzen: Nachdem der Mensch aus dem Garten getrieben wurde, bewachte eine göttliche Flamme den Zugang zum Baum des Lebens — eine Erinnerung daran, dass Feuer auch Grenze und Bewahrung sein kann. Es heißt: “So trieb Er den Menschen hinaus und stellte östlich vom Garten Eden die Cherubim auf sowie die Flamme eines Schwertes, das sich hin und her wendete, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.” (1. Mose 3:24) Auch hier wird deutlich, dass Gottes Feuer Schutz und Heiligkeit bedeutet, nicht zerstörerische Vernichtung.

Da erschien ihm der Engel des HERRN in einer Feuerflamme mitten aus einem Dornbusch. Und er sah (hin), und siehe, der Dornbusch brannte im Feuer, und der Dornbusch wurde nicht verzehrt. (2. Mose 3:2)

So trieb Er den Menschen hinaus und stellte östlich vom Garten Eden die Cherubim auf sowie die Flamme eines Schwertes, das sich hin und her wendete, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen. (1. Mose 3:24)

Das Bild des brennenden Dornbusches schenkt Zuversicht: Gottes Feuer verwandelt und erhält zugleich. Wer sich als Kanal begreift, kann ruhen in der Gewissheit, dass Gottes Wirken nicht auf der Auszehrung, sondern auf der Durchströmung beruht — eine Einladung, stille Empfänger der göttlichen Gegenwart zu sein.


Herr, lehre uns, klein zu werden, damit Du groß werden kannst; schenke uns die Gnade, als brennende Dornbüscher von Dir erfüllt zu sein, und lass Dein Leben durch uns strömen, damit Deine Herrlichkeit offenbar wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Exodus, Chapter 6