Das Wort des Lebens
lebensstudium

Umwandlung (6)

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Die Bilder von Säulen tauchen bereits bei Jakob in 1. Mose auf und finden ihre ausdrucksstarke Entfaltung im Tempelbericht von 1. Kön. 7. Warum sind diese Säulen aus Messing, warum haben sie genau die angegebenen Maße und welche Folgen hat das für Leitung und Leben in der Gemeinde? Die biblische Typologie fordert uns, nicht nur theologisch zu staunen, sondern praktisch zu prüfen, wie Gericht, Demut, Glauben und Gemeinschaft in unserem Alltag zusammenkommen.

Die Säule als Zeugnis und fortwährende Saat

Vor dem Tempel standen zwei Säulen; sie waren sichtbar, vorn am Eingangsbereich, und damit für jeden, der kam, ein offenes Zeugnis. Diese äußere Stellung entspricht einer inneren Linie, die bereits bei Jakob in 1. Mose beginnt: dort wird Saat gelegt, die nicht im Verborgenen bleiben soll, sondern Frucht bringt, die für Gott steht. So heißt es in 1. Könige 7:21: “Und er stellte die Säulen an der Vorhalle des Tempelraums auf. Er stellte die rechte Säule auf und gab ihr den Namen Jachin, und er stellte die linke Säule auf und gab ihr den Namen Boas.” Die Säulen sind hier kein bloßes Architekturdetail, sondern ein Zeichen dafür, dass Gottes Bau auf Erden erkennbar und öffentlich ist.

Die Zahl zwei steht in der Bibel für das Zeugnis. Die beiden Säulen vor dem Tempel waren ein solches Zeugnis. Nach 1. Timotheus 3:15 ist das Haus Gottes — die Gemeinde — die Säule. Das bedeutet, dass die Gemeinde als Ganzes auf der Erde steht, um dem Universum Gottes Zeugnis zu geben. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft dreiundachtzig, S. 1066)

Die Gemeinde als Haus Gottes erhält durch dieses Bild eine doppelte Richtung: nach innen hin ist sie lebendiger Leib, nach außen hin ist sie Säule und Zeugnis. So heißt es in 1. Timotheus 3:15: “damit du weißt, wie man im Hause Gottes wandeln soll; das ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit.” Die Linie von der Saat bei Jakob bis zu den Säulen des Tempels lehrt, dass persönliche Umwandlung nicht allein privat bleibt, sondern in Gemeinschaft Gestalt annimmt und die Wahrheit Gottes sicht- und hörbar macht. Diese Sichtbarkeit fordert nicht zur Selbstdarstellung, sondern zur Treue: wer verwandelt ist, trägt ein öffentliches, gemeinsames Zeugnis, das dem Universum Gottes Realität bezeugt.

Und er stellte die Säulen an der Vorhalle des Tempelraums auf. Er stellte die rechte Säule auf und gab ihr den Namen Jachin, und er stellte die linke Säule auf und gab ihr den Namen Boas. (1.Kön. 7:21)

damit du weißt, wie man im Hause Gottes wandeln soll; das ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, die Säule und Grundfeste der Wahrheit. (1. Timotheus 3:15)

Das Bild der zwei Säulen lädt zu einer stillen Zuversicht: Glaube wächst, wird konkret und offenbart Gottes Bauwerk unter den Menschen. In der Erkenntnis, dass die Gemeinde “Säule der Wahrheit” ist, liegt eine ermutigende Verantwortung, nicht als Last, sondern als Anteilhabe an dem, was Gott auf Erden errichtet. Möge dies die Sehnsucht nähren, dass die Saat des Glaubens Frucht trägt, sichtbar und demütig zugleich.

Messing: Gottes Gericht und das Leben in Selbstgericht

Die Säulen des Tempels waren aus Messing gegossen; dieses Material tritt in der Heiligen Schrift nicht zufällig auf. Messing oder Bronze ist oft mit Gericht, Reinheit und einer probehaften Prüfung verknüpft — Instrumente, die im Dienst vor Gott verwendet werden, um das Heilige zu unterscheiden und zu reinigen. Wenn die Säule aus Messing besteht, spricht dies von einer Tragfähigkeit, die nur bestehen kann, wenn die Person unter Gottes Gericht steht und sich zugleich selbst richtet. So heißt es in Römer 7:18: “Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir zwar vorhanden, das Gute zu vollbringen aber nicht.” Die Einsicht in die eigene Schwachheit ist nicht Resignation, sondern Voraussetzung dafür, dass Gott durch sein Gericht und seine Gnade formt.

Aber was bedeutet Messing? Es steht für Gottes Gericht. Dass die beiden Säulen aus Messing gefertigt waren, macht deutlich: Wenn wir eine Säule sein wollen, müssen wir erkennen, dass wir unter dem Gericht Gottes stehen. Wir sollten nicht nur dem Gericht Gottes unterliegen, sondern uns auch dem eigenen Gericht unterwerfen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft dreiundachtzig, S. 1067)

In der Praxis verlangt das Messing eine besondere Haltung von denen, die dienen und tragen: eine beständige Bereitschaft zur Selbsterkenntnis, zur Aufarbeitung dessen, was dem Leben und dem Bau Gottes im Wege steht, und eine Bereitschaft, sich den Gaben und der Leitung anderer anzuvertrauen. So wie Mose ein bronzenes Becken zur Aufbereitung des Dienstes stellen ließ, um Reinigung und Dienst zu ermöglichen, heißt es in 2. Mose 30:18: “Stelle ein bronzenes Becken und sein bronzenes Gestell her zum Waschen! Das stelle zwischen das Zelt der Begegnung und den Altar, tu Wasser hinein.” Das Messing ist also nicht nur Symbol des Gerichts, sondern auch Mittel zur Reinigung, damit das Leben vor Gott gediehen kann.

Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt; denn das Wollen ist bei mir zwar vorhanden, das Gute zu vollbringen aber nicht. (Röm. 7:18)

Stelle ein bronzenes Becken und sein bronzenes Gestell her zum Waschen! Das stelle zwischen das Zelt der Begegnung und den Altar, tu Wasser hinein, (2. Mose 30:18)

Die Erkenntnis, dass Messing Gericht bedeutet, muss nicht entmutigen; sie ruft zu nüchterner, aber hoffnungsvoller Selbstbeurteilung. In dieser Haltung werden Ansehen und Eitelkeit gebrochen, und der Raum entsteht, in dem Gottes Zucht und Reinigung wirken. So kann leidenschaftlicher Dienst gedeihen — nicht getragen von Selbstrechtfertigung, sondern von erwiesener Abhängigkeit von Gottes prüfendem Licht.

Maße, Lilienwerk und gegenseitige Abhängigkeit

Die angegebenen Maße und das Lilienwerk an den Kapitellen sind sprachlich und geistlich beachtenswert: 18 Ellen Höhe, ein Umfang von zwölf Ellen, Kapitelle von fünf Ellen und Lilienarbeit, die oben sitzt. Solche Zahlen und Motive waren nicht dekorativ beliebig, sondern Zeichen für eine geistliche Ordnung. Zwölf verweist in der Schrift häufig auf Vollständigkeit in der Verwaltungsordnung Israels; die Zahl drei steht für die Dreieinigkeit. Dass die achtzehn Ellen als die Hälfte von drei Einheiten von zwölf gewertet werden können, macht eine theologische Bewegung sichtbar: das Einzelne ist unvollständig und bedarf des größeren Ganzen; allein ist man nur halb, in der Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott wird Tragfähigkeit möglich.

Achtzehn Ellen entsprechen der Hälfte von drei Einheiten mit jeweils zwölf Ellen. Anders gesagt: Achtzehn ist die Hälfte von drei ganzen Einheiten. Die drei Einheiten sind der Dreieine Gott selbst, der in uns ausgegossen worden ist. Wenn wir Säulen sein wollen, müssen wir uns zuerst selbst richten; danach muss der Dreieine Gott uns erfüllen, durchsättigen und durchdringen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft dreiundachtzig, S. 1071)

Die Lilienarbeit an den Kapitellen ergänzt dieses Denken mystisch und praktisch zugleich. Lilien stehen nicht für menschlichen Fleiß, sondern für Leben, das aus Gottes Versorgung hervorgeht — wie Jesus die Aufmerksamkeit auf die Lilien des Feldes lenkt: “Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen. Sie mühen sich nicht ab, noch spinnen sie” (Matthäus 6:28). Die Kapitelle tragen also ein Leben, das nicht aus Selbstverwalten, sondern aus göttlicher Durchdringung entspringt. Verantwortung (die fünf Ellen) bleibt menschliche Aufgabe, doch sie steht immer innerhalb der göttlichen Durchdringung und in Abhängigkeit von den anderen Gliedern des Leibes.

Und er formte die beiden Säulen aus Bronze: achtzehn Ellen (betrug) die Höhe der einen Säule, und ein Faden von zwölf Ellen umspannte sie; ihre (Wand)stärke war vier Finger(breit, und innen war sie) hohl; ebenso war die andere Säule. (1.Kön. 7:15)

Und die Kapitelle, die oben auf den Säulen waren, sie alle waren in Lilienarbeit, vier Ellen (hoch). (1.Kön. 7:19)

Die Maße und das Lilienwerk erinnern daran, dass Tragfähigkeit nie rein individuell ist: sie entsteht im Maß, in der gegenseitigen Ergänzung und im Empfang dessen, was der Dreieine Gott schenkt. Das ist ermutigend: unsere Unvollständigkeit ist kein Makel, sondern die Einladung zu Verbundenheit und zu einem Leben, das aus Gott wächst. In dieser Verbundenheit darf Verantwortung lebendig werden, getragen und ermutigt durch die Gemeinschaft.


Herr, richte unser Herz: lehre uns, uns selbst ehrlich zu prüfen und unter Dein Gericht zu stellen; bewahre uns vor Ehrgeiz und Selbstrechtfertigung und gib uns die Demut, unter den begabten Gaben des Leibes zu stehen. Hilf uns, uns vom Dreieinen Gott durchdringen zu lassen, im Glauben zu leben und einander zu brauchen, damit wir als echte Säulen Deines Hauses Zeugnis geben können. Konkreter Anwendungsschritt: Heute prüfe ich eine konkrete Haltung (Ambition, Rechtfertigung, Verteidigung) vor Gott, bekenne sie und suche Versöhnung oder Leitung durch einen reifen Bruder/eine reife Schwester. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 83