Gottes Wiederherstellung und weitere Schöpfung (4) Zweck
Schon beim ersten Bericht über die Schöpfung fällt ein beachtliches Detail auf: Als Gott den Menschen schuf, sprach die Gottheit im Plural »Lasset uns« — und die Folgeformulierung spricht vom Menschen im Kollektiv. Diese doppelte Wendung eröffnet eine Perspektive, die weit über eine individuelle Frömmigkeit hinausweist: Gott hat den Menschen als gemeinschaftliche Repräsentanz geschaffen, mit einer klaren Aufgabe und einer bestimmten Sphäre. Die Frage ist: Was bedeutet es praktisch, im Bild Gottes zu stehen und die ihm anvertraute Herrschaft auszuüben?
Der Mensch als gemeinschaftliches Ebenbild Gottes
Die Einleitung der Schöpfungserzählung öffnet einen Blick auf Gottes gemeinsames Handeln und auf die Art, wie der Mensch gedacht ist: nicht als isoliertes Individuum, sondern als Ausdruck einer Beziehung, die Gemeinschaft einschließt. So heißt es in 1. Mose 1:26: Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! Das Mehrere in der Rede Gottes – das gemeinsame »Lasst Uns« – legt nahe, dass Gottes schöpferisches Selbst bereits Gemeinschaft ist; in dieser Gemeinschaft setzt Er den Menschen als Spiegel und Vertreter Seiner Person ein.
Gott sagte: „Let us make man in our image, after our likeness.“ Kurz darauf sagte Er: „Let them.“ Er sagte nicht „men“, sondern „man“. „Man“ ist ein Substantiv im Singular, „them“ hingegen ein Pluralpronomen. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft sieben, S. 77)
»Bild« zu sein heißt mehr als moralische Ähnlichkeit; es bedeutet Repräsentanz und Wirkmacht: der Mensch ist berufen, Gottes Art des Daseins sichtbar zu machen und Seine Herrschaft in einem Bereich zu verwirklichen. Diese Berufung hat eine doppelte Richtung: Offenbarung und Durchsetzung. Indem der Mensch Gottes Bild ausdrückt, wird Gottes Gegenwart in der Welt offenbar; indem er herrscht, setzt er die göttliche Ordnung gegenüber widerstreitenden Mächten durch. Die theologische Spannung zwischen Einzigkeit und Gemeinschaft des Menschseins zeigt sich auch in der Unterscheidung von »erster« und »zweiter« Mensch, die auf das himmlische Anliegen hinweist (1. Kor. 15:47), ohne die ursprüngliche, gemeinschaftliche Sendung zu schmälern.
Und Gott sprach: Lasst Uns den Menschen machen in Unserem Bild, gemäß Unserer Gleichgestalt, und sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über jedes Kriechtier, das auf der Erde umherkriecht! (1. Mose 1:26)
Der erste Mensch ist aus der Erde, irden; der zweite Mensch ist aus dem Himmel. (1. Korinther 15:47)
Vor uns liegt die stille Gewissheit, dass Gottes Ziel nicht Einzelgängertum ist, sondern gemeinsames Zeugnis und gemeinsame Vertretung. Die Gestalt des Menschen als gemeinsames Ebenbild lädt dazu ein, die Spur Gottes nicht allein zu tragen, sondern miteinander — als lebendiges, korporatives Spiegelbild Seiner Herrschaft — die Welt neu zu ordnen. Darin liegt Trost und Herausforderung zugleich: Hoffnung, weil Gott Seine Sache in Gemeinschaft setzt; Verantwortung, weil diese Gemeinschaft sichtbar werden will.
Die Sphäre der Herrschaft: Meer, Luft und Erde
Die Bestimmung zur Herrschaft wird in den konkreten Bereichen benannt: Meer, Luft und Erde. Gerade diese Dreiteilung ist nicht willkürlich; sie markiert unterschiedliche Wirkungsräume, in denen göttliche und gefallene Mächte operieren. So heißt es in 1. Mose 1:28: Und Gott segnete sie; und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über jedes Lebewesen, das sich auf der Erde bewegt! Die Nennung von Meer, Luft und Erde weist auf einen weltweiten Auftrag, der sowohl das sichtbare Leben als auch die unsichtbaren Mächte berührt.
Zu diesem Bereich gehören drei Punkte: (1) Über alle Dinge in den Meeren muss der Mensch Herrschaft haben, denn die Meere sind der Aufenthaltsort der Dämonen (Mt. 8:32; 12:43). (2) Über alle Dinge in der Luft muss der Mensch Herrschaft haben, denn die Luft ist der Ort, an dem Satan und seine Engel wohnen (Epheser 2:2; 6:12). (3) Über alle Dinge auf der Erde muss der Mensch Herrschaft haben, denn die Erde ist das Tätigkeitsfeld Satans. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft sieben, S. 78)
Die Schriftspanne, die von den Ausfahrten der Dämonen bis zur Beschreibung der Mächte in der Luft reicht, macht deutlich, dass Herrschaft auch Kampf bedeutet. So heißt es in Epheser 6:12: denn unser Ringkampf richtet sich nicht gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Fürsten, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit im Himmlischen. Die ursprüngliche Berufung des Menschen umfasst damit die Aufgabe, in diesen Sphären Gottes Ordnung wiederherzustellen und dem Wirken des Gegners zu begegnen — nicht als abstrahierter Akt, sondern als konkret angesiedelte Verantwortung für die verschiedenen Lebensräume der Schöpfung.
Und Gott segnete sie; und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über jedes Lebewesen, das sich auf der Erde bewegt! (1. Mose 1:28)
denn unser Ringkampf richtet sich nicht gegen Blut und Fleisch, sondern gegen die Fürsten, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit im Himmlischen. (Epheser 6:12)
Aus dieser Perspektive erhält das Leben auf Erde, in Luft und Meer eine spirituelle Tiefe: Die Orte unseres Alltags sind zugleich Räume, in denen Gottes Herrschaft wiederhergestellt werden kann. Diese Einsicht ermutigt, das Große und das Kleine als zusammengehörig zu sehen — als Felder, in denen Gottes Ordnung ankommt und die zugleich Zeugnis ablegen von der Wirklichkeit Seiner Herrschaft.
Erfüllung in Christus und der Gemeinde
Die Geschichte Gottes mit der Welt erreicht in Jesus Christus eine Wende: Das Königreich tritt als Gegenwart und Realität auf, und mit dem Herrn kommt die Autorität zurück, die der Mensch zu repräsentieren berufen ist. So heißt es in Matthäus 28:18: Und Jesus kam und sprach zu ihnen und sagte: Mir ist alle Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben. Diese Zusage ist kein abstraktes Privileg; sie ist die Grundlage dafür, dass die Gemeinde als Leib Christi in der Welt tätig sein kann und darf.
Mit dem Kommen Christi kam auch das Königreich Gottes. Christus brachte das Königreich Gottes. Jesus, der kleine Mensch, war selbst das Königreich Gottes. (Witness Lee, Life-Study of Genesis, Botschaft sieben, S. 84)
Die Weitergabe von Autorität und die Verheißung der Beständigkeit der Gemeinde sind miteinander verbunden: »auf diesen Felsen werde Ich Meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Hades werden nicht den Sieg über sie gewinnen« (Matthäus 16:18). Langfristig weist die Schrift auf die Vollendung, wo Himmel und Erde erneuert sind und Gottes Wohnung unter den Menschen kommt. So heißt es in Offenbarung 21:1: UND ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Die Wirklichkeit, die Christus anbringt, beginnt zwar jetzt, führt aber in eine endgültige Wiederherstellung, die die ganze Schöpfung einschließt.
Die Gemeinde ist somit nicht nur Erinnerung an Vergangenes, sondern Gegenwart des kommenden Reiches: ihr Leben ist Teilnahme an der Herrschaft Christi, die bereits wirkt und einmal alles erneuern wird. Diese Perspektive verbindet das tägliche Gemeindehandeln mit der großen Hoffnung eines neuen Himmels und einer neuen Erde.
Und Jesus kam und sprach zu ihnen und sagte: Mir ist alle Vollmacht im Himmel und auf der Erde gegeben. (Matthäus 28:18)
Und Ich sage dir auch, dass du Petrus bist, und auf diesen Felsen werde Ich Meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Hades werden nicht den Sieg über sie gewinnen. (Matthäus 16:18)
Die Begegnung von Christus und Gemeinde offenbart eine fortdauernde Bewegung: begonnenes Werk, fortgesetzte Teilnahme, zukünftig vollendete Wiederherstellung. In dieser Spannung liegt eine stille Ermutigung — nicht zur Flucht vor der Welt, sondern zur geduldigen Treue in der Gegenwart dessen, der die Vollmacht besitzt. So wächst die Gewissheit, dass Gottes Zweck in Christus begonnen und in der Gemeinschaft seiner Nachfolger praktisch sichtbar wird; und dass das Ziel eine erneuerte Schöpfung ist, die Sein Leben widerspiegelt.
Herr Jesus, danke, dass Du gekommen bist, um Königreich und Autorität zu bringen; stärke uns als Leib, damit wir Dein Bild sichtbar machen, dem Feind widerstehen und Deine Herrschaft auf der Erde erfahrbar werden lassen. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Genesis, Chapter 7