Der Schrei der gemarterten Heiligen und Gottes Antwort darauf – die Siegel fünf und sechs
Menschen fragen seit jeher, ob das Leid der Gläubigen gesehen wird und ob ihr Blut ungesühnt bleibt. Die Offenbarung zeichnet ein weites Panorama von Gemeindezeitalter, Reich und Ewigkeit – und mittendrin den Schrei der Märtyrer, die um Gerechtigkeit rufen. Wer diesen Abschnitt aufmerksam liest, entdeckt: Gott übersieht weder verborgene Treue noch brutale Verfolgung, sondern führt seine Geschichte mit der Welt konsequent auf sein Ziel zu.
Der Schrei der Märtyrer und Gottes verborgenes Ja
Wenn das fünfte Siegel geöffnet wird, sieht Johannes „unter dem Altar die Seelen derer, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie hatten“ (Offb. 6:9). Dieses Bild bringt zwei Ebenen zusammen: die sichtbare Geschichte der Verfolgung und die verborgene Sicht Gottes. In der Geschichte werden Männer und Frauen zum Schweigen gebracht, weil sie predigen, was nicht in die Denkmuster ihrer Zeit passt, und leben, wie es den gängigen Strömungen widerspricht. Vor Gott aber liegen sie wie das Blut der Opfer am Fuß des Altars. 3. Mose 17:11 macht deutlich: „Denn die Seele des Fleisches ist im Blut, und ich selbst habe es euch auf den Altar gegeben, Sühnung für eure Seelen zu erwirken.“ Das Leben im Blut gehört Gott, und es wird ihm dargebracht. So deutet Gott das Sterben der Heiligen um des Wortes und des Zeugnisses willen als Opfer, das zu ihm aufsteigt und in seine Geschichte mit der Welt hineingeschrieben ist.
Das Martyrium der Heiligen geschieht nicht, weil sie sich irgendwelchen menschlichen Regeln widersetzen, sondern um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Das Wort Gottes ist die frohe Botschaft, das Evangelium, das sie den Menschen verkündigen. Das Zeugnis Jesu ist das Leben, das sie führen. Die menschliche Gesellschaft mit ihrer Kultur steht völlig unter dem bösen Einfluss Satans, wie es in 1. Johannes 5:19 heißt: „die ganze Welt liegt in dem, der Böse ist“. Sowohl die Verkündigung des Wortes Gottes als auch das Leben als Zeugnis Jesu stehen im Gegensatz zum satanischen Trend in der Welt. (Witness Lee, Life-Study of Revelation, Botschaft zwanzig, S. 243)
Damit wird die Verfolgung der Heiligen aus der Sphäre des Zufalls und der Willkür herausgenommen. Aus menschlicher Sicht sind es fanatische Herrscher, religiöser Hass oder totalitäre Systeme, die Christen ins Gefängnis bringen oder töten. Aus göttlicher Sicht geht es um das Wort Gottes und das gelebte Zeugnis Jesu. Dieses Wort ist die frohe Botschaft, die Menschen in die Freiheit des Reiches Gottes ruft; dieses Leben ist ein Gegenentwurf zu einer Welt, die „in dem, der böse ist“ liegt (1. Joh. 5:19). Wo ein Mensch das Evangelium verkündigt und im Geist Christi lebt, steht er nicht nur einem anderen Lebensstil gegenüber, sondern einer geistlichen Macht, die sich durch Kultur, Systeme und Gewohnheiten ausdrückt. Deshalb ist das Martyrium nicht einfach Konflikt mit menschlichen Regeln, sondern Zusammenstoß zweier Reiche: des Reiches des Sohnes Gottes und des Reiches der Finsternis.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Schrei der Märtyrer sein Gewicht. Johannes hört sie rufen: „Wie lange noch, o Gebieter, der Du heilig und wahrhaftig bist, willst Du nicht richten und unser Blut rächen an denen, die auf der Erde wohnen?“ (Offb. 6:10). Es ist der Ruf eines Glaubens, der weiß, dass Gott heilig und wahrhaftig ist, und gerade darum fragt, warum das Unrecht noch scheinbar ungebrochen weitergeht. Sie bezweifeln nicht Gottes Charakter, im Gegenteil: Sie berufen sich auf ihn. Ihr „Wie lange noch?“ verbindet sich mit dem durch die Geschichte hindurchgehenden Ruf der Gerechten, von dem Jesus spricht, wenn er die Kette von Abel bis Zacharias vor Augen stellt: „damit über euch komme alles gerechte Blut, das auf der Erde vergossen wurde“ (Mt. 23:35). Der Schrei der Gemarterten ist also die verdichtete Stimme aller Leiden um der Gerechtigkeit und um Gottes willen.
Die Antwort, die sie erhalten, wirkt auf den ersten Blick enttäuschend nüchtern: „Und einem jeden von ihnen wurde ein weißes Gewand gegeben; und es wurde ihnen gesagt, dass sie noch eine kleine Zeit abwarten sollten, bis auch die Mitknechte und ihre Brüder vollendet wären, die ebenso wie sie getötet werden sollten“ (Offb. 6:11). Doch gerade hier leuchtet Gottes verborgenes Ja auf. Das weiße Gewand ist das Zeichen seiner Anerkennung, sein öffentliches „Ich stehe zu euch“. Er kleidet sie in Reinheit und Würde und macht deutlich, dass ihre Leiden nicht untergegangen, sondern vor ihm bewahrt sind. Zugleich offenbart er, dass die Geschichte des Leidens um seines Namens willen eine bestimmte, ihm bekannte Vollzahl hat. Nicht ein Gefängnis, nicht ein Folterkeller, nicht ein namenloses Grab entgleitet seiner Souveränität. Was für uns chaotisch und sinnlos wirkt, ist vor ihm geordnet in einem Plan, in dem auch das Leid einen Platz hat, der dem Kommen seiner Gerechtigkeit dient.
Und als Es das fünfte Siegel öffnete, sah ich unter dem Altar die Seelen derer, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie hatten. (Offb. 6:9)
Und sie schrien mit einer lauten Stimme und sagten: Wie lange noch, o Gebieter, der Du heilig und wahrhaftig bist, willst Du nicht richten und unser Blut rächen an denen, die auf der Erde wohnen? (Offb. 6:10)
In einer Welt, in der Unrecht oft lauter spricht als Recht und in der Verfolgung – sichtbar oder verborgen – zum Alltag vieler Gläubiger gehört, lädt die Szene unter dem Altar dazu ein, die eigene Geschichte neu zu deuten. Leid um des Evangeliums willen ist nicht der Beweis dafür, dass Gott schweigt, sondern der Ort, an dem er einen Menschen wie ein Opfer auf seinen Altar legt. Wer aus dieser Perspektive lebt, muss den Schrei „Wie lange noch?“ nicht unterdrücken; er darf ihn vor Gott bringen und zugleich im Herzen sein verborgenes Ja hören: Du bist gesehen, dein Weg ist nicht verloren, und dein Name ist mit den weißen Gewändern der Anerkennung verbunden, die er schon bereit hält. So wächst inmitten von Druck nicht Bitterkeit, sondern stille Zuversicht, dass Gottes Gerechtigkeit zwar wartet, aber nicht ausbleibt.
Paradies, Hoffnung und die Zwischenzeit
Die Märtyrer, die Johannes sieht, werden als „Seelen“ unter dem Altar beschrieben. Damit rückt ein Bereich ins Blickfeld, der unseren Augen entzogen ist: die Zwischenzeit zwischen Tod und Auferstehung. Jesus selbst hat diesen Bereich geöffnet, als er am Kreuz dem reuigen Mitgekreuzigten zusagte: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk. 23:43). Paradies ist nach dem Neuen Testament nicht der vollendete Himmel der neuen Schöpfung, sondern der tröstliche Teil des Hades – jener unsichtbaren Welt der Verstorbenen, von der Petrus sagt: „denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen“ (Apg. 2:27). Wenn Jesus ankündigt, dass der Sohn des Menschen „drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein“ wird (Mt. 12:40), deutet er an, dass sein Weg durch den Tod hindurch ihn in diese Tiefen führte, um gerade dort der Herr des Lebens zu sein.
Heute sind die gemarterten Heiligen im Paradies unter dem Altar, das heißt unter der Erde. Es ist völlig verkehrt zu sagen, dass diese Heiligen im Himmel sind. (Witness Lee, Life-Study of Revelation, Botschaft zwanzig, S. 244)
Lukas 16 zeichnet dieses unsichtbare Terrain mit eindrücklichen Bildern. Lazarus wird nach seinem Tod „in Abrahams Schoß“ getragen, während der reiche Mann im Hades in Qualen ist und die zwischen beiden bestehende Kluft als unüberbrückbar beschrieben wird (Lk. 16:22–26). Abrahams Schoß – ein Bild für Paradies – ist der Ort des Trostes, an dem die Gerechten auf die Auferstehung warten. So deutet auch das Bild der Seelen unter dem Altar: Sie sind sicher, sie sind getröstet, sie sind Gott nahe – aber sie sind noch wartend. Sie sind „nackt“ im Sinn von ohne physischen Leib, noch nicht mit der Auferstehungsherrlichkeit bekleidet. Ihre Nähe zu Gott ist real, doch ihre Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.
Paulus hält diese Spannung in einer bemerkenswerten Formulierung zusammen. Einerseits bekennt er: „Ich habe Lust, abzuscheiden und bei Christus zu sein, denn es ist weit besser“ (Phil. 1:23). Für ihn ist klar: Sterben bedeutet, in eine intensivere Nähe zu Christus zu gelangen als sie auf Erden möglich ist. Andererseits richtet er seinen Blick nicht auf einen rein seelischen Fortbestand, sondern auf die kommende Auferstehung. In 1. Thessalonicher 4 beschreibt er, wie „die Toten in Christus zuerst auferstehen“ werden und wie dann die Lebenden „zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit beim Herrn sein“ (1. Thess. 4:16–17). Erst in dieser erneuerten, verklärten Leiblichkeit ist die Gemeinschaft mit Christus vollendet, wie Gott sie gedacht hat: Der ganze Mensch – Geist, Seele und Leib – wird in die Herrlichkeit hineingenommen.
Diese biblische Sicht der Zwischenzeit korrigiert sowohl vage Vertröstungen als auch spekulative Vorstellungen. Die Schrift zeichnet kein Bild von umherschwebenden Geistern ohne Ziel, aber auch keines von bereits vollendeter himmlischer Herrlichkeit vor der Auferstehung. Sie spricht vielmehr von einer bewahrten, tröstenden Nähe bei Christus im Paradies und von einer noch ausstehenden Vollendung am Tag seiner Wiederkunft. Für die gemarterten Heiligen heißt das: Ihr Rufer, ihr Warten, ihr Verlangen nach Gerechtigkeit und Vollendung sind aufgenommen in einen Raum, den Christus selbst durchschritten hat und in dem er Herr ist. Sie warten nicht in Ungewissheit, sondern in der Geborgenheit seines Sieges über Tod und Hades.
Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk. 23:43)
denn du wirst meine Seele nicht im Hades zurücklassen, noch zugeben, daß dein Frommer Verwesung sehe. (Apg. 2:27)
Die Lehre von Paradies und Zwischenzeit ist nicht dazu gegeben, Neugier nach dem Jenseits zu befriedigen, sondern die Gegenwart mit Hoffnung zu durchdringen. Wer weiß, dass Christus selbst den Weg durch den Hades gegangen ist und dass die verstorbenen Gläubigen bei ihm geborgen sind, muss vor dem Tod nicht kapitulieren und auch die Trennung von geliebten Menschen nicht als endgültigen Verlust deuten. Die Seelen unter dem Altar, Lazarus im Schoß Abrahams, die Worte des Paulus über das „bei Christus sein“ und die kommende Auferstehung zeichnen zusammen ein Bild, in dem Trauer und Hoffnung nebeneinander Platz haben. Daraus erwächst eine stille, aber tragfähige Zuversicht: Der Herr, dem wir heute im Glauben gehören, ist derselbe, der uns im Sterben empfängt und uns am Tag seiner Wiederkunft mit einem verherrlichten Leib bekleiden wird.
Die Erschütterung der Welt als Antwort Gottes
Auf den Schrei der Märtyrer folgt das Öffnen des sechsten Siegels. Plötzlich weitet sich der Blick von der unterirdischen Szene unter dem Altar hinauf zu kosmischen Erschütterungen. Johannes berichtet: Die Erde wird von einem großen Beben erfasst, die Sonne wird schwarz wie ein aus Haaren gewebter Sack, der Mond erscheint wie Blut, die Sterne fallen wie unreife Feigen, wenn ein Sturm den Baum schüttelt, und der Himmel weicht zurück wie eine zusammengerollte Buchrolle; Berge und Inseln rücken von ihrem Platz (vgl. Offb. 6:12–14). Diese Bilder sind nicht beliebige apokalyptische Phantasie, sondern bewusst an die prophetische Sprache des Alten Testaments angelehnt. Joel kündigt an: „Und ich werde Wunderzeichen geben am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen. Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare“ (Joel 3:3–4). Jesus selbst nimmt diese Linien auf, wenn er von Erdbeben, Hungersnöten und „großen Zeichen vom Himmel“ spricht (Lk. 21:11).
Das sechste Siegel (6:12–17), das den Beginn übernatürlicher Katastrophen kennzeichnet, ist Gottes Antwort auf den Schrei der gemarterten Heiligen im fünften Siegel. Nach der Öffnung des sechsten Siegels schreitet der Herr ein, um die Erde und die Heerscharen der Himmel zu erschüttern. Die Erde wird heftig beben, die Sonne wird schwarz werden wie ein aus Haaren gewebter Sack, der Mond wird wie Blut werden, die Sterne des Himmels werden auf die Erde fallen wie ein Feigenbaum seine unreifen Feigen abwirft, wenn er von einem starken Wind geschüttelt wird, der Himmel wird zurückweichen wie eine Buchrolle, die zusammengerollt wird, und jeder Berg und jede Insel werden von ihrem Platz weggerückt werden (6:12–14). (Witness Lee, Life-Study of Revelation, Botschaft zwanzig, S. 248)
Diese Erschütterungen sind Gottes Antwort auf den langen, durch die Jahrhunderte gehenden Schrei seiner verfolgten Zeugen. Sie zeigen, dass er nicht nur das Innere der Geschichte, sondern auch die sichtbare Schöpfung in den Dienst seines Gerichts stellt. Die Menschen, von denen hier die Rede ist – Könige, Großen, Militärführer, Reiche, Starke und Sklaven – reagieren mit panischer Angst. Sie verstecken sich in Höhlen und Felsenklüften und sprechen nicht zu Gott, sondern zu den Bergen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes. Denn „gekommen ist der große Tag ihres Zorns, und wer vermag zu bestehen?“ (vgl. Offb. 6:15–17). Sie wissen plötzlich, dass ihre Geschichte nicht nur von politischen oder ökologischen Kräften bestimmt wird, sondern von einem Gott, der seinen Tag ansetzt. Doch statt in diese Erkenntnis hinein umzukehren, suchen sie Deckung vor der Gegenwart Gottes.
Die Schrift lässt erkennen, dass diese Ereignisse zugleich Gericht und Vorwarnung sind. Sie gehören zur Einleitung dessen, was Jesus „Drangsal jener Tage“ nennt, und leiten in das hinein, was später als die große Trübsal bezeichnet wird. Joel spricht von einem „Tal der Entscheidung“, in das die Nationen gerufen werden (Joel 4:12–14); Sonne, Mond und Sterne verlieren ihren Glanz, „und der HERR brüllt aus Zion und läßt aus Jerusalem seine Stimme erschallen, und Himmel und Erde erbeben“ (Joel 4:15–16). In dieser Erschütterung zeigt Gott sich als der Herr der Geschichte und der Schöpfung. Die Kräfte, auf die der Mensch sein Vertrauen setzt – politische Systeme, wirtschaftliche Stabilität, sogar die vermeintliche Beständigkeit der Natur – geraten ins Wanken. Nicht um eine Lust am Katastrophalen willen, sondern um deutlich zu machen: Keine Macht ist absolut außer ihm, kein Fundament trägt, wenn er es nicht trägt.
Für die Gemeinde ist dieses Panorama nicht als Stoff für endlose Spekulationen über Zeitabläufe und Detailerfüllungen gegeben, sondern als Trost und Ausrichtung. Zwischen 1. Mose und Offenbarung zieht sich die Linie eines Gottes, der sich ein Volk erlöst, der im Gemeindezeitalter seine örtlichen Gemeinden baut und der zugleich auf einen Zielpunkt zugeht: die sichtbare Herrschaft Christi und die Erscheinung des neuen Jerusalem. Dass auf diesem Weg Kriege, Verfolgungen und kosmische Erschütterungen stattfinden, bedeutet nicht, dass Gottes Plan scheitert, sondern dass er sich durch Widerstand und Gericht hindurch verwirklicht. Die Schreie der Märtyrer, die Tränen der Bedrängten, die Fragen der Leidenden gehen nicht verloren, sondern werden in den Tag hineingenommen, an dem Gott Himmel und Erde erschüttert, um auf einem unerschütterlichen Grund Neues aufzurichten.
Und ich werde Wunderzeichen geben am Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen. (Joel 3:3)
Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare. (Joel 3:4)
Die kosmischen Bilder des sechsten Siegels rufen nicht zu angstvoller Spekulation auf, sondern zu einer nüchternen, hoffnungsvollen Verortung im Plan Gottes. In einer Welt, in der vieles ins Wanken gerät, zeigt die Offenbarung einen Gott, der bewusst erschüttert, um auf Unerschütterliches hinzuweisen. Wer diese Perspektive annimmt, muss innere und äußere Krisen nicht verdrängen, aber er ist ihnen auch nicht ausgeliefert. Die Geschichte geht auf den Tag zu, an dem der Zorn des Lammes und die Barmherzigkeit des Thrones sich in der vollendeten Gerechtigkeit treffen. In diesem Wissen kann die Gemeinde ihren Weg mutig gehen: nicht abgespalten von der Realität der Leiden, sondern mit einem Blick, der über die Erschütterungen hinaus auf den sieht, der sein Volk durch sie hindurch zu seinem ewigen Ziel führt.
Herr Jesus Christus, du siehst das verborgene Leiden deiner Kinder und das vergossene Blut derer, die dir treu geblieben sind. Danke, dass kein Schrei nach Gerechtigkeit verloren geht und dass du zur rechten Zeit sichtbar richten und trösten wirst. Stärke unseren Glauben, damit wir im Gegenwind dieser Welt an deinem Wort festhalten und dein Zeugnis in unserem Alltag verkörpern, auch wenn wir die Erfüllung deiner Verheißungen noch nicht sehen. Tröste alle, die um deinetwillen bedrängt sind, mit der Gewissheit, dass du nahe bist und ihre Tränen in deine Ewigkeit hineinträgst. Lass uns in der Hoffnung leben, dass du wiederkommst, die Deinen aufrichtest und deine neue Schöpfung vollendest. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Revelation, Chapter 20