Das Wort des Lebens
lebensstudium

Die Tugenden der göttlichen Geburt, um die Welt, den Tod, die Sünde, den Teufel und die Götzen zu überwinden (2)

12 Min. Lesezeit

Viele Christen spüren, dass ihr Gebet oft schwach, unsicher oder von eigenen Wünschen getrieben ist. Gleichzeitig erleben sie im persönlichen Glaubensleben und im Gemeindeleben Anzeichen von Müdigkeit, Problemen und innerem Tod. Der Erste Johannesbrief verbindet beides überraschend eng: das empfangene ewige Leben und ein Gebet, das in der Gemeinschaft mit Gott Tod verschlingt und Leben freisetzt.

Ewiges Leben in uns – Gemeinschaft, die Tod verschlingt

Wenn Johannes am Ende seines Briefes über das Gebet spricht, öffnet er kein neues Themenfeld, sondern führt die Linie des ewigen Lebens weiter, die er bereits entfaltet hat. Er hat gezeigt, dass der, der an den Sohn Gottes glaubt, das Zeugnis Gottes in sich trägt und dass dieses Zeugnis genau darin besteht, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat und dieses Leben in seinem Sohn ist. So heißt es: „In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1:4). Dieses Leben bleibt nicht wie eine stille, eingekapselte Wirklichkeit in uns, sondern es tritt in Bewegung: es sucht Gemeinschaft, es leuchtet, es schafft Verbindung mit dem Vater, dem Sohn und untereinander. Wo Johannes dann von Freimütigkeit im Gebet spricht, setzt er genau hier an: das Beten ist Ausdruck dieser lebendigen Gemeinschaft des Lebens, nicht ein äußerliches religiöses Mittel, um einzelne Anliegen vorzutragen.

Nun greift Johannes auf das zurück, was er in 5:4–13 geschrieben hat, um uns zu zeigen, dass dieses ewige Leben den Tod überwinden kann. Wir haben ewiges Leben empfangen, und dieses Leben ist in uns bezeugt, bewiesen und verpfändet worden. Jetzt will Johannes deutlich machen, dass das ewige Leben den Tod überwindet. Vielleicht hast du 5:14–17 als Verse über unser Gebet und Gottes Antwort auf unser Gebet verstanden. In Wirklichkeit ist es jedoch Johannes’ Absicht in diesen Versen, uns zu zeigen, dass das ewige Leben in uns den Tod sowohl in uns selbst als auch in anderen Gliedern der Gemeinde überwinden kann. Das ewige Leben verschlingt den Tod in uns und den Tod in anderen Gliedern. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft siebenunddreißig, S. 338)

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Verse über das Gebet in 1. Johannes 5 nicht mehr als isolierte Verheißungen erhörter Bitten, sondern als Beschreibung dessen, wie das ewige Leben den Tod praktisch überwindet. Johannes spricht davon, dass wir Bitten haben, von denen wir wissen, dass wir sie empfangen haben (vgl. 1. Johannes 5:15), und im Anschluss unmittelbar davon, dass einem sündigenden Bruder „Leben gegeben“ wird. Der rote Faden ist: das in uns bezeugte, verpfändete ewige Leben ist stärker als der Tod, der sich in Schwäche, Verhärtung, Gleichgültigkeit oder zerbrochener Gemeinschaft im Leib Christi zeigt. Wo dieses Leben in der Gemeinschaft mit Gott zur Wirkung kommt, beginnt es, Todeszonen in uns und in anderen zu verwandeln. Das macht Mut, die eigene Erfahrung von Leere oder Trockenheit nicht als Endzustand zu deuten, sondern sie als Ort zu sehen, an dem das göttliche Leben neu aufscheinen und den Tod verschlingen will.

Die Beziehung zwischen Leben und Tod in diesem Brief ist scharf gezeichnet. Johannes lässt keinen neutralen Raum zwischen beiden: was nicht im Licht und in der Liebe steht, liegt im Schatten des Todes. „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt“ (Johannes 1:5) – dieses Licht ist Ausdruck desselben ewigen Lebens, das uns geschenkt wurde. Wenn im Gemeindeleben andauernde Konflikte, Misstrauen oder Resignation Raum gewinnen, dann wird spürbar, dass hier etwas von der Finsternis und vom Tod Einfluss gewonnen hat. Johannes will, dass wir gerade diese Situationen nicht fatalistisch hinnehmen, sondern mit der inneren Gewissheit betrachten: das Leben, das uns durch die göttliche Geburt geschenkt ist, trägt in sich die Kraft, solchen Tod zu überwinden.

So wird die Gemeinschaft mit Gott zu einem geistlichen Raum, in dem Tod nicht einfach konstatiert, sondern herausgefordert wird. Wenn Johannes von einem Bruder spricht, der sündigt, geht er nicht zuerst auf Maßnahmen der Korrektur ein, sondern auf das Gebet, in dem das ewige Leben sich ausstreckt, um den anderen zu erreichen. Dahinter steht das Vertrauen, dass Gottes Leben nicht nur Schuld vergibt, sondern auch innerlich belebt, aufrichtet und heiligt. „Und dies ist der Freimut, den wir Ihm gegenüber haben, dass, wenn wir um etwas nach Seinem Willen bitten, Er uns erhört“ (1. Johannes 5:14). Wer so betet, rechnet damit, dass Gott sein eigenes Leben in Situationen hineinträgt, die vom Tod gezeichnet sind. In dieser Perspektive wird Gebet nicht zur Flucht aus der Realität, sondern zur mutigen Teilnahme an Gottes Wirken, durch die das ewige Leben Schritt für Schritt sichtbar macht, dass der Tod nicht das letzte Wort behält.

In Ihm war Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh. 1:4)

Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfaßt. (Joh. 1:5)

Gebet aus der Gewissheit des empfangenen ewigen Lebens ist mehr als das Formulieren von Wünschen; es ist Teilnahme an der Bewegung Gottes, mit der Er Tod in Leben verwandelt. Wer seine Umgebung, seine Gemeinde oder sich selbst mit den Augen dieses Lebens sieht, lässt sich nicht von anhaltender Schwäche oder Dunkelheit lähmen, sondern rechnet damit, dass das in Christus verankerte Leben stärker ist und im Verborgenen schon daran arbeitet, das Werk des Todes zu entkräften.

Beten in der Gemeinschaft des göttlichen Lebens

Die Freimütigkeit, von der Johannes spricht, ist keine laute Selbstsicherheit, sondern die stille Klarheit eines Herzens, das in der Gemeinschaft des göttlichen Lebens ruht. Sie gründet darin, dass der Beter weiß, worauf er steht: auf der Tatsache, dass er durch die göttliche Geburt ewiges Leben empfangen hat. Dieses Leben verbindet ihn real mit dem Vater und dem Sohn, und in dieser Verbindung werden die eigenen Wünsche geprüft, gereinigt und geformt. Jesu Wort fasst diese Wirklichkeit schlicht zusammen: „Wenn ihr in Mir bleibt und Meine Worte in euch bleiben, so bittet, um was auch immer ihr wollt, und es wird euch geschehen“ (Johannes 15:7). Das Wollen des Beters wird hier nicht ausgelöscht, sondern in der bleibenden Gemeinschaft mit Christus so umgestaltet, dass es sich mit Gottes Willen durchdringt.

Hier bezieht sich „Freimütigkeit“ auf die Freimütigkeit, die wir für unser Gebet in der Gemeinschaft mit Gott haben. Auf der Grundlage der Tatsache, dass wir durch die göttliche Geburt, indem wir an den Sohn Gottes glauben, ewiges Leben empfangen haben, können wir in der Gemeinschaft des ewigen Lebens, indem wir mit Gott in Berührung kommen, in der Freimütigkeit eines Gewissen ohne Anstoß (Apg. 24:16) gemäß Seinem Willen beten, in der Gewissheit, dass Er uns hören wird. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft siebenunddreißig, S. 340)

Kennzeichnend für ein Gebet, das wirklich nach Gottes Willen geschieht, ist daher nicht in erster Linie die äußere Formulierung, sondern die innere Stellung des Beters. Wo ein „Gewissen ohne Anstoß“ vorhanden ist, wie Paulus sagt: „Deswegen übe ich mich auch darin, allezeit ein Gewissen ohne Anstoß Gott und den Menschen gegenüber zu haben“ (Apostelgeschichte 24:16), entsteht ein ruhiger Freimut vor Gott. Nicht das makellose Leben schafft diese Freimütigkeit, sondern ein Leben, das offen bleibt für Gottes Licht und sich von Ihm korrigieren lässt. In einem solchen Herzen verschwimmt die Grenze zwischen „meinem“ und „Gottes“ Willen immer weniger; der Beter lernt, innerlich Ja zu dem zu sagen, was Gott gut ist, und Nein zu dem, was nur seinem eigenen Vorteil dient.

Damit erhält das Bitten „im Namen Jesu“ eine tiefe, existenzielle Bedeutung. Es geht nicht nur darum, eine Formel an den Schluss eines Gebets zu setzen, sondern darum, in der Realität dieses Namens zu stehen: in der Person, im Werk, im Willen und in der Gegenwart des Herrn selbst. Wenn Jesus sagt: „Um was auch immer ihr den Vater in Meinem Namen bittet, wird Er euch geben“ (Johannes 16:23), dann spricht Er zu Jüngern, die Er zuvor in die Gemeinschaft mit sich hineingenommen, belehrt, gereinigt und gesandt hat. Ein Gebet, das aus dieser Gemeinschaft heraus geboren wird, geschieht in der Kraft des göttlichen Lebens; es ist Ausdruck der inneren Übereinstimmung mit Gottes Gedanken, nicht das Bemühen, Gott auf unsere Gedanken festzulegen.

Aus dieser Sicht ist jedes Gebet zugleich ein Spiegel, in dem sich zeigt, wie nah oder fern ein Herz der Gemeinschaft mit Gott steht. Wo in uns Misstöne bleiben, wo Bitterkeit, heimlicher Neid oder unbereinigte Schuld anhaften, verliert die Seele ihre Freiheit gegenüber Gott; wir ziehen uns innerlich zurück, selbst wenn wir äußerlich beten. Umgekehrt wächst dort, wo das Licht Gottes im Gewissen willkommen ist, eine stille Gewissheit: Gott ist treu zu sich selbst; wenn Er uns hören will, dann, weil Er in uns das Beten wirkt, das Seinem Willen entspricht. Das macht Gebet zu einem tiefen Trost: es ist nicht die Bühne, auf der wir unsere Frömmigkeit zeigen, sondern der Raum, in dem Gott uns so sehr in seine Gemeinschaft zieht, dass unser Herz Stück für Stück mit seinem Willen übereinstimmt und sein Handeln in dieser Welt mitträgt.

Wenn ihr in Mir bleibt und Meine Worte in euch bleiben, so bittet, um was auch immer ihr wollt, und es wird euch geschehen. (Joh. 15:7)

Deswegen übe ich mich auch darin, allezeit ein Gewissen ohne Anstoß Gott und den Menschen gegenüber zu haben. (Apg. 24:16)

Gebetsfreimütigkeit ist die Frucht eines Herzens, das in der Gemeinschaft mit Christus bleibt und sein Gewissen nicht abstumpfen lässt. Wer sich von Gottes Wort und Licht im Alltag finden lässt, gewinnt nicht nur Klarheit über den Willen Gottes, sondern wächst auch in der inneren Zuversicht, dass Gott auf solche Gebete hört, weil sie aus dem Raum seines eigenen Lebens heraus entstehen.

Mit dem Herrn eins sein und Leben weitergeben

In dem Bild, das Johannes zeichnet, bleibt das Gebet nicht auf den Beter selbst beschränkt. Wer in der Gemeinschaft des göttlichen Lebens steht, wird in das Geschehen hineingenommen, durch das Gott anderen Gliedern des Leibes Christi Leben zuwendet. Darum kann Johannes schreiben: „Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tod, so soll er bitten, und er wird ihm Leben geben“ (1. Johannes 5:16). Auffällig ist, wie nüchtern und zugleich hoffnungsvoll er spricht: Er verharmlost die Sünde des Bruders nicht, aber er stellt sie auch nicht ins Zentrum. Im Vordergrund steht die Bewegung des Lebens Gottes, das sich durch die Fürbitte eines anderen auf den Gefährdeten zubewegt, um ihn dem Einfluss des Todes zu entziehen.

„Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tod, so soll er bitten, und er wird ihm Leben geben, denen, die nicht zum Tod sündigen.“ … Das zeigt, dass der Bittende dem, für den gebetet wird, Leben geben wird. Das bedeutet nicht, dass der Bittende Leben aus sich selbst hat und aus sich selbst anderen Leben geben kann. Es bedeutet, dass ein solcher Bittender, der im Herrn bleibt, der eins ist mit dem Herrn und der in einem Geist mit dem Herrn bittet (1.Kor. 6:17), zu dem Mittel wird, durch das der lebengebende Geist Gottes dem, für den er bittet, Leben geben kann. Dies ist eine Angelegenheit des Mitteilens von Leben in der Gemeinschaft des göttlichen Lebens. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft siebenunddreißig, S. 341)

Dieser Vorgang ist zutiefst geistlich. Der Beter verfügt nicht über ein eigenes Vorratslager an Leben, aus dem er schöpfen könnte. Er wird vielmehr zum Kanal, weil er mit Christus untrennbar verbunden ist: „Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist“ (1. Korinther 6:17). In dieser Einheit wirkt der lebenspendende Geist sowohl im Beter als auch in dem, für den gebetet wird. Im Beter entsteht eine Liebe, die nicht zurückschreckt vor der Sünde des anderen, sondern sich an Gottes Barmherzigkeit klammert; im anderen beginnt das Leben, das ihn erreicht, aufzuwecken, zu überführen, zur Umkehr zu ziehen, zu trösten oder aufzurichten. In manchen Fällen führt diese lebensspendende Bewegung sogar dazu, dass der physische Leib vor einer gerichtlichen Konsequenz der Sünde bewahrt wird, wie Jakobus andeutet: „Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufrichten, und wenn er Sünden begangen hat, wird ihm vergeben werden“ (Jakobus 5:15).

Gleichzeitig bleibt Johannes realistisch und ernst gegenüber der Sünde. Er spricht von einer „Sünde zum Tod“ und macht damit deutlich, dass es Situationen gibt, in denen Gott in seiner Regierung so streng handelt, dass körperlicher Tod die Folge ist, ohne dass damit notwendig ewige Verdammnis verbunden wäre. Die Schrift gibt Beispiele dafür, etwa bei Ananias und Saphira (vgl. Apg. 5:1ff.) oder in der Korinthergemeinde, wo manche „entschlafen“ waren, weil sie das Mahl des Herrn unanständig nahmen (vgl. 1. Korinther 11:30). Johannes macht nicht aus dieser Unterscheidung eine technische Lehre, sondern lässt sie als ernsten Hintergrund stehen: Sünde im Haus Gottes ist nie belanglos, und doch ist Gottes vorrangiges Tun, Leben zu schenken, zu retten und aufzurichten, wo immer das möglich ist.

Es ist bemerkenswert, dass in Jakobus 5 die Gemeinde ausdrücklich in dieses Heilshandeln Gottes hineingenommen wird: „Bekennt nun einander die Vergehungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet; viel vermag eines Gerechten Gebet in seiner Wirkung“ (Jakobus 5:16). Die Gemeinschaft der Heiligen ist dort am stärksten, wo sie nicht als Versammlung der Fehlerlosen verstanden wird, sondern als Raum, in dem Sünde beim Namen genannt werden darf, weil das göttliche Leben bereitsteht, Schuld zu vergeben und den Todesprozess zu unterbrechen. Das Gebet in dieser Atmosphäre ist keine fromme Beobachterrolle, sondern ein Sich-unter-die-Last-Stellen: die Last der Sünde des anderen wird vor Gott getragen, damit sie nicht mehr zerstörerisch auf ihm liegen bleibt.

Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tod, so soll er bitten, und er wird ihm Leben geben, denen, die nicht zum Tod sündigen. Es gibt eine Sünde zum Tod; im Blick auf jene sage ich nicht, dass man bitten soll. (1.Joh. 5:16)

Wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist. (1.Kor 6:17)

Das Gebet für sündigende oder geschwächte Geschwister ist eine stille Form, in der das göttliche Leben weitergegeben und der Todeswirkung entgegengetreten wird. Wer im Alltag lernt, die Not des anderen nicht zum Anlass innerer Distanz zu machen, sondern sie heimlich vor Gott zu tragen, nimmt teil an einem verborgenen Dienst, in dem der lebenspendende Geist Herzen berührt, Umkehr wirkt und bewahrt.


Herr Jesus, führe uns im Licht Deines Wortes und schenke uns Gnade, die gezeigte Wahrheit nicht nur zu verstehen, sondern im Alltag aus Deinem Leben zu erfahren. Bewahre uns in Deiner Gegenwart, damit unser Denken, Reden und Dienen von Dir geprägt wird und Dein Name in der Gemeinde verherrlicht wird. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 37

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