Die Tugenden der göttlichen Geburt zur Ausübung der göttlichen Liebe (3)
Viele Christen sehnen sich nach der Gewissheit, wirklich in Gottes Wirklichkeit zu leben – nicht nur richtige Lehre zu kennen, sondern im Herzen zu spüren: Mein Leben stimmt mit Gott überein. Gerade dort, im Innersten, meldet sich unser Gewissen: Es kann uns beunruhigen oder zur Ruhe bringen, es kann unsere Gemeinschaft mit Gott stören oder vertiefen. 1.Johannes 3.zeigt eine überraschend praktische Seite dieser inneren Wirklichkeit: Sie zeigt sich in einer durch Gottes Liebe geprägten Lebensweise, in einem Gewissen, das Frieden kennt, und in einem Herzen, das vor Gott freimütig ist, weil der Geist in uns bezeugt, dass wir in Christus bleiben.
Ein beruhigtes Herz in der göttlichen Wirklichkeit
Johannes verbindet die Frage nach der Gewissheit unseres Glaubens mit etwas sehr Konkretem: mit der Art, wie wir einander begegnen. Er spricht davon, dass wir „nicht mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ lieben sollen, und fährt fort: „Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz vor Ihm überzeugen“ (1.Joh. 3:19). Wahrheit ist hier nicht zuerst eine Lehre, sondern die Wirklichkeit des göttlichen Lebens, das in Christus in uns eingezogen ist. Wo dieses Leben Raum gewinnt, wird Liebe nicht mehr ein aufgesetztes Ideal, sondern eine innere Notwendigkeit, ein Drang des neuen Herzens, der sich ganz selbstverständlich in Rücksicht, Geduld und praktischer Hilfe ausdrückt. In solchen Momenten spüren wir: Das ist mehr als mein natürlicher Charakter; hier wirkt ein anderes Leben in mir.
Hier bezeichnet „Wahrheit“ die Wirklichkeit des göttlichen Lebens, das wir in unserer göttlichen Geburt von Gott empfangen haben. Wir haben dieses göttliche Leben empfangen, damit wir die Brüder mit der göttlichen Liebe lieben können. Wenn wir die Brüder mit der göttlichen Liebe lieben, werden wir wissen, dass wir aus dieser Wirklichkeit sind. Die Art, wie Johannes hier schreibt, ist nicht lehrmäßig, sondern erfahrungsmäßig. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft neunundzwanzig, S. 260)
Diese Wirklichkeit des göttlichen Lebens bleibt nicht im Bereich der Gefühle, sondern berührt das Gewissen. Paulus beschreibt das Ziel allen göttlichen Redens so: „Doch das Endziel des Gebotes ist Liebe aus einem reinen Herzen und aus einem guten Gewissen und aus ungeheucheltem Glauben“ (1.Tim. 1:5). Wo ungeklärte Dinge, unausgesprochene Spannungen oder bewusst übergangene Sünden liegen, wird unser Herz schwer. Wir können dann die richtigen Worte sprechen und doch innerlich spüren, dass etwas zwischen Gott und uns steht. Das ist mehr als psychologische Selbstbeobachtung; es ist die feine Berührung des Geistes Gottes in unserem Innern, der uns nicht zur Ruhe kommen lässt, solange wir an etwas festhalten, das nicht zu Seinem Licht passt.
Darum ringt Paulus darum, „allezeit ein Gewissen ohne Anstoß Gott und den Menschen gegenüber zu haben“ (Apg. 24:16). Ein beruhigtes Herz ist kein sanftes Ruhekissen, in dem alles gleichgültig wird, sondern ein Herz, das durch Gottes Licht hindurchgegangen ist. Wo etwas ans Licht kommt, dürfen wir es nicht mit religiösen Argumenten zudecken, sondern ehrlich vor Gott bekennen. Gerade dann geschieht das leise Wunder, das Johannes beschreibt: Unser Herz „wird vor Ihm überzeugt“ – es wird innerlich versöhnt, nicht durch Selbstberuhigung, sondern durch die Erfahrung, dass das Blut Christi wirklich genügt, dass Vergebung real ist und dass der Geist das Urteil Gottes über uns bezeugt: angenommen, gereinigt, neu ausgerichtet.
Ein solches Herz kennt eine stille, nicht gespielte Freude. Die Freude, von der Nehemia spricht – „die Freude am Herrn ist eure Stärke“ (Neh. 8:10) – ist nicht die Euphorie gelungener Tage, sondern die Kraft, die entsteht, wenn nichts Trennendes mehr bewusst zwischen uns und Gott steht. Dann gilt auch die Beobachtung der Sprüche: „Ein fröhliches Herz tut dem Leib wohl, aber ein niedergeschlagenes Gemüt vertrocknet das Gebein“ (Spr. 17:22). Die göttliche Wirklichkeit, in der wir stehen, bleibt nicht im Unsichtbaren; sie dringt bis in unsere Stimmungen, in unsere körperliche Verfassung, in unsere Beziehungsatmosphäre. So wird das beruhigte Herz zum stillen, aber kräftigen Zeugnis dafür, dass Gott nicht nur über uns, sondern in uns lebt und dass Seine Liebe tatsächlich eine neue Wirklichkeit geschaffen hat.
Und daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, und werden unser Herz vor Ihm überzeugen, (1.Joh. 3:19)
Doch das Endziel des Gebotes ist Liebe aus einem reinen Herzen und aus einem guten Gewissen und aus ungeheucheltem Glauben; (1.Tim. 1:5)
Wenn Liebe in Tat und Wahrheit unser Gewissen berührt, wird unser Herz von innen her beruhigt und wir kosten etwas von der stillen Freude, die daraus erwächst, dass Gott und wir im Licht zueinandergefunden haben.
Das Gewissen als Ort der Begegnung mit Gott
Wenn Johannes von unserem Herz spricht, meint er mehr als unsere Gefühle. In der Tiefe dieses inneren Raumes hat Gott etwas sehr Konkretes eingerichtet: das Gewissen. Es ist wie eine innere Behörde, die sensibel registriert, was zum Wesen Gottes passt und was nicht. Darum heißt es: „denn wenn unser Herz uns verurteilt, ist es deshalb, weil Gott größer ist als unser Herz und alles weiß“ (1.Joh. 3:20). In Wirklichkeit ist es unser Gewissen, das uns verurteilt; doch hinter dieser Stimme steht der Gott, der uns geschaffen und neu geboren hat. Das Gewissen ist Teil unseres Geistes und zugleich Teil unseres Herzens – es verbindet die Welt des Glaubens mit der Welt unserer konkreten Entscheidungen.
Tatsächlich ist es unser Gewissen – das nicht nur ein Teil unseres Geistes, sondern auch unseres Herzens ist –, das uns tadelt oder verurteilt. Das Gewissen in unserem Herzen ist der Vertreter von Gottes Regierung in uns. Wenn unser Gewissen uns verurteilt, wird Gott, der größer ist als Sein Vertreter und alle Dinge kennt, uns gewiss verurteilen. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft neunundzwanzig, S. 262)
So wird das Gewissen zum Ort der Begegnung mit Gott. Hier erreicht uns Sein Widerspruch gegen unsere verborgenen Motive, aber auch Seine Zustimmung zu einem kleinen, unscheinbaren Schritt des Gehorsams. Wenn unser Gewissen anschlägt, ist das nicht zuerst moralischer Druck, sondern der Hinweis: Gott ist mit dem, was gerade geschieht, nicht einverstanden. Dass Er „größer ist als unser Herz“ bedeutet, dass Sein Urteil nicht von unseren Launen, Selbstbildern oder Entschuldigungen abhängt. Er kennt die verborgenen Gründe, die wir selbst kaum wahrnehmen, und liebt uns zu sehr, um uns in Selbsttäuschung zu lassen. Darin liegt zugleich eine tiefe Tröstung: Wir sind vor Ihm nie einem blinden Mechanismus ausgeliefert, sondern Seinem wachen, persönlichen Blick.
Weil Gott so durch das Gewissen wirkt, geschieht Seelsorge am häufigsten nicht in großen Krisen, sondern in scheinbaren Kleinigkeiten. Ein kurzer, scharfer Satz, ein inneres Wegdrehen von einem Bruder, ein still genährter Groll – kaum sind diese Dinge geschehen, meldet sich eine Unruhe. Wir merken: Die Worte waren zwar wahr, aber sie trugen nicht den Ton der Liebe; die Geste war korrekt, aber innerlich abweisend. An diesen Punkten zeigt sich, ob wir dem Wirken Gottes in uns Raum geben. Wer das Empfinden des Gewissens ernst nimmt, erlebt, wie Christus sehr persönlich die Hand auf Haltungen legt, die sonst unbemerkt blieben, und sie unter Sein Licht stellt.
Genau hier kommt das Zeugnis des Geistes hinzu: „Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind“ (Röm. 8:16). Wenn wir dem inneren Tadel nicht ausweichen, sondern ihn ins Licht bringen, erleben wir zweierlei: das klare Nein Gottes zu dem, was nicht zu Ihm passt, und zugleich Sein eindeutiges Ja zu uns als Sein Eigentum. Aus diesem doppelten Zeugnis heraus wird das Gewissen weder verhärtet noch überempfindlich, sondern geklärt. Es lernt, zwischen wirklicher Schuld und falscher Scham zu unterscheiden, zwischen dem Druck fremder Erwartungen und dem feinen Reden des Heiligen Geistes.
denn wenn unser Herz uns verurteilt, ist es deshalb, weil Gott größer ist als unser Herz und alles weiß. (1.Joh. 3:20)
Der Geist Selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. (Röm. 8:16)
Indem Gott unser Gewissen als inneren Vertreter Seiner Regierung gebraucht, wird unser Herz zu einem vertrauten Ort der Korrektur und der Bestätigung, an dem wir Seine Heiligkeit und Seine Zuwendung zugleich erfahren.
Glauben, lieben und in Christus bleiben durch den Geist
Johannes verdichtet das Gesetz Gottes auf einen einfachen, aber umfassenden Satz: „Und dies ist sein Gebot, daß wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er es uns als Gebot gegeben hat“ (1.Joh. 3:23). Glaube und Liebe sind hier keine separaten Disziplinen, sondern zwei Seiten desselben Wirkens Gottes. Im Glauben öffnen wir uns der Person Christi, nehmen Sein Wort ernst, lehnen uns an Sein vollbrachtes Werk. In der Liebe wird sichtbar, was wir im Glauben empfangen: das neue Leben, das nicht sich selbst, sondern den anderen im Blick hat. Wo beides zusammenkommt, entsteht etwas von der Atmosphäre des Hauses Gottes: Vertrauen auf Christus und gegenseitige Zuwendung durch Christus.
Immer wenn unser Gewissen nicht ruhig ist, wissen wir, dass wir auf das Empfinden unseres Gewissens achten müssen, das der Vertreter der göttlichen Regierung ist. Auf diese Weise erkennen wir Gott nicht in großen Angelegenheiten, sondern in kleinen Dingen. Diese Art, Gott zu erkennen, ist erfahrungsmäßig und praktisch. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft neunundzwanzig, S. 267)
In dieser Atmosphäre gewinnt das Gebet eine besondere Freimütigkeit. Johannes schreibt: „Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, haben wir Gott gegenüber Freimut; und was immer wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun“ (1.Joh. 3:21–22). Die Freimütigkeit liegt nicht in einer religiösen Technik, sondern in einem Herzen, das nichts bewusst gegen besseres Wissen festhält. Wo Glaube und Liebe Raum bekommen haben, steht unser Inneres nicht mehr quer zum Willen Gottes, und unsere Bitten ordnen sich in Seine Absichten ein. Gebet wird dann weniger das Drängen auf unsere Pläne und mehr das gemeinsame Bewegen dessen, was Ihm wichtig ist.
Damit dieses Leben nicht in Moralismus kippt, legt Johannes sofort nach: „Und wer Seine Gebote hält, der bleibt in Ihm und Er in ihm. Und daran erkennen wir, dass Er in uns bleibt: durch den Geist, den Er uns gegeben hat“ (1.Joh. 3:24). Der Gehorsam, von dem hier die Rede ist, ist nicht das ehrgeizige Befolgen eines neuen Regelwerks, sondern die Frucht einer innewohnenden, installierten, automatischen und innerlich wirkenden Gegenwart: des Heiligen Geistes. Durch Ihn sind wir von Gott geboren, durch Ihn hat Gott Seinen „Samen“ in uns gelegt, und durch Ihn bleibt Christus real in uns gegenwärtig. Das Bleiben in Christus ist darum weniger eine äußerliche Anstrengung als eine innere Ausrichtung: sich immer wieder dem Wirken des Geistes anvertrauen, der uns auf Christus hinzieht.
Dieses innere Bleiben beschreibt der Herr selbst mit dem Bild vom Weinstock und den Reben: „Bleibt in Mir, und Ich in euch. Wie die Rebe von sich aus keine Frucht bringen kann, wenn sie nicht im Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in Mir bleibt“ (Johannes 15:4). Glaube, Liebe, Gehorsam und Gebet sind in dieser Sicht nicht vier getrennte Bereiche, die es jeweils zu optimieren gilt, sondern Ausdruck eines einzigen Lebensstroms. Der gleiche Geist, der uns zum Glauben an Christus führt, drängt uns, die Brüder zu lieben, lehrt uns, was dem Vater wohlgefällt, und inspiriert unsere Fürbitte. Darum ist auch die Verheißung eng damit verbunden: „damit der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Heiden käme, damit wir die Verheißung des Geistes durch den Glauben empfangen könnten“ (Gal. 3:14).
Und dies ist sein Gebot, daß wir an den Namen seines Sohnes Jesus Christus glauben und einander lieben, wie er es uns als Gebot gegeben hat. (1.Joh. 3:23)
Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verurteilt, haben wir Gott gegenüber Freimut; und was immer wir bitten, empfangen wir von ihm, weil wir seine Gebote halten und das vor ihm Wohlgefällige tun. (1.Joh. 3:21-22)
Wo der Heilige Geist uns in den einfachen Gehorsam von Glauben und Liebe hineinführt, wächst eine stille Freimütigkeit vor Gott, in der Gebet, Bleiben in Christus und brüderliche Liebe zu einem einzigen, zusammenhängenden Leben in der göttlichen Wirklichkeit werden.
Herr Jesus Christus, danke, dass Du nicht fern und unbeteiligt bist, sondern in unserem Herzen wohnst und uns durch unser Gewissen liebevoll führst. Wo unsere Herzen beunruhigt und unsere Gedanken durcheinander sind, bitten wir Dich, uns neu in Deine göttliche Wirklichkeit hineinzuziehen und unser Inneres durch Dein Blut zu reinigen. Stärke in uns den Glauben an Deinen Namen und erfülle uns mit Deiner göttlichen Liebe, damit unser Leben ein Ausdruck Deiner Gegenwart wird und unsere Gemeinschaft mit Dir ungehindert fließen kann. Lass uns Deinen Geist tiefer erkennen als den, der uns die Gewissheit gibt, dass wir Kinder Gottes sind und dass Du in uns bleibst. In allem, was wir denken, reden und tun, sei Du unsere Ruhe, unsere Freude und unsere Kraft. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 29