Das Wort des Lebens
lebensstudium

Bedingungen der göttlichen Gemeinschaft (5)

12 Min. Lesezeit

Wie geht Gott mit den Sünden seiner Kinder um, wenn sie doch schon wiedergeboren sind und seine Gemeinschaft kennen? Viele Gläubige schwanken zwischen Angst vor Verurteilung und einer leichtfertigen Haltung gegenüber der Sünde. Der erste Johannesbrief zeichnet ein realistisches und zugleich tröstliches Bild: Wir besitzen das neue Leben und haben Anteil an der Gemeinschaft mit dem Dreieinen Gott, und doch bleibt die Sünde in unserem Fleisch eine ernste Gefahr. In diesem Spannungsfeld offenbart Johannes Jesus Christus als den gerechten Fürsprecher und als unsere Sühnung – damit wir nicht in der Sünde bleiben müssen, sondern in der Freude der göttlichen Gemeinschaft leben können.

Göttliches Leben und die ernste Realität der Sünde

Johannes hält zwei Wirklichkeiten nebeneinander, die sich nicht aufheben, sondern gegenseitig beleuchten: das geschenkte göttliche Leben und die weiterhin reale Gegenwart der Sünde. Er schreibt von dem „ewigen Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist“ und das wir nun kennen und genießen dürfen (1.Johannes 1:2). Mit diesem Leben ist die Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus gegeben – eine geöffnete Tür in die Nähe Gottes, in Licht, Freude und inneren Frieden. Doch gerade dieses Licht, in dem Gott wohnt, offenbart zugleich, wie tief Sünde und Finsternis in die Geschichte des Menschengeschlechts eingedrungen sind. Was im Verborgenen lag, tritt ans Licht, und damit wird nicht nur unsere Würde als Kinder Gottes sichtbar, sondern auch die Schwere unserer Abweichungen.

Obwohl sie das göttliche Leben besitzen, können sie dennoch sündigen, wenn sie nicht aus diesem göttlichen Leben leben und in seiner Gemeinschaft bleiben. Im Griechischen steht das Wort „sündigt“ hier im Aorist Konjunktiv und bezeichnet eine einzelne Handlung, nicht ein gewohnheitsmäßiges Tun. In den Worten „damit ihr nicht sündigt“ erkennen wir die Absicht des Johannes in dem, was er über die Sünde, das Bekennen der Sünden und das Empfangen von Gottes Vergebung und Reinigung schreibt. Die Absicht, das Ziel des Johannes war, dass wir nicht sündigen. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft dreizehn, S. 114)

Johannes verschweigt diese Spannung nicht. Er schreibt voller pastoraler Klarheit: „Meine Kindlein, ich schreibe euch diese Dinge, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Anwalt beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten“ (1.Johannes 2:1). Das Ziel ist eindeutig: nicht sündigen. Das ist die Richtung des neuen Lebens, das wir empfangen haben. Zugleich rechnet Johannes realistisch damit, dass der Gläubige in der Zeit zwischen Wiedergeburt und Vollendung noch fällt, weil die durch Adam in das Menschengeschlecht eingedrungene Sünde im Fleisch anwesend bleibt. Sünde bedeutet dann nicht, dass das Kind seine Sohnschaft verliert, aber es verliert den ungehinderten Genuss der Gemeinschaft: der innere Frieden verflacht, die Freude wird stumpf, das Gewissen meldet sich mit berechtigter Unruhe.

Wer diese innere Bewegung übergeht oder die Gegenwart der Sünde kleinredet, verkennt die Ernsthaftigkeit des Lichtes, in dem Gott uns begegnet. Wahre Gemeinschaft mit Gott verträgt keine Gleichgültigkeit gegenüber dem, was seinen Charakter verletzt. Sie ist weit davon entfernt, Perfektionismus zu verlangen, aber sie duldet keine bewusste Freundschaft mit dem, was Christus ans Kreuz gebracht hat. Johannes warnt deshalb an anderer Stelle: „Kinder, niemand verführe euch! Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, wie er gerecht ist“ (1.Johannes 3:7). In den Augen des Vaters bleibt der Gläubige um Christi willen gerechtfertigt; dennoch spiegelt sich echte Gerechtigkeit im praktischen Leben wider, in einer Haltung, die sich nicht mit der Sünde verbündet.

Gerade in dieser Spannung zeigt sich die Tiefe des göttlichen Lebens in uns. Es macht uns nicht gefühllos, sondern sensibel. Je näher wir im Licht gehen, desto schärfer unterscheidet unser Inneres, was dem Vater entspricht und was ihn verletzt. Wenn dann Schuld bewusst wird, ist das nicht das Ende der Geschichte, sondern der Beginn einer erneuten Hinwendung: das Kind wird innerlich gezogen, aus der Verdeckung herauszutreten und sich dem Vater zu öffnen. Die Sünde bleibt ein ernstes Hindernis für die Gemeinschaft, aber sie wird – wenn sie im Licht erkannt und benannt wird – zur Gelegenheit, die Tragweite von Gnade und Vergebung tiefer zu erfassen. So wächst im wechselvollen Weg zwischen Fall und Wiederherstellung ein reiferer Umgang mit Gott: weniger Selbstvertrauen, mehr Vertrauen auf seine Treue, weniger Leichtfertigkeit mit der Sünde, mehr Ehrfurcht vor der Liebe, die uns dennoch nicht loslässt.

  • und das Leben ist geoffenbart worden, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist -; (1.Joh. 1:2)

Meine Kindlein, ich schreibe euch diese Dinge, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Anwalt beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten. (1.Joh. 2:1)

Wer in der Realität der Sünde nicht verzweifeln muss, sondern gerade darin neu die Tiefe des göttlichen Lebens erfährt, wird nüchtern und zugleich getröstet seinen Weg vor Gott gehen: weder resigniert, als wäre Veränderung unmöglich, noch überheblich, als wäre die Sünde nur ein Thema der Vergangenheit, sondern wach, abhängig und mit einem Herzen, das die Gemeinschaft mit dem Vater mehr schätzt als jeden verborgenen Vorteil der Finsternis.

Jesus Christus – unser gerechter Fürsprecher beim Vater

In dem Moment, in dem der Gläubige gesündigt hat und das Gewissen erwacht, entsteht innerlich oft ein Bild: Gott als ferne, strenge Instanz, der man sich besser nicht nähert. Johannes zeichnet ein anderes Bild. Er spricht von einem Vater, bei dem wir ein Zuhause haben, und von einem Fürsprecher, der genau an dieser Stelle für uns eintritt. „Wenn jemand sündigt, wir haben einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten“ (1.Johannes 2:1). Das Wort parakletos bezeichnet einen, der an unsere Seite gerufen wird, um uns beizustehen. Es ist die Sprache des Gerichtssaals – und zugleich die Sprache der Familie. Der, vor dem wir stehen, ist der Vater; der, der uns vertritt, ist der Sohn, unser älterer Bruder.

Darum sagt er uns, dass wir, wenn wir sündigen, einen Fürsprecher beim Vater haben. Das griechische Wort, das mit „Fürsprecher“ wiedergegeben wird, ist parakletos (gr. parakletos) und bezeichnet jemanden, der an die Seite eines anderen gerufen wird, um ihm zu helfen, also einen Helfer; jemanden, der rechtliche Hilfe leistet oder für einen anderen eintritt, also einen Fürsprecher, Rechtsbeistand oder Fürbitter. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft dreizehn, S. 115)

Als der Gerechte hat Jesus nicht nur ein makelloses Leben geführt, sondern die ganze Last der Ungerechtigkeit ans Kreuz getragen. Paulus fasst die Folge so: „So wie es nun durch eine Verfehlung für alle Menschen zur Verurteilung kam,so kam es auch durch eine gerechte Tat für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens“ (Römer 5:18). Diese eine gerechte Tat – sein Gehorsam bis zum Tod – ist die Grundlage, auf der er als unser Fürsprecher auftreten kann. Wenn das Kind Gottes gefallen ist, entsteht eine Spannung im Haus: Die Liebe des Vaters bleibt, aber seine Heiligkeit ist verletzt. In diese Spannung hinein stellt sich Christus, verweist auf sein vollbrachtes Werk, bringt sein Blut und seine Gerechtigkeit in Anschlag und nimmt so unseren Fall vor dem Vater auf sich. Es ist, als würde er sagen: Diese Schuld ist real, doch sie ist von mir getragen; dieses Kind gehört rechtmäßig in unser Haus.

Bemerkenswert ist, wie das Neue Testament den Dienst des parakletos in Himmel und Herz verbindet. Johannes überliefert aus dem Mund Jesu: „Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, daß er bei euch sei in Ewigkeit“ (Johannes 14:16). Der Geist ist der innere Beistand, der uns tröstet, überführt, erinnert, stärkt. Im ersten Johannesbrief dagegen ist Christus selbst der Fürsprecher beim Vater. Beides gehört untrennbar zusammen: Oben vertritt uns der Sohn vor dem Angesicht Gottes; innen arbeitet der Heilige Geist, um uns aus der Dunkelheit der Sünde ins Licht zurückzuführen. So ist der Weg zwischen Fall und Wiederherstellung nicht nur eine juristische Angelegenheit, sondern ein zarter, seelsorgerlicher Prozess.

Wer so auf Christus als Fürsprecher schaut, bleibt mit seiner Schuld nicht im Kreis der Selbstanklage gefangen. Das Gewissen wird ernst genommen, aber es behält nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat der, „der gestorben und vielmehr der auferweckt worden ist, der auch zur Rechten Gottes ist, der auch fürbittend für uns eintritt“ (Römer 8:34). In dieser Gewissheit darf das Herz, das sich klein und beschämt fühlt, neu aufatmen: Es ist jemand da, der mich besser kennt als ich mich selbst, der mich zugleich vor dem Vater vertritt und in mir wirkt. Aus der Scham wird so keine lähmende Verzweiflung, sondern eine Einladung, sich erneut auf die Treue dessen zu verlassen, der als gerechter Fürsprecher an unserer Seite steht.

Meine Kindlein, ich schreibe euch diese Dinge, damit ihr nicht sündigt; und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Anwalt beim Vater, Jesus Christus, den Gerechten. (1.Joh. 2:1)

So wie es nun durch eine Verfehlung für alle Menschen zur Verurteilung kam,so kam es auch durch eine gerechte Tat für alle Menschen zur Rechtfertigung des Lebens. (Röm. 5:18)

Wo der Blick vom eigenen Versagen weg auf Christus als den gegenwärtigen Fürsprecher gelenkt wird, entsteht ein neuer Mut, die Gemeinschaft mit dem Vater nicht aufzugeben, sondern immer wieder zu suchen: nicht, weil unsere Hände rein wären, sondern weil der Gerechte uns mit seinen durchbohrten Händen vor dem Vater trägt.

Christus als Sühnung – Grundlage bleibender Gemeinschaft

Auf die Zusage des Fürsprechers folgt bei Johannes die Erklärung, auf welcher Grundlage dieser Dienst überhaupt möglich ist. Der Apostel schreibt: „Und Er Selbst ist die Sühnung für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“ (1.Johannes 2:2). Sühnung meint mehr als ein bloßes Erlassen von Strafe. Das Wort greift die alttestamentliche Wirklichkeit des Sühnedeckels auf, der auf der Bundeslade lag. Unter der Lade lag das Gesetz, das den Menschen anklagte; auf dem Deckel wurde jährlich das Blut des Opfers gesprengt. So heißt es über die Deckplatte: „Dann sollst du eine Deckplatte aus reinem Gold herstellen: zweieinhalb Ellen sei ihre Länge und anderthalb Ellen ihre Breite“ (2.Mose 25:17). Zwischen Gesetz und Sünder stand dieses blutbesprengte Gold – ein Bild dafür, dass Gott dem Menschen begegnet, ohne seine Gerechtigkeit aufzugeben.

In 1:7 haben wir das Blut Jesu; in 2:1 die Person Christi als unseren Fürsprecher; und nun, in 2:2, haben wir Christus als eine Sühnung in Bezug auf unsere Sünden. Unser Fürsprecher, der sein Blut zur Reinigung unserer Sünden vergossen hat, ist unsere Sühnung. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft dreizehn, S. 120)

Das Neue Testament nimmt dieses Bild auf, wenn es von Christus als Sühnestätte spricht: „den Gott durch den Glauben an Sein Blut als Sühnestätte hingestellt hat, zum Beweis Seiner Gerechtigkeit darin, dass Gott in Seiner Nachsicht über die vorher geschehenen Sünden hinwegging“ (Römer 3:25). In Jesus sind Opfer und Ort der Sühnung eins geworden. Er ist das Lamm, das sein Blut vergossen hat, und zugleich der „Raum“, in dem Gott dem Sünder gnädig begegnet. Deshalb kann Johannes in unmittelbarer Nähe zur Vergebungszusage sagen: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist Er treu und gerecht, dass Er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1.Johannes 1:9). Gott ist nicht nur barmherzig, er ist gerecht, wenn er vergibt – weil die Sünde bereits in Christus gerichtet wurde. Für den, der gefallen ist und Schuld bekennt, liegt damit die Grundlage der Wiederherstellung nicht im Gefühl, sondern im einmaligen, vollgültigen Werk Christi.

Dass Johannes hinzufügt, Christus sei Sühnung „nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt“, weitet den Blick. Die Kraft seines Werkes ist nicht auf einen kleinen Kreis von Frommen beschränkt. Sie reicht aus für jedes Menschenkind, für jede Geschichte, für jedes Maß an Verfehlung. Wirksam wird diese Sühnung dort, wo Menschen an den Sohn glauben, aber in ihrer Reichweite ist sie universaler, als unsere Vorstellungen es fassen können. Das bewahrt vor geistlichem Stolz und vor Resignation zugleich: Stolz, weil niemand sagen kann, die Sühnung sei nur für „uns“ reserviert; Resignation, weil niemand so verloren ist, dass das Blut Christi ihn nicht erreichen könnte.

Wer im Licht dieser Sühnung lebt, trägt seine Schuld nicht mehr als offene Rechnung mit sich herum. Die Sünde bleibt ernst, die Gemeinschaft kann durch sie belastet werden, doch die Grundlage der Beziehung steht fest. Wo Schuld ans Licht kommt, darf das Herz wissen: Der Sühnedeckel ist nicht verschwunden, Christus braucht nicht noch einmal zu sterben. Seine Person ist die beständige Brücke zwischen dem heiligen Gott und schwachen Menschen. Das gibt der Rückkehr in die Gemeinschaft eine besondere Qualität: Sie ist kein unsicheres Tasten, sondern ein Heimkommen an einen Ort, den das Blut des Sohnes dauerhaft geöffnet hat. Aus dieser Sicherheit erwächst ein stiller Dank und eine neue Bereitschaft, in diesem Licht zu bleiben, statt sich immer wieder in die Schatten der Selbstrechtfertigung oder Verdrängung zurückzuziehen.

Und Er Selbst ist die Sühnung für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. (1.Joh. 2:2)

Dann sollst du eine Deckplatte aus reinem Gold herstellen: zweieinhalb Ellen sei ihre Länge und anderthalb Ellen ihre Breite. (2.Mose 25:17)

Wo die Sühnung Christi als tragfähige Grundlage der Gemeinschaft erkannt wird, verliert die Sünde ihre lähmende Endgültigkeit, ohne ihre Schwere zu verlieren: Schuld bleibt Schuld, aber sie steht nicht mehr als unüberwindbare Mauer, sondern als bereits am Kreuz behandelte Realität vor Gott – und gerade so wird der Weg frei, immer wieder in das Licht des Vaters zurückzukehren.


Vater, wir danken dir, dass du uns in deiner Liebe als deine Kinder angenommen hast und uns durch das Blut deines Sohnes freien Zugang zu deiner Gemeinschaft geschenkt hast. Herr Jesus Christus, du gerechter Fürsprecher, wir preisen dich, dass du unsere Sache vor dem Vater übernimmst und dass dein vollbrachtes Werk die Sühnung für unsere Sünden ist. Heiliger Geist, du Tröster in uns, stärke unser Vertrauen in diese Gnade und richte unseren Blick immer wieder neu vom eigenen Versagen auf die Treue und Gerechtigkeit Gottes. So bewahre uns in einem empfindsamen Herzen, das im Licht lebt und die Freude an der Nähe des Vaters nicht verliert. Der Gott des Friedens erfülle dein Herz mit Gewissheit, dass keine Anklage stärker ist als das Blut Christi und kein Fall hoffnungslos ist vor dem Thron der Gnade. Seine Gemeinschaft sei dein Schutz, seine Barmherzigkeit deine Ruhe und seine Gnade deine Kraft – heute und an jedem neuen Tag. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 13

Diesen Artikel teilen

Wenn er hilfreich war, kannst du ihn einfach weitergeben.

E-Mail WhatsApp