Die Gemeinschaft des göttlichen Lebens
Viele Christen sehnen sich nach einem lebendigen Glauben, erleben ihren Alltag mit Gott aber eher trocken und zäh. Die Bibel zeichnet ein anderes Bild: göttliches Leben, das wie ein Strom fließt, Freude hervorbringt und uns tief miteinander und mit Gott verbindet. Wo dieses unsichtbare Lebensband fließt, entsteht eine besondere Gemeinschaft, in der Gottes Liebe und Licht real erfahrbar werden.
Die Gemeinschaft als Strom des göttlichen Lebens
Am Anfang der Schrift steht schlicht: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde“ (1.Mose 1:1). Damit öffnet sich ein unendlicher Horizont: Gott als Quelle allen Seins, unabhängig, frei, vollkommen in sich selbst. Am Ende der Schrift sehen wir denselben Gott in einer anderen Gestalt: als den Erlöser-Gott, dessen Leben aus seinem innersten Wesen hervorströmt, um seine erlöste Stadt zu durchfluten. „Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße“ (Offb. 22:1). Zwischen diesen beiden Polen – Schöpfung und Neuschöpfung – entfaltet sich ein Weg: der Gott, der anfänglich nur als Schöpfer erscheint, öffnet sein Herz, lässt uns in sein innerstes Leben hineinschauen und uns daran Anteil bekommen.
Das griechische Wort für Gemeinschaft, koinonia (gr. koinonia), bedeutet gemeinsame Teilhabe, gemeinschaftliche Teilnahme. Sie ist die Folge des ewigen Lebens und in Wirklichkeit das Fließen des ewigen Lebens in allen Gläubigen, die das göttliche Leben empfangen haben und besitzen. Veranschaulicht wird sie durch das Fließen des Wassers des Lebens im Neuen Jerusalem (Offb. 22:1). (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünf, S. 44)
Die Schrift nennt diese geteilte Teilhabe „Gemeinschaft“. Das zugrunde liegende Wort koinonia beschreibt keinen losen Kontakt, sondern ein gemeinsames Haben, eine Teilhabe an demselben Inhalt. Im Blick auf Gott heißt das: Die Gemeinschaft des göttlichen Lebens ist der Strom des ewigen Lebens selbst, der vom dreieinen Gott zu den Menschen fließt, die an Christus glauben. Wer den Sohn aufnimmt, empfängt nicht nur Vergebung, sondern Leben – „ewiges Leben“, wie es in Johannes 3:16 heißt. Dieses Leben bleibt nicht statisch in uns liegen wie ein Besitz im Schrank, sondern beginnt zu fließen, zu wirken, zu verbinden. Gemeinschaft ist darum nicht zuerst ein menschliches Miteinander, sondern das lebendige Hin und Her dieses göttlichen Lebens zwischen Gott und seinem Volk.
Wenn Johannes schreibt: „Was wir gesehen und gehört haben, das berichten wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (1.Joh. 1:3), zeigt er, wie eng dieser Strom gefasst ist: Die Apostel stehen nicht außerhalb, auch nicht über der Gemeinde, sondern mitten im Strom. Was sie gesehen und gehört haben, ist Christus selbst; was sie weitergeben, ist nicht nur Lehre, sondern die Öffnung eines Lebensraumes. In ihrem Zeugnis wird die Quelle sichtbar, und wer dieses Zeugnis im Glauben annimmt, wird in denselben lebendigen Verkehr hineingenommen: hinein in das, was der Vater und der Sohn miteinander teilen.
So wird die Gemeinschaft des göttlichen Lebens zum Erleben und Genießen dieses Lebens. Sie macht uns nicht zu Zuschauern eines heiligen Geschehens, sondern zu Teilhabern an allem, was Gott in Christus ist und getan hat. Die Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung, die Versöhnung, die Sohnschaft, die zukünftige Herrlichkeit – all das sind nicht nur Begriffe, sondern Bereiche dieses göttlichen Lebensstromes. Je mehr wir uns in Gottes Gegenwart aussetzen, je mehr wir sein Wort aufnehmen, desto klarer spüren wir: Da ist ein inneres Fließen, ein zarter, aber mächtiger Strom, der uns Schritt für Schritt hineinzieht in die Wirklichkeit Gottes.
Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. (1.Mose 1:1)
Und er zeigte mir einen Strom des Wassers des Lebens, hell leuchtend wie Kristall, der aus dem Thron Gottes und des Lammes hervorging, in der Mitte ihrer Straße. (Offb. 22:1)
Wer den Strom der Gemeinschaft als inneres Fließen des göttlichen Lebens erkennt, sieht sich nicht länger als Einzelkämpfer vor Gott, sondern als Teilhaber an einem großen, göttlichen Geschehen, das vom Schöpfer über die Erlösung bis zur Vollendung reicht; in dieser Sicht darf das Herz zur Ruhe kommen und zugleich mit leiser Erwartung rechnen, dass Gottes Leben auch heute weiterfließt, trägt und verwandelt.
Gemeinschaft als Wirken des Geistes und als gegenseitiger Verkehr
Der Strom des göttlichen Lebens ist nicht unpersönliche Kraft, sondern das Wirken des Heiligen Geistes im Innersten des Menschen. Darum heißt es: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen“ (2.Kor. 13:14). Hier ist der dreieine Gott als lebendige Bewegung zu erkennen: Die Liebe des Vaters ist die Quelle, die Gnade des Sohnes ist der Weg, und die Gemeinschaft des Geistes ist das Fließen, in dem wir an dieser Liebe und Gnade Anteil bekommen. Was Gott in Christus vollbracht hat, bleibt uns nicht äußerlich gegenüberstehen, sondern wird durch den Geist innerlich zugänglich. In unserem wiedergeborenen Geist wird dieser Strom spürbar als eine stille, aber beharrliche Berührung – manchmal tröstend, manchmal aufdeckend, immer auf Leben ausgerichtet.
Daher wird sie „die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ (2.Kor. 13:14) und „Gemeinschaft des [unseres] Geistes“ (Phil. 2:1) genannt. In dieser Gemeinschaft des ewigen Lebens haben wir Gläubigen Anteil an allem, was der Vater und der Sohn sind und was sie für uns getan haben; das heißt, wir genießen die Liebe des Vaters und die Gnade des Sohnes durch die Gemeinschaft des Geistes. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünf, S. 44)
So entsteht ein geistlicher Verkehr zwischen Gott und den Menschen. Johannes beschreibt, wie dieser Verkehr durch das apostolische Zeugnis geöffnet wird: Was die neutestamentlichen Apostel mit Christus erlebt haben, bleibt nicht auf ihre Zeit beschränkt, sondern erreicht uns durch ihre Schriften. Wo ihr Wort im Glauben aufgenommen wird, geschieht mehr als Informationsübernahme. Es ist, als würde ein Kontakt hergestellt: Die gleiche Gnade, die sie getragen hat, die gleiche Liebe, die sie ergriffen hat, erreicht auch uns. „Und sie blieben beharrlich in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg. 2:42). In dieser schlichten Beschreibung des Anfangslebens der Gemeinde wird sichtbar, dass Lehre und Gemeinschaft zusammengehören: Die Lehre ist das Zeugnis, die Öffnung der Quelle; die Gemeinschaft ist das Fließen dieser Quelle hinein in viele Herzen.
Dieses Wirken des Geistes bleibt nicht auf die vertikale Beziehung zwischen Gott und dem Einzelnen beschränkt. Die Schrift spricht ausdrücklich von „irgendeiner Gemeinschaft des Geistes“ (Phil. 2:1) und deutet damit an, dass der eine Geist in vielen Gläubigen denselben Lebensstrom bildet. Man könnte sagen: Wie ein Strom elektrischer Energie ein Kraftwerk und viele Lampen verbindet, so verbindet die unsichtbare, aber wirksame „Lebensleitung“ des Geistes den dreieinen Gott, die Apostel und alle Glaubenden zu einem lebendigen Ganzen. Weil derselbe Geist in uns wirkt, werden wir nicht nur nebeneinandergestellt, sondern innerlich aufeinander bezogen.
Diese innere Verbundenheit hat eine konkrete Gestalt. Wo der Geist wirkt, entstehen Herzlichkeit, Erbarmen, Trost und Ermutigung, wie Philipper 2:1 andeutet. Menschen, die aus sich heraus verschieden, vielleicht sogar gegensätzlich wären, finden in der gemeinsamen Teilhabe an Christus einen neuen Berührungspunkt. Die Gemeinschaft des göttlichen Lebens macht uns zu Mitteilhabern an derselben Gnade und derselben Liebe. Darum ist echte christliche Gemeinschaft mehr als Sympathie und mehr als die Übereinstimmung in Meinungen. Sie ist Ausdruck eines gemeinsamen Lebens, das von Gott herkommt und zu Gott zurückführt.
Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. (2.Kor. 13:14)
Und sie blieben beharrlich in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel, im Brechen des Brotes und in den Gebeten. (Apg. 2:42)
Wer die Gemeinschaft als Wirken des Geistes und als gegenseitigen Verkehr versteht, darf seine Beziehungen in der Gemeinde nicht mehr nur unter menschlichen Vorzeichen sehen, sondern lernt, in ihnen den leisen, verbindenden Strom des göttlichen Lebens zu achten, der trotz Schwächen und Verschiedenheiten ein gemeinsames Teilhaben an der Liebe des Vaters und der Gnade des Sohnes möglich macht und immer wieder neu ins Miteinander hineinträgt.
Licht, Freude und Gottes Ziel in der Gemeinschaft des Lebens
Die Gemeinschaft des göttlichen Lebens bleibt nicht ohne Auswirkung; sie trägt eine Richtung in sich. Johannes verbindet Gemeinschaft unmittelbar mit Freude und Licht. Nachdem er von der Gemeinschaft mit dem Vater und mit dem Sohn gesprochen hat, fügt er hinzu: „Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei“ (1.Joh. 1:4). Freude ist hier nicht bloße Stimmung, sondern der Genuss des dreieinen Gottes selbst – der innere Widerhall unserer Teilhabe an seiner Liebe und Gnade. In der Nähe Gottes nimmt die schwere Schwere des Herzens ab; nicht, weil die Umstände sich sofort ändern, sondern weil der Blick aus der Enge des eigenen Ichs gelöst wird und wir hineingenommen werden in einen größeren Raum: den Raum der Liebe des Vaters, der Gnade des Sohnes und der Gemeinschaft des Geistes.
Gemeinschaft ist die Folge des ewigen Lebens; und Freude, das heißt der Genuss des Dreieinen Gottes, ist die Folge dieser Gemeinschaft, die Folge der Teilhabe an der Liebe des Vaters und der Gnade des Sohnes durch den Geist. (Witness Lee, Life-Study of 1 John, Botschaft fünf, S. 47)
Unmittelbar darauf heißt es: „Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: dass Gott Licht ist und dass überhaupt keine Finsternis in ihm ist“ (1.Joh. 1:5). Der Gott, der sich in Christus als Liebe gezeigt hat, ist derselbe, der in seinem Wesen Licht ist. In der Gemeinschaft mit ihm bleiben Liebe und Licht untrennbar. Die Liebe Gottes ist nicht sentimental und das Licht Gottes ist nicht kalt. Wo seine Liebe uns anzieht, beginnt sein Licht zu leuchten; wo sein Licht uns aufdeckt, bleibt seine Liebe tragend. In dieser Atmosphäre wächst ein Leben, das von göttlicher Gerechtigkeit und Barmherzigkeit geprägt ist. Es lernt, Sünde nicht zu verharmlosen und doch nicht der Verzweiflung zu verfallen, weil es „das Blut Jesu, seines Sohnes“ erfährt, das „uns von jeder Sünde reinigt“, wenn wir im Licht wandeln (1.Joh. 1:7).
In der Gemeinschaft des Lebens führt der Geist uns gleichsam zurück zur Quelle. Was wir zuerst als Gnade Christi erfahren – Vergebung, Annahme, Trost –, lässt uns im Rückblick entdecken, dass dahinter die ewige Liebe des Vaters und das ungetrübte Licht Gottes stehen. „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen im Geist und in Wahrhaftigkeit anbeten“ (Johannes 4:24). Diese Wahrhaftigkeit ist nicht eine von uns erzeugte Aufrichtigkeit, sondern das Ergebnis der Begegnung mit Gott als Licht. In seinem Licht beginnen wir, uns selbst und die Welt nüchterner und zugleich hoffnungsvoller zu sehen. Die Gemeinschaft des Lebens weitet unseren Blick: Wir erkennen, dass Gottes Wirken nicht an unseren Grenzen endet, sondern auf ein Ziel hinausläuft, das weit über unser eigenes Wohlergehen hinausgeht.
Dieses Ziel beschreibt die Schrift mit großen Bildern: der Leib Christi, die Braut des Lammes, die heilige Stadt, die aus dem Himmel herabkommt. Dahinter steht die Absicht des dreieinen Gottes, eine Gemeinde zu gewinnen, die seine eigene Gemeinschaft widerspiegelt – ein Volk, in dem Liebe und Licht, Gnade und Wahrheit, Leben und Heiligkeit sichtbar werden. Johannes 1:14 sagt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit.“ Was in Christus als Einzelner erschienen ist, soll in der Gemeinschaft der Glaubenden Ausdruck finden. Wenn der Strom des göttlichen Lebens seine Bahn in uns und unter uns findet, entsteht ein Zeugnis: nicht in erster Linie durch große Werke, sondern durch eine Lebensweise, die Schritt für Schritt die Welt, die Sünde, den Tod und die falschen Götter entmachtet, weil sie von einem anderen Zentrum her lebt.
Und dies schreiben wir euch, damit eure Freude vollkommen sei. (1.Joh. 1:4)
Und dies ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: dass Gott Licht ist und dass überhaupt keine Finsternis in ihm ist. (1.Joh. 1:5)
Wer erkennt, dass die Gemeinschaft des göttlichen Lebens uns in Freude und Licht hineinführt und uns in Gottes ewigen Plan einbindet, kann seine eigene Geschichte nicht mehr losgelöst von Gottes großer Linie sehen, sondern entdeckt in Alltag, Bruch und Neubeginn die Spuren eines Stromes, der uns zugleich tröstet, reinigt und in eine Zukunft trägt, in der Gottes Liebe und Licht endgültig das letzte Wort haben werden.
Vater, wir danken dir für das göttliche Leben, das du uns in deinem Sohn geschenkt hast, und für die geheimnisvolle Gemeinschaft, in die du uns durch deinen Geist hineinnimmst. Lass den Strom deines Lebens in uns neu aufbrechen, damit deine Liebe und dein Licht unsere innersten Bereiche durchdringen und jede Dunkelheit weicht. Stärke in uns die Freude an dir, so dass Traurigkeit, Müdigkeit und Resignation ihren Halt verlieren und dein lebendiger Trost Gestalt gewinnt. Verbinde uns tiefer mit allen, die an Christus glauben, und vollende durch dein Wirken, was du dir mit deiner Gemeinde vorgenommen hast, bis deine Herrlichkeit sichtbar wird. In Christus ist unsere Hoffnung, jetzt und in Ewigkeit. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of 1 John, Chapter 5