Das Wort des Lebens
lebensstudium

Leben gemäß dem Gesetz des Lebens und sich bewegen gemäß der Salbung

13 Min. Lesezeit

Viele Christen sehnen sich nach einem Leben, das wirklich aus Gott kommt – nicht nur nach richtigen Lehren oder beeindruckenden Erfahrungen, sondern nach einer inneren Realität. Die Bibel bezeugt, dass Gott sich ein Volk von Söhnen wünscht, die Ihm in Leben und Wesen ähnlich sind. Daraus entsteht eine grundlegende Frage: Wie kann ein ganz normaler Mensch mit Schwächen und Begrenzungen so mit Gott verbunden sein, dass Gottes eigenes Leben ihn von innen her bestimmt und leitet?

Christus, der Gott-Mensch und lebengebende Geist in uns

Wenn das Neue Testament Christus beschreibt, spannt es einen Bogen, der unseren Verstand übersteigt und zugleich unser Herz tief berührt. Johannes bezeugt: „Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns … voller Gnade und Wirklichkeit“ (Johannes 1:14). Das ewige Wort, der Sohn in der Herrlichkeit des Vaters, verbirgt sich nicht hinter Ferne und Unzugänglichkeit, sondern betritt unsere Geschichte in wirklicher Menschlichkeit. Er wird nicht nur „wie ein Mensch“, sondern ein echter Mensch mit Körper, Gefühlen, Willen und Schwachheit – und bleibt doch der eigentliche Gott. In den Berichten nach der Auferstehung tritt Er durch verschlossene Türen zu den Jüngern und spricht mitten in ihre Angst hinein: „Friede euch!“ (Johannes 20:19). Er lässt sich berühren, isst vor ihren Augen und zeigt: Der, der aus der Ewigkeit kommt, hat unsere Menschlichkeit unwiderruflich angenommen, auch jenseits von Tod und Grab.

Nach dem Neuen Testament hat Christus zwei „Werdungen“ erfahren. In Johannes 1:14 heißt es: „Und das Wort wurde Fleisch“, und in 1. Korinther 15:45 heißt es: „Der letzte Adam wurde zu einem lebengebender Geist.“ Durch diese beiden Werdungen ist Christus zu einer wunderbaren Person geworden. Er ist der eigentliche Gott, der eigentliche Mensch und der lebengebender Geist. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechsundsechzig, S. 745)

Doch Gottes Weg bleibt nicht bei der sichtbaren Gegenwart des Herrn unter seinen Jüngern stehen. Paulus fasst einen weiteren Schritt zusammen: „Der erste Mensch, Adam, wurde zu einer lebendigen Seele; der letzte Adam wurde zu einem Leben gebenden Geist“ (1.Kor 15:45). In der Auferstehung verwandelt Gott den Christus, der äußerlich unter den Seinen wandelte, in den lebengebenden Geist, der in ihnen wohnen kann. Christus verliert dadurch weder seine Gottheit noch seine Menschheit; vielmehr kommen beide in einer neuen, geistlichen Weise zu uns. Dieser Gott-Mensch als lebengebender Geist nimmt Wohnung im menschlichen Geist der Glaubenden. Wo früher nur unser natürliches Empfinden, unsere Gedanken und Stimmungen herrschten, wohnt nun eine andere Person, reich an göttlicher Herrlichkeit und durchdrungen von erprobter Menschlichkeit.

Damit wird das Leben des Glaubenden von Grund auf neu definiert. Christsein ist dann nicht zuerst ein Bekenntnis, ein System von Lehren oder ein moralisches Programm, sondern eine innere Wohn- und Lebensgemeinschaft: „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol. 1:27). Der, der in den Evangelien heilt, tröstet, zurechtweist und vergibt, lebt als derselbe, nun unsichtbare, aber erfahrbare Herr in unserem Geist. Er ist nicht nur Vorbild vor uns, sondern Inhalt in uns. Was Er ist – Sanftmut, Wahrheit, Reinheit, Hingabe, Gehorsam, Liebe zum Vater – bringt Er als lebengebender Geist nach und nach in unsere innere Beschaffenheit ein.

Je mehr dieser Christus in uns Raum gewinnt, desto mehr beginnt sich unser innerer Schwerpunkt zu verlagern. Alte Reaktionsmuster verlieren ihre Selbstverständlichkeit; neue Empfindungen erwachen, die nicht aus uns selbst stammen. Der Christus in uns ist kein stummer Gast, sondern eine wirkende Gegenwart. Paulus fragt darum: „Oder erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?“ (2.Kor 13:5). In dieser Frage liegt eine stille Einladung: aufmerksamer auf den Wohnenden zu hören als auf die lauten Stimmen von Gewohnheit, Umgebung oder eigenem Urteil. Zu wissen, wer in uns wohnt, schenkt Trost in Schwachheit, Korrektur in Verirrung und eine leise, aber feste Zuversicht: Wir sind mit unserem inneren Werden nicht uns selbst überlassen. Der Gott-Mensch als lebengebender Geist trägt unser Leben mit, formt es von innen her und macht uns im Verborgenen Ihm ähnlicher, als wir es heute ahnen.

Und das Wort wurde Fleisch und stiftshüttete unter uns (und wir haben Seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als des Einziggeborenen vom Vater), voller Gnade und Wirklichkeit. (Joh. 1:14)

Als es nun Abend war an jenem Tag, dem ersten der Woche, und die Türen, wo die Jünger waren, aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, kam Jesus und trat in die Mitte und spricht zu ihnen: Friede euch! (Joh. 20:19)

Zu erkennen, dass der auferstandene Gott-Mensch als lebengebender Geist in unserem Geist wohnt, löst das Christenleben aus der Schwere eines „Alleingangs“. Wir sind nicht dazu bestimmt, Christus aus eigener Kraft zu imitieren, sondern Ihn in uns zur Entfaltung kommen zu lassen. Aus dieser Gewissheit wächst stille Dankbarkeit, neue Ehrlichkeit vor Ihm und ein ruhiger Mut, die eigenen Begrenzungen zuzugeben, weil die Quelle des Lebens nicht in uns, sondern in Ihm liegt, der in uns wohnt.

Leben gemäß dem Gesetz des Lebens

Mit der neuen Geburt hat Gott nicht nur unsere Vergangenheit angesprochen, sondern eine neue Wirklichkeit in uns begonnen. Das Leben Christi ist nicht bloß eine fromme Idee, sondern eine konkrete, wirksame Natur, die in unser Inneres eingepflanzt wurde. Der Hebräerbrief beschreibt Gottes Zusage so: „Ich werde meine Gesetze in ihren Sinn geben und sie in ihre Herzen schreiben“ (Hebr. 8:10). Gemeint ist kein äußerlicher Katalog von Vorschriften, sondern das Gesetz des Lebens – eine innere Gesetzmäßigkeit, die zu diesem neuen Leben gehört wie der Atem zur Lunge. So wie ein Kind ohne Unterricht weiß, dass es Luft braucht, so bringt das in uns eingepflanzte Leben Christi sein eigenes Empfinden, seine eigene Richtung, seinen eigenen „Geschmack“ mit.

Die Funktion dieser Lebensnatur, oder Natur des Lebens, ist das Wirken des Gesetzes des Lebens. Jedes Leben hat ein Gesetz. Das Gesetz eines bestimmten Lebens ist die angeborene Fähigkeit dieses Lebens. Diese Fähigkeit ist eingeboren, spontan, automatisch, beständig und augenblicklich. Sie ist immer wirksam. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechsundsechzig, S. 748)

Die Schrift nennt dieses Wirken ein Gesetz, weil es verlässlich, beständig und spontan ist. Jedes Leben hat ein Gesetz, eine eingeprägte Fähigkeit, die nicht gelernt werden muss. Das Gesetz des göttlichen Lebens in uns wirkt still und zugleich unermüdlich. Oft bemerken wir es zuerst daran, dass uns Dinge innerlich fremd und bitter werden, die früher selbstverständlich waren. Was einst Vergnügen war, hinterlässt einen Nachgeschmack der Leere. Wo wir früher leichtfertig reden konnten, entsteht plötzlich ein leiser Schmerz, wenn ein Wort nicht zu Christus passt. Es ist nicht in erster Linie eine Frage von Belehrung oder Kontrolle von außen; vielmehr meldet sich das neue Leben von innen und stimmt zu oder widerspricht.

In dieser Perspektive bekommt die tägliche Erfahrung von Unruhe oder Frieden eine neue Bedeutung. Ein äußerlich erlaubter Weg kann innerlich schwer werden, weil das Gesetz des Lebens uns von einem Schritt zurückhält. Umgekehrt kann etwas, das nach menschlichem Maß unbedeutend erscheint – ein zugegebenes Unrecht, ein leises Wort der Versöhnung – von einer tiefen inneren Erleichterung begleitet sein. Das Gesetz des Lebens ist dann wie eine feine, aber sichere Linienführung in unserem Inneren. Es lenkt weg von Sünde, Härte und Selbstbezogenheit, ohne uns zu brechen; es zieht hin zu Christus, indem es uns in seinem Licht unruhig sein lässt, wenn wir uns von Ihm lösen, und inneren Frieden schenkt, wenn wir mit Ihm übereinstimmen.

Weil dieses Gesetz aus der Natur Christi stammt, ist es zugleich heilig und sanft. Es treibt nicht, es klagt nicht kalt an, es arbeitet nicht mit Angst, sondern mit innerer Klarheit. „Denn ich werde gnädig sein gegen ihre Ungerechtigkeiten, und ihrer Sünden werde ich nicht mehr gedenken“ (Hebr. 8:12). Der gleiche Gott, der unser Inneres durch sein Lebensgesetz zurechtrückt, deckt unsere Schuld zu und erinnert nicht mehr an das, was vergeben ist. Gerade diese Verbindung von heiligem Empfinden und gnädiger Vergebung macht Mut, mit dem Gesetz des Lebens mitzugehen. Wo wir seine feinen Hinweise ernst nehmen, wachsen wir unmerklich in die Reife hinein; unser Charakter wird nicht einfach diszipliniert, sondern umgestaltet. Inmitten der Spannungen des Alltags darf der Blick auf dieses verborgen wirkende Gesetz des Lebens trösten: Gott hat in uns eine Kraft gelegt, die stärker ist als unsere Gewohnheiten und Treuebrüche und die uns Tag für Tag ein Stück näher an das Herz Christi heranzieht.

Denn dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel schließen werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Ich werde meine Gesetze in ihren Sinn geben und sie in ihre Herzen schreiben; und ich werde ihnen Gott sein, und sie werden mir Volk sein. (Hebr. 8:10)

Denn ich werde gnädig sein gegen ihre Ungerechtigkeiten, und ihrer Sünden werde ich nicht mehr gedenken. (Hebr. 8:12)

Das Gesetz des Lebens in uns macht deutlich, dass Wachstum im Glauben vor allem eine Frage des inneren Einverständnisses mit der Arbeit Gottes ist. Wer dieses feine Wirken wahrnimmt und nicht ständig überstimmt, erlebt allmählich, wie sich Reaktionen, Prioritäten und Wünsche verschieben. So wird selbst ein unscheinbarer Tag zu einem Ort, an dem das göttliche Leben seine Spur zieht und unser Inneres still in die Richtung Christi neigt.

Sich bewegen gemäß der Salbung

Wenn Christus als lebengebender Geist in uns wohnt, bleibt sein Wirken nicht stumm. Die Schrift beschreibt seine innere Bewegung mit einem besonderen Ausdruck: der Salbung. „Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt … so bleibt in Ihm“ (1.Joh. 2:27). Salbung ist mehr als ein Bild für einen einmaligen Akt; sie ist die fortlaufende, feine Bewegung der inwohnenden Person Christi. So wie im Alten Bund das heilige Salböl Zelt, Geräte und Priester berührte und sie in den Bereich Gottes hineinnahm, so berührt die innere Salbung heute unser Denken, Fühlen und Entscheiden. Sie ist nicht bloß ein Gefühl, sondern das lebendige Zeugnis des Geistes, dass Christus anwesend, beteiligt und sprechend ist.

Die Bibel bezeichnet die Bewegung dieser Person mit einem besonderen Ausdruck – die Salbung (1.Johannes 2:27). Die Salbung, die in uns bleibt, ist die Bewegung einer Person, der Person Christi. Diese Salbung lehrt uns. In unserem Inneren haben wir alle etwas, das Salbung genannt wird und das uns in unserem innersten Sein lehrt. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft sechsundsechzig, S. 750)

Diese Salbung wirkt oft unspektakulär und doch sehr konkret. Sie kann wie ein sanftes Licht sein, das eine bestimmte Haltung, ein Wort, eine geplante Entscheidung beleuchtet und uns innerlich spüren lässt: Hier stimmt etwas mit dem Herzen Christi übereins – oder eben nicht. Manchmal ist es ein feier Frieden, der sich mit einem Schritt verbindet, den wir äußerlich kaum begründen könnten; ein anderes Mal eine innere Stockung, ein Verlust an Ruhe, obwohl alle Argumente scheinbar für einen Weg sprechen. In beiden Fällen meldet sich nicht primär das Gewissen als moralische Instanz, sondern die Person Christi, die in uns wohnt und uns in reale Gemeinschaft mit ihrem eigenen Empfinden hineinzieht. Die Salbung lehrt nicht abstrakte Prinzipien, sondern führt zu einer Person hin.

So wird das Christenleben zunehmend von innen her geleitet. Die Schrift sagt: „Der Herr sei mit deinem Geist. Die Gnade sei mit euch“ (2.Tim. 4:22). Wo wir bewusst aus diesem Bewusstsein leben, dass der Herr mit unserem Geist eins ist, beginnen wir, auf die feinen Regungen der Salbung zu achten. Es entsteht eine Lebensweise, in der Gedanken, Worte und Wege nicht mehr nur an äußeren Maßstäben gemessen werden, sondern daran, ob sie mit dem inneren Zeugnis des Herrn in uns harmonieren. Diese Aufmerksamkeit macht nicht eng, sondern frei: frei von der Last, alles allein entscheiden zu müssen, und frei von dem Druck, ständig außergewöhnliche Zeichen und Stimmen zu erwarten. Stattdessen wächst eine schlichte, aber tiefe Vertrautheit mit dem inneren Reden des Geistes.

In dieser Bewegung der Salbung liegt auch ein besonderer Schutz. Wo sie uns vor einem Schritt zurückhält, der uns innerlich verdunkeln würde, bewahrt sie Herz und Beziehung. Wo sie uns zu einer Geste der Demut, einem Wort der Bitte um Vergebung oder einem verborgenen Akt der Liebe hinzieht, baut sie uns und andere im Leib Christi auf, oft ohne dass wir die Tragweite im Moment überblicken. Die Salbung ist nicht dazu da, uns permanent zu verunsichern, sondern uns in einen Weg der wachsenden Übereinstimmung mit Christus hineinzuführen. Wer lernt, ihr leises Zeugnis ernst zu nehmen, entdeckt, wie Gott mitten in den unscheinbaren Entscheidungen eines Tages gegenwärtig ist. So wird das Gehen im Alltag – in Familie, Arbeit, Gemeinde – zu einem gemeinsamen Weg mit dem inwohnenden Herrn, in dem seine Salbung leise, aber zuverlässig die Richtung hält und uns Schritt für Schritt in sein Bild umgestaltet.

Und was euch betrifft, die Salbung, die ihr von Ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt es nicht nötig, dass euch jemand lehre; sondern wie Seine Salbung euch über alle Dinge lehrt und wie sie wahr ist und keine Lüge ist, und so wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in Ihm. (1.Joh. 2:27)

Der Herr sei mit deinem Geist. Die Gnade sei mit euch. (2.Tim. 4:22)

Die Salbung als innere Bewegung Christi macht das Christenleben zu einem Weg der beständigen, leisen Begleitung. Wer sich daran gewöhnt, die feine Stimme des Friedens und der inneren Klarheit mehr zu beachten als äußeren Druck oder reine Zwecküberlegungen, erlebt, dass Entscheidungen weniger von Angst und mehr von Vertrauen geprägt werden. So wird auch ein unscheinbarer Tag zu einem Ort, an dem Gott spricht, lenkt und stärkt – nicht durch äußere Sensationen, sondern durch die treue, zärtliche Salbung des inwohnenden Herrn.


Herr Jesus Christus, Du wunderbarer Gott-Mensch und lebengebender Geist, wir danken Dir, dass Du in unsere Begrenztheit hinabgekommen bist, um mit Deinem eigenen Leben in uns zu wohnen. Du kennst unsere Schwachheit, unsere Unruhe und unsere Zerrissenheit, und doch hörst Du nicht auf, Dein Gesetz des Lebens in uns wirken zu lassen und uns durch Deine sanfte Salbung zu leiten. Stärke in uns das Vertrauen, dass Dein inneres Wirken genügt, um uns durch die vielen Stimmen und Möglichkeiten dieser Zeit zu tragen. Lass das neue Leben in uns freier und stärker wirken, sodass Bitteres als bitter erkannt und Süßes als süß genossen wird, und unsere Herzen mehr von Dir als von äußeren Dingen erfüllt sind. Schenke uns eine stille, gehorsame Gemeinschaft mit Deinem innewohnenden Geist, damit wir in den alltäglichen Entscheidungen und Wegen bei Dir zur Ruhe kommen und in Deine Ähnlichkeit umgestaltet werden. Baue durch dieses verborgene, aber reale Wirken Dein Haus, Deine Gemeinde, und bereite uns als Dein Volk zu für Dein Wiederkommen. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 66

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