Das Wort des Lebens
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Herzukommen zum Allerheiligsten und nicht zurückzuweichen zum Judentum

11 Min. Lesezeit

Es gibt Zeiten im Glaubensleben, in denen wir spüren, wie stark die Anziehungskraft des Vertrauten ist – selbst wenn dieses Vertraute geistlich gesehen schon überholt ist. Die ersten jüdischen Christen standen genau in dieser Spannung: auf der einen Seite der lebendige Christus im neuen Bund, auf der anderen Seite die Sicherheit der vertrauten Opfer und Rituale des Judentums. Der Hebräerbrief öffnet hier ein sehr ernstes Panorama: Wer bei den Vorbildern stehenbleibt oder zurückweicht, verpasst die eigentliche Wirklichkeit im Allerheiligsten. Die zentrale Frage lautet: Bleiben wir im Vorhof religiöser Gewohnheiten stehen, oder treten wir durch das zerrissene Zelt hindurch in die Gegenwart Gottes ein?

Zum Allerheiligsten kommen: Gottes Gegenwart im neuen Bund

Wenn der Hebräerbrief immer wieder ruft: „Lasst uns hinzutreten“, dann lenkt er den Blick weg von sichtbaren Räumen hin zu einer geistlichen Wirklichkeit. Das Allerheiligste im irdischen Heiligtum war durch den Vorhang abgeschlossen, ein Raum, in dem Gott gegenwärtig war, aber nur einmal im Jahr und nur für den Hohenpriester zugänglich. Im neuen Bund ist dieses Bild erfüllt. Nicht mehr ein Raum aus Holz und Gold ist gemeint, sondern die unmittelbare Gegenwart Gottes selbst. Hinzutreten bedeutet daher nicht, in eine besondere Stimmung zu kommen oder einen heiligen Ort aufzusuchen, sondern im Glauben in die Wirklichkeit einzutreten, in der Gott als lebendiger Gott mit uns Gemeinschaft hat. Hebräer 10 spricht von „Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu“ und lädt damit in eine Beziehung ein, die auf vollbrachtem Werk und geöffneter Tür beruht, nicht auf unserer wechselnden Verfassung.

Wir müssen zum Allerheiligsten, zum Thron der Gnade und zu Gott selbst kommen. Gott ist auf dem Thron der Gnade, und der Thron der Gnade steht im Allerheiligsten. Dies ist die Szene des Zeitalters des neuen Bundes. Wo immer wir auch sind, wir müssen zum Allerheiligsten, zum Thron der Gnade und zu Gott kommen. Wenn wir das tun, treten wir in das neue Zeitalter ein, in die neue Ökonomie, Haushaltung und Verwaltung, in und durch die Gott Seinen Vorsatz erfüllt. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierundvierzig, S. 498)

An einer unscheinbaren Bemerkung des Paulus wird deutlich, wo dieses Allerheiligste heute für uns ist: „Der Herr sei mit deinem Geist“ (2.Tim. 4:22). Der erhöhte Christus in den Himmeln und der Herr, der mit unserem Geist ist, sind nicht zwei verschiedene Wirklichkeiten, sondern dieselbe eine Gegenwart, die Himmel und Erde verbindet. Die Leiter, die Jakob in 1. Mose 28 sah, deren Spitze bis an den Himmel reichte und auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen, findet ihre Erfüllung in Christus, von dem es heißt: „Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf dem Sohn des Menschen auf- und niedersteigen“ (Johannes 1:51). Wenn sich unser innerer Mensch diesem Herrn zuwendet, gehen wir nicht nur zu uns selbst „nach innen“, sondern wir treten durch den Geist in den geöffneten Himmel, in das Allerheiligste, in die Sphäre des neuen Bundes hinüber. Dort ist der Thron der Gnade, dort ist Gottes Reden, dort ist die Atmosphäre seiner Herrlichkeit.

So bekommt „voranzukommen bis in das Allerheiligste“ einen sehr praktischen Klang. Es ist der Weg aus der Zerstreuung zurück in die Sammlung vor Gott, aus der Selbstanalyse in das Aufschauen, aus frommer Gewohnheit in lebendige Begegnung. Wer im Alltag lernt, den eigenen Geist auf Christus auszurichten – mitten in Arbeit, Familie, Müdigkeit, auch mitten in Versagen –, der betritt immer wieder diesen inneren „Raum“, in dem Gnade nicht Theorie ist, sondern erfahrene Wirklichkeit. Das macht das Leben nicht spektakulär, aber tief. Im Allerheiligsten klären sich Perspektiven, beruhigen sich Herzen, werden Wunden berührt, und auch unsere Verantwortung im Gemeindeleben und in Gottes ewigem Vorsatz ordnet sich neu. Die Einladung des Hebräerbriefs ist darum zugleich Ermutigung: Der Weg ist offen, der Thron ist ein Gnadenthron, Gott selbst wartet. In dieser Erwartung darf unser Herz mutig werden, Schritt für Schritt häufiger und freier den inneren Weg zu gehen, der uns in seine Gegenwart führt.

Der Herr sei mit deinem Geist. Die Gnade sei mit euch. (2.Tim. 4:22)

Und er träumte, dass da eine Leiter auf die Erde gestellt war, und ihre Spitze reichte bis an den Himmel; und die Engel Gottes stiegen an ihr auf und ab. (1.Mose 28:12)

Wer das Hinzutreten in das Allerheiligste als die stille, aber reale Hinwendung seines Geistes zu Christus entdeckt, findet mitten im gewöhnlichen Leben einen Ort außergewöhnlicher Nähe. Aus dieser Nähe erwächst Kraft, Gelassenheit und eine neue Bereitschaft, sich von Gott in seinen ewigen Vorsatz einspannen zu lassen, ohne sich von äußeren Umständen oder inneren Schwankungen bestimmen zu lassen.

Der neue und lebendige Weg durch das zerrissene Zelt

Hebräer 10 zeichnet mit wenigen Strichen ein gewaltiges Bild: „Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang – das ist sein Fleisch – …“ (Hebräer 10:19–20). Der Zugang zu Gott ist kein gedankliches Konstrukt, sondern eine durch ein historisches Ereignis geöffnete Realität. Als der Leib Christi am Kreuz durchbohrt wurde, riss zugleich der innere Vorhang im Tempel von oben bis unten (Matthäus 27:51). Gott selbst zerriss die Schranke, die seine unmittelbare Gegenwart verhüllte. Der Hebräerbrief nennt diesen Weg „neu“ im Sinn von „frisch geschlachtet“: Der Kreuzestod Christi hat wie ein Opfer die alte Ordnung des Abstandes beendet. In seinem Fleisch kam die alte Schöpfung an ihr Gericht; im vergossenen Blut wurde ein Bund besiegelt, der auf vollkommener Vergebung und endgültiger Versöhnung ruht.

In das Allerheiligste gehen wir durch einen „neuen und lebendigen Weg, den Er uns durch den Vorhang, das ist Sein Fleisch, eingeweiht hat“ (V. 20). Der Weg in das Allerheiligste ist gebahnt. Nach dem Griechischen bedeutet das Wort „neu“ in diesem Vers „frisch geschlachtet“. Durch den Tod Christi am Kreuz ist der Weg für uns „frisch geschlachtet“ worden. Was wurde geschlachtet? Nicht nur das Fleisch, sondern die gesamte alte Schöpfung. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierundvierzig, S. 500)

Damit wird deutlich, dass der neue und lebendige Weg nicht nur ein geöffneter Durchgang ist, sondern eine ganze Lebensordnung, die aus dem Tod und der Auferstehung Christi hervorgeht. Unser alter Mensch ist mit Christus gekreuzigt worden, die Grundlage unseres früheren Getrenntseins von Gott ist in seinem Tod mit erledigt. Wo Schuld uns anklagt, wo Scham uns zurückhält, wo Distanz als unveränderliche Gegebenheit erscheint, dort bezeugt das Blut: Der Weg ist frei. Der Herr ruft nicht mehr aus der Ferne, sondern begegnet uns an diesem Weg als Leben selbst. Das, wovon der Mensch seit dem Sündenfall ausgeschlossen war – der Baum des Lebens –, wird wieder zugänglich: „So trieb er den Menschen hinaus … um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen“ (1.Mose 3:24). Im Allerheiligsten des neuen Bundes steht dieser Baum gleichsam mitten im Raum; in Christus begegnen wir Gott nicht zuerst als Gesetzgeber, sondern als unsere Lebensversorgung.

Darum spricht der Hebräerbrief von einem „lebendigen“ Weg. Er ist nicht wie ein Steinpfad, den man einmal betritt und dann hinter sich lässt, sondern eher wie ein Puls, der das ganze Leben durchströmt. Wer im Glauben durch den Vorhang tritt, tritt in eine Beziehung, in der Christus als der Auferstandene gegenwärtig ist, tröstet, korrigiert, nährt, führt. Die Praxis dieses Weges besteht darin, mit „Herz und Gewissen besprengt“ und mit einem „wahrhaftigen Herzen in voller Gewissheit des Glaubens“ hinzuzutreten (vgl. Hebräer 10:22). So wird aus distanzierter Religiosität ein vertrauensvoller Umgang mit Gott. Der neue Weg fordert uns nicht mit unerreichbaren Leistungen heraus, sondern zieht uns durch die freisetzende Kraft der Gnade hinein. In dieser Atmosphäre wächst ein stiller Mut, der nicht aus Selbstsicherheit, sondern aus der Erfahrung lebt: Der Vorhang ist zerrissen, der Weg bleibt geöffnet, und der, der ihn gebahnt hat, geht ihn jeden Tag mit uns.

So trieb Er den Menschen hinaus und stellte östlich vom Garten Eden die Cherubim auf sowie die Flamme eines Schwertes, das sich hin und her wendete, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen. (1.Mose 3:24)

Wo das Herz den zerrissenen Vorhang und den geöffneten Weg vor Augen hat, verliert die alte Sprache innerer Distanz an Überzeugungskraft. Das Leben wird dann zu einem Weg mit Gott, der durch Schuld und Schwäche hindurchführt, ohne von ihnen definiert zu werden. In der Gewissheit des vollbrachten Werkes Christi erwächst eine stille Freiheit, Gott zu suchen, ihm zu vertrauen und seine Gegenwart nicht als Ausnahme, sondern als Grundton des Alltags zu erwarten.

Nicht zurückweichen: Zwischen ernster Warnung und lebendiger Hoffnung

Hebräer 10 stellt das Hinzutreten in das Allerheiligste einer anderen Bewegung gegenüber: dem Zurückweichen. Für die ersten Adressaten war damit die Versuchung gemeint, den Weg der Gemeinde zu verlassen und in die vertrauten Formen des jüdischen Opfergottesdienstes zurückzukehren. Wer das tat, sagte damit faktisch, dass das einmalige Opfer Christi nicht ausreiche und dass die von Gott selbst vollzogene Ablösung des alten Bundes wieder rückgängig gemacht werden könne. Deshalb beschreibt der Text dieses Zurückweichen in ernsten Worten: vom „mit Füßen treten des Sohnes Gottes“, vom „Unreinachten des Blutes des Bundes“ und vom „Beleidigen des Geistes der Gnade“ ist die Rede (vgl. Hebräer 10:29). Gemeint ist nicht ein hinfälliges Schwanken, sondern ein bewusstes Abwenden von der bekannten Gnade hin zu einem System, das Gott verlassen hat. Wer sich dorthin flüchtet, zieht sich aus der Sphäre des neuen Bundes zurück und stellt sich unter eine andere, härtere Art göttlicher Behandlung.

Auch jetzt ist Er als unser unzerstörbares Leben unsere Hoffnung, ganz gleich, in welcher Situation wir sind. Als unser Hoherpriester mit dem vorzüglicheren Dienst Seines königlichen und göttlichen Priestertums ist Er unsere Hoffnung in unserem täglichen Leben. Durch Seine Fürbitte für uns sorgt Er für uns und vermag, uns bis zum Äußersten zu erretten. Das ist es, was wir glauben. Das ist unser Bekenntnis. Dieses Bekenntnis müssen wir ohne jedes Schwanken im Glauben festhalten, damit wir hinzukommen, in das Allerheiligste einzutreten, um den himmlischen Christus zu genießen. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft vierundvierzig, S. 503)

Doch in diese ernste Warnung ist eine mächtige Zusage hineingelegt. Am Ende des Kapitels heißt es: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben; und wenn er sich zurückzieht, so wird meine Seele kein Wohlgefallen an ihm haben. Wir aber sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern von denen, die glauben zur Gewinnung der Seele“ (Hebräer 10:38–39). Der Blick wird weg von der Gefahr hin auf Christus gelenkt, der als Hoherpriester mit vorzüglicherem Dienst lebt. Er steht nicht am Rand, um Rückschritte zu registrieren, sondern er vertritt die Seinen, trägt ihre Schwachheit und rettet „bis zum Äußersten“. Seine Fürbitte bedeutet, dass niemand aus seiner Hand herausfallen muss, auch wenn der Weg durch Zweifel, Müdigkeit und Versuchung führt. Rückzug wird so nicht verharmlost, aber er verliert seine Endgültigkeit: In der Bewegung des Glaubens, die Christus selbst in uns wirkt, findet die Seele immer wieder zurück in die Nähe Gottes.

Zwischen Warnung und Hoffnung spannt sich so ein Raum, in dem echte Verantwortung und tiefer Trost zusammengehören. Die Einladung, nicht zum „Judentum“ zurückzuweichen, meint heute jede Form von Rückfall in ein Gottesbild oder eine Praxis, in der Christus als lebendige Mitte verdrängt wird – sei es durch bloße Tradition, durch Leistungsdenken oder durch selbstgewählte Distanz. Gleichzeitig stärkt uns der Hebräerbrief mit der Verheißung, dass Gottes Ziel mit uns größer ist als unsere Schwäche: Er will uns „zur Gewinnung der Seele“ führen, in eine reifere, innere Freiheit. Wer sich in dieser Spannung beheimatet weiß, muss die eigenen Gefährdungen nicht leugnen, aber auch nicht von ihnen beherrscht werden. Die Nähe des Hohenpriesters, der uns kennt und dennoch trägt, weckt eine leise, aber tragfähige Zuversicht: Unser Weg ist nicht der Rückzug, sondern das Weitergehen – hinein in das Allerheiligste, hinein in die Fülle des neuen Bundes und damit hinein in Gottes ewigen Vorsatz mit uns.

denen Gott bekannt machen wollte, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, welches ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit, (Kol. 1:27)

Wo die ernste Warnung vor dem Zurückweichen gehört und zugleich die starke Hoffnung des Hohenpriesters ergriffen wird, da wird das Herz nüchtern und zuversichtlich zugleich. Aus dieser Haltung wächst die innere Bereitschaft, sich nicht in alte Sicherheiten oder leere Formen zu flüchten, sondern im Vertrauen auf Christi Fürbitte weiterzugehen – auch durch Spannung und Dunkel hindurch – hin zu einem Leben, in dem die Seele mehr und mehr in der Gegenwart Gottes zur Ruhe kommt.


Herr Jesus Christus, danke, dass du durch dein Blut den Weg ins Allerheiligste geöffnet hast und dass nichts und niemand diese Tür wieder schließen kann. Du kennst jede Neigung in uns, in alte Sicherheiten und religiöse Muster zurückzufallen, und du weißt, wo unser Glaube müde geworden ist. Stärke in uns das Vertrauen, das an dir festhält, und erfülle unser Herz mit neuer Freimütigkeit, in deiner Gegenwart zu leben. Lass uns deine Gnade tiefer schätzen als jedes äußere System und bewahre uns davor, dein vollkommenes Opfer und den Geist der Gnade geringzuachten. Richte unsere Augen auf dich als unseren großen Hohenpriester, der uns durchträgt, bis wir in deiner Herrlichkeit vollendet sind. Fülle dein Haus mit deiner Gegenwart und deiner Freude, und lasse unser Leben ein Zeugnis deines neuen und lebendigen Weges sein. Amen.

Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 44

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