Die zwei Erscheinungen Christi
Zwischen Christi erstem Kommen und seiner Wiederkunft liegt eine für uns lange, für Gott aber kurze Spanne der Geschichte. Vieles in unserem Glaubensleben entscheidet sich daran, wie wir diese Zeit verstehen: Leben wir, als wäre noch vieles ungetan, oder ruhen wir innerlich auf einem bereits vollendeten Werk und erwarten eine vollendete Rettung? Der Hebräerbrief öffnet uns eine gewaltige Perspektive auf die zwei Erscheinungen Christi und das, was er in der unsichtbaren Welt jetzt für die Seinen tut.
Die erste Erscheinung Christi: ein für alle Mal vollendet
Wenn der Hebräerbrief auf das erste Kommen Christi zurückblickt, tut er es mit einer erstaunlichen Wortwahl: Am „Ende der Zeitalter“ ist er erschienen, „um durch sein Opfer die Sünde aufzuheben“ (Heb. 9:26). Nicht nur einzelne Verfehlungen, nicht nur unsere subjektive Schuld standen vor ihm, sondern die Sünde als Macht, als Herrschaft, als Atmosphäre eines ganzen gefallenen Zeitalters. In diesen wenigen Jahrzehnten seines irdischen Lebens, in den verborgenen Jahren von Nazareth, im Gehorsam unter dem Gesetz, im Dienst in Wort und Tat, in den Stunden von Gethsemane und Golgatha hat Christus den ganzen Willen des Vaters erfüllt. Nichts bleibt übrig, das Gott noch fordern müsste, damit sein Vorsatz zur Vollendung kommt. So heißt es von Christus, dass er „unsere Sünden selbst in seinem Leib an das Holz hinaufgetragen hat, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben“ (1.Petrus 2:24). In Gottes Augen ist damit nicht nur ein Kapitel, sondern eine ganze Epoche abgeschlossen.
Christus brauchte dreiunddreißig einhalb Jahre, um Seine erste Offenbarung zu vollenden. In diesen dreiunddreißig einhalb Jahren wurde alles getan, was für die Erfüllung von Gottes Vorsatz nötig war. Er vollbrachte sowohl das, was Gott brauchte, als auch das, was wir brauchten. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zweiundvierzig, S. 482)
Damit rückt das Neue Testament in einem anderen Licht ins Blickfeld. Es ist nicht in erster Linie ein Buch zukünftiger Möglichkeiten, sondern ein Testament im strengen Sinn: die schriftlich bezeugte Zuwendung dessen, was der Sohn durch sein Leben, Sterben und seine Auferstehung erworben hat. Wenn Jesus beim Mahl sagt: „Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele zur Vergebung der Sünden vergossen wird“ (Matthäus 26:28), setzt er eine Verfügung in Kraft, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Vergebung, Reinigung, Versöhnung, Zugang zu Gott, der Anfang einer neuen Schöpfung – all dies ist nicht im Entstehen, sondern ist geschehen und wird uns nun als Erbe zugerechnet. Glauben heißt darum nicht, aus eigener Anstrengung zu werden, was wir noch nicht sind, sondern in den Rechtsraum dieses Testaments einzutreten. Wer sich an Christus hält, steht vor Gott nicht mit leeren Händen, sondern mit einem durch seinen Tod besiegelten Erbanspruch. In dieser Gewissheit darf das Herz zur Ruhe kommen: Das Entscheidende liegt nicht vor uns, sondern ist in Christus bereits vollendet und uns zugesprochen.
Nun aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbar geworden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer. (Heb. 9:26)
der unsere Sünden selbst in seinem Leib an das Holz hinaufgetragen hat, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben; durch dessen Strieme ihr geheilt worden seid. (1.Petr. 2:24)
Die erste Erscheinung Christi nimmt dem Glauben die Unruhe, noch etwas Entscheidendes nachliefern zu müssen. Sie lädt ein, das Evangelium als Testament zu hören: Alles, was Gott je fordern und schenken wollte, ist in Christus bereitgestellt. So wächst stille Dankbarkeit an die Stelle des Drucks, und Vertrauen an die Stelle der Angst, zu kurz zu kommen – denn in ihm ist die Geschichte der Sünde abgeschlossen und eine neue Geschichte mit Gott unwiderruflich eröffnet.
Die Zeit dazwischen: Jesu gegenwärtiger Dienst im Himmel
Zwischen dem ersten und dem zweiten Erscheinen Christi liegt nicht eine Zeit, in der er abwesend wäre, sondern eine Phase seines verborgenen, aber höchst wirksamen Dienstes. Nachdem er auf der Erde alles vollbracht hat, heißt es: „Christus ist nicht eingegangen in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, … sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen“ (Hebräer 9:24). Der Weg vom Kreuz zum Thron ist nicht nur eine Ehrenrunde, er gehört zu unserer Rettung. Im wahren Heiligtum, im eigentlichen Allerheiligsten, vertritt er uns vor dem Vater – nicht mehr als Opfer, das noch gebracht werden müsste, sondern als der Hohepriester, der die Kraft des ein für alle Mal dargebrachten Opfers vor Gott lebendig hält. Seine Gegenwart vor dem Angesicht Gottes ist die bleibende Erinnerung an das vollbrachte Werk und zugleich der ununterbrochene Strom der Gnade, der daraus zu uns fließt.
Christus ist in das Allerheiligste in den Himmeln eingegangen, um vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen (9:24). Nachdem er alles auf der Erde vollbracht hat, sitzt er jetzt in Ruhe im Himmel vor Gott. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zweiundvierzig, S. 485)
Dieser himmlische Dienst hat eine durch und durch persönliche Seite. Was Christus einmal objektiv errungen hat, wird durch seinen gegenwärtigen Priesterdienst und durch den Heiligen Geist in unser Inneres eingearbeitet. Der neue Bund besteht nicht nur darin, dass Schuld vergeben ist, sondern darin, dass Gott sein Gesetz des Lebens in unser Herz schreibt, uns von innen her erneuert und umgestaltet. „Wir alle aber, die wir wie ein Spiegel mit unverschleiertem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen und widerspiegeln, werden in dasselbe Bild umgewandelt von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, so wie von dem Herrn Geist“ (2.Korinther 3:18). Diese stille, oft unspektakuläre Umwandlung ist nichts anderes als die lebendige Vollstreckung seines Testaments. Darin liegt ein großer Trost: Unsere Beständigkeit hängt nicht an der Stärke unseres Griffes an Christus, sondern an der Treue seines Griffes an uns. Er lässt nicht ab, bis das, was er für uns vollbracht hat, uns ganz durchdrungen hat. Zwischen Kreuz und Wiederkunft steht darum nicht eine Lücke, sondern die zuverlässige, priesterliche Gegenwart des Herrn, die unserem Glauben jeden Tag neu Raum und Richtung gibt.
Wenn der Blick auf sich selbst müde macht und das eigene Wachstum gering erscheint, fällt in diesem Licht ein anderer Akzent: Nicht wir tragen das Werk der Rettung über die Zeit, sondern Christus trägt uns. Sein jetziger Dienst ist wie ein unsichtbarer Halt, an dem sich die Tage festmachen. In der Gewissheit, dass er vor dem Vater für uns einsteht, kann Mut wachsen, auch in schwachen Momenten nicht zu resignieren, sondern zu hoffen: Der, der begonnen hat, wird auch vollenden – weil er in der himmlischen Stiftshütte als unser Hoherpriester nicht schweigt.
Denn Christus ist nicht hineingegangen in ein mit Händen gemachtes Heiligtum, ein Gegenbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt vor dem Angesicht Gottes für uns zu erscheinen. (Heb. 9:24)
Die Hauptsumme aber von dem, was wir sagen, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln, als Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte, die der Herr aufgeschlagen hat, nicht ein Mensch. (Heb. 8:1–2)
Der gegenwärtige Dienst Christi im Himmel bewahrt den Glauben vor der Trostlosigkeit des Alleingelassenseins. Wer ihn als Hohepriester sieht, erkennt im eigenen Ringen nicht mehr nur die eigenen Kräfte, sondern den langen Atem seines Fürsprechens und seines Geistes. Das schenkt Freiheit, ehrlich zu sein, ohne zu verzweifeln, und weckt stille Zuversicht: Hinter jedem Schritt, den wir tun, steht einer, der vor Gottes Angesicht unermüdlich für uns eintritt und unser Erbe in uns zur Reife bringt.
Die zweite Erscheinung Christi: vollendete Rettung in Herrlichkeit
Wenn das Neue Testament von der zweiten Erscheinung Christi spricht, setzt es eine klare Grenze: Die Sünde ist dann kein Thema mehr. Hebräer 9 macht diesen Gegensatz ausdrücklich: Einmal ist er in der Vollendung der Zeitalter erschienen „zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer“ (Hebräer 9:26), und dann heißt es: „so wird auch Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um die Sünden vieler zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Beziehung zur Sünde erscheinen zur Rettung“ (Hebräer 9:28). Sein Wiederkommen ist nicht ein zweiter Versuch, die Sünde zu lösen, sondern die Offenbarung dessen, was durch das erste Kommen entschieden ist. 1.Johannes 3:5 fasst es schlicht: „Und ihr wisst, dass er geoffenbart worden ist, damit er die Sünden wegnehme; und Sünde ist nicht in ihm.“ Die Schuldfrage, die Trennung, das Gericht – alles, was den Menschen vor Gott belastet, ist ein für alle Mal behandelt.
Vers 28 sagt, dass Christus „denen, die auf ihn warten, zum zweiten Mal ohne Sünde zur Errettung erscheinen wird“. Die zweite Offenbarung Christi hat nichts mehr mit der Sünde zu tun, weil die Sünde bereits Geschichte ist. (Witness Lee, Life-Study of Hebrews, Botschaft zweiundvierzig, S. 486)
Die Rettung, zu der Christus dann erscheint, geht daher über die Vergebung weit hinaus. Sie umfasst unsere ganze Existenz und die ganze Schöpfung. In unserem Geist hat sie bereits begonnen, als wir aus Gott geboren wurden; unsere Seele wird heute durch Erneuerung und Umwandlung in dieses Heil hineingenommen. Was noch aussteht, ist die Erlösung des Leibes. Paulus beschreibt diese Spannung, wenn er sagt: „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis jetzt zusammen seufzt und zusammen in Wehen liegt. Und nicht nur dies, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns und erwarten sehnlichst die Sohnschaft, die Erlösung unseres Leibes“ (Römer 8:22–23). Bei der Wiederkunft Christi wird unser Leib der Erniedrigung in einen Leib der Herrlichkeit umgestaltet, „dass er seinem Leib der Herrlichkeit gleichgestaltet sei“ (Philipper 3:21). Dann ist Rettung nicht mehr ein inneres Versprechen, sondern eine sichtbare, körperliche, kosmische Wirklichkeit.
Damit rückt die Zukunft in einen warmen, hoffnungsvollen Horizont. Die Welt, die wir kennen – mit ihrem Leiden, ihrer Nichtigkeit, ihrer Vergänglichkeit – ist nicht das letzte Wort Gottes. „Denn ich halte dafür, dass die Leiden der jetzigen Zeit es nicht wert sind, mit der kommenden Herrlichkeit verglichen zu werden, die an uns offenbart werden soll“ (Römer 8:18). In der Erwartung der zweiten Erscheinung Christi schärft sich der Blick für diese kommende Herrlichkeit, ohne die Gegenwart zu verachten. Die täglichen Spannungen, die Gebrochenheit unserer Erfahrung, das Seufzen der Schöpfung gewinnen eine neue Deutung: Sie sind die Wehen einer Geburt, nicht das Zittern eines Untergangs. Wer auf den wiederkommenden Herrn sieht, darf darum realistischer als zuvor wahrnehmen, was noch unvollendet ist, und zugleich getroster als zuvor leben. Am Ende unserer Geschichte steht kein offenes Fragezeichen, sondern ein verherrlichter Christus, der uns und die ganze Schöpfung in die Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes hineinführt.
In diesem Licht wird das Warten selbst zu einem Ort der Gnade. Es ist kein passives Ausharren, sondern ein Leben im Vertrauen darauf, dass Christus das begonnene Werk vollendet. Die zweite Erscheinung ist nicht die Drohung eines ungewissen Gerichts, sondern die Zusage einer vollendeten Rettung für alle, die ihn erwarten. So kann Hoffnung tief im Herzen Fuß fassen – nicht als flüchtige Stimmung, sondern als leise, tragende Gewissheit: Der, der schon einmal erschienen ist, um die Sünde hinwegzutun, wird wieder erscheinen, um unsere Rettung in Herrlichkeit sichtbar zu machen. Nichts, was heute im Glauben an ihn gelebt, erlitten und gehofft wird, geht dabei verloren.
Nun aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbar geworden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer. … so wird auch Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um die Sünden vieler zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Beziehung zur Sünde erscheinen zur Rettung. (Heb. 9:26, 28)
Und ihr wisst, dass er geoffenbart worden ist, damit er die Sünden wegnehme; und Sünde ist nicht in ihm. (1.Joh. 3:5)
Die zweite Erscheinung Christi verankert die Hoffnung nicht in vagen Zukunftsbildern, sondern in der Person des wiederkommenden Herrn, der schon alles für uns entschieden hat. Wer sich an dieser Verheißung festmacht, kann auch durch Leid und Unvollendetheit hindurch mit innerer Weite leben. Die kommende Herrlichkeit relativiert nicht die Gegenwart, aber sie trägt sie – mit dem stillen Wissen: Unsere Geschichte steuert auf einen Tag zu, an dem Christus selbst sichtbar macht, wie vollständig seine Rettung ist.
Herr Jesus Christus, du hast in deinem ersten Kommen alles vollendet, was der Vater für seine ewige Absicht und was wir für unsere Rettung brauchen. Danke, dass unsere Schuld getragen ist, die Sünde in deinen Wunden gerichtet wurde und wir heute aus einem sicheren, unwiderruflichen Erbe leben dürfen. Du dienst jetzt als unser Hoherpriester vor dem Angesicht Gottes; richte unser Herz neu darauf aus, dir mehr zu vertrauen als unseren Gefühlen und Umständen, und lass dein himmlisches Wirken tief in unser Inneres hineinreichen. Stärke in uns die Hoffnung auf deine Wiederkunft, in der du unsere Rettung vollenden, uns verherrlichen und uns in den vollen Genuss der Herrlichkeit Gottes hineinführen wirst. Bewahre uns in dieser Erwartung in deiner Gnade und in der Gewissheit, dass du deine gute Absicht mit uns und deiner Schöpfung sicher zum Ziel bringst. Amen.
Englische Quelle: Life-Study of Hebrews, Chapter 42